Ich kann nicht einschlafen. Zweifel quälen mich. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? In welcher Epoche schreiben wir? Das sind so die Fragen, die mich kein Auge zutun lassen. Mich tief empfindenden Schriftsteller. Wenn da nicht immer diese Selbstzweifel wären! Ist das überhaupt Literatur? Schreibe ich überhaupt zeitgemäß? Habe ich zuviel Kaffee getrunken am Nachmittag?
Aber ich kenne sie gut, die Nächte, in denen ich nichteinschlafen kann. Ich habe vorgesorgt. Ich habe mir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ans Bett gelegt.
Da trifft es sich gut, dass einer von uns, nämlich Maxim Biller, endlich einige Antworten für uns gefunden hat. Und sie in die Zeitung hineingeschrieben hat, unter dem schönen Titel „Ichzeit“.
„Wir leben, lesen und schreiben schon lange in einer literarischen Epoche und wissen es nicht.“ Und in der Tat – ich hätt‘s nicht gewusst. Aber hätte ich es zumindest ahnen können? „Vielleicht ahnen wir es, wenn wir nach der Lektüre von Tellkamps Turm denken, das war noch besser als eine Folge von Breaking Bad.“ Nein, ich hätte es nicht ahnen können. Denn mir gefällt nicht nur jede einzelne Folge von Breaking Bad besser als Tellkamps wichtigtuerischer Langeweiler-Turm, sondern sogar jede Ausgabe der Sendung mit der Maus. Umso wichtiger also, dass Maxim Biller endlich mit der Sprache rausrückt, selbst wenn ich dafür seinen ganzen, langen, wahrscheinlich sehr tief empfundenen und sicher nicht schlecht bezahlten Artikel in der FAS lesen muss, sonst werde ich es nie erfahren, denn außer Maxim Biller kam, glaube ich, noch keinem von uns in den Sinn, dass die besten Romane der letzten 25 Jahre mehr verbindet als ihre Qualität: „Dass die besten Romane der letzten 25 Jahre mehr verbindet als ihre Qualität, kam, glaube ich, noch keinem von uns in den Sinn.“ Ich lese gebannt weiter.
Angefangen hat alles, so Biller, mit Rainald Goetz, weil der sich beim Vorlesen „selbst verletzte“, indem er sich nämlich vor der Kamera beim Vorlesen eine kleine Schnittwunde zugefügt hat, womit er „etwas unerhört Neues wagte“, denn „er stellte seine ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht.“ Darauf hätte im Grunde natürlich auch schon vorher mal jemand kommen können: Einfach mal seine eigene Person ins grelle, öffentliche Licht stellen! Darauf hätte natürlich auch schon vorher mal jemand kommen können, nach all den Jahrhunderten voll schwächlicher, unglaubwürdiger, langweilender Er-Erzähler: „Die Literatur braucht wieder ein starkes, glaubhaftes, mitreißendes Erzähler-Ich – sonst hört ihr uns, die tief empfindenden Dichter und Denker, im immer lauter werdenden Medienlärm nicht mehr.“ Und Biller im Medienlärm nicht mehr zu hören – das ginge ja nun gar nicht!
Es folgte Fausers Rohstoff: „Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch.“ Also: Das genau ist er: schön und tief empfunden. Das tut weh. „Wie schade, dass der existenzielle Trinker Fauser, der ein paar Jahre später morgens um vier auf einer bayerischen Autobahn betrunken überfahren wurde, über seinen Amy-Winehouse-Tod nicht mehr selbst schreiben konnte. Es wäre sein stärkster Text geworden.“ Das ist in der Tat sehr schade. Man könnte den Gedanken vielleicht sogar noch einen Tick weiterdrehen und bedauern, dass im Grunde … weiter lesen