Archive for Februar, 2012

Vielleicht auch ganz geeignet: Gesuchter Mann
In Artikel 54 des Grundgesetzes ist folgendes geregelt: “Der Bundespräsident wird ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt. Wählbar ist jeder Deutsche, der das Wahlrecht zum Bundestage besitzt und das vierzigste Lebensjahr vollendet hat.” Details sind geregelt im “Gesetz über die Wahl des Bundespräsidenten durch die Bundesversammlung”. Doch so intensiv man auch die Gesetze liest, nirgendwo findet man einen Passus, nachdem die Bundesregierung das Vorschlagsrecht für den Bundespräsidenten wahrnehmen soll oder darf. Aber Vorsicht! Klagen darf man dagegen auch nicht, dann drohen 200 Euro “Missbrauchsgebühr“.
Kritiker wenden ein, dass man sich nicht wundern dürfe, wenn der erste Mann im Staat ein Ostdeutscher werden wird und die erste Frau eine Ostdeutsche ist, dass dann auch ein ostdeutsches Wahlverständnis Raum greift. Andererseits werden anderenorts Länder von der US-Luftwaffe bombardiert, nur um das dortige Demokratieverständnis zu fördern. Sollte man da nicht besser aufpassen?

Nur hier ist noch alles in Ordnung, aber hier wohnen auch keine potenziellen FDP-Wähler: Das Hamburger Reptilienhotel
Es verbietet sich seit geraumer Zeit, Witze über die FDP zu machen oder wie es Kurt Krömer ausdrückt: “Die heißen ja nicht mal mehr FDP, die heißen jetzt ‘Sonstige’.” Guter Humor ist das Lachen mit den Schwachen über die Starken, also gehen keine Witze über die FDP (fast ebensowenig wie die Witze von der FDP gehen – Link nur folgen bei starken Nerven). Aber ein spezielles Beispiel des politischen Selbstmordes dieser Partei lohnt genauere Betrachtung: die Steuergesetz-Änderung, die hier der Einfachheit halber mal “Mövenpick-Steuer” genannt werden soll. Der große Wurf erwies sich als katastrophaler Bumerang.
Die Mövenpick-Steuer war der erste große Fehler der aktuellen Regierung. Die FDP hatte durchgedrückt, dass Hotelübernachtungen mit dem verminderten Mehrwertsteuersatz belegt werden. Das Argument war, dass die Leute sonst im Ausland übernachten, weil dort die… weiter lesen

Eine Journalistin muss auch dahin gehen, wo es weh tun kann.
Wenn ein taz-Autor und ein Milliarden-Konzern vor Gericht stehen, wenn die “Süddeutsche Zeitung” dazu eine ganze Seite macht, wenn der “Tagessspiegel” und das “Deutschlandradio” darüber berichten – klar, dass sich dann auch die taz des Themas annimmt, nämlich indem Sie den Vorstandsvorsitzenden des Konzerns interviewt. Mit bohrenden Fragen wie: “Warum tun Sie sich das noch an?” “Kriegen Sie die richtig guten Leute überhaupt noch?” “Gleichzeitg haben Sie den Professoren abgerungen, auf 5 Prozent ihres Gehalts zu verzichten.” “Wie haben Sie die Zielgerade zur schwarzen Null dann erreicht?” oder “Soll auch weiterhin an allen Standorten geforscht und geheilt werden?” wurde hier knallhart nachgefragt, der Finger in schwärende Wunden gelegt, der monatelange Arbeitskampf der Angestellten diskutiert und die extrem problematische Verquickung von Pharmaindustrie und Universitätsmedizin bloßgelegt. Klar, dass da am Tag nach dem zweiten Prozess innerhalb… weiter lesen

Wirbelsäule aufrecht: So kann man lange sitzen
I
Beim Volk beliebt sein soll der Bundespräsident. Ein Operettenkaiser nach Wahl. Ein machtloser Oberster, den seine Untergebenen mögen. Wie könnte man das besser sicherstellen als mit dem letzten echt plebiszitären Instrument, das alle Bevölkerungsschichten berücksichtigt: Die Castingshow. Zehn Kandidaten stellen sich verschiedensten Quests und Battles. Zum Beispiel könnten die Kandidaten ein zufälliges Thema bekommen und dann dafür oder dagegen argumentieren, je nachdem, wie es gerade gefällt. Atomkraft, Ausländer, Anlageberatung, was so anliegt. Dann könnte man im Showteil Talk die Kandidaten darauf testen, wie sie sich durchsetzen können, den Fragen kritischer Journalisten ausweichen. Bei human touch käme es darauf an, älteren Leuten gekonnt die Hand zu schütteln, Babys sicher auf dem Arm zu halten oder vielleicht auch mal eine Kuh zu melken. In der Quizrunde wäre dann Wissen gefragt: Wie viele Bundesländer hat die Bundesrepublik, nenne drei Nachbarländer, mit… weiter lesen

Rechtsextreme Taten: Immer Stoff für spannende Geschichten.
Das Bundeskriminalamt hat also Ermittlungsdaten gegen die Zwickauer Nazibande gelöscht. Was auch immer das heißen soll oder nicht, der Eindruck, dass hier die Öffentlichkeit nur streng ausgewählte Irgendwie-Informationen bekommt, verstärkt sich jedenfalls. Vielleicht wird in fünfzig Jahren bekannt werden, was hier wirklich passiert ist, vielleicht auch nicht. Das derzeit nicht annähernd das ans Licht kommt, was man die Wahrheit nennen könnte, steht jedenfalls praktisch fest. Die Äußerung des Vorsitzenden des Innenausschusses des Bundestags Bosbach jedenfalls kann als kaum mehr als Satire verstanden werden, wenn er sagt: „Es darf nicht einmal der Verdacht entstehen, dass etwas verheimlicht werden sollte.“ Ein paar Fragen dürfen vielleicht gestellt werden:
1. Wie konnte den Sicherheitsbehörden der Seriencharakter der Morde entgehen? Angeblich wurden die Morde alle mit der selben Tatwaffe verübt. Wie konnte den Behörden entgehen, dass die ballistischen Analysen übereinstimmten? Weil der eine Mord in… weiter lesen
Berliner Lesebühnen fordern: Schokoladen schließen! Klappt die Bürgersteige hoch! Der Letzte macht das Licht aus!
von Jakob Hein
Seit 1989 sind in Berlin Dutzende von Lesebühnen entstanden: Ensembles von Autorinnen und Autoren, die in Kneipen und Clubs ihre neuen Geschichten vorlesen.Berlin schmückt sich gern mit diesen Veranstaltungen, die jedes Jahr von Tausenden von Berlinern und Touristen besucht werden und die inzwischen etliche namhafte Kabarettisten und Schriftsteller hervorgebracht haben.Leider interessiert sich die Berliner Politik nicht dafür, was für die Entstehung einer solchen lebendigen Szene notwendig ist: Cafés, in denen die Getränkepreise so niedrig sein können wie der Eintritt. Kneipen, in denen Künstlerinnen undKünstler einfach etwas ausprobieren können, ohne dass es Geld abwerfen muss. Clubs, deren Betreiber sich nicht ständig sorgen müssen, wie sie die grotesken Renditen für die Hausbesitzer erwirtschaften können.
Nun soll auch der Schokoladen schließen und von der Polizei geräumt werden.Ohne Orte wie den Schokoladen wären die Berliner Lesebühnen nie entstanden!Bis vor wenigen Jahren konnten wir uns leicht trösten, wenn wieder einer

Die Festung Flensburg fällt: Endlich wieder große "Autoholowanie", wie man so schön in Polen sagt.
Welches Glück! Endlich unternimmt mal jemand etwas gegen das Zentralproblem der Welt! Freiheitskämpfe, Finanzkrise, Filmfestspiele – klar, alles auch Sachen, die einem den Tag verhageln können. Aber, wie wir an so vielen Abenden geknechtet zwischen den Zähnen hervorpressten, was war mit dem großen, dem wahren “F”, das unsere Herzen drückte, unsere Sinne trübte. Flensburg! Die Behörde, deren Krakenarme in jede Ecke unseres Landes reichten und den Freiheitswillen aller Bürger unterdrückten, das Fundament unserer Demokratie zermürbten. Nur eine einzige zügige Zielfahrt durch ein Gebiet, in dem wildgewordene Feinde der Freiheit stets völlig grundlos irgendwelche Schilder mit aus dem Zufallsgenerator gefallenen Zahlen aufgestellt hatten – oder waren es häufig auftretende Lottozahlen?, weil sie immer so niedrig waren – und schon bekam man Punkte. Punkte, Punkte, Punkte! 2, 3, 4 – 18! Gequält und geknechtet wurde… weiter lesen
Toleranz ist eine Frage des Könnens: Krieg der Worte auf dem Schlachtfeld Vegetarismus
von Jakob Hein
Don't we all like the Wurst: Vielleicht ist nachher sogar noch Platz für ein hot dog?
Der Wissenschaftsteil der Süddeutschen Zeitung berichtet gestern über ein psychologisches Experiment zum Menschenbild von Fleischessern gegenüber Vegetariern. Die Wissenschaftler befragten Fleischesser zu ihren Assoziationen über Vegetarier. Diese wurden von 47% der Fleischesser mit negativen Begriffen wie “nervend” und “arrogant” beschrieben. Wurden die Fleischesser zum Bild der Vegetarier über sich selbst befragt, waren sie überzeugt, dass die Vegetarier ein schlechtes Bild von ihnen hätten. Die Wissenschaftler interpretieren diese Studie übrigens nur als ein Beispiel dafür, wie sich Mehrheiten durch Minderheiten moralisch bewertet fühlen können.
Die Erkenntnisse der Wissenschaftler könnten nicht schöner bestätigt werden als durch die Leserkommentare auf sueddeutsche.de. Der Artikel ist momentan der am meisten kommentierte und der Ton ist scharf.
So schreibt henrytheeighth: “Blöde Witzchen sind nichts gegen die verbrecherische menschenverachtende Ideologie der Hardcore-Veganer. Im Internet finden sich widerlichste… weiter lesen

Robert Lembke für Fortgeschrittene: Welches Schweinderl soll eigentlich was bedeuten?
Schon mehrfach mussten wir darauf hinweisen, dass die Krise des Euros auch eine Krise der Karikatur bedeutet. Aufgabe der Karikatur ist es ja witzig zu sein, Sachverhalte zuzuspitzen, interessante Parallelen aufzuzeigen, Missstände bloßzulegen.
Die heutige Karikatur in der Süddeutschen versteht es, wohl keine dieser Aufgaben zu erfüllen. Irgendwer schüttet aus einem Riesensack Euros in einen Schweinekoben voller – Witz lass nach! – Sparschweine. Die Szenerie wird beobachtet von den EU-Regierungschefs und Anzugträgern, die die Schilder “Ban”, “ken”, “Speku” und “lanten” bei sich führen.
Was soll das bedeuten? Die Bauern, die in Milliardenhöhe über Jahrzehnte EU-Subventionen bekommen haben, schütten diese nun als Investitionen in die Sparschweine? Wer sind die Sparschweine? Der nicht zustandegekommene griechische Sparkommissar oder wir alle? Wenn es aber wir sind, warum fressen wir dann die Investitionen, die doch aus uns herauskommen müssten, um den Sack zu… weiter lesen
