Archive for Oktober, 2011

30.10.2011 von Jakob Hein
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Beruhigende Verschwörungstheorien (I)

von Jakob Hein

Buchhandlung, Leipzig 2011

An diesem Wochenende wurde irgendwo der siebtmilliardste Mensch geboren. Aber Deutschland muss sich keine Sorgen machen. Laut aktueller Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes werden 2060 nicht mehr 82 Millionen Menschen in der Bundesrepublik leben, sondern 65 Millionen Menschen. Das heißt, das 70 Jahre nach der Wiedervereinigung etwa 17 Millionen Menschen weniger in Gesamtdeutschland leben würden. Dieser Bevölkerungsrückgang würde sich besonders stark in den neuen Bundesländern zeigen, wo dann bis zu 45% weniger Menschen leben werden.

Interessanterweise betrug die letzte gemessene Einwohnerzahl der DDR 17 Millionen! Wenn man nun bedenkt, dass einige dieser Ostler in den Westen umgezogen sind (Schild im Blumenmeer oder hochgehalten: “Warum?”) und dass zahlreiche Westler nunmehr im Osten leben (Chefs, Gutsherren), drängt sich dann nicht die Parallelität der Zahlen auf? Werden es nicht die 17 Millionen Ostler sein, die 2060 gestorben sind und die Westler können machen, was sie wollen? Und… weiter lesen

28.10.2011 von Jakob Hein
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Nachrichten vom Niedergang der politischen Karikatur (XVI)

von Jakob Hein

Neue Rätsel: Was ist nicht falsch in diesem Bild?

Die so genannte Eurokrise und die Krise der politischen Karikatur haben vieles gemeinsam. Böse Mächte ziehen seit langem finstere Fäden, skrupellose Hintermänner bringen ihre Schäfchen ins Trockene und es leidet die unschuldige Bevölkerung, die von allem viel zu spät erfährt, als es nicht mehr zu verbergen, alles längst zu spät ist.

Und so ist es wohl auch nicht so, dass die Kultur der Karikatur erst mit der Eurokrise gestorben ist. Nur in der einen Krise wird die andere Krise erschreckend deutlich. Aber während für den Euro die Botschafter nach Brüssel brausen, karren sie für die Karikaturen nicht einmal die Kulturminister nach Kotzen, obwohl das sehr notwendig wäre und vorsorglich von hier aus mal dringend gefordert wird.

Heute wieder ein besonders lauter Hilfeschrei der gequälten Karikatur. Gabor Benedek hat sich vorgenommen, mal was zur Eurorettung zu machen und ist dabei… weiter lesen

26.10.2011 von Heiko Werning
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Ichzeit, Duzeit, Er-sie-es-Zeit

von Heiko Werning

Ich kann nicht einschlafen. Zweifel quälen mich. Woher kommen wir? Wohin gehen wir? In welcher Epoche schreiben wir? Das sind so die Fragen, die mich kein Auge zutun lassen. Mich tief empfindenden Schriftsteller. Wenn da nicht immer diese Selbstzweifel wären! Ist das überhaupt Literatur? Schreibe ich überhaupt zeitgemäß? Habe ich zuviel Kaffee getrunken am Nachmittag?

Aber ich kenne sie gut, die Nächte, in denen ich nichteinschlafen kann. Ich habe vorgesorgt. Ich habe mir die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung ans Bett gelegt.

Da trifft es sich gut, dass einer von uns, nämlich Maxim Biller, endlich einige Antworten für uns gefunden hat. Und sie in die Zeitung hineingeschrieben hat, unter dem schönen Titel „Ichzeit“.

„Wir leben, lesen und schreiben schon lange in einer literarischen Epoche und wissen es nicht.“ Und in der Tat – ich hätt‘s nicht gewusst. Aber hätte ich es zumindest ahnen können? „Vielleicht ahnen wir es, wenn wir nach der Lektüre von Tellkamps Turm denken, das war noch besser als eine Folge von Breaking Bad.“ Nein, ich hätte es nicht ahnen können. Denn mir gefällt nicht nur jede einzelne Folge von Breaking Bad besser als Tellkamps wichtigtuerischer Langeweiler-Turm, sondern sogar jede Ausgabe der Sendung mit der Maus. Umso wichtiger also, dass Maxim Biller endlich mit der Sprache rausrückt, selbst wenn ich dafür seinen ganzen, langen, wahrscheinlich sehr tief empfundenen und sicher nicht schlecht bezahlten Artikel in der FAS lesen muss, sonst werde ich es nie erfahren, denn außer Maxim Biller kam, glaube ich, noch keinem von uns in den Sinn, dass die besten Romane der letzten 25 Jahre mehr verbindet als ihre Qualität: „Dass die besten Romane der letzten 25 Jahre mehr verbindet als ihre Qualität, kam, glaube ich, noch keinem von uns in den Sinn.“ Ich lese gebannt weiter.

Angefangen hat alles, so Biller, mit Rainald Goetz, weil der sich beim Vorlesen „selbst verletzte“, indem er sich nämlich vor der Kamera beim Vorlesen eine kleine Schnittwunde zugefügt hat, womit er „etwas unerhört Neues wagte“, denn „er stellte seine ganze verletzende und verletzliche Person stolz ins grelle öffentliche Licht.“ Darauf hätte im Grunde natürlich auch schon vorher mal jemand kommen können: Einfach mal seine eigene Person ins grelle, öffentliche Licht stellen! Darauf hätte natürlich auch schon vorher mal jemand kommen können, nach all den Jahrhunderten voll schwächlicher, unglaubwürdiger, langweilender Er-Erzähler: „Die Literatur braucht wieder ein starkes, glaubhaftes, mitreißendes Erzähler-Ich – sonst hört ihr uns, die tief empfindenden Dichter und Denker, im immer lauter werdenden Medienlärm nicht mehr.“ Und Biller im Medienlärm nicht mehr zu hören – das ginge ja nun gar nicht!

Es folgte Fausers Rohstoff: „Dieser Roman tut weh, so schön und tief empfunden ist er. Und genau das ist er auch.“ Also: Das genau ist er: schön und tief empfunden. Das tut weh. „Wie schade, dass der existenzielle Trinker Fauser, der ein paar Jahre später morgens um vier auf einer bayerischen Autobahn betrunken überfahren wurde, über seinen Amy-Winehouse-Tod nicht mehr selbst schreiben konnte. Es wäre sein stärkster Text geworden.“ Das ist in der Tat sehr schade. Man könnte den Gedanken vielleicht sogar noch einen Tick weiterdrehen und bedauern, dass im Grunde … weiter lesen

25.10.2011 von Jakob Hein
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Nachrichten vom Niedergang der politischen Karikatur (XV)

von Jakob Hein

Hoho, Sarkasmus!

Es gibt im Leben jedes Künstlers die größeren und die anderen Momente. Klar freut man sich über die gute Rezension seiner letzten Aphorismen-Sammlung in der “Aph(r)or(d)isi(ak)a”, der Fachzeitschrift für gewitzte Wortspiele. Aber manchmal befiehlt einem Marschall Geldbeutel eben auch Sonette für Pornozeitschriften zu schreiben oder den sterbenden Schwan vor den Angestellten der Munitionsfabrik tanzen.

Ganz eindeutig in diese Kategorie fällt die Zeichnung von F.M.Beyer in der Bordzeitschrift von Air Berlin. Und trotzdem. Trotzdem ist sie so ungeheuer schlecht, dass kein Erdenlohn die Strafe aufwiegen kann, die man dafür in der Karikaturistenhölle schmoren muss.  Natürlich wird der Klassiker der schlechten Karikatur angewandt: Was ich nicht zeichnen kann, schreibe ich einfach hin. Darum gibt es den “Finanzminister” und die “Emissionsabgabe”, erstaunlich, dass nur “Mallorca” auf dem Koffer steht und nicht noch “Flugreisender” auf dem Hemd. Ganz neu auch die Symbolik eines bodenlosen Fasses für Steuern.

Aber eine Sache… weiter lesen

24.10.2011 von Jakob Hein
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Interessante Maßnahmen zur Krisenbekämpfung (I)

von Jakob Hein

Dra di net um und so...

Im Louvre zumindest setzen sie jetzt Mitarbeiter ein, die den Touristen dort noch zusätzlich das Geld aus der Tasche ziehen können, falls da nach dem Bezahlen des Eintritts (ca. 12 Euro) und dem Mieten eines Audioführers (ca. 6 Euro) und dem Erwerb eines Getränks (ca. 6 Euro) überhaupt noch Geld in dieser Tasche ist.

Vermutlich aus juristischen Gründen haben sie dann aber immerhin diese Warnhinweise angebracht, damit hinterher niemand sagen kann, er hätte es nicht gewusst. Letztendlich eine Art der Dummen- und Leichtsinnigenbesteuerung, wie sie schon seit Jahren gefordert wird.

23.10.2011 von Jakob Hein
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Fotograf (gut) gesucht

von Jakob Hein

Also wenn er direkt vor mir stehen würde, hätte ich das Gefühl, ihm eine Versicherung abkaufen zu müssen.

Natürlich soll man nicht mit dem Flugzeug fliegen, wenn es sich vermeiden lässt, aber das war einer der wenigen Tage, an denen es sich nicht vermeiden ließ und ich konnte mich wieder nicht dagegen wehren, mir praktisch alle ausliegenden Zeitungen zu nehmen, durchzulesen und danach im Stadium printmedialer Totalverstrahlung sogar noch die Bordzeitung durchzulesen, weil wir immer noch nicht gelandet waren.

Es gibt diesen Groove, diese Art eine Zeitung zu lesen, die spezifisch ist. Zum Beispiel kann ich nicht die “Titanic” vor der Tagespresse lesen, weil ich danach alles für Satire halte und mich zunächst innerlich ohrfeigen oder mir mental kaltes Wasser über den Kopf gießen oder mein Ich zunächst im Stadtpark meiner Gedanken joggen gehen muss, bevor ich mich wieder einem neuen Presseerzeugnis zuwenden kann. So muss man die… weiter lesen

18.10.2011 von Jakob Hein
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Alter vor Schönheit?

von Jakob Hein

In den letzten Wochen flatterte eine Affäre durch die bunten Spalten der deutschen Presselandschaft, die es schließlich bis zu “Menschen bei Maischberger” schaffte: Eine 40-jährige Handballtrainerin, die eine Beziehung zu einem 13-jährigen Spieler begonnen hatte und wegen sexueller Handlungen mit diesem Spieler verurteilt wurde.

Die beiden sind weiter zusammen und da sie in Österreich leben, ist der Sex zwischen ihnen seit dem 14. Lebensjahr des Knaben legal, er hat ihr auch einen Heiratsantrag gemacht und natürlich haben sie auch ein Buch veröffentlicht (hier aus Pietätsgründen nicht verlinkt). Oder wie es die “Welt” formuliert (die in dem Artikel unglücklicherweise ARD und ZDF verwechselt, aber es gibt ja so viele Sender): “Denn das junge Glück hatte nicht nur Händchen gehalten, sondern das sportliche Training vom Handballplatz auch ins Schlafzimmer verlegt. Und das vier Monate, bevor Ervin sein 14. Lebensjahr vollendete, das Alter, nach dem in Österreich Juras straffrei mit ihm… weiter lesen

17.10.2011 von Jakob Hein
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Auf der Suche nach Erklärungen

von Jakob Hein

Die B.Z. besorgt's ihren Lesern: Komplexes Erklärungsmodell

Erich fragte sich manchmal, ob es Verpflichtungen für Schriftsteller gab und wenn ja, welcher Natur diese Verpflichtungen wohl sein könnten. Wenn er zum Beispiel die Verpflichtung fühlte, über die so genannte Eurokrise zu schreiben, war das dann eine Illusion oder etwas, das er verdammt noch mal schon viel früher hätte fühlen müssen. Und wenn es seine Verpflichtung gewesen wäre, worin hätte diese dann bestanden, angesichts der Tatsache, dass er höchstens durchschnittlich viel Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen hatte und die Wirtschaftsteile der Zeitungen mit den gleichen Fingern, mit denen er auch die Immobilienteile anfasste, aus dem Konvolut Tageszeitung holte, um sie gleich unten beim Briefkasten zu entsorgen, um diesen Teilen eine sinnlose Reise in den vierten Stock zu ersparen. Seine Verpflichtung, so vermutete Erich, bestand am ehesten darin, die Zusammenhänge, soweit er sie verstand, in Worte zu fassen, um sie möglicherweise für… weiter lesen

16.10.2011 von Heiko Werning
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Tatort: Das schwarze Haus

von Heiko Werning

Für den Tatort-Fundus habe ich die Folge des heutigen Abends rezensiert. Wer wegen dem Ding zu Hause bleibt und die Reformbühne Heim & Welt, heute mit den wunderbaren Gästen Manfred Maurenbrecher & Ilka Schneider und in voller Besetzung, verpasst, ist selbst Schuld.

Ein Serienkiller schreckt die Idylle eines Künstlerdorfes am Bodensee auf. Die Kommissare Klara Blum und Kai Perlmann lernen neue Mordmethoden kennen und müssen sich durch ein Geflecht aus Missgunst, Eifersucht, geschäftlichen Interessen und künstlerischem Anspruch schlagen.

Es geht ruppig zu am Bodensee: Ein Mann bedrängt eine Frau, er wird massiv, scheint sie vergewaltigen zu wollen, es kommt zum Handgemenge. Wenig später fällt das Licht aus, er läuft verwundert über seinen Hof, sucht die Ursache am Sicherungskasten, und da trifft ihn – im wahrsten Sinne – der Schlag. Zu Tode gebrutzelt. Und nicht durch einen Unfall, das ist schnell klar, hier hat jemand mit Bastlertalent eine heimtückische Falle gestellt. Handwerkerehrgeiz oder künstlerische Performance?
Kommissarin Klara Blum wird vom Schwarzangeln auf dem Bodensee ans Ufer zurückgepfiffen und ermittelt im Umfeld des Opfers, ein Künstler, der gut vernetzt war in der örtlichen Szene, die sich um einen Kunst- und Kulturverein mit Ausstellungs- und Café-Betrieb gruppiert, wo Komponisten, Schriftsteller, Maler und Kulturmanager ein- und ausgehen.
Und kaum haben Blum und Perlmann sich unter den Schöngeistern umgesehen, erwischt es auch schon den Nächsten von ihnen, wieder auf ebenso perfide wie umständliche Weise. Ein Serientäter scheint es auf die Kunstschaffenden im tiefen Süden abgesehen zu haben.

Wem der Plot seltsam bekannt vorkommt – nein, hier wurde nicht die Beschreibung des Stuttgart-TATORTs der Vorwoche desselben Produktionssenders mit der aktuellen Bodensee-Folge verwechselt. Offenbar reicht die Koordination der Beiträge zur TATORT-Reihe nicht mal hausintern so weit, dass man solche thematischen Doppler verhindern könnte. So geht die Jagd nach einem Serienkiller mit exquisiten Mordmethoden also zum zweiten Mal in Folge über den Bildschirm. Und wieder lauten die Fragen: Warum so kompliziert? Wieso bringt der Täter seine Opfer nicht handelsüblich um die Ecke? Sind Knarre, Keule oder Giftkelch denn völlig aus der Mode?
Leider sind die Mordmethoden aber das mit Abstand Interessanteste an diesem ansonsten in Klischees erstarrten und ebenso lustlos wie überroutiniert heruntergedrehten Stangenkrimi. Jede noch so billige Künstler-Stereotype taucht hier in hundertfach gesehener Darstellung zielsicher wieder auf, getreu dem alten Künstler-Motto: … weiter lesen

16.10.2011 von Jakob Hein
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Übertriebene Untertreibungen (I): Franz Josef Wagner

von Jakob Hein

Am Freitag auf dem Weg von der Messe nach Hause las ich den neuesten Brief von Franz Josef  Wagner. Meine Entschuldigung lautet, dass die “Zeitung” kostenlos herumlag und wenn ich sie nicht genommen und im Altpapier entsorgt hätte, wäre womöglich jemand anders zu Schaden gekommen. Andere gehen zum Zahnarzt, um das zu lesen, was ja wohl deutlich krasser ist, sowas wie die schmerzhafte Doppelbohrung im Kopfbereich.

Jedenfalls schreibt Herr Wagner in irgendeinem “Zusammenhang”:  “Ich würde auch mit dem Teufel Geschäfte machen, um ein Menschenleben zu retten.” Aber Herr Wagner, warum denn so bescheiden, das ist doch sonst nicht Ihre Art. Wie heißt noch mal das Blatt, in dem Sie regelmäßig veröffentlichen? Könnte man denn da nicht sagen, dass Sie die erwähnten Geschäfte gewissermaßen gewohnheitsmäßig machen, auch wenn es um viel weniger geht, zum Beispiel um die nächste Stange Zigaretten zu kaufen?

Schöne Grüße, der ehemalige Bewohner von Zimmer # 666.… weiter lesen