Hippokrates schweigt

 

Arzttheater - Theaterarzt, Hauptsache Drama

Man kann darauf warten: Wann immer gesundheitspolitische Themen aufkommen, wird sich mindestens eine Kommentatorin finden, die Ärzte an ihren hippokratischen Eid zu erinnern. Achtung Eilmeldung: Der Eid des Hippokrates wird seit Jahrzehnten an keiner deutschen medizinischen Fakultät mehr abgelegt und nur an wenigen auch nur unterrichtet. Die Ärzte daher ständig daran zu „erinnern“ ist darum sinnlos. Abgesehen davon, dass grundlegende Forderungen aus der Eidformel tagtäglich gebrochen werden, so sollten die Ärzte nach dem Eid keine Blasensteine operieren und keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen. Die gleichen Kommentatoren wären entsetzt zu hören, dass Hippokrates sich auch explizit gegen ärztliche Sterbehilfe wendet. Liebe JournalistInnen, lasst uns also mit dem Eid des Hippokrates in Ruhe, der ist 2000 Jahre älter als der Pressekodex, um den Ihr Euch doch auch schon längst nicht mehr schert.

Nun: Der Krankenhausreport der AOK 2013

Das Wissenschaftliche Institut der Allgemeinen Ortskrankenkassen hat etwas ganz Erstaunliches herausgefunden: Wirtschaftliche Lenkung funktioniert. Besonders lukrative Eingriffe werden besonders häufig durchgeführt, wodurch es bei diesen Eingriffen zu starken Steigerungsraten kommt. Die AOK prangert das jetzt natürlich an, denn nur 10 Prozent der Steigerung seien auf patientenabhängige Faktoren zurückzuführen, soll heißen, dass neunzig Prozent der Steigerung mit wirtschaftlichen Erwägungen der Krankenhäuser zusammenhängen.

Aber was bitte hatten sich die Krankenkassen denn gedacht mit dem System der Fallpauschalen, das sie jetzt auch im letzten gallischen Dorf (der Psychiatrie) einführen wollen? Ging es ihnen darum, unnötige Operationszahlen zu senken? Ging es darum, die Patientenversorgung auch in strukturschwächeren Regionen zu verbessern? Sollten sie die hausärztliche Versorgung fördern oder eine allgemeine Abkehr von der technischen Medizin zur sprechenden Medizin bewirken? Natürlich nicht!

Die Kassen sammeln das Geld der in Deutschland gesetzlich Krankenversicherten ein und entscheiden dann, wie sie es ausgeben. Zwar gibt es gesetzliche Vorgaben, aber innerhalb dieser Vorgaben gibt es Gestaltungsspielräume. Und diese wurden in den letzten Jahren konsequent dazu genutzt, die ärztliche Behandlung der kassenversicherten Patienten in Richtung Kurzzeitversorgung und Minimalbehandlung zu steuern. Die Behandlung von Rückenschmerzen ist eigentlich sehr zeitaufwändig. Lebensführung, Ernährungsweise und psychosomatische Faktoren spielen dabei eine große Rolle. Es fällt jedem Menschen schwer, da etwas zu ändern. Dazu braucht man Vertrauen zum Arzt, dazu braucht man viel Zeit, viele Gespräche, Geduld. Dafür bekommt eine Ärztin 10 Euro pro Monat pro Patient. Um also einen Stundenlohn von 30 Euro für sich und ihr Personal zu erwirtschaften, kann sie nicht mehr als 20 Minuten pro Monat mit dem Patienten verbringen, einschließlich Begrüßung, Untersuchung, Schreibkram und Verabschiedung. Schreibt sie nun auch noch Physiotherapie auf, bezahlt die Kassen zehn Behandlungen, für mehr Behandlungen fordert die Kasse das Geld für diese Behandlungen von der Ärztin, was natürlich die 10 Euro pro Monat weit überschreitet. Theoretisch könnte die Ärztin mithilfe irgendwelcher Formulare auch noch mehr als zehn physiotherapeutische Behandlungen für ihren Patienten herausschlagen, die Zeit dafür muss sie aber von den 20 Minuten abziehen, die sie mit dem Patienten verbringt, kann also ein bis zwei Monate nicht mehr mit dem Patienten sprechen. Wird der selbe Patient an der Wirbelsäule operiert, gibt es dafür 3000 Euro und in den nächsten Monaten geht es darum, neue Schmerzmedikamente aufzuschreiben. (Ausnahmen werden nur für ukrainische Ex-Regierungschefinnen gemacht.)

Ja: Das hat Steuerungswirkung. Niemand weiß das besser als die Krankenkassen, die nunmehr Jahrzehnte der Erfahrung mit dieser Art der Steuerung haben. Wenn sich die Krankenkassen über gestiegene Behandlungszahlen für teure Eingriffe erregen wollen, müssen sie bitte auch die gesunkenen Behandlungskosten für die sprechende Medizin in Betracht ziehen. Die Kassen werden sagen, dass niemand die Ärztin daran hindert, sich für 10 Euro im Monat ganz intensiv um ihren Rückenschmerzpatienten zu kümmern, um durch intensive Fürsorge die kostspielige Operation zu verhindern. Doch leider wird man Vermieter und Energieversorger der Ärztin nicht dazu überreden können, die Miete zu senken und die Sprechstundenhilfe möchte mutmaßlich ein Gehalt, das oberhalb der Hartz-IV-Sätze liegt. Also wird hier gesteuert. Mittelschwer Erkrankte können nicht mehr durch eine Praxis versorgt werden, schwer Erkrankte können kaum noch in einem Krankenhaus kostendeckend versorgt werden und schwerst Erkrankte will niemand mehr haben, man frage nur die Piloten der Rettungshubschrauber, die ihre Schwerstverletzten nicht unterbringen können, weil an jedem von ihnen ein Preisschild hängt, auf dem „€ -100.000“ steht.

Die Kassen sind mit diesem System sehr gut gefahren, sie haben aus den Mitgliedsbeiträgen der Versicherten mittlerweile Rücklagen von 19,5 Milliarden Euro gebildet, die sie nicht auftragsgemäß an die Patienten oder Ärzte verteilt haben, obwohl es sich wohlgemerkt nicht um Spar-, sondern Krankenkassen handelt. Die Milliardenwerte der Immobilien der Krankenkassen in den deutschen Innenstädten gehen in diese Rechnung noch nicht einmal ein. Klar, dass man niemanden finden wird, der unnötige Operationen gutheißt oder sich wünscht, dass Schrittmacher implantiert werden, wo es auch ohne ginge. Aber zu einer ehrlichen Diskussion gehörte es, beide Seiten der Medaille zu betrachten.

Rein und fromm werde ich mein Leben und meine Kunst bewahren.

So heißt es im Eid des Hippokrates. Eine schöne Illusion, doch die Rahmenbedingungen dafür sind längst zerstört.

Kommentare (7)

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  1. Nee, du hast mich falsch verstanden, ich meinte: deswegen denken alle Laien, dass dieses Eid immer noch aktuel ist, weil wir eigentlich wollen, dass Ärzte wie Götter sind. Na. Oder Priester.

  2. endlich mal ein vernünftiger artikel über das krankenkassenunwesen. als langjährige hausärztin bin ich sehr dankbar dafür. die darstellung unserer arbeitsbedingungen in den medien, leider oft auch in der taz, ist meistens sehr entstellend. in diesem beitrag kann ich aber meinen arbeitsalltag wiederfinden.

  3. Wir Ärzte sind nicht wie Priester! Das ist beleidigend.

  4. Obwohl…..wir in Geschichte so viel Nazi-Zeit gelernt habe, dass ich problemlos die BZ-Integrations-Test bestanden habe….also ihre Arbeit war auch nicht total umsonst. Ich denke, vielleicht brauchen wir das, diese hippokratische Eide, die Laien, wir brauchen das, wir wollen, dass Ärzte Fast-Götter sind. Oder wie Priester.

  5. Wiki sagt, dass 98 Prozent der amerikanischen und die Hälfte der englischen Medizinstudenten “eine Art von Eid” am Ende des Studiums schwören. Aber praktisch niemand benutzt mehr das Original. Was die Arbeit Deiner Geschichtslehrerin betrifft, möchte ich mir kein Urteil erlauben, aber in Bezug auf deutsche Geschichte hat sie jedenfalls keine Wunder vollbracht.

  6. Wiki sagt, dass etwa 98 Prozent der amerikanischen und die Hälfte der englischen Ärzte “eine Art von Eid” schwören, wo praktisch nie mehr das Original ist.

  7. Aber wir haben das auswendig in der Schule gelernt, diesen hippokratischen Eid, wenn ihr das nicht mehr sagt, dann war die Arbeit meiner Geschichtelehrerin total umsonst , aber vielleicht sagen sie das noch in England Jakob? Weißt du das? I fucking hope so.