31.05.2011 von Jakob Hein
Birgit “Biggi” K. (29), Wurstsemmel-Model, hatte gut lachen: Durch den EHEC-Skandal erlebte die Wurstsemmel ungeahnte Absatzrekorde. Einfach niemand wollte mehr Salat, Tomaten oder Gurken essen, alle griffen sie lieber wieder zum guten Fleisch, sogar für gesunde Ernährung zuständige Personen warnten nun plötzlich vor dem Verzehr von Rohkost. Menschen, die in den letzten Jahren zu Vegetariern geworden waren, kamen sich nun vor wie jemand, der Anfang Mai 1945 nach langem Zögern doch noch der NSDAP beigetreten war. Überall erschallte das laute Lachen der Karnivoren.
Dass dabei die Erreger auf dem Gemüse aus den Därmen der für die Fleischfresser gequälten Kühe stammen und die Keime vermutlich deswegen so unglaublich aggressiv und widerstandsfähig waren, weil im Rahmen einer außer Rand und Band geratenen Tierproduktion allein in Europa jährlich 9 Megatonnen Antibiotika an Tiere verfüttert werden, überwiegend nicht aus therapeutischen sondern produktionstechnischen Erwägungen, und dass ihre Freude daher so war, wie ein Architekt,… weiter lesen
30.05.2011 von Jakob Hein
Natürlich war es auch für Angela M. (Bundeskanzler) ärgerlich, dass sie nun aus dem Ausstieg vom Ausstieg wieder aussteigen musste. Abwägen wollte sie aber im Kollegium, ob es auch ein dramatisches Ereignis geben könne, dass eine erneute Kehrtwendung der Energiepolitik notwendig machen könnte. Was wäre, wenn plötzlich Wesen aus dem All auf der Erde landen würden und unerschöpfliche Mengen von Atomenergie verlangen würden und Deutschland plötzlich nicht mehr liefern könnte? Oder wenn sich Tausende von Windrädern von ihren Achsen lösen und durchs Land rollen würden, eine Schneise der Vernichtung hinter sich lassend? Das waren so die Diskussionspunkte.Aber es kam doch darauf an, dass die Politik der Regierung nicht nur ein einziges Hin- und Her-Agiere, auf die jeweiligen Umfragen-Reagiere, die verschiedenen Lobbys-Befriedige und was gerade so dran ist – Gemache war, sondern dass ein erkennbarer Plan, klare Absichten und eine deutliche Linie das Handeln bestimmten.
29.05.2011 von Jakob Hein
Joseph B. (ca. 100), Erfinder der Blattern und emsiger Kämpfer gegen die in seiner Organisation unter seiner Führung stetig wachsende Korruption, der auf den schönen Spitznamen “everybody’s Spezl” sowie den Ruf des Geldes hörte, hatte lange überlegt, wie er seinen Konkurrenten Mohamed bin H. aus dem Rennen um die FIFA-Präsidentschaft schlagen sollte. Sogar hatte er schon überlegt, komatös wirkende Tafelkreide einzusetzen, diese Idee dann aber wegen der zu großen Gefahren für die anderen Zuhörer im Raum verworfen. Am Schluss hatte er dann doch wieder auf die guten alten Korruptionsvorwürfe zurückgegriffen, wobei diesem Vorwurf gerade im Bereich der FIFA etwas Paradoxes anhaftete: Was war denn der Unterschied zwischen FIFA und Korruption? Und was sollten die Mitarbeiter den ganzen Tag über tun, wenn es plötzlich keine Korruption mehr gäbe? Joe B. würde diese Fragen auch in seiner ca. vierzehnten Amtszeit mal energisch irgendwie zu beantworten versuchen, vielleicht.
28.05.2011 von Jakob Hein
Die Schauspielerin Jeanette H. (42) und der Philosoph Schopenhauer (mit 72 verstorben) hatten wenig gemeinsam. Während der eine eher so der Nachdenkliche war, ließ die andere lieber ihre “weitwilden” Gedanken irgendwie galoppieren. Aber beide hatten etwas zum Thema Stil zu sagen. Jeanette schlug zum Beispiel vor: “Stil heisst, bei sich zu Hause zu sein”, wobei unklar blieb, ob sie dabei die Worte “Stil” und “privat” miteinander verwechselt haben mag. Denn bei sich zu Hause zu sein, heißt zum Beispiel, dass man ans Telefon gehen kann, wenn es klingelt (Festnetz). Oder dass man sich ein Ei braten kann. Aber doch nicht Stil. Gerade bei sich zu Hause können normale Menschen weniger Rücksicht auf Stil nehmen und fünfe gerade sein lassen. Sich aber unter diesem Zitat auch noch abbilden zu lassen in einem Kleid, das unentschlossen zwischen Heidi und Monchichi changiert, das sieht vor der anthrazitgrauen Metallwand dann doch eher… weiter lesen
28.05.2011 von Heiko Werning

Mit welchem Unfug Menschen sich beschäftigen! Sie schnüren irgendwelche Finanzpakete zusammen, lassen sie ein paarmal um den Globus kreisen, und wenn sie sie dann wieder auspacken, stellen sie fest, dass nur Luft drin war. Sie erfinden USB-Staubsauger. Sie lesen Magazine, in denen andere Menschen ihnen erzählen, wie sie sich kleiden sollen. Kurzum: Sie brummen wichtigwichtig durch ihr Leben, tun und machen, und doch ist alles nur heiße Luft.
Dabei ginge es auch anders. Sie könnten der Wahrheit, dem Leben und der Welt in ihren mannigfaltigen Erscheinungsformen nachspüren. Indem sie beispielsweise Regenwürmer erforschen. Oder Schwebfliegen. Also: Sie könnten Sinnvolles anfangen mit ihrer Zeit auf Erden.
Von solchen Menschen handelt „der Rosinenkönig“, eines der schönsten und anrührendsten und sinnstifendsten Bücher, das mir je unterkam. Sein Autor Fredrik Sjöberg hat sich schon als Kind den Schmetterlingen seiner schwedischen Heimat gewidmet. In seinem Verlangen, seltene Exemplare mit mottenlockendem UV-Licht anzuziehen, legt er die… weiter lesen
27.05.2011 von Jakob Hein
Nabila K. (48) arbeitete schon seit Jahren als Kongressaustatterin. Die gelernte Modedesignerin war nach dem Studium eher zufällig an diesen Job gekommen und dann dabei geblieben. Seit einiger Zeit erforschte sie die Fragestellung, ob es eine Untergrenze der Hässlichkeit für kostenlose Kongressbeutel gibt. Diese Taschen erhalten Teilnehmer von Kongressen standardmäßig. Und egal, wie die Beutel aussehen, die überwältigende Mehrheit der Professoren, Doktoren, Exzellenzen aus In- und Ausland hängt sich die Dinger sofort um und bleibt dabei während der gesamten Kongressdauer. Erst zuhause scheinen sie zu bemerken, wie diese Beutel eigentlich aussehen und entsorgt sie dann unauffällig. Die grellorangen, nach oben offenen Einkaufstaschen mit Kartoffelsackriemen, die eher wie Kinderbeutel als irgendwas anderes aussahen, waren K.s neuester Versuch, aber auch diese wurden hemmungslos von allen getragen. Vielleicht sollte sie es wagen, doch einmal die nach unten offenen, penisförmigen Beutel in grüngrau anzubieten? 
26.05.2011 von Heiko Werning
So, frisch zurück aus der Wüste und schnell ab auf die Bühne:

Donnerstag, 26. 5. – Samstag, 28.05. / jeweils 20 Uhr
Mehringhoftheater (Gneisenaustr. 2a, nahe U-Mehringdamm)
HEIKO WERNING & NILS HEINRICH: Irgendwo muss man ja wohnen
Zwei Monate kroch Heiko Werning in Arizona Gila-Monstern und Klapperschlangen hinterher, am Mittwoch wird er zurück im grauen Wedding erwartet, denn: irgendwo muss man ja wohnen.
Zwei Vier Jahre kroch Nils Heinrich durch Stuttgart, bis es ihm dort zu radikal, protestlerisch und unruhig wurde, nun ist er wieder zurück im grauen Berlin, nachdem er sich am Wochenende noch schnell in Österreich den Salzburger Stier abholt, denn: irgendwo muss man ja wohnen.
Gemeinsam lesen, schimpfen, singen und rappen sie über dieses Grundelend menschlicher Existenz und erklären den Berlinern und Möchtegern-Berlinern, warum es nirgendwo so provinziell ist wie in ihrer hippen Dingsda-Metropole. So dermaßen unhip nämlich, dass sogar Typen… weiter lesen
26.05.2011 von Jakob Hein
Benedikt K. (49), Redakteur war der Verzweiflung nahe. Da fand in Frankreich ein G8-Gipfel statt zu einer Zeit, wo gerade die Arbeiter in verschiedenen Ländern die Roulette-Rechnungen der Banker bezahlen müssen, die so agierten, als habe die Krise nie stattgefunden, was ja zumindest für sie persönlich eine mehr als treffende Einschätzung ist, zudem würde der Gipfel in einer der führenden Atomnationen der Welt stattfinden, wo doch offensichtlich geworden war, dass Atomenergie eben nur theoretisch, aber eben nicht praktisch in einem real existierenden Kapitalismus sicher ist, abgesehen davon, dass gerade das Klüngelsystem der französischen Ämtervergabe eine peinliche Delle erlitten hatte und das 50-jährige Jubiläum von “Françafrique” der korruptionsverseuchten Scheinfreiheit der ehemaligen Kolonien ins Haus stand. Und alles was ihm seine Karikaturisten an Vorschlägen lieferten, war nichts. Da K. seinen Sinn für Humor immer noch nicht verloren hatte, entschied er sich schließlich für den sinnlosesten der eingereichten Entwürfe, eine mäßig gelungene… weiter lesen
25.05.2011 von Jakob Hein
Die Enterohämorrhagischen Escherischia coli (Bakterien) hatten das Problem aller Attentäter: Einerseits wollten sie natürlich der Welt gern zeigen, wer sie waren und woher sie kamen, andererseits wollten sie auch nicht erwischt werden. Und die auf den putzigen Namen EHEC getauften Erreger freuten sich natürlich unheimlich, dass die Öffentlichkeit sie bisher in ungewaschenem Gemüse vermutete, obwohl doch die meisten Gemüsesorten keinen Darm haben, in denen EHEC wohnen könnte. Und die Perversion der Landwirtschaft war zwar weit entwickelt, dennoch warfen die Bauern den Dung immer noch auf die Saat und nicht auf das erntereife Produkt, weil Dunggeruch weiterhin eher kaufhemmend auf den Gemüsekunden wirkt. Abgesehen davon, war das Essen von ungewaschenem, rohem Gemüse nicht gerade die Hauptquelle deutscher Kalorienzufuhr, aber es war natürlich der Presse eine Freude, endlich auch mal davor warnen zu können. Und die Erreger fanden die These interessant, dass sie auf Gemüse von Norddeutschland, nach Frankfurt, Berlin… weiter lesen
24.05.2011 von Jakob Hein
Die SPD (Partei) möchte jetzt “Nicht-Mitgliedern ein Stimmrecht in bedeutsamen Personalfragen geben”. Dabei soll jeder Bürger, der sich dafür registrieren lässt, über Kanzlerkandidaten oder Landratsämter mit abstimmen dürfen, wird allerdings auch an den damit verbundenen Kosten beteiligt. Offensichtlich plant die SPD sogar Frauen für solche Wahlen zuzulassen. Sollte dieses Beispiel Schule machen, könnte in einer fernen Zukunft vielleicht sogar die gesamte Regierung durch die Bürger – völlig gleichgültig, ob sie nun in der SPD sind oder nicht – gewählt werden. Fraglich ist natürlich nur, ob der Kaiser diesem radikalen Schritt zustimmt. Allerdings hofft die SPD durch populäre Kanzlerkandidaten wie Markus Lanz, Lothar Matthäus oder Woody Woodpecker auch letzte Zweifler überzeugen zu können.