Wie gemein!

von Jakob Hein

Vielleicht ein neues Promotionsprojekt?

Nachdem die Charité und die “Berliner Morgenpost” so lange ein so gutes Verhältnis zueinander hatten, hat sich die böse, böse Morgenpost heute gänzlich daneben benommen. Was hatte man doch für eine schöne Zeit miteinander! Kuschelige Schlagzeile reihte sich an noch kuscheligere Schlagzeile. So hieß es am 10.12.10 “Charité ringt um Millionen”, am 08. Februar 11 “Charité: Spitzenmedizin in Berlin seit 1710″ oder auch “Charité-Neubau für Spitzenforschung feiert Richtfest” (24.05.2011) und “Charité-Chef verlangt vom Senat mehr Respekt” (14.04.2011). Gerade die letzte Meldung wird den Senat damals sehr gefreut haben, weil der Charité-Chef sonst meistens mehr Geld fordert, da wird das mit dem Respekt eine Kleinigkeit gewesen sein. Und “mehr Respekt” ist ja ohnehin immer relativ, vielleicht war es für den Senat ganz einfach, das zu bewerkstelligen, so ist ja 0,1 zum Beispiel auch größer als 0,0.

Doch nun das. Die Morgenpost bringt die böse Schlagzeile “Schwere Vorwürfe gegen Charité-Professor“. Die Daten aus einer Promotionsschrift zu DNA-Schäden durch Handy-Nutzung sind nach Auffassung des Bremer Professors Lerchl “grob gefälscht”. Die Charité hat jetzt dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, dass sie von diesen Vorwürfen im August 2010 gehört hätte und dadurch eine “Untersuchung ausgelöst” wurde. Zu dieser wurde im April 2011 die Promotionskommission hinzugezogen und am 26. Juni 2011, also schon 10 Monate später, sogar Professor Lerchl selbst. Man erkennt: “Die Charité ist der schnellen und sachgerechten Aufklärung der Vorwürfe verpflichtet.”  Schon “unmittelbar nach der Sommerpause” will man jetzt entscheiden. Prof. Lerchl ist hingegen der Meinung, er sei “nach der Salami-Taktik im Dunkeln gelassen” worden und fühle sich hingehalten.

Wenn die Charité noch schneller auf Datenprobleme bei der betreffenden Reflex-Studie hätte aufmerksam werden wollen, hätte sie ja auch auf die investigative Technik des Zeitunglesens zurückgreifen können. In der “Berliner Zeitung” konnte man nämlich schon am 20. Mai 2010 lesen, dass Prof. Lerchl behauptet, dass Ergebnisse der Studie “gefälscht” seien. Aber auf die gemeine Presse darf man sowieso nichts halten, wenn sie nicht das schreibt, was man gerne lesen möchte.


4 Kommentare zu "Wie gemein!"

  1. Lieber Herr Hein,
    ein treffender und erfrischender Kommentar. Ich danke Ihnen für einen munteren Start in den Arbeitstag.
    Seien Sie herzlich aus der Charité gegrüßt!
    Christoph Berndt

  2. Die aktuelle Veröffentlichung des besonders renommierten (…) INDUSTRIE-Forschers LERCHL [1] ist so “gelungen”, dass sie sogar vom PROPAGANDA- UND LOBBYING-VEREIN DER ÖSTERREICHISCHEN MOBILFUNK-INDUSTRIE (“Forum Mobilkommunikation–FMK”) weiterverbreitet wird [2].
    Jetzt muss es Vodafone-Günstling LERCHL [3] nur noch gelingen die weiteren derzeit mindestens 26 (!) “unpassenden” Publikationen [4] zu diskreditieren und er darf sich berechtigte Hoffnungen für das Bundesverdienstkreuz (für WIRTSCHAFT) machen…

    Quellen lesen und EIGENE Meinung bilden:
    [1] http://www.strahlentelex.de/Stx_11_582_E03.pdf
    [2] http://www.fmk.at/Forschung/News/2011/Wenn-Falscher-Fehler-machen
    [3] http://ul-we.de/wp-content/uploads/2011/06/110618-Pressemitteilung-B%C3%BCrgerinitiativen-Gaildorf.pdf
    [4] http://www.mobilfunkstudien.de/assets/mosgoeller_dna-brueche-vorsorge_101207.pdf

  3. @Thomas Schreier: Danke für den Kommentar und vielen Dank für die Quellen. Dass die Mobilfunkindustrie (Quelle 2) die Kritik von Lerchl gern weiterverbreitet, ist nicht verwunderlich, spricht aber noch nicht gegen die Kritik. Forschung wird nicht deswegen wahr oder falsch, weil jemand die Ergebnisse mag. Quelle 3 belegt nicht, dass Herr Lerchl von irgendjemandem ist, sondern dort steht es nur noch einmal, Quelle 1 ist von vergleichbarer Qualität. Quelle 4 ist wesentlich fundierter und führt in der Tat zahlreiche Studien an, in denen ein Risiko von Strahlung für Nagetiere oder menschliche Zellen untersucht wurde, auch wenn es weniger als 26 originäre Studien sind.
    Herr Lerchl hat seine Kritik an den Reflex-Daten transparent benannt und inhaltlich wurde ihm bisher auch nciht widersprochen und die angefochtenen Daten wurden auch nicht publiziert, wie es wissenschaftlicher Usus wäre, zumal mit solch hoch relevanten Befunden. In der WIssenschaft kommt es nicht auf Sympathien an, sondern auf nachprüfbare Aussagen. Dann muss man andere auch nicht in herablassender Art als “Günstlinge” oder “INDUSTRIE-Forscher” bezeichnen.

  4. Nun, wenn ich die Vorgänge richtig beobachte, dann geht es nicht um die Frage des Inahlts, sondern darum, dass hier Daten gefälscht wurden, und zwar in großem Stil (wahlweise aus Eitelkeit “Jetzt kommen wir mit knalligen Ergebnissen groß raus!” oder aus falsch verstandener Verantwortung “Wenn ein Projekt mit soviel Millionen gefördert wird, können wir nicht am Ende sagen: ‘Ohne Befund!’”). Und: Soweit ich richtig informiert bin, haben bereits an dem Betrug beteiligte Personen (eher der ausführenden als der verantwortenden Ebene) die Vorgänge zugestanden und Konsequenzen gezogen… Ich bin gespannt, was die Charite aus der Situation macht. Möglicherweise ein Wechsel an der Spitze?

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