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vonHeiko Werning 24.09.2010

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Mein Kollege Volker Surmann von den Brauseboys hat einen Roman geschrieben. „Die Schwerelosigkeit der Flusspferde„, heißt er, und das ist nicht nur ein schöner Titel, es ist vor allem ein außerordentlich gelungener Roman, einer der besten, den ich in den letzten Jahren las. Eine bitter-melancholische Geschichte über das Elend des Kleinkunst- und Comedy-Betriebs. Ein Blick in den Abgrund hinter der Bühnenkomik. Das einzig Ärgerliche an dem Buch: Es musste im Querverlag erscheinen. Gegen den ist an sich nichts zu sagen, es handelt sich um einen recht großen, etablierten und dem Vernehmen nach guten spezialisierten Verlag für Bücher, die sich an Homosexuelle richten. Nur: Surmanns Roman ist mitnichten ein Buch, dass irgendwie speziell schwul ist, was immer das sein mag. Surmanns Roman ist einfach ein guter Roman, dessen Autor und Protagonist eben schwul sind. Da ihm mit einer Kurzgeschichtensammlung nun offenbar ein ähnliches Schicksal droht, hat Volker Surmann einen schönen Text bei den Brauseboys darüber verlesen, der auch in der September-Ausgabe der „Siegessäule“ veröffentlicht wurde – die ja nun auch aber wieder eher ausschließlich von Homosexuellen gelesen wird. Daher bat ich Volker, den Text für den Reptilienfonds zur Verfügung zu stellen. Und hier ist er nun:

Ich will kein Homo-Autor sein
Es ist etwas passiert, das mir seit 15 Jahren nicht passiert ist: Ich sitze vor meinem PC und bedauere, homosexuell zu sein. Vor mir eine Mail, in der mir mitgeteilt wird, mein neues Buch hätte keine Chance auf dem Markt, weil es zu viel Homosexualität beinhalte.
Aufgrund desselben Arguments erschien mein Debütroman letztlich in einem queeren Verlag. Na und?, dachte ich mir, Roman ist Roman, und ein etablierter queerer Verlag ist ein etablierter Verlag. Pustekuchen! Der deutsche Buchmarkt denkt in Schubladen von, grob geschätzt, 1950. Und deutsche Schubladen sind aus deutscher Eiche: Ein Buch aus einem queeren Verlag findet seinen Weg ausschließlich in queere Medien und Szene-Buchhandlungen – in den regulären Buchhandel nur, wenn es irgendwo ein halbes Regal mit „Büchern für Homosexuelle“ gibt, sorgsam versteckt zwischen „Frauenliteratur“ und Ratgebern „Psychische Erkrankungen“, ganz hinten, neben der Tür zur Personaltoilette.
Ich muss sagen: Mich interessiert die sexuelle Identität meiner Leserinnen und Leser nicht besonders. Ich will kein Homo-Autor sein. Ich will Geschichten erzählen, und wenn sie von mir handeln, dann taucht halt mal auf, dass ich schwul bin. So what? Wir leben im Jahr 2010! Dachte ich.
Doch als ich in der E-Mail den Rat lese, aus einer Geschichtensammlung sämtliche Hinweise auf Homosexualität zu eliminieren, bin ich mir nicht mehr sicher, wann und wo ich lebe. Bewegungsschwesterlich gesprochen: Habe ich dafür jahrelang CSDs in der Provinz organisiert? Bin ich dafür auf die Straße gegangen? Dass ich heute aufgefordert werde, meine Homosexualität in meinen Büchern zu verstecken? Ansonsten drohe lebenslange belletristische Internierung im Homo-Ghetto-Nischenverlag? Wieso gelten die ungeschriebenen Homo-Richtlinien des deutschen Literaturbetriebs eigentlich immerfort? Nur Nebenfiguren dürfen schwul sein, offen schwul sein dürfen Autoren erst dann, wenn sie Erfolg haben. Muss in Zukunft, analog zum Lebensmittelrecht, auf Printprodukte gedruckt werden: „Achtung! Dieses Buch kann Spuren von Homosexualität enthalten“?
Ein Hetero-Kollege schrieb mir, er habe meinen Roman gern gelesen, „aber“ (!) es sei das erste Buch in seinem Leben mit schwulem Protagonisten gewesen. Ich überlege: Wie viele Romane mit heterosexuellen Helden habe ich in meinem Leben wohl gelesen? Tausend? Und es hat immer noch nicht abgefärbt!
Bei Lesungen mische ich gern Roman und andere Storys. Am Büchertisch bleibt der „Homo-Roman“ liegen, dafür fragen mich die Heteros, wo es denn die Geschichte zu kaufen gibt, wie ich mich als Kind in eine Kuh verliebte. Lieber Kinder, die Kühe lieben, als Männer, die Männer lieben. Vielleicht sollte ich zukünftig erwähnen, dass das Kind später schwul wurde und die Kuh lesbisch war.
Ich sitze vor der Email und bedauere, schwul zu sein. Dann schon schäme ich mich für mein Bedauern und kehre zurück zu einem gesunden schwulen Empfinden, und das sagt in diesem Fall einfach mal: „Fuck you, Heteros.“

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