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vonHeiko Werning 14.10.2010

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Der Islam gehört zu Deutschland – na so was, das ist ja eine ganz bahnbrechende Erkenntnis, die der harmlose Bundespräsident in seiner harmlosen Rede da verbreitet hat angesichts von irgendwas um 3,5 Millionen in Deutschland lebenden Muslimen. Was kommt als Nächstes? Wasser gehört zum Rhein? Hopfen zum Bier? Unhöflichkeit zum Berliner?
Aber den ganzen Wahnsinnigen, die jetzt gleich wieder über den Untergang des Abendlandes lamentieren, aber auch den idiotischen Sprachfundamentalisten, die angesichts einer eher mickrigen Rechtschreibreform gleich die gesamte deutsche Sprache untergehen sehen und jetzt bei jedem Fehler, den sie selbst machen, schimpfen, sie würden sich eben nie an die neue Rechtschreibung gewöhnen, obwohl, und das ist mein unerbittlicher Erfahrungswert als Lektor, in über 90 % der Fälle ihre Schreibweise auch nach der alten Rechtschreibung falsch gewesen wäre, denn Sauerstoffflaschen schrieben sich immer schon mit 3 f und Porträts schon seit Jahrzehnten mit ä, aber klar, die neue Rechtschreibung ist schuld, aber auch den ganzen kopfverkarsteten Sprachkritikern, die bei jedem aus dem Englischen stammenden oder gar nur ans Englische angelehnten Wort gleich in ein nicht enden wollendes Wehklagen von der Fremdwörterschwemme verfallen und darauf reagieren mit einem knarzigen „Deutschland den deutschen!“, und nur verschämt noch „Wörtern, den deutschen Wörtern“ hinterher schieben, und die doch von Fenster bis Nase alle eingedeutschten Fremdwörter ganz OK, Entschuldigung: in Ordnung finden, aber auch den ganzen intellektuellen Minderleistern rund um FAZ-Fuzzi Frank Schirrmacher, die bei jeder neuen Anwendung im Internet fantasieren, die menschliche Kommunikation bräche zusammen und bald würden alle nur noch Brei in der Birne haben, als müssten sie selbst nicht dankbar dafür sein, wenn es so käme, weil sie selbst dann nicht mehr so unangenehm auffallen würden, aber Pech gehabt, dazu wird es dann eben doch nicht kommen, aber auch den ganzen Rassentheoretikern, die immerfort bedauern, dass die Deutschen ja viel zu wenig Kinder bekommen und deshalb bald aussterben und wie schrecklich das sei, obwohl sie selbst Namen mit -owski hintendran tragen, kurzum: Diesen ganzen reaktionären Vollidioten seien mal zwei Dinge in Ruhe gesagt:
Erstens: Ja, die Deutschen in dieser Form werden aussterben. Gott sei`s getrommelt und gepfiffen. Und dieser ganze Nationalstaatenirrsinn hoffentlich auch eines Tages. Menschen wandern und vermischen sich, Liebe ist stärker als euer obskures genetisches Reinheitsgebot, die Menschen pimpern unterm Strich eben nach Leidenschaft und Erregung, nicht nach Pässen. Ja, Deutsch in dieser Form wird untergehen. Ein Glück! Denn Sprache ist dynamisch, sie entwickelt sich immerfort weiter, sie nimmt neue Wörter auf und vermischt sich und reformiert sich und macht, was sie will, beziehungsweise was die Menschen, die sie benutzen, wollen, und wenn sämtliche Deutschlehrer der Welt sich zusammenrotten, um ihre durch wirre Zufälle im Moment halt gerade mal gültige Rechtschreibung mit Klauen und Zähnen zu verteidigen, so wird in 50 Jahren doch anders geschrieben und gesprochen und in 150 Jahren erst recht, wer weiß, vielleicht schreiben wir „Tier“ dann wieder mit „th“ und das Fenster wird wieder zum Fenestra, oder eben doch zum Winndoff. Und all das ist gut so.
Und das Zweite, was man all den panischen Jetztzeit- und Zustandsbewahrern ins Ohr flüstern sollte: Kartoffel. Ja, genau: Kartoffel. Die urdeutsche Knolle. Deutsche Knolle, deutsche Küche, deutsche Kartoffel, deutsche Braune Soße, deutsche Braune Soße 2. Der Deutsche verteidigt seine Kartoffel als ginge es ihm an die Eingeweide, der Islamophobe beschwört gar den Konflikt Musel versus Kartoffel herauf, und dabei scheint all diesen Kartoffelköpfen nicht einmal klar zu sein, dass die Kartoffel vor allem eines ist: ein Immigrant. Nix urdeutsch. Die Kartoffeln sind Kanacken, ihr Nazis! Die mehligen Teile stammen aus den Anden, vor der Entdeckung Amerikas haben die Urdeutschen mit ihrer noch nicht durch die Rechtschreibreform verhunzten Sprache und ihren noch nicht von Internetpornos verwahrlosten Jugendlichen wahrscheinlich die Rinde der deutschen Eichen abgenagt, aber jedenfalls eines haben sie garantiert nicht: Kartoffeln gegessen. So schnell kann`s gehen, so beständig sind die Werte, Kulturen und Traditionen, für deren Verteidigung dauernd mobil gemacht und gepredigt und Krieg geführt werden muss. Ein ganzes Land in seiner paranoiden Deutschtümelei beruft sich auf einen Fidschi als Hauptnahrungsmittel und kann sich nichts Traditionelleres vorstellen. Mehr muss man eigentlich gar nicht wissen zu den Wahnvorstellungen von Volk und Nation, mit nur etwas geschichtlicher Distanz zeigt sich ganz deutlich, was sie sind: willkürlicher Humbug. Vor noch nicht mal 500 Jahren gab es keine einzige Kartoffel in Deutschland, heute gibt es nichts Deutscheres. Wenn man dagegen bedenkt, dass die ersten türkischen Gastarbeiter vor rund 60 Jahren hierher kamen, dann weiß man, was von dem Geschrei all dieser Sarrazine und Seehofers zu halten ist.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2010/10/14/integration_im_namen_der_kartoffel/

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kommentare

  • @Maline,
    ich Ahne Schreckliches. (apropos elitäres Podest):

    „Die Weisheit ist ein hohes Gebirge. Schwerkraft und Trolle brechen Felsen und Steine in die Ebene der geistigen Verflachung. Die liegen nun da am Saum der Erkenntnis. Sisyphose rollen die Felsen wieder hinauf, das Niveau der Weisheit zu halten. Doch kann es gelingen?

    Denn die Schwerkraft will schwarze Löcher wieder erschaffen, nicht nur in Stuttgart. Die herbei gezogenen Trolle erliegen dem Wahn, den Sprung über niedres Geröll für Höhenflüge zu halten. Sie ehren das Flache, statt Wege und Stege zu bauen für Schwache hinauf zu den Gipfeln der Weisheit.“

  • Intellektuell -> ja, gerne; elitär -> ebenso; Geschreibsel -> nein; erfurchtsvoll -> ???; Danke: JA!
    Auch ich bin eine Stimme des Volkes (im Sinne von Demos -> Staatsvolk)

  • Welch ein intellektueller Rundumschlag!
    Auf welches elitäres Podest der Autor sich erhebt, erschließt sich wohl nur ihm selbst und einigen Fans, welche sein Geschreibsel mit einem ehrfurchtsvollen „Danke“ quittieren.

  • JA auch von mir: Danke!!!
    Und wer einen schönen Roman zum Thema “ Die Bemühungen Friedrichs II. , seinem Volk die Kartoffel schmackhaft zu machen“ lesen möchte -> „Die Spucke des Teufels“ von Ella Theiss hat einiges dazu zu erzählen.
    Aus dem Klappentext: Lisbeth, Wirtin des Gasthauses zum Ochsen, hat gerade ihren Mann beerdigt, da quartieren sich preußische Gardisten bei ihr ein. Der Lohn: ein Sack Kartoffeln, eine Frucht, deren Triebe giftig sind und die als ungenießbar gilt. Zudem ächtet der Pastor Kartoffeln als „Spucke des Teufels“, während Friedrich II., der König der Preussen, seinem Volk die nahrhafte Knolle schmackhaft machen will…..Ja, so ändern sich die Zeiten……..

  • Ich meine, der Islam gehört nicht zu Deutschland, sondern es ist so, daß es inzwischen in Deutschland Islamische Lebenswelten gibt, die mit den Allgemeinen Menschenrechten nicht vereinbar sind und daher auf viel Ablehnung stoßen.

    Deutschsein gehört ja auch nicht zur Türkei, sondern es ist so, daß es inzwischen in der Türkei deutsche Kartoffeln und deutschen Käsekuchen gibt.

    Wieso kommt Ihnen „Unhöflichkeit der Berliner“ in den Sinn? Berliner sind nicht unhöflich, sondern direkt und schnoddrig und sehr liebenswürdig.

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