Gestern im Konzerthimmel (II)

An Anmut nicht gespart, noch Mühe: Die Bolschewistische Kurkapelle und Rummelsnuff

Ernstzunehmende Künstler beginnen in der Regel bei sich selbst und nehmen sich ernst. So hatte die „Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot“ ihr gestriges Jubiläumskonzert monatelang vorbereitet und war in den letzten Wochen in einen wahren Probenrausch verfallen, was angesichts der Vielzahl der Musiker und der verschiedenen Arten, mit denen sie ihr Geld verdienen, da dies ungerechterweise mit einer so großen, freien und demokratisch verfassten Kapelle nicht möglich ist, schon organisatorisch erstaunlich ist.

Gestern durfte dann in der ausverkauften Volksbühne das Ergebnis der Proben bestaunt und genossen werden, es hatte sich gelohnt. Es war ein Hochgenuss zu erleben, wie ein Blasorchester nicht nur schmettern und trillern, sondern auch flüstern und leuchten kann. Im ersten Teil gab es vor allem Arbeiterlieder aus den 20er-Jahren, die vor allem Ernst Busch berühmt gemacht hat. Noch vor dreißig Jahren klangen diese ja eher skurril, aber in den letzten Jahren haben sie paradoxerweise an Aktualität gewonnen („Arbeiter, horch, sie ziehen ins Feld // und schrein „Für Nation und Rasse!“ // Das ist der Krieg der Herrscher der Welt// gegen die Arbeiterklasse“). Später spielte man auch Lieder von Ideal, Rio Reiser und Donald Duck.

Zur Krönung des Abends hatte die Kapelle zum Teil großartige Gäste eingeladen. Nino Sandow zeigte sein überragendes Können als Sänger, wohl keiner wird so schnell den Auftritt von Rummelsnuff vergessen, wie er im besten Französisch mit großen Bläsersatz „Natalie“ anhimmelte und gegen Ende brachten eine große Runde Schnaps für alle und das Rot-Front Emigrantski Raggamuffin Kollektiv den Saal zum Tanzen. Zum Abschluss sang das Orchester mit allen Gästen und dem Publikum eine selten intonierte vollständige Fassung der Brechtschen „Ballade von den Seeräubern“.

Zwischendurch hatte die Dramaturgie Textbeiträge vorgesehen. Ahne und Gott führten ein Zwiegespräch über die Unterschiede zwischen dem 9.11. und 9/11 und Jochen Schmidt, der ebenso wie die Kapelle an diesem Tag Geburtstag feierte, verriet ein paar unfehlbare Rezepte zum Unsterblichwerden. Das Publikum war begeistert, aber ehrlich gesagt kratzte dieser Abend auch rezeptfrei an der schönen Art von Unsterblichkeit.

Hinterher wurde noch gefeiert, einer der Musiker erklärte sein diesbezügliches Konzept so: „Ich werde mich besaufen, bis die Haare leuchten.“ Insofern ist dieser in früher Morgenstunde verfasste Bericht wohl der erste aus der herrlichen Höhle der Löwinnen und Löwen.

PS (12.11.2011) Ergänzend sei noch angemerkt, dass der musikalisch witzigste Moment wohl die Stelle war, als die zauberhafte Romy bei „Du hast den Farbfilm vergessen“  das Getröte der Kazoo des Originals mit ihrer Stimme imitierte, während neben ihr ein Dutzend Bläser standen. (Ist, wie ich merke, schwer zu erklären. Muss man gesehen haben. Muss.)

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