31.12.2011 von Jakob Hein

Es kommet im Leben darauf an, Vogel zu sein und nicht Müllsack
Gegen Silvesterfeiern zu sein, ist letztendlich auch so eine ausgelutschte Position wie gegen Halloween zu sein oder sich jeden September über die Weihnachtsdekorationen in den Kaufhallen zu wundern oder zu sagen, in den Lesebühnen würden eh nur lustige, aber leider unliterarische Alltagsgeschichten vorgelesen werden. Irgendwann mag die Kritik mal einen wahren Kern gehabt haben, durch die Abkehr vom Objekt hat sie dann aber ihre Position nicht weiterentwickeln können und mittlerweile liefern sich die Eigenschaften Banalität, Überholtheit und Rückwärtsgewandtheit ein Kopf-an-Kopf-Rennen über den ersten Platz auf dem Siegertreppchen der Sparte “Am genausten zutreffende Beschreibung”. Wobei gerade die Überholtheit der Position trotz ihres Namens gute Aussichten auf die goldene Medaille hat, da durch das Abkoppeln von neuen Informationen die Kritik langsam zur Meinung wird, um dann zur Ideologie zu gerinnen. Klar, das spart viel Zeit für Neues, aber… weiter lesen
30.12.2011 von Jakob Hein

Nein, ich sitze hier nur so und schaue aus dem Fenster.
Auf den ersten Blick sieht diese Ladendekoration eines Erfurter Edelgeschäftes eher etwas eigenartig aus: Statt die schicken bedruckten Kleider des Ladens zu tragen oder die edlen verzierten Gürtel, die filigran gestrickten Pullover oder die reizende Wäsche, trägt dieses Modell den grauen Schlafanzug. Dazu sitzt sie so da, das ihr Hinterteil nicht eben vorteilhaft aussieht, man kann sagen, fett sieht es aus, weil man keine Gefühle einer Person verletzt, weil es gar nicht so leicht ist, das bei einem in der Fabrik gefertigten Modell überhaupt hinzubekommen und es unmöglich ist, dass der Hintern im engeren Sinne fett ist, na gut, er besteht aus verarbeitetem Erdöl, aber das zählt nicht. Zwischen den schlampig verarbeiteten Baumwollfetzen schaut der ebenfalls aus Baumwoll gefertigte lila Schlüpfer hervor, nicht keck oder kokett, sondern eher mit einem resignierten Seufzer. Zwar ist der Kopf nicht… weiter lesen
29.12.2011 von Jakob Hein

Vielleicht gut gemeint, dennoch Vorsicht bei solchen Flugeinladungen nach Berlin!
Das Schenken von Gutscheinen ist ja eine neue Verlegenheitslösung geworden, die aber der Kultur des Schenkens überhaupt nicht gut getan hat. Das Geschenk ist ja auch das Bekenntnis des Schenkenden: “Das ist es, was ich für Dich ausgesucht habe.” Früher hat man sich noch ungeheure Gedanken darüber gemacht. So durfte man keine Schuhe schenken, weil der Beschenkte damit vor dem Schenkenden hätte weglaufen können und keine Messer oder Scheren, weil der Beschenkte damit das verbindende Band zerschneiden könnte. Für die beiden letzteren Geschenke hatte der Beschenkte in aller Dankbarkeit dem Schenkenden einen symbolischen Betrag zu überreichen (1 Pfennig), damit das Geschenk zu einem verkauften Gegenstand wurde.
Mit den Gutscheinen entledigt man sich scheinbar dieser Probleme. Die Hoffnung ist, dass der Empfänger des Gutscheins sich schon selbst das aussucht, was der Freundschaft entspricht. Aber ein wenig sagt man auch: … weiter lesen
26.12.2011 von Jakob Hein

Nicht mehr im Trend, so feierte man früher oder heute, wenn man out ist: Saufliaisons mit Sauftouristen von 7 Uhr abends bis früh um 6
Wir in der scene (Autor gibt zu erkennen, dass er selbst der scene angehört, womöglich sogar in leitender Position, denn warum sonst darf er für die crowd sprechen?) haben ja immer eine tolle neue Idee “am Start”, wie wir so sagen.
Bei der gestrigen sehr schönen und sehr vollen Reformbühne (Dank an die bescheidenen Reptilienfonds-Leser, die nicht einmal ihre juristisch verbrieften Freibiere eingefordert haben) gab es jedenfalls gleich drei verschiedene Einladungen von Leuten aus der scene zu einer offensichtlich ganz neuen, total steilen, megatrendigen, man ist schon fast geneigt schnaften Partyidee für den Jahreswechsel zu sagen.
“Ich feiere zu Hause, wenn Du willst kann Du auch kommen” lautet das Konzept kurz umschrieben. “Es steht was zu essen auf dem Tisch und wer kommt,… weiter lesen
25.12.2011 von Jakob Hein
…wollten wir Bescheid sagen, dass heute natürlich auch eine Reformbühne stattfindet. Das kann man sich ganz leicht merken: Sonntag = Reformbühne. Diese einfache Formel gilt seit 16 Jahren unverändert 52 mal im Jahr. Insofern verstehen wir die Frage nicht so ganz.
Heute wird es eine sehr schicke Veranstaltung geben, weil die ersten zwei, die bei mir danach fragen, Freibier (0,5 l) erhalten werden (Geheimparole: “Reptilienfonds”), weil wir Sachen verschenken, um den Kapitalismus noch vor 2012 in die Knie zu zwingen, wegen der Texte von Ahne, Falko Hennig und mir sowie natürlich wegen unserer großartigen Gäste: Helene Hecke, Hauptstadpolka, Ivo Lotion, Nagel. Nur rechtzeitiges Kommen sichert überhaupt einen Platz.
23.12.2011 von Jakob Hein

Erfreut sich gerade Weihnachten zunehmender Beliebtheit als Alternative zu Rind und Gans: Kennerfleisch
Im Johannesevangelium wird Jesus als das Fleisch gewordene Wort Gottes beschrieben. “Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns” (Joh. 1,14). Ist es vielleicht deshalb notwendig, Weihnachten riesige Mengen Fleisch zu essen, in einer Art symbolischen Akt, in dem versucht werden soll, sich das Wort Gottes, dass ja laut Bibel an diesem Datum Fleisch geworden ist, gewissermaßen einzuverleiben?
Wenn es so ist: Weiß Gott oder zumindest sein Sohn von diesem Brauch? Ist das abgesprochen mit den Herrschaften? Weil wir uns natürlich nur in die Denkweise von einfachen Menschen hineinversetzen können, die es meistens nicht so großartig finden, wenn andere sie verspeisen, symbolisch oder nicht. Aber sicher ticken da Gottheiten anders. Nur wie?
22.12.2011 von Jakob Hein

Selten auf der Weihnachtstafel: lecker Schweinehals aus k.b.A. (kontrollierter bayerischer Aufzucht)
Weihnachten ist zum Fest hedonistischer Exzesse geworden. Einerseits wird liebevoll verpackter Müll eine Runde durch die Wertschöpfungskette transportiert, andererseits wird geradeso gegessen, als ob die meisten stark untergewichtig wären und nach einer langen Zeit des Hungers nun endlich mal wieder satt zu essen hätten.
Doch warum muss die Geburt von Gottes Sohn in aller Regel durch das Verzehren eines Tierkadavers gefeiert werden, der häufig ziemlich genau Längenmaß und Gewicht eines kleinen Kindes hat? Hinweise finden sich in dem Essay “Das Absurde” des Philosophen Thomas Nagel. Er argumentiert, dass es uns in unserer Suche nach dem Sinn des Lebens auch nicht helfen würde, wenn wir wüssten, dass wir als Lebendfutter für eine andere Spezies gezüchtet werden, die Menschenfleisch gern isst. Denn diese Antwort würde uns weder verstehen lassen, was der Sinn des Lebens dieser anderen Spezies ist, noch… weiter lesen
18.12.2011 von Heiko Werning
Für etwa zehn Sekunden erlebt man einen entspannten Batu, der gerade aus dem Urlaub zurückkommt. Doch der Arbeitsalltag, der ihn erwartet, ist für ihn ja generell vor allem eines: kein Alltag. Denn der Mann bekleidet in der Abteilung „Berufe, um die wir niemand beneiden“ Platz 1: Er ist verdeckter Ermittler. Der Arbeitsalltag wartet also, merkt der überhebliche Einsatzleiter Oswald vom BKA süffisant-ignorant an, den Batus Vorgesetzer Kohnau zur ersten Dienstbesprechung angeschleppt hat. Und der soll für Batu nun darin bestehen, sich in eine hochaktive islamistische Terrorzelle einzuschleichen, die für die nähere Zukunft eine „Hochzeit“, so das Codewort im Namen Allahs, geplant hat, und zwar die größte in Europa seit den Terroranschlägen von Madrid. Und, wie praktisch, da Batu ja irgendwie auch so ein Islamerer ist, kann er sich da ja mal umtun – und dabei seinen hochstrebenden Idealen, die er einst im Bewerbungsschreiben formulierte, endgültig in die Tat umsetzen und… weiter lesen
13.12.2011 von Jakob Hein

Wohin, wohin?
Eine Rückkopplung ist ein Mechanismus in signalverstärkenden oder informationsverarbeitenden Systemen, bei dem ein Teil der Ausgangsgröße direkt oder in modifizierter Form auf den Eingang des Systems zurückgeführt wird (Wikipedia). Auf Englisch sagt man dazu Feedback, das Phänomen gibt es als sich verstärkende Mitkopplung (Beispiele: das Pfeifen der Verstärkerboxen, Schuldenkrise) und als abschwächende Gegenkopplung (Beispiele: Kühlschrank, Fliehkraftregler).
Hier gezeigt ist ein Beispiel für Mitkopplung: Der Betrachter schaut auf das Schild, dreht sich um, dreht sich wieder zurück, sieht das Schild an, ist verwirrt. Was ist die Gegenseite? Wo steht der Betrachter? Betrachtet man, wenn man das Schild sieht die Gegenseite, auf der auszusteigen ist oder steht selbst schon auf der richtigen Seite? Warum ist dann aber das Schild angebracht, das müsste doch heißen, man steht schon auf der richtigen Seite, aber warum dann noch das Schild, das einen ja nur vom rechten Weg abbringen könnte.
Wenn man… weiter lesen
13.12.2011 von Heiko Werning
Vor genau einem Jahr war es, da wurde davor gewarnt, dass in Deutschland Terroranschläge unmittelbar bevorstünden. Vor allem Weihnachtsmärkte, so die Behörden damals, könnten betroffen sein.
Alles leere Versprechungen. Zumindest, soweit man das überhaupt beurteilen kann. Denn der typische Weihnachtsmarkt sieht per se schon so aus, als habe ein verheerendes Attentat längst stattgefunden. Dieses Jahr nun aber wird ernst gemacht.
Ein freundlich wirkender Mann eilt über Berliner Weihnachtsmärkte und gibt Schnapsfläschchen aus. “Kleiner Feigling” soll er im Sortiment geführt haben, und als wäre das nicht bereits terroristisch genug, hat er auch noch K.-o.-Tropfen untergemischt, sodass die Opfer ziel- und orientierungslos über den Markt torkelten.

Erstaunlich, dass das überhaupt aufgefallen ist; weniger, dass die Berliner Polizei die ersten Fälle nicht ernst nahm, sondern auf das typische Freizeitverhalten von Betriebsausflüglern tippte. In einer neuerlichen Eskalation stapfte nun ein Weihnachtsmann umher und verteilte die “Sex-Droge”… weiter lesen