Absenderprobleme (II)

Hier kann man einfach hinschauen

FDP-“Chef” Philipp Rösler stellt sich hinter Rainer Brüderle und er mahnt im Kölner Stadt-Anzeiger:

Gleichwohl sei eine gesellschaftliche Debatte über Sexismus notwendig – „denn es gibt offenbar ein breites Bedürfnis, darüber zu diskutieren, aber bitte auf der Sachebene und nicht mit aggressiver Polemik.“

Er macht auch gleich vor, wie das geht:

„Die Vorwürfe gegen ihn [Brüderle] sind durchsichtig und haltlos. Das ist eine Kampagne gegen die gesamte FDP.“

Bravo! Da ist doch mal die Sacheben präzise getroffen und jegliche Polemik außen vor gelassen.

Zweifellos gibt es Sexismus in Deutschland. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit glaubt Rainer Brüderle an a.) grundlegende Unterschiede zwischen Männern und Frauen, aufgrund derer ihnen b.) unterschiedliche Rechte und Pflichten zukommen. Aber was Herr Brüderle laut Frau Himmelreichs Beschreibung an dieser Hotelbar gemacht hat, das war eine ekelhafte Anmache, kein Sexismus. Und wenn ihn Frau Himmelreich tatsächlich nachts an der Hotelbar so angesprochen hat:

“Ich möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen.”

dann sollte sie nicht erwarten, eine sinnvolle Antwort von ihm zu erhalten. Darauf hat jede/r Journalist/in eine dämliche Antwort verdient. Wohlgemerkt: Dämlich, nicht sexistisch. Aber wenn wir in Deutschland Regelungen gegen dämliche Anmachen erlassen wollen, dann müssen wir auch gleich die Pubertät verbieten. Sexuelle Belästigung ist nach wie vor verboten.

Aber wie schon die Debatte um rassistische Worte in Kinderbüchern und auch die Debatte über die antisemitischen Äußerungen Jakob Augsteins leidet auch die Sexismus-Debatte unter einem Absender-Problem. Und zunehmend erscheint das nicht mehr zufällig oder unbeabsichtigt. Denn wenn die Reportage eines sexistischen Tittenblatts über eine eklige Anmache eines alten Weinsacks als Anlass genommen wird, über Sexismus zu diskutieren, kann das wichtige Thema auf eine schiefe Bahn geraten. Sexismus ist, dass die Merkel-Regierung gesetzliche Regelungen zur Gleichberechtigung der Frauen in Führungspositionen verhindert. Sexismus ist die ungleiche Entlohnung von Frauen und Männern. Diese besoffene Anmache ist vielleicht eine sexuelle Belästigung gewesen. Aber so konnte es sich Günther Jauch leisten, plumpe Witzchen zu einem ernsten Thema zu machen.

Ebenso hatte natürlich nicht Henryk M. Broder die Antisemitismus-Vorwürfe gegen Jakob Augstein erhoben, sondern das Simon-Wiesenthal-Zentrum, in dem selbstständig denkende und selbstverantwortlich handelnde Menschen tätig sind. Aber durch Broders eigene Feindseligkeit gegenüber Menschen islamischen Glaubens wurde die ganze Debatte in eine völlig falsche Richtung gelenkt. Denn viele Muslime sind ebenfalls Semiten, wodurch man Broder genau genommen mit einigem Recht als… aber lassen wir das. Dabei offenbarten die vielen Kommentare zum Thema, insbesondere Leserkommentare, dass selbst plumpeste Vorurteile gegen Menschen jüdischen Glaubens und den Staat Israel gesellschaftlich weit verbreitet sind.

Dass jede Schneeflocke als Gegenbeweis gegen den Klimawandel taugt, ist gewissermaßen schon Standard. Und wenn die Leute zu blöd sind, den Stromanbieter zu wechseln, dann wird das natürlich auf die teuren erneuerbaren Energien geschoben. Und die dreisten Griechen haben sich verschuldet, völlig unabhängig von den rechtschaffenen, hart arbeitenden Banken, die ihnen das Geld nicht schnell genug borgen konnten.

Wenn man einen Brief oder eine Email bekommt, schaut man doch auch zunächst auf den Absender. Und notfalls kann man dann den Brief wegwerfen oder die Email ungelesen löschen. Das heißt nicht, dass es nichts zu besprechen gäbe.

Kommentare (2)

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  1. Ich denke, dass vlt alles eine Generationssache ist. Ich denke so alte Leute wie wir, also unsere Generationen, über 30+, für uns ist es Flirten wenn der Mann so onkelmäßig ist und so. Und ich denke, wir ficken mit Fremden, darf ich ficken sagen? Vögeln meine ich. Wir fögeln mit Fremden. Aber Leute 25-, sie schlafen nur mit ihren Kumpels und sie flirten in einer assexuellen Art und Weise und dann wenn so ein typ kommt und sagt “Du würdest ein Dirndl ausfüllen” ist das wirklich wie sexuelle Belästigung, also es ist sexuelle Belästigungen für sie. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wenn man drüber spricht “Hat Deutschland ein Sexismus-Problem?” und so, ich glaube nicht, dass das die Sexismus-Debatte im Allgemein schadet. Ich glaube ehrlich gesagt nicht. Ich glaube nicht, dass es ein Guthaben an Problemen oder Krisen gibt, und wenn man sagt: Ist das rassistisch? oder ist das sexistisch? das es die Gesellschaft schadet.

  2. Sehr gute und wichtige Gedanken zu dem Thema, oder den Themen. Habe mich über den Beitrag gefreut und dann kurz gedacht: “Darf man sich bei solchen Themen überhaupt freuen?” Habe mir die Frage selber mit “Ja” beantwortet.