28.04.2012 von Heiko Werning
Erstaunt stehe ich vor einem dieser großen grauen Kästen, die überall herumstehen und in denen irgendwas mit Strom oder Telefon drin ist. Auf diesem Kasten hier, mitten auf dem Mittelstreifen der Seestraße, mitten im Wedding, prangt ein neues Plakat: In zeitloser Optik steht eine weiße Faust auf schwarzem Grund, in roter Schrift steht daneben: „Nimm was dir zusteht!“ Ach, mir wird ganz warm ums Herz. Lange nicht mehr gesehen, und dann auch noch außerhalb der Baiz: Echte Autonomen-Folklore. Was dem Bayern Oktoberzelt und Lederhose und dem Rheinländer der Rosenmontag, sind dem Berliner bekanntlich seine putzigen Antikapitalisten samt zugehörigem Karnevalszug, der hier traditionell am Mai-Feiertag abgehalten wird. Man muss die Feste eben feiern, wie sie fallen. Und im fortgeschrittenen Frühjahr ist es auf jeden Fall erheblich wärmer als beim doch oft ungemütlich kaltem Karneval, da haben die Autonomen doch einen Sinn fürs Praktische bewiesen.
Was mich allerdings irritiert, ist die Ortsangabe… weiter lesen
27.04.2012 von Jakob Hein

Gelingt es, solche Blagen zukünftig aus unseren Kindergärten rauszuhalten?
Na gut, ich geb es zu: Jetzt bin ich verwirrt. Bisher war ich immer davon ausgegangen, die Herdprämie (Spitzname “Das Betreuungsgeld”) würde dazu dienen, Mütter und Kinder aus sozial schwachen Familien aus den Kitas rauszuhalten. Das war für mich verständlich: Die halten ihre ungekämmten, verlausten, bildungs- und verhaltensschwachen Gören aus den Kindergärten raus, damit die Kita-Plätze nicht fehlen für die Anwälte, Ärzte und “Irgendwas mit Medien”. Zum Dank bekommen sie irgendein an den Bierpreis gekoppeltes Almosen, dass dann der Kindsvater nach eigenem Gutdünken anlegen darf. Weil damit auch noch die Mütter aus der Arbeitslosenstatistik herausgehalten werden und die für die Schönung der letzteren so wichtigen Plätze im Niedrigstlohnbereich für andere sozial Schwache frei lassen, schloss sich der Kreis in vollendeter Formschönheit. Am besten war dabei der Vorschlag von CDU-CSU-”Supervolker”-Kauder, zusätzlich dazu die Rentenleistungen zu erhöhen für Eltern von vor… weiter lesen
23.04.2012 von Jakob Hein
Es ist natürlich überfällig die Urheberrechtsdebatte zu führen, denn in unserer Welt können die freigelassenen Fische digitaler Kunstwerke ins Meer der vernetzten Daten nicht mehr einfach mit dem löchrigen Kescher analoger Gesetze eingefangen werden. Andererseits gibt es zahlreiche Fischzüchter, die den Wunsch verspüren, für ihre Fischproduktion bezahlt zu werden. Nach langem, reiflichen Überlegen eines riesigen Schwarms aufgeregt zwitschernder Vögel konnte herausgefunden werden, wer Schuld ist an diesem Dilemma: Die Verwerter. Bei den Verwertern handelt es sich um eine globale Weltverschwörung schlechter Menschen, die Künstler nur als Minen betrachten, aus denen sie das Gold für ihre riesigen Prachtvillen mit beheizten Swimmingpools schürfen. Die Künstler sind irgendwann nur noch leere, erschöpfte Hüllen ihrer selbst, die das Geld bei den Kunstfreunden einsammeln, aber nichts davon abbekommen, weil es automatisch in die Taschen der Verwerter fließt. Die Verwerter rauchen Zigarren und lachen hämisch, wenn sie sich auf ausschweifenden Partys in ihren Geldspeichern treffen. Diesen… weiter lesen
21.04.2012 von Jakob Hein

Typisch Tatort: Endstation Morden
Man muss wirklich kein Tatort-Fan sein, um sich auf den neuen Fall der Frankfurter Ermittler zu freuen. Joachim Król als Kommissar Frank Steier war schon immer Garant guter bis sehr guter schauspielerischer Leistungen, aber natürlich ist es Nina Kunzendorf, die mit ihrer Darstellung der Kommissarin Conny Mey alles überstrahlt. Diese Figur ist wirklich ein Glücksfall, denn hier ist der ernsthafte Versuch unternommen worden, eine wahrlich postfeministische Frau darzustellen, mit der Betonung auf dem „feministisch“ und nicht auf dem „post“. Conny Mey ist ein paar Tage älter als 25 und sieht fantastisch aus. Sie lebt allein und ist doch nicht einsam. Sie trägt Cowboystiefel, enge Jeans und riesige Ohrringe, und zwar nur, weil ihr das selbst gefällt. Sie hat ein Sexualleben, in dem sie weder Hure noch Heimchen ist. Was für eine großartige Idee, Nina Kunzendorf mit dieser Rolle zu betrauen, die vorher auf sensible,… weiter lesen
20.04.2012 von Jakob Hein

SZ v. 20.04.12
Otto Rehagels Jahre in Griechenland haben ihm gut getan, denn offensichtlich hat er neben etlichen Hektolitern Retsina auch noch einiges an griechischer Philosophie mitbekommen. Er vermag es, Fragen zu stellen, deren Beantwortung seine Schüler klüger machen, als es ihm durch das Erteilen von Antworten jemals hätte gelingen können. Klar, der Georgier Kobiashvili liegt mit seiner ersten, einen roten Karte als Verteidiger weit unter dem Bundesliga-Durchschnitt und bei einem Fünftel von Rekordhalter Jens Nowotny.
Aber was heißt das alles im Zusammenhang mit dem “Zweiten Weltkrieg”? Wurden damals mehr rote Karten verteilt oder weniger? Gibt es überhaupt erst Karten seit dem “Zweiten Weltkrieg”, als Symbol des Entsetzens der Engländer über den Krieg, die rote Karte zu zeigen, um nicht den Krieg erwähnen zu müssen? Woher hat Rehhagel seine Statistik? Ist es gefühltes Wissen? Ist es Altersmilde, die aus ihm spricht? Wenn das die Dinge… weiter lesen
16.04.2012 von Heiko Werning
Während der “Spiegel” heute mit einem strunzdummen Essay von Dirk Kurbjuweit und einem tragik-komischen Gespräch zwischen Christopher Lauer und Jan Delay einen weiteren Tiefpunkt in der Urheberrechts-Debatte setzt, hier mal einige vernünftige Worte von Oliver Nagel:
Ich schreibe selbst fürs Fernsehen und für Print, meine Frau ist (vorwiegend Print-) Journalistin und Vorstandsmitglied bei den Freischreibern. Aus unserer täglichen Erfahrung kann ich sagen: Das Problem der Urheber ist nicht der Piraten-Punk, der sich Texte umsonst aus dem Internet zieht. Das Problem sind Verwerter, die für Texte nichts mehr bezahlen möchten.
Das Problem sind Knebelverträge, mit denen sämtliche Weiterverwertungen einmal geschriebener Texte an Verlage abgetreten werden sollen. Sei es Weiterverwertung im Internet, in Tageszeitungen, die mit den Zeitungen verschwistert sind, wo der Text zuerst erschienen ist, sei es sogar in Büchern oder in Online-Archiven, die zwar von Nutzern bezahlt werden müssen, die etwas suchen wollen, aber von diesem Geld nichts an
… weiter lesen
16.04.2012 von Heiko Werning
Jahrelang haben sie uns davor gewarnt, und wir haben uns darüber lustig gemacht, wollten die Gefahr nicht wahrhaben, waren blind in unserer Ignoranz. Und plötzlich schlagen sie zu, eiskalt, aus dem Hinterhalt. Jetzt ist er also unvermittelt da, der islamistische Terror: In unseren Fußgängerzonen wird der Koran verteilt!
Ist es also wieder soweit? Werden mitten in Deutschland wieder Bücher – verschenkt?
15.04.2012 von Jakob Hein
Endlich! Kaum ist das Osterfest vorbei, stehen wieder der Internationale Sekretärinnentag, Pfingsten, Himmelfahrt und natürlich der Internationale Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen vor der Tür und in den Kaufhallen füllen sich die Regale mit Produkten, die auf diese Feiertage vorbereiten sollen: Postkarten “Für die beste Tippse”, Wanderstöcke mit Schnapsflaschen, Schokoladenpfingstochsen und natürlich Bier in allen möglichen Variationen warten auf den Kunden, der keine Gelegenheit auslassen möchte.
Hier allerdings präsentiert die Firma Jako-o eine besondere Herausforderung. Einen Hasen aus Holz, der angeblich nach Ostern gut aussehen soll. Hat irgendjemand diesen Hasen zu Ostern bekommen? (Wir wissen schon, keiner hat den gekauft, aber die Oma / Schwiegermutter / Zahnärztin hat ihn leider geschenkt, man selbst ist ja nicht so usw. usf.) Wir würden uns nämlich sehr über einen Bildbeweis freuen, wo das Ding nach Ostern irgendwo gut aussieht. Das wäre ja wie so eine Art Osterwunder. Denn im (notwendigerweise vor Ostern erstellten)… weiter lesen
13.04.2012 von Jakob Hein

Wo kann man überhaupt noch hinfahren? Die "Bild" auch in New York
Viele Leserinnen und Leser des Reptilienfonds wissen es vielleicht noch nicht: Die “Bild”-Zeitung möchte ihnen was schenken. Und zwar eine kostenlose Ausgabe zu ihrem 60. Geburtstag. Tatsächlich möchten die Herrschaften zu ihrem 60. Geburtstag 41 Millionen “Bild” in Deutschlands Briefkästen verteilen.
Nun gibt es eine beispiellose Hetzkampagne, die dieses schöne Geschenk nicht annehmen möchte. Wer sich bei dieser Kampagne einträgt, von dem erhält “Bild” ein juristisch einwandfreies Schreiben, so dass dann diese Menschen nicht ihr kostenloses Exemplar erhalten können. Empfohlen wird, sich an den Wortlaut zu halten, weil es sonst als ungültige Meinungsäußerung verworfen werden kann. Aber wie man darauf verzichten kann – es bleibt unklar. 60 Jahre Tittenmädchen, 60 Jahre Wagner, 60 Jahre emotionaler Berichterstattung, 60 Jahre Blieswood, 60 Jahre Fahrstuhlfahren – wer würde sich das nicht wünschen?
Was aber noch schlimmer ist:… weiter lesen
12.04.2012 von Jakob Hein

Wenn das Öl alle ist, können auch solche Kunstwerke nicht mehr entstehen
Lieber Iran,
der Presse müssen wir entnehmen, dass Du jetzt trotz alledem seit gestern Deine Öllieferungen nach Deutschland einstellst. Hallo! Geht’s noch? Die Debatte der letzten Woche nicht ganz mitbekommen? Die Benzinpreise sind eh schon so hoch und nun das noch. Das hätten wir jetzt wirklich nicht von Dir erwartet. Was sollen wir denn noch tun? Sollen vielleicht die Toten Hosen mit letztem Atem noch ein Lied für Dich trällern oder soll Diddl mit letzter Luft eine Maus für Dich airbrushen oder sollen die Scorpions mit letztem Stadion Dich noch einmal wie ein Hurrikan rocken oder soll die FDP für Dich mit letzter Stimme irgendeinen Beschluss fassen?
Wir könnten auch in einer komplizierteren Operation anbieten, der israelischen Fußball-Nationalmannschaft einen Trainer zu organisieren, der gern blau-weiße Vereine trainiert (Griechenland, Berlin). Dann hätten wir uns aber ein… weiter lesen