Nur als Anregung: “Helskägg” heißt Vollbart und wäre doch als Zeichen der Wiedergutmachtung auch ein schöner Name für eine Möbelserie

Was genau war jetzt der Nachrichtenwert an der Mitteilung, dass Ikea Möbel von politischen DDR-Häftlingen herstellen ließ? Galten diese Häftlinge als handwerklich besonders ungeschickt, so dass es ein qualitativer Skandal ist, dass diese Möbel nicht von den kundigen Händen von Taschendieben oder mit den sachverständigen Griffen versierter Mörder gefertigt wurden? Oder hatte man bisher angenommen, dass die Häftlingen in der DDR ihren Alltag mit individueller Freizeitgestaltung und dem Ausmalen von Mandalas verbracht hätten? Dass abends die Schließer vorbeikamen und sagten: „Liebe Gefangene und Gefangeninnen, erst mal einen schönen guten Abend. Ich wollte gern mit Euch die morgige Tagesgestaltung absprechen. Gibt es jemanden der vor zehn Uhr aufstehen möchte? Nein, ok. Was darf’s denn morgen zum Frühstück sein. Der Gregor hatte ja gestern Geburtstag und da dachten wir vom Personal eigentlich, dass wir vielleicht einen Kuchen backen und dann morgen alle gemütlich zusammensitzen.Gegen 12 dachten wir vielleicht, dass ihr Euch nochmal ausruht, weil wir doch am Nachmittag miteinander musizieren wollen und da sollt ihr doch alle frisch sein. Den Abend dachten wir dann mal wieder einen gemütlichen Fernsehabend am Kamin zu machen. Aber denkt dran: Jeder nur eine Flasche Wein. Also, macht’s gut und schlaft recht schön.“

Fragt man die Betroffenen selbst, ist das Bild so verwirrend wie ein Ikea-Bauplan:

Hanno S. aus Berlin: „Ich habe damals wegen Flugblättern eingesessen, die für den Frieden waren. Dass wir Möbel für eines der friedfertigsten Länder der Erde fertigen durften, war oft das Einzige, was mir in diesen dunklen Stunden Hoffnung gegeben hat.“

Katrin B. aus Dessau: „Ich bin damals inhaftiert worden aus meinem Protest gegen den Umgang der DDR mit dem Bauhaus-Erbe. Ich bin immer schon sehr ästhetisch orientiert gewesen und an der DDR hat mich am meisten die absolute Gleichgültigkeit gegenüber Schönheit aufgeregt. Die Brillen im Osten – das können Sie sich nicht vorstellen. Ganz zu schweigen von der Architektur oder der Inenneinrichtung. Schrankwände so weit das Auge blicken konnte. Daher dachte ich, dass sie sich diese scheußliche Möbelproduktion extra für Häftlinge wie uns ausgedacht hatten, um uns besonders zu demütigen. Ich habe nie wieder so Schreckliches durchmachen müssen, wie dazu gezwungen zu werden, an diesem Verbrechen an der Ästhetik zur Mittäterin zu werden. Jahrelang nach der Wende hatte ich Angst, dafür unter den Bedingungen des neuen Systems belangt werden zu können.“

Peter P. aus Zeulenroda: „Ich war auch politischer Häftling, aber ich habe damals nicht gerade wegen linksextremer Ansichten eingesessen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Unter den Haftbedingungen habe ich extrem gelitten. Da fährt man für seine nationale Überzeugung ein und dann muss man Möbel für irgendwelche ausländischen Zecken fertigen. Das schwedische Volk ist ja eigentlich ok, aber die damalige Regierung war furchtbar.“

Ilona K. aus Neubrandenburg: „Die Zeit war hart. Aber wir haben natürlich versucht, unsere politischen Aktivitäten auch im Knast fortzusetzen. Ich war damit beauftragt, die Konstruktionspläne für das Regal Fylaktig zu zeichnen. Diese Position habe ich dazu genutzt, Informationen über unsere Gefangenschaft in codierter Form nach draußen zu übermitteln. Der Code war einfach genial. Leider gelang es niemandem, ihn zu knacken, genauso wie es mit diesen Plänen natürlich niemandem gelingen konnte Fylaktig aufzubauen. Ich dachte immer, das müsste doch jemandem auffallen. Aber es war nicht so. Die Serie wurde nach 1989 eingestellt.“

Marian P. aus Siret: „Ich bin kein Zwangsarbeiter. Ich war einfach einer der rumänischen Mitarbeiter von Ikea. Ich bin gern um 5 Uhr aufgestanden und habe zwölf Stunden am Tag die schönen Qualitätsmöbel für meinen wunderbaren Arbeitgeber gefertigt. Ich finde es gut, dass die Schweden locker und unverkrampft sind, zum Beispiel mit Dingen wie dem Arbeitsschutz, das sehen viele zu verbissen. Dass sie das Werk nach neun Jahren geschlossen haben, weil unser Lohn von 89 Euro auf 300 im Monat geklettert war, dafür habe ich alles Verständnis der Welt. Weil ich meine für mich als Rumänen waren doch 89 Euro eine ganze Menge Geld. Ok, der Chef von Ikea hat 300 Millionen mal mehr auf seinem Konto, aber er ist auch der Chef und seine Leistung ist vermutlich 400 Millionen mal mehr wert. Das Leben ist kein Ponyhof und auch Ikea muss sehen, wo es als Unternehmen bleibt.“

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*