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vonJakob Hein 13.11.2011

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Herz und Rückgrat beim Pförtner lassen und dann ab ins Studio: Das neue Radio Eins

Die See des RBB-Rundfunks ist im Moment äußerst stürmisch. Während sich Ken Jebsen für bestenfalls unbedachte Äußerungen in seiner Sendung in „Fritz“ rechtfertigen muss, wird  der Sender für die etwas älteren Hörer (ehem.: „Nur für Erwachsene“) ordentlich umgekrempelt. Da es im März sehr schlechte Hörerzahlen hagelte und im Juni dann wieder bessere, wollte man sich Sicherheit verschaffen und sorgt jetzt für ein durchgehend schlechtes Programm.

Dabei gibt es einerseits kleine, feine Änderungen, dass man zum Beispiel die morgendlichen Werbeblöcke so weit nach vorn zieht, dass man jeweils nach X Uhr 15 und nach X Uhr 45 den Sender abschalten kann und sich bald fragt, ob denn die Sendungsreste dazwischen wertvoll genug zum zurückschalten sind, denn nach den dämlichen Werbeblöcken kommt eh nur noch Musik und die Nachrichten sind nicht selbsttragend.

Als große Änderung wurde die „Show royale“ abgesetzt, die bei aller Kritik doch auch Humor und großartige Wortbeiträge von regionalen Künstlern bot wie Volker Strübing, Toni Mahoni, Konrad Endler, Ahne und so weiter. Heute gab es nun die Premiere von dem, was Radio Eins an dem Sendeplatz zukünftig anbieten will: „Zwei alte Hasen erzählen von Früher.“

Kurz: Es war nicht gut, gar nicht. Die Sendung wird von Klaus & Klaus (oder so) gemacht, die den  Stil ihrer Vorgänger Stermann und Grissemann zu kopieren versuchen, leider aber nicht lustig sind. Die Sendung setzt stark auf Höreranrufe, da das billiger ist, als Beiträge von Künstlern zu senden. Aber die Hörer dann bösartig zu verarschen, ihnen allen Ernstes: „Halt die Fresse!“ oder „Du alte Sau!“ entgegenzuschleudern, ist nicht so gut. Sowas kann man mit Mächtigen machen, das ist manchmal mutig und manchmal lustig. Aber das den eigenen Hörern zu sagen, während man am Moderatorenmikrofon sitzt, ist einfach weder gut noch lustig, sondern nur eine peinliche Demonstration eigener Pseudo-Macht. Es gibt schon ein erhebliches Fremdschämen bei diesen Passanten-vor-laufender-Kamera-Verarschen, aber wenn man sich dafür noch von seinen eigenen Hörern anrufen lässt, ist das schon so, als ob man bei Muttis fünfzigsten in die Bowle pisst. Erinnern sich zwar später viele dran, eingeladen wird man aber doch nie wieder.  Sich dann mit Witzeleien über Erektionen und Pferdesperma aus der Affäre ziehen zu wollen und die Kritik, zu der man die Hörer aufgefordert hat, einfach nicht ernst zu nehmen, ist vielleicht tough, aber nicht lustig. Ein vorbereiteter Beitrag disste als schlechte Wischmeyer-Kopie die 90er Popstars Captain Jack, DJ Bobo und E-Rotic (wer außer Klaus & Klaus kennt die eigentlich noch, kannte  die jemals?) Total schlechte Bands zu nehmen und dann abfällige Worte über sie zu sagen, ist so wie kleine Kinder schlagen. Fehlten nur noch Witze über Achim Mentzel, ach nein, die fehlten ja nicht.

Die zu langen Jingles, deren Humor sich ausschließlich daraus beziehen soll, dass sie eine alte Toilettenfrau vorliest (gröl!) und das zu schnelle Springen zwischen den Rubriken, wegen derer die Hörer anrufen sollten, könnte man sicher als Anfangsschwierigkeiten verzeihen. Aber hier ist das Konzept einfach nur dummdreist und beleidigend. Warum sollte man die Sendung wieder hören wollen? Ein Hörer wunderte sich, dass die beiden Moderatoren nach einer Stunde noch auf Sendung waren, man konnte ihn verstehen. Naja, so hat man wieder mehr Zeit zum Lesen.

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