http://blogs.taz.de/reptilienfonds/wp-content/blogs.dir/1/files/2018/01/alysa-bajenaru-172286_Fallback.jpg.png

vonJakob Hein 23.04.2012

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

Mehr über diesen Blog

Es ist natürlich überfällig die Urheberrechtsdebatte zu führen, denn in unserer Welt können die freigelassenen Fische digitaler Kunstwerke ins Meer der vernetzten Daten nicht mehr einfach mit dem löchrigen Kescher analoger Gesetze eingefangen werden. Andererseits gibt es zahlreiche Fischzüchter, die den Wunsch verspüren, für ihre Fischproduktion bezahlt zu werden. Nach langem, reiflichen Überlegen eines riesigen Schwarms aufgeregt zwitschernder Vögel konnte herausgefunden werden, wer Schuld ist an diesem Dilemma: Die Verwerter. Bei den Verwertern handelt es sich um eine globale Weltverschwörung schlechter Menschen, die Künstler nur als Minen betrachten, aus denen sie das Gold für ihre riesigen Prachtvillen mit beheizten Swimmingpools schürfen. Die Künstler sind irgendwann nur noch leere, erschöpfte Hüllen ihrer selbst, die das Geld bei den Kunstfreunden einsammeln, aber nichts davon abbekommen, weil es automatisch in die Taschen der Verwerter fließt. Die Verwerter rauchen Zigarren und lachen hämisch, wenn sie sich auf ausschweifenden Partys in ihren Geldspeichern treffen. Diesen Verwertern soll nun der Geldhahn abgedreht werden.

I

Die Urheberrechtsbekämpfer sagen alle, dass sie nichts dagegen hätten, den Künstlern das Geld zu geben, was ihnen zusteht, aber den Verwertern – nein, also wirklich: nein. Das ist wunderbar. Denn wer sich mit den gestalterischen Möglichkeiten von Musikern und Autoren auskennt, der wird glücklich sein, dass nicht mehr von den teuflischen Verwertern gestaltete Produkte den Markt erreichen, sondern liebevoll von den Autoren zusammengestellte Zettelsammlungen mit liebenswerten Druck- und Kommafehlern und dass endlich nicht mehr die interessanten Ausflüge in die Gefühlswelt des Autors während des Entstehens des Romans gestrichen werden, dass es der Leser ist, der sich durch die grammatikalischen Ideen des Autors finden muss und nicht so ein Schwein von Verwerter.

Aber ist das nicht immer noch zu kurz gegriffen. Führt uns diese spannende Debatte nicht direkt ins Herz der philosophischen Diskussion darüber, was eigentlich Kunst ist? Ist denn der Künstler nicht auch so eine Art Verwerter? Schließlich macht er oder sie selten mehr, als irgendwelche Dinge, die er woanders gehört, gelesen oder gesehen hat irgendwie miteinander zu verquirlen und es dann Kunst zu nennen. Klar, dass jeder von uns sich wünscht, dass die Kunst irgendwie anständig bezahlt wird, aber was hat das mit den heruntergekommenen Typen zu tun, die haltungslos auf Bühnen herumstehen, mit bekleckerten Hosen Leinwände vollpinseln oder volltrunken in ihren Laptops herumhacken. Das sind doch nur Verwerter! Und dafür wollen die Geld haben. Hallo! Geht’s noch? Die Kunst kommt von uns selbst, was man ja auch daran erkennen kann, dass wir am liebsten die Kunst hören, sehen oder lesen, die so ist wie unser eigenes Leben, was kein Wunder ist, weil sie daher kommt. Kennt man doch aus jedem Museum, wenn man denkt: Das hätte ich aber auch selbst machen können! Nicht hätte, Freund, Du hast! Die so genannte Kunst ist praktisch gestohlen! Unsere Kunst entsteht doch aus unserem normalen Leben und das sind doch schließlich wir alle und insofern ist die Kunst genau in dem Moment anständig bezahlt, wo einfach alle ihr Geld behalten, weil man ja nicht weiß, ob man gerade als Inspirationsquelle für so einen Drecks-Verwerter herhält. Was ist mit dem Typen im Kaffeehaus, der mir da zulächelt? Ein Flirt oder nur der Versuch, aus mir eine Figur in einem sauteuren Roman zu machen? Was will die Frau, die mit zusammengekniffenen Augen zum Hof herüber schaut? Ehrliches Interesse oder wird hier nur Inspiration für das nächste Bild zusammengeklaut?

Also ist es nicht damit getan, dass das Geld bei den Kunstkonsumenten verbleibt, die ja das, was Kunst ist, letztendlich im Kern produziert haben. Nur gerecht wäre es, wenn die so genannten Künstler dafür anständig bezahlen würden. Wer hat denn die Landschaften hingestellt, die hier so rücksichtslos abgefilmt werden? Wer hat die schönen Frauen gezeugt und groß gezogen, die nun als Fotomodelle ihre Knochen hinhalten müssen? Wer hat sie geimpft? Wer ihnen die Brötchen gebacken? Künstler sollen anständig bezahlen für ihre Kunst und nicht zu knapp – das wäre mal ein neues Urheberrecht! Wenn die darauf keinen Bock mehr haben, die Spacken, dann können wir das mal ziemlich gelassen sehen, schließlich haben wir noch einige Terrabyte Altkunst am Start, die wir in Ruhe usen können.

II

Warum in der Kunst verbleiben? Wenn man schon dabei ist, den Drecksverwertern einmal ihr süßes Leben ordentlich zu versalzen, dann doch bitte auch richtig! Klar, dass jeder von uns gern Brot ist, aber warum müssen wir die ganze Verwerterkette bezahlen? Von der Bäcker-Mafia über die Transport-Camorra bis hin zur Bauern-Bande kassieren alle kräftig mit, nicht zu vergessen die Mähdrescher-Cosa Nostra und die Silo-Syndikate. Wir können auch selbst auf den Acker gehen und unseren Weizen holen, vielen Dank! Schließlich hat unser Schwarm die Intelligenz erfunden, da wird es ihm doch ein leichtes sein, ein paar Weizenkörner vom Acker zu holen. Klar, dass wir gern köstliches Steak essen, aber wir schaffen es sicher auch ohne die organisierten Verbrecherringe von Metzgern, Viehzüchtern und Transporteuren. Wir wollen direkt mit der Kuh in Verbindung kommen, ihr auf der Weide mit dem Fahrtenmesser das Steak direkt aus dem blutenden Rücken schneiden. Warum heißt es wohl in dem bekannten Song: „Gar lustig ist das Piratenleben“? Weil wir uns das Essen aus Tiefkühltruhen holen? Sicher nicht!

Und wenn wir schon bei den Verwertern sind: Wir können im übrigen unsere Freundschaften auch ganz allein schließen, dafür brauchen wir sowas von keine Hilfe, danke schön! Wir brauchen keine lächerlichen Portale, auf denen wir Daumen hoch|Daumen runter klicken sollen, um Menschen zu mögen oder nicht zu mögen. Wir haben da ganz andere Möglichkeiten, unsere Gefühle auszudrücken, komplexere, schönere Möglichkeiten für komplexere, schönere Gefühle. Wir brauchen auch keine Hilfe dabei, wenn wir mit anderen Menschen in Kontakt treten wollen, das können wir ganz einfach selber tun, wir besuchen sie! Und wenn wir was kaufen wollen, dann können wir in den Laden gehen, beziehungsweise Scheiß Läden! sind ja auch Verwerter, direkt zu den Produzenten können wir gehen, mit dem Fahrrad können wir nach Norwegen fahren, wo wir uns Bäume kaufen, aus denen wir uns Tische schnitzen, Scheiß auf die Verwerter! Wir brauchen dazu keine kommerzialisierte Vernetzung von Computern über konzerngesteuerte Server, deren einziger Sinn es ist, uns vom Menschen zum Kunden zu machen, um uns ungewollt und immer subtiler mit maßgeschneiderter Werbung zuzumüllen. Nein, das brauchen wir nicht! Wir können selbst denken, wir brauchen dafür keine elektronischen Denk-Krücken, die uns dann die Richtung vorgeben, wie wir denken sollen. Nein! Brauchen wir nicht! Verwerter-Kacke! Die uns dann die Formate vorgeben wollen, wie wir Musik hören. Nein! Abschaffen! Computer, Internet – abschalten, kaputt machen. Brauchen wir alles n…

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

http://blogs.taz.de/reptilienfonds/2012/04/23/schafft-ein-zwei-viele-urheberrechte-ab/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • Herrlich. PC-Spiele und Software braucht übrigens auch kein Mensch. Und vor allem, welcher Verwertet bringt eigentlich die ganzen Kassengestelle, die als Nerd-Brillen den Piratenblick verschleiern, in den Umlauf? Abschaffen, sofort

  • Wundervolle Polemik, welche die hanebüchenen Vorurteile gegen „Verwerter“ schön auf den Punkt bringt. Über 50% aller Verlage haben übrigens nur einen Jahresumsatz von max. 250.000 EUR, sind also mehr oder weniger Kleinverlage. Und mittelständische Verlage wie Diogenes oder Suhrkamp der bösen, krakenhaften Verwertermafia zuzurechnen, wäre auch ziemlich daneben. – Danke, Jakob Hein.

  • Schön! Ob die (größtenteils unbewusst agierende) Youtube/Facebook/usw.-Lobby die Pointe versteht ist allerdings fraglich. Denn dazu müsste sie zunächst begreifen, dass Youtube/Facebook/usw. selbst Verwerter sind.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.