Mal ein paar Sätze zu Halloween

So. Die Kinder sind aus dem Haus und gehen Süßigkeiten erschnorren. Endlich herrscht Ruhe in der Bude. Sehr schön.

Leider sind nicht alle Begleiterscheinungen des Halloween-Festes so erfreulich. Denn wie es nun einmal ist in Deutschland, wenn andere Menschen einfach Spaß haben und feiern wollen, versammelt sich gleich eine Blase moralinsaurer Bedenkenträger, um mit sorgenvoller Miene auf dies und das und jenes hinzuweisen.

Dies: irgendwas mit Amerika. Das: irgendwas mit Kommerzialisierung. Jenes: irgendwas mit christlichem Abendland. Die heilige Dreifaltigkeit des Deppentums also.

Denn was, ihr Halloween-Kritisierer, ist gegen das Fest denn einzuwenden? Dass es albern ist? Darin unterscheidet es sich natürlich grundlegend von allen anderen Festen, wie sagen wir Weihnachten, wo ein Kind von einer Jungfrau zur Welt gebracht wird und am Himmel ein leuchtender Bonus-Stern aufgeht, oder Ostern, wo ein Toter den Felsen von seiner Grabkammer wegrumpelt und wieder quicklebendig wird, von Karneval gar nicht erst zu reden. Ach, das findet ihr auch alles doof? Ihr geht lieber zum Fußball oder in die Oper? Weil … weil es weniger albern ist? Bitte! Auf diesem Niveau wollen wir doch gar nicht erst anfangen.

Es gibt aber doch gar keine Gruselwesen, jammern die Haloween-Kritisierer dann, und der Gedanke, die Toten oder irgendwelche Geister oder was immer würden irgendwie durch die Gegend wuseln, das sei okkult? Die Leute sollen lieber, wie speziell Vertreter der evangelischen Form des Aberglaubens stets verlangen, in die Kirche gehen und am Reformationstag Martin Luther gedenken? Weil der am selben Tag seine Thesen in Wittenberg anschlug? Was wahrscheinlich noch nicht mal stimmt? Dem Martin Luther sollen die Kinder also gedenken, der selbst allen Ernstes behauptete, der Leibhaftige höchstselbst sei ihm erschienen, und der dafür, dass er ihn mit einem Tintenfässchen bewarf, nicht, wie es heute sinnvollerweise ganz selbstverständlich Usus wäre, in die geschlossene Psychiatrie gesteckt wurde, sondern der stattdessen bis heute als großer Sinnstifter gilt? Aber ausgerechnet der Kürbisquatsch zu Halloween soll mystisch und gefährlich sein?

Aber vor allem, so quaken die Halloween-Kritisierer, sei das ein Fest, dass nicht zur europäischen Kultur gehöre. Aber es kommt doch aus Irland? Na gut, dann eben nicht zur deutschen Kultur. Deutschland den deutschen Festen! Einen Muttertag, den feiern wir gerne, der ist deutsche Wertarbeit, ein bisschen was fürs Herz, es gab ja schließlich nicht nur die Autobahnen. Auch sonst begehen wir schließlich die Feste gerne, wie sie kommen: Buß- und Bettag, Christi Himmelfahrt, Volkstrauertag, Kristallnacht. Die Deutschen verstehen zu feiern.

Da brauchen wir nicht noch dieses zweifelhafte Ami-Fest, nölen die Halloween-Kritisierer. Denn, da finden sie zusammen, die Zonis und die Nazis und die Linken, sofern es sich überhaupt um getrennte Gruppen handelt: Alles ist so schlimm amerikanisiert. Erst kam die Negermusik, dann wurden unsere schönen, gesundheitsfördernden Vollwertkost-Imbissbuden mit ihren kruppstahlharten Currywürsten durch dickmachenden Ami-Fraß von McDonalds ersetzt, dann haben die Amerikaner Kriege angefangen, was der deutschen Seele nun einmal grundlegend zuwider ist, und jetzt erledigen sie den Rest noch mit Halloween. Am Ende wird dann noch ein Schwarzer Bundeskanzler!

Aber es ist ja nicht nur die Amerikanisierung, quaken die Halloween-Kritisierer gleich darauf, es ist die Kommerzialisierung! Eine Erfindung der Geschäftsleute! Ein Feiertag wird erfunden, um Geld damit zu verdienen. Man stelle sich vor, so was hätten wir mit Weihnachten oder Ostern gemacht. Und wissen Sie, was so ein Kürbis kostet? Und dann noch die Bonbons! Da reibt sich der diabolisch lachende Kapitalist vor Freude die Hakennase.

Und schließlich, holen die Halloween-Quengeler zum finalen Schlag aus: Früher gab’s das schließlich auch nicht!

Oh. Das stimmt natürlich. Das hatte ich nicht bedacht. Na dann.

 

Und, so muss ich mich selbstkritisch fragen, sind denn wirklich alle Halloween-Kritisierer so, wie sie scheinen? Alt, ranzig und ungewaschen? Übellaunige Schrate, die eifersüchtig darüber wachen, dass Kinder bloß nicht einfach so zusätzlich Spaß haben, weil ihre verschorfte Seele das eben nicht erträgt? Keineswegs. Man kann auch ohne Halloween lustig sein. Wie beispielsweise der evangelische Pfarrer Michael Bruch, der in den Westfälischen Nachrichten das Fest kritisierte, aber dennoch kein übellauniger Griesgram ist: „Man muss dem mit Spaß begegnen. Meine Frau und ich machen das so: Wenn Kinder kommen, haben wir Schokolade da. Aber wir fragen immer: „Wir feiern heute Reformationstag – kennt ihr etwas aus der Kirche? Irgendein Lied oder eine Gebetsstrophe?“ Wenn sie etwas kennen bekommen sie etwas. Man muss das nicht verbissen sehen.“ Auch die Besinnungsgrüne Katrin Göring-Eckhardt bleibt ganz entspannt: „Die “Lutherbonbons”, die von evangelischen Christinnen und Christen den Halloween-Kindern mitgegeben werden, sind seit Jahren der Renner!“ Denn: „Es schmeckt nach Zitrone und Orange, und ist in keinem Geschäft zu kaufen. Das „Lutherbonbon“ ist eine Idee der Evangelischen Kirche.“

Und der große abendländische Poet Franz Josef Wagner schließlich dichtet zu alldem: „Süßes oder Saures. / Kürbisse, angemalte Gesichter. / Ich mag diesen Quatsch nicht. / Ich mag, wie es früher war, als wir zu unseren Gräbern gingen. / Einen Blumenstrauß ablegten. / Natürlich sahen die Toten die Blumen nicht, aber wir sahen sie.“

Jetzt mal im Ernst: Wer wollte angesichts solcher Hohlköpfe noch etwas gegen ausgehöhlte Kürbisse sagen? Die leuchten wenigstens von innen, wenn die Nächte immer länger werden.

Kommentare (10)

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  2. Okkult? Monster? Geister? Tote? Dicke Kinder, die Süßigkeiten an Haustüren erpressen? Kommerz? USA? Das klingt für mich nach einer gelungenen Veranstaltung. Ich hätte als Kind sicher großen Spaß daran gehabt. Die Gefahr könnte darin bestehen, dass manches Kind später Live-Rollenspieler oder Satanist wird. Und das sollte man als frommer Kirchendiener verhindern. Allein schon, weil die Ähnlichkeiten zum eigenen Kult so groß sind.

    Schade, dass Erwachsene so oft diskriminiert wreden. Ich meine, ich bekomme sicher Probleme, wenn ich nächstes Jahr in einer nebligen Oktobernacht im Sensenmannkostüm bei der alten Brettler klingele und ihr “trick or treat” ins Gesicht röchle. Ach, seliger Mummenschanz der Kindheitstage!

  3. Warum ich Halloween (ich nenns eigentlich Hell-On-Eve) hasse:
    Weil irgendwelche Rotzgören bei mir von sieben bis zwölf Sturmklingeln.

    Der Rest ist auch nur Karneval, daher erübrigt sich jegliche Diskussion über Sinn und Unsinn oder dem Untergang des Abendlandes.

  4. Nachtrag:
    “Auf diesem Niveau wollen wir doch gar nicht erst anfangen.” am Anfang des Artikels
    contra
    “Wer wollte angesichts solcher Hohlköpfe noch etwas gegen ausgehöhlte Kürbisse sagen?” am Ende. Das mit dem Niveau hat nicht hingehauen.

    Um fair zu sein: Leute, die in Halloween psychische Gefahren sehen, sollten sich echt mal beruhigen.

  5. Tut mir leid, evtl liegts an der temepramentvollen Vortragsweise, aber für mich klnigt das nach:
    1. Ich mag Süßgikeiten und Kostüme!
    2. Ich feier gerne.
    3. Kritk an Süßigkeiten und feiern ist doof.
    4. Wer Modeerscheinungen nicht gut findet ist alt (in derheutigen Gesellschaft ist “nicht jung” anscheinend verachtenswert) und spießig.

    Tut mir leid, immer noch nicht davon überzeugt, dass ich fetten Kindern in teuren Kostümen Süßigkeiten schenken soll, weil ein Fest, was hier keine Tradition hat, Spaß macht.
    Auf die Halloweenparty geh ich noch, aber erst nach der Messe zum Reformationstag.

  6. Naja, wohl auch eine Frage der Dosis. In Berlin, wo es weder Karneval noch Sankt Martin mit Schnörzen gibt, fehlt es den Kindern ja auch an Verkleidungs- und Abgreifgelegenheiten. Das ist hier im Rheinland anders. Siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Heischebrauch

    (Wer nun behauptet “wohl gibt es Karneval in Berlin” und “wir tun doch Laterne gehen” spricht wie ein Blinder von Farben).

  7. Also wat mir in den Sinn kommt, wenn ick an christliche Priester denke, die Schokolade und Bonbons für Kinder bereitstellen, und “dem mit Spaß begegnen”, also das will ich hier nicht näher ausführen. Neennee.

  8. Der Artikel ist überfällig. Nur noch ein paar Ergänzungen:

    1. Der Reformationstag ist ein Tag ohne jeden Bezug zu Luther und wurde von einem sächsichen Kurfürst willkürlich auf den 31. Oktober gelegt.

    2. Halloween ist älter als der Reformationstag. Sollte er von Samhain abstammen, sogar erheblich älter als Allerheiligen.

    3. Die Kirchen haben laufend Feiertage “gekapert”, etwa Wintersonnenwende (Weihnachten) oder die Sommersonnenwende und Fruchtbarkeitsfeste (Ostern).

  9. Ist dieser Text nicht schon ein paar Jahre alt? Aber gut, dass du mich dran erinnert hast, vielleicht kommt ja auch 2012 noch so ein Kind vorbei. Hinten in der Kammer haben wir bestimmt noch Zeug, welches weg muss. Unbedingt!

  10. Hoppla, da ist aber jemand in Fahrt gekommen.