Wohlinformierte Leserbriefe zum Wohl der Menschen

Muss auch noch erforscht werden: Die Parapharmazie

Kürzlich wagte es die „Berliner Zeitung“, einen kritischen Artikel über den Leuchtturm der Lebenswissenschaften, die Krone der medizinischen Schöpfung, das Großartigste seit der Erfindung des Erlenmeyer-Kolbens, also die Charité zu veröffentlichen. Kritisiert wurde, dass ein Bau, der die Berliner Steuerzahler schlappe 85 Millionen Euro gekostet hat, gewissermaßen noch als Baustelle eröffnet wurde. Kritisiert wurden Sicherheitsmängel. Kritisiert wurde die mangelnde Beteiligung der Mitarbeiter, die bei der Eröffnungsfeier nur Zaungäste sein durften. (Nicht kritisiert wurde immerhin der selten dämliche Name des Gebäudes auf dem Gelände des geschichtsträchtigen Campus in Deutschlands Hauptstadt, das mit „CharitéCrossOver“ wohl einen sicheren Platz auf der ewigen Bestenliste der peinlichsten Anglizismen für sich beanspruchen kann. Unter den Mitarbeiterinnen hat sich eh längst die liebevolle Bezeichnung „CC Null“ eingebürgert.) Kritisiert wurde auch, dass es zu den Kritikpunkten keine Stellungnahme vom Vorstand gab.

Dafür aber meldete sich „leser68“ auf den Artikel in der Berliner Zeitung. Und „leser68“ weiß Erstaunliches von sich zu berichten:

„Da ich im Umfeld des Projektes beteiligt war, kann ich sicher dazu betragen zu Ihrem Artikel einige Sachverhalte richtig zu stellen. Zur Eröffnungsfeier waren alle Projektbeteiligen, Planer, Verantwortliche, Handwerker und zukünftige Nutzer eingeladen. Selbst gekauften Sekt musste hier niemand trinken, da die Veranstalter für das leibliche Wohl im ausreichenden Maß gesorgt hatten. […]

In meiner 25-jährigen Berufspraxis kann ich mich an kein Bauvorhaben erinnern, wo der Brandschutz in diesen Maße und Umfang durch das Bauordnungsamt und Bausachverständigen geprüft und getestet wurde. Auch die Aussage das Atrium dient als Fluchtweg ist falsch. Ein Blick auf die allgegenwärtig aushängenden Fluchtwegepläne und Kennzeichnung der Fluchtwege, hätte die Sache aufgeklärt.

[…]

Es zeugt jedoch von Weitsicht der Planer, alle Vorkehrungen zu treffen um [einen fehlenden Aufzug] bei Bedarf und Vorhandensein der Mittel relativ einfach nachzurüsten. Die Beweggründe eines Herrn Berndt solche Artikel in Leben zu rufen kenne ich nicht, aber von der Berliner Zeitung wünsche ich mir für die Zukunft mehr Sachlichkeit und bessere Recherche.“

Hmm – fassen wir mal zusammen: „leser68“ war „im Umfeld des Projektes beteiligt“. Sie weiß auch, wer zu der Eröffnungsfeier eingeladen war und was die Veranstalter eingekauft hatten. Leser68 hat eine 25jährige Berufspraxis der Prüfung von Bauvorhaben und kennt sich im Gebäude so gut aus, dass sie über „allgegenwärtig aushängende Fluchtwegepläne“ Bescheid weiß. Leser68 weiß ferner, wie die Planer nachrüsten werden. Allerdings kennt sie nicht die „Beweggründe eines Herrn Berndt“, der aber im Artikel als Personalrat der Charité ausgewiesen ist. Leser68 wird somit vermutlich die Einzige sein, die sich so gut in der Charité auskennt, aber nicht den Personalrat Herrn Berndt kennt.

Dass sich leser68 in Zukunft von der Berliner Zeitung mehr Sachlichkeit und bessere Recherche wünscht, ist schön. Der fachkundige Leser der Berliner Zeitung ahnt aber, aus welcher Ecke die Winde wehen, die leser68 zu ihrer einerseits ungewöhnlich informierten, andererseits anonymen Leserbriefäußerung veranlasst haben könnten. Was ist da los? Warum fehlt plötzlich die Energie, gegen missliebige Artikel mit juristischen Mitteln vorzugehen? Die “Berliner Zeitung” kennt sich doch bereits bestens aus im Stahltal des Öffentlichkeitsrechts, hat sie doch oft genug das Vergnügen haben dürfen, von den Anwälten der Charité zu einer Gegendarstellung gebracht worden zu sein. Vielleicht kann sich „leser68“ auch hier mal äußern als anonyme Kommentatorin. Jetzt mal ehrlich, uns könnt ihr’s doch sagen. Wir verraten garantiert nichts und niemanden, so wahr wie das neue Gebäude für Forschung und Lehre genutzt wird.

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