TATORT: Machtlos

Alle Berliner müssen selbstverständlich am Sonntag um 20.15 Uhr zur Reformbühne Heim & Welt ins Kaffee Burger kommen, wo Jakob Hein, Ahne, Falko Hennig, Uli Hannemann, Jürgen Witte und ich die wunderbare Kleingeldprinzessin Dota sowie Mathias Kopetzki als Gäste begrüßen. Den Berliner TATORT muss man dann eben aufnehmen; mit dem geht das nämlich, mit der Reformbühne nicht. Ich habe ihn mir allerdings für den Tatort-Fundus schon vorab angeschaut und bin sehr angetan. Ganz im Gegensatz zum Kollegen Christian Buß auf Spon, der zum diametral entgegengesetzten Ergebnis kommt. Wo ich schon jetzt einen der besten TATORTe des Jahres sehe, erkennt er den “langweiligsten TATORT aller Zeiten“. Hm, das stimmt mich doch etwas nachdenklich, zumal ich seinen Urteile sonst oft zustimme. Tja. Möge sich jeder selbst ein Bild machen.

Machtlos an der Schmerzgrenze

Es ist der Alptraum aller Eltern: Der neunjährige Benjamin wird entführt. Die eingeschaltete Polizei stellt die Kommissare Ritter und Stark als Kontaktpersonen ab. Eine gefühlt unendlich lange, quälende Zeit vergeht, bis der Entführer sich meldet. Das Kind scheint körperlich unversehrt, es gilt, zwei Forderungen zu erfüllen. Die erste lautet ganz klassisch: 500.000 Euro in bar. Es kommt zur Geldübergabe mitten auf dem Berliner Alexanderplatz. Und zu einer Überraschung, sowohl was das Verhalten des Täters als auch seine zweite Forderung betrifft. Denn der Mann lässt sich widerspruchslos festnehmen. Aber bei den Verhören verfolgt er seine ganz eigene Agenda. Die Zeit läuft weg, der Junge ist ohne Wasser in seinem Versteck. Ritter und Stark versuchen, das Leben des Kindes zu retten, aber ihr Gegner ist zu allem entschlossen, um sein Ziel zu erreichen.

Machen wir es kurz: Was uns das Team vom RBB hier gleich zum Jahresbeginn vorsetzt, hat beste Chancen, das TATORT-Highlight 2013 zu werden. „Machtlos“ beeindruckt von der ersten bis zur letzten Minute durch eine extrem konzentrierte Erzählweise. In aller Seelenruhe wird die Geschichte von Anfang an geradlinig erzählt: Die Opferfamilie wird vorgestellt, wir sehen die Entführung, wie die Mutter sie entdeckt, den Schock, die grausame Wartezeit bis zur ersten Kontaktaufnahme des Geiselnehmers – alles schön ruhig und dabei sehr intensiv Schritt für Schritt dargestellt. Kein unnötiger Knalleffekt, kein sinnloser Scherz lenkt ab. Schon in dieser eigentlich sehr konventionellen Herangehensweise unterscheidet der Film sich deutlich von der übergroßen Mehrzahl der aktuellen Produktionen. Er wirkt wie eine gezielte Antipode zum sonstigen TATORT-Geschehen. Während allerorten (und das meine ich überhaupt nicht negativ!) möglichst unkonventionelle Annäherungen versucht werden, sei es filmisch oder formal, sei es in der Figur der Ermittler oder seien es Handlung und Themen, bietet „Machtlos“ den größtmöglichen Kontrast. Ein extrem reduziertes Kammerspiel in klassischer Inszenierung, aus dem praktisch jedes Tempo herausgenommen ist.

Die Dramatik entsteht ausschließlich durch den Fall selbst, die Sorge um das Kind, das Mitleiden mit den Eltern, die Ohnmacht der Polizisten. Die psychische Belastung der Beteiligten wird fast schmerzhaft greifbar, eben weil überhaupt nichts passiert. Der Entführer sitzt im Vernehmungszimmer und schweigt, während die Kommissare versuchen, ihn zu knacken.

Die Komissare versuchen, den Entführer „mit allen Mitteln“ zu knacken – das wäre so eine journalistische Phrase, die man hier leicht versucht sein könnte einzusetzen, aber gerade das ist eben nicht der Fall, und auch das macht den Film zu der Ausnahme, die er ist. Ritter und Stark halten sich peinlich an alle Vorschriften, behandeln den Täter korrekt, nehmen sich maximal zurück, geben dem Impuls, es dem Typ, der da so grausam mit den Leben und Ängsten einer Familie spielt, wenigstens mal so richtig zu zeigen, in keiner Sekunde nach. Der Wunsch nach Vergeltung, nach Gewalt, nach Strafe, das Bedürfnis, die kaum erträgliche Situation irgendwie mit Handeln zu lösen: nicht den kleinsten Aussetzer gönnen die Kommissare sich. Einzig Assistent Weber, wie immer großartig verkörpert von Ernst-Georg Schwill, der zuständig ist für die Berliner Bodenhaftung, lässt zumindest aufflackern, was er am liebsten mit dem Täter machen würde. Aber auch er serviert ihm letztlich nur das gewünschte Getränk.

Natürlich ist das ein Statement: Der Fall Jakob von Metzler steht im Kopf des Zuschauers von Anfang an Pate, die Parallelen sind unübersehbar. Die Debatte über die Folter-Drohung, nicht zuletzt durch die vor kurzem breit diskutierte ZDF-Verfilmung „Der Fall Jakob von Metzlar“, durchzieht die Handlung, ohne auch nur einmal angesprochen zu werden. Auch so kann man eine sehr deutliche Meinung und eine Haltung vertreten: ohne auch nur mit einer Silbe darauf hinzuweisen.

Dass der Film trotz der endlosen Verhörszenen ausgesprochen spannend ist, liegt natürlich vor allem an den guten Darstellern, besonders dem überragenden Edgar Selge als Entführer. Aber auch Dominic Raacke und Boris Aljinovic legen hier eine wirklich sehenswerte Interpretation ihrer Rollen hin. Eigentlich passt der ruhige Stil von Ritter nicht recht zur Figurenzeichnung der vergangenen Jahre, aber Raacke schafft es ohne Verrat an seinem alternden Großstadtcowboy, die neue Rolle umzusetzen. Dass beide Schauspieler sich sogar eigens simulierten Verhören mit echten Polizisten unterzogen, um sich vorzubereiten, hat offenbar Früchte getragen.

Für manchen Zuschauer dürfte „Machtlos“ durchaus an die Schmerzgrenze gehen: Sowohl was das namensgebende Gefühl der Machtlosigkeit angeht, als auch angesichts des Wunsches, dass endlich etwas unternommen werden möge, dass endlich etwas passieren solle. Rechtsstaat muss man manchmal aushalten können. Die Verweigerung von Handlung widerspricht zudem in der filmischen Form deutlich den von Action-Streifen geprägten Sehgewohnheiten, die auch in der TATORT-Reihe ihre Spiegelung erfahren haben. Aber wer es gar nicht ertragen kann, der sei vertröstet: Bald kommt ja Til Schweiger, der, soviel darf man nach den etwas überreichlichen Vorab-Verlautbarungen schon mal vermuten, dem Bedürfnis nach motorischem Spannungsabbau ausreichend nachkommen dürfte.

Bis dahin aber kann man sich an diesem Berliner Kabinettstückchen erfreuen und einen Film sehen, der einem noch lange nachgeht.

Kommentare (6)

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  1. …sorry, die Frage bezieht sich naturlich auch auf die NICHT-BerlinerINNEN

  2. “Alle Berliner müssen selbstverständlich am Sonntag um 20.15 Uhr zur Reformbühne Heim & Welt ins Kaffee Burger kommen, wo … ”
    Frage: Und die NICHT-Berliner? Müssen die alle geschlossen den Tatort schauen?

  3. Schöne Kritik, aber vielleicht könnte man doch auch einmal den Autor und Regisseur des Tatorts nennen: Klaus Krämer.

  4. Aber der Schluss war doch sehr seicht!

  5. Genau so hab ich’s auch gesehen! Eine Oase in der Wüste der Action-Ödnis!