TATORT: Wegwerfmädchen

Doppelbesprechung zum Doppel-TATORT: Heute Heiko Werning zu “Wegwerfmädchen”, nächste Woche Jakob Hein zu “Das goldene Band“. Beide Texte entstanden für den Tatort-Fundus:

Weggeworfenes Wegwerfmädchen in barocker Farbenpracht Foto: NDR

Auftakt zum ersten „richtigen“ Zweiteiler der TATORT-Geschichte: Vage Einblicke in eine bizarre Party in noblem Ambiente. Edlen, älteren Herren werden in barocke Kleider gehüllte junge Frauen zugeführt, denen vor ihrem Dienst noch rasch eine Spritze verabreicht wird. Aus der dekadenten Orgie wird ein Alptraum, etwas läuft aus dem Ruder. Zwei der minderjährigen Frauen werden in Müllsäcke gestopft und im nächsten Container der allerdings gerade im Streik befindlichen Stadtreinigung entsorgt – Wegwerfmädchen eben. Die Arbeitsverweigerung der Müllwerker rettet einer der Frauen das Leben, die andere ist dagegen tot. Da es sich offenbar um osteuropäische Zwangsprostitutierte handelt, schaltet das LKA sich ein und setzt Charlotte Lindholm auf den Fall an, die bald schon eine Spur ins von Rockern kontrollierte Rotlichtmilieu Hannovers findet.

 

Viele stehen staunend vor dem Phänomen TATORT, das im Gegensatz zu fast allen anderen traditionellen Fernsehformaten nicht nur nicht schwächelt, sondern gerade eine echte Hochphase feiern kann. Regelmäßig werden derzeit wieder Zuschauerrekorde gemessen, wie es sie seit zwanzig Jahren nicht gab, also zu einer Zeit, als die private Konkurrenz noch in den Kinderschuhen steckte, das Internet noch irgendeine spinnerte Nerd-Sache war und die Zuschauer noch nicht über dutzende Spartensender verfügten. Und, das ist das nächste kleine Wunder: Der Anteil junger Zuschauer ist, ganz gegen den öffentlich-rechtlichen Trend, ebenfalls ausgesprochen hoch. Man mag viel kritisieren an der ARD und der Reihe, aber zunächst mal gilt festzuhalten: Sie ruhen sich nicht aus auf den jüngsten Erfolgen, im Gegenteil. Munter wie selten zuvor wird derzeit an allen Ecken und Enden experimentiert, mit neuen Ermittlern, Format-Erweiterungen, Stilen. Nachdem uns Ostern schon eine Doppelfolge von WDR und MDR mit zwei sich wechselseitig besuchenden Ermittlerteams und aufeinander aufbauenden Fällen präsentiert wurde, die allerdings inhaltlich kaum über Mittelmaß hinauskam, schickt jetzt der NDR die neben den Münsteraner Humoristen erfolgreichste Kommissarin in den ersten echten Zweiteiler der gesamten Reihe. Der reflexhaft misstrauische Kritiker äugt allerdings ängstlich auf die Ankündigung, beide Teile könnten auch für sich stehen, was zunächst mal nach halbherziger Umsetzung klingt. Natürlich, auch mit dem Doppel-Lindholm wird aus TATORT nicht „Breaking Bad“ oder „Luther“, aber gerade bei den eher konventionell und immer seifenopernhaft gehaltenen Beiträgen aus Hannover ist die Sorge groß, dass im Grunde zwei irgendwie zusammengeklöppelte Folgen als Zweiteiler präsentiert werden, die dann zwischen Rosamunde Pilcher und Krimi herumstoppeln könnten.

 

Niederungen der deutschen Politik

Zur Überraschung zumindest dieses Kritikers hier, der in der Vergangenheit auch schon arg geschimpft hat über den Niedersachsen-TATORT, gelingt aber beides fast überraschend gut. Der Zweiteiler ist ein echter Zweiteiler, der gewonnene Raum wird tatsächlich genutzt für eine komplexe Geschichte, eine sorgfältigere Figurenzeichnung und eine zusammenhängende Handlung, der Fall selbst ist interessant, die Inszenierung mindestens gefällig.

Nachdem der NDR sich unlängst schon in Kiel in die Niederungen der deutschen Politik gewagt und den Fall Barschel aufgearbeitet hat, dringt er diesmal frontal in die unmittelbare Gegenwart ein. Was ist es auch bloß mit Hannover? Eine Frage, die sich schon viele gestellt haben angesichts der halbseidenen bis merkwürdigen Gestalten, die zuhauf von dort auf die nationale Bühne dringen, von Lena bis Christian Wulff, von Gerhard Schröder bis Carsten Maschmeyer, von Margot Käßmann bis zum Oberrocker Frank Hanebuth. Und offenbar sind alle irgendwie miteinander verbandelt. Im aktuellen Fall konzentriert Lindholm sich zunächst auf die Rockerszene um die Chefkutte Uwe Koschnik, überragend gespielt von Robert Gallinowski. Bald schon zeigen sich aber Verbindungen in die besseren Kreise der Stadt, deren zentrale Figur der erkennbar an Maschmeyer angelegte Immobilienfiesling Hajo Kaiser ist. Dessen Biograph ist Lindholms neuer Lover, der als Undercover-Investigativjournalist an einer Aufdeckungsgeschichte über den politischen Klüngel der Landeshauptstadt arbeitet. Das klingt furchtbarer, als es ist – zwar nerven die TATORT-immanenten persönlichen Verstrickungen auch mich, hier aber kommen sie einerseits näherungsweise glaubwürdig daher und entwickeln andererseits in Teil 2 (wo die Glaubwürdigkeit dann allerdings einige Abstriche erleidet) auch eine für die Handlung entscheidende Dynamik, sind also zumindest nicht einfach nutzlos für den Verlauf in die Geschichte hineingeschrieben.

 

Keine Gerechtigkeit zum Schluss

Zum ganz großen Highlight reicht es nicht, dafür bleiben die Figuren dann doch zu eindimensional und die Inszenierung zu sehr im Mainstream. Allerdings führt vor allem die durch die Bank hervorragende Besetzungsriege dazu, dass die sonst gerade in solchen Fällen übliche Degradierung der High-Society-Leute auf Abziehbildchen-Niveau ausbleibt. Und immerhin eine tatsächlich ambivalente Figur erlaubt der Film sich dann doch und verleiht dem „Wegwerfmädchen“ zumindest partiell die Tiefe, die er für den ganzen Fall eher behauptet: der ermittelnde Staatsanwalt, der sich einerseits um die Aufklärung bemüht und andererseits selbst als Puffgänger auffliegt, bleibt unauslotbar, hier wird auf die übliche Klischee-Zuweisung dankenswerterweise verzichtet. Etwas mehr davon hätte auch den anderen Figuren und der Inszenierung gut getan, aber dennoch: „Wegwerfmädchen“ ist, für sich betrachtet, ein gelungener, vor allem aber nicht glatt ausgehender Film – hier wird die Konstruktion des Zweiteilers sogar zur zusätzlichen Stärke, denn der Fall findet durchaus ein Ende, sodass dieser TATORT tatsächlich auch für sich stehen könnte, nur widerspräche dieses Ende dann eben nicht nur dem Gerechtigkeitsfühl von Charlotte Lindholm, sondern auch den meist eingehaltenen Regeln des Genres. An der Stelle setzt dann „Das goldene Band“ eine Woche später ein – aber dazu dann mehr vom Kollegen Jakob Hein.

Kommentare (2)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*

  1. Pingback: Tatort “Das goldene Band” | Reptilienfonds

  2. Der ORF hat bereits einen Trailer für den neuen Tatort veröffentlicht: https://www.youtube.com/watch?v=JWHhFKcjE1E

    Ich kann also gespannt sein, was uns da die nächsten Tage erwartet.