Tatort “Der tiefe Schlaf” weckt Münchner Ermittler auf

 

Foto: ORF/BR/Kerstin Stelter

Ein Mädchen fährt im Dunkeln allein mit der S-Bahn nach Hause und das am Anfang eines „Tatorts“. Sowas kann nicht gut gehen. Sie macht noch zwei Anrufe und dann ist sie tot. Batic und Leitmayr würden wohl auch durch diesen Fall wie zwei gelangweilte Seelöwen durch den Nordpazifik treiben, wenn sie sich nicht ein Eigentor geschossen hätten. Als Kriminaloberrat Wellisch eine Nachfrage hat, beschweren sie sich bei der Gelegenheit über ihre ungenügende personelle Ausstattung.

Ich hätte da schon jemanden“, sagt Wellisch und das Unglück nimmt seinen Lauf.

Für uns Zuschauer indes beginnt einer der besten Tatorte des Jahres. Und das liegt zu einem ganz entscheidenden Teil an dem Neuen, der dann kommt. Denn der überaus motivierte und überaus nervende Gisbert Engelhardt ist genau das, was Leitmayr und Batic gefehlt hat. Fabian Hinrichs spielt den ehemaligen Bundeswehrsoldaten und Technikfreak mit maximaler Intensität und Brillanz. Man kann nicht einfach nicht mögen, obwohl er einem leid tut. Aber man kann ihn auch nicht hassen, obwohl er mit seinen ständigen Fehlern und Dummheiten schon arg belastend ist. Und obwohl er voll peinlicher Sprüche steckt, will man doch nicht über ihn lachen. Lächerlich machen sich hier höchstens die Alten. Engelhardt bringt die beiden Kriminalhauptkommissare an ihre Grenzen, aber gerade nicht, weil er so viele Fehler macht. Er steigt in den Fall mit Herzblut und Engagement ein, dass sich die beiden alten Hasen wundern müssen und auch ein bisschen angefasst sind. In einer nächtlichen Aktion analysiert Engelhardt die letzte Tonaufzeichnung vom toten Mädchen und erstellt ein Täterprofil. Nach seiner Theorie müsste der Täter einen Räuspertic haben, älter als fünfzig sein und die Strecke, auf der das Verbrechen geschehen ist, sehr gut kennen. „Und ich habe eigentlich immer Recht“, sagt er dann auch noch.

Leitmayr sieht seine Aufgabe zunächst vor allem darin, das Fenster seiner Dienststube wieder zuzumachen, damit die viele frische Luft nicht die ganzen schönen Akten durcheinander wirbelt. Denn Engelhardt ist ein notorischer Aufreißer, zumindest was Fenster und den eigenen Mund betrifft. So verspricht er der Mutter des toten Mädchens, den Täter auf jeden Fall zu schnappen, was Leitmayr fast genauso aufregt wie das offene Fenster. Viel wahrscheinlicher als die übergeschnappte Serientäter-Idee ist doch schließlich eine Beziehungstat und außerdem hatte das Mädchen Fotos von ihrem Lehrer (Stefan Murr) bei sich im Zimmer zu hängen. Engelhardt will alles richtig machen, stimmt seinen Kollegen manisch zu, die ihn zeitweise wie einen Hund im Auto vergessen. Nett werden sie erst zu ihm sein, wenn sie ihn rausschmeißen wollen.

Drehbuchautor und Regisseur Alexander Adolph ist hier ein wirklich guter „Tatort“ gelungen. Der Fall wird in interessanten Rückblenden erzählt, kommt nicht zu kurz, endet aber trotzdem mit einem großen Fragezeichen. Aber auch so erfahren wir viel im Rückblick, im Nachhinein, ohne dass wir uns dadurch betrogen fühlen. Im Mittelpunkt stehen die Ermittler Leitmayr und Batic, die durch den naiven Draufgänger Engelhardt gezwungen sind, sich selbst in Frage zu stellen. Am Ende bringt er die beiden sogar in eine existenzielle Krise. Adolph hat ein Faible für Typen wie den armen Gisbert, schon in seinem Film „So glücklich war ich noch nie“ stand ein ähnliches Würstchen im Zentrum der Handlung. Trotz der großen Ernsthaftigkeit und Ambition des Stoffs wird die Geschichte mit viel Humor erzählt, eine Tugend, die in Deutschland noch nicht sehr entwickelt ist.

Man wünschte sich, Alexander Adolph würde mit seinen Büchern und Ideen noch durch so manches Ermittlerteam fahren, von Bremen über Hannover bis Leipzig könnten das einige der Kollegen zweifellos vertragen. Wir würden hier so gern noch einiges erzählen und lamentieren, warum Fabian Hinrichs nicht weiter in München ermitteln kann, haben aber das Gefühl, damit doch zu viel zu verraten und das Vergnügen an diesem überaus sehenswerten Krimi schmälern. Und das wollen wir nicht.

Unbedingt aufzeichnen und nach der Reformbühne „Heim & Welt“ ansehen, die am Sonntag mit den großartigen Gästen Karsten Krampitz, Zuckerclub und Andreas Becker sowie erstmals nach langer Pause wieder mit Ahne (Faust 3) um 20.15 Uhr im Kaffee Burger stattfindet.

Kommentare (3)

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  1. @münchna: Besten Dank. Den Fehler mache ich seit Jahren. Habe es im Artikel korrigiert.

  2. Guter Kommentar, vor allem die Erläuterung des frischen Windes, den der etwas zu hektische Neue ins Kommissariat bringt.
    Einer der besseren Krimis.
    Aber wie schreibt man “Brillianz” wirklich?

  3. Diesen Kommentar kann ich gar nicht nachvollziehen. Gut wenn der Film in 30 min durchgezogen wird. Das Dumme der Tatort soll 90 min unterhalten und das wird hin gezogen mit Laufband, Landschaft und langen Szenen. Das Auftreten von Engelhardt war erfrischend, die Trauer von Leitmeyer und Batic unglaubwürdig.Und ein fürchterliches (dramatisches?) Brummen im Hintergrund zum Aufbau einer Spannung, die nicht da ist. Der beste Tatort des Jahres. Wirklich nicht Jakob Hein