Nachrichten vom Niedergang der politischen Karikatur XXXVII – Unsere Aufmerksamkeit ist nicht so schlecht, wie Ihr gedacht habt

Über das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom kann man in unserer Zeit fast nicht genug diskutieren und vieles wäre dazu zu sagen. Erstmals beschrieben wurde es ja eigentlich 1845 von Heinrich Hoffmann in seinem Weltbestseller “Struwwelpeter”. Der berühmte “Zappel-Philipp” aus seinem Buch wurde zum Namensgeber sowohl der volkstümlichen deutschen wie auch der englischen Bezeichnung des Syndroms. (Übrigens hieß der Sohn, für den Hoffmann dieses Buch ursprünglich als Weihnachtsgeschenk schrieb, mit zweitem Namen Philipp.)

Die heutige Diagnose des ADS entwickelte sich schrittweise und ist weiterhin in der Entwicklung begriffen. bis in die 70er Jahre war die Bezeichnung “Minimale cerebrale Dysfunktion” verbreitet, die wegen ihrer Unsinnigkeit heute verworfen ist. Die Definition des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms orientiert sich pragmatisch an vorliegenden Symptomen, da man die genaue Ursache des Syndroms nicht benennen kann. Wichtiger Teil der Diagnosestellung ist der Ausschluss jedweder anderer Ursache für die Konzentrationsschwäche (wie z.B. einer Gehirnerschütterung, einer Tumorerkrankung, einer Schilddrüsenüberfunktion). Die amerikanische Klassifikation (DSM) gilt als etwas hilfreicher als die der WHO, da bei der DSM der “vorwiegend unaufmerksame Typus”, der “vorwiegend hyperaktiv-impulsive Typus” und der “Mischtypus” der Diagnose voneinander unterschieden werden. Denn Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität sind es, die den Hilfe suchenden Menschen im Regelfall Probleme verursachen.

Unruhige, unkonzentrierte Kinder gab es schon immer. Aber erst durch die allgemeine Schulpflicht wurde die Eigenschaft der Konzentrationsschwäche zum Problem für das Kind für die Teilnahme an einem normalen gesellschaftlichen Leben. Insbesondere wenn die Eltern den Eindruck hatten, das Kind sei klug genug für die Schule, könne dies aber nicht in eine entsprechende schulische Leistung umsetzen, kam der Gedanke auf, diesbezüglich ärztlichen Rat einzuholen.

Eher zufällig wurde durch Charles Bradley 1937 entdeckt, dass unruhige Kinder nach der Einnahme von Stimulanzien ruhiger und konzentrierter wurden. Als Leandro Panizzon 1944 in Diensten der Firma Ciby erstmals Methylphenidat synthetisierte und seine geliebte Frau Marguerite nach dessen Einnahme so gut Tennis spielen konnte, taufte er das Medikament nach dem Spitznamen seiner Liebsten: “Ritalin”. Unter diesem Namen wurde es ab 1954 auf den Markt gebracht. Heute wird Methylphenidat von verschiedenen Firmen unter verschiedenen Namen verkauft.

ADS ist eine Diagnose, über die jeder etwas zu sagen hat. Die Diagnose wird heute viel häufiger gestellt als früher. Dafür gibt es viele wahrscheinliche Ursachen. Im Zentrum steht dabei sicher, dass der gesellschaftliche Anpassungsdruck in den hochentwickelten Gesellschaften stark zugenommen hat. Das Abitur, früher eher die Ausnahme, wird heute als wünschenswertes Regelziel einer schulischen Ausbildung gesehen. Die Möglichkeit auf einen anständig bezahlten Beruf ist mit einem einfachen Schulabschluss nicht gut. Selbst Förster oder Bauern sind heute Hochschulabsolventen. Und: Die Bezahlung in einfachen Berufen ist so miserabel, dass die gleichberechtigte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben stark eingeschränkt ist. Also wünschen alle normalen Eltern ihren Kindern einen möglichst hochrangigen Schulabschluss. Wie gesagt: Gesellschaftlicher Druck. Man kann darüber geteilter Meinung sein, man kann gegen diese Umstände politisch kämpfen, aber man sollte diese Meinung nicht auf dem Rücken eines konzentrationsschwachen Kindes austragen, das im Übrigen auch gern so gut wie möglich in der Schule sein möchte.

Der aufmerksame Leser wird festgestellt haben, dass hier noch an keiner Stelle von einer Krankheit die Rede war. Das hat seinen Grund. Eine Krankheit folgt der Logik: 1. Symptome beruhen auf 2. einer Pathologie, die 3. eine Ursache hat. Das Behandlungsziel für eine Krankheit ist es, diese zu heilen, möglichst, indem man die Ursache bekämpft. Aufmerksamkeitsstörungen sind nicht in diese Logik zu zwingen und das Behandlungsziel besteht nicht in der Bekämpfung von irgendwas. Das Behandlungsziel besteht darin, den Hilfe suchenden Patienten dabei zu helfen, trotz ihrer Konzentrationsstörung die Ziele zu erreichen, die sich die Patienten wünschen.

Heute herrscht in der Fachwelt Einigkeit darüber, dass diese Hilfe nur nach einer gründlichen Diagnose mit einem so genannten multimodalen Hilfekonzept erfolgreich erteilt werden kann. Das heißt, dass die schulische Situation des Kindes möglichst optimiert wird. Dies kann man durch Gespräche mit den Lehrern erreichen, aber auch durch pädagogische Fördermaßnahmen. Das heißt, dass die Eltern zu einem hilfreicheren Umgang beraten werden. Dass heißt, dass man den Kindern hilft, sich selbst besser zu helfen, sich und ihr Verhalten besser zu reflektieren und in Problemsituationen anders zu reagieren. Das heißt natürlich auch, den Kindern zuzuhören und ihre Probleme auf einer menschlichen Ebene besser zu verstehen.

Doch die eigentliche Konzentrationsschwäche und die eigentliche Impulsivität sind durch psychotherapeutische Maßnahmen nur sehr schwer zu verbessern. Niemand entscheidet sich, impulsiv oder abgelenkt zu sein. Daher sind diese Probleme auch therapeutisch nur schwer zu verbessern. Und so kann es übergangsweise für das Kind hilfreich sein, im Rahmen eines Gesamtkonzepts auch mit einem Medikament behandelt zu werden.

Dabei kann man unendlich viel falsch machen: Einem frechen Kind einfach mal ein Medikament zu verschreiben, wäre ein solcher Fehler. Erstens weiß man dann nicht, ob das Kind überhaupt konzentrationsschwach ist oder seine Frechheit andere Ursachen hat. Und zweitens, selbst wenn es ADS haben sollte und das Medikament sogar zufällig optimal wirken würde, was soll das Kind mit der Wirkung des Medikamentes anfangen? Das ist so, als würde man es ohne eine einzige Fahrstunde in ein vollgetanktes, fabrikneues Auto setzen und sagen, doch nach Hause zu fahren.

Nicht, nichts, nichts von dem Erwähnten findet sich in der blöden Karikatur wieder. Das “Ritalin” der Zeichnung ist eine Riesentablette, die das arme Kind ruhig stellt. Das ist doch überhaupt nicht das Problem. Wenn überhaupt, dann wird doch die gedankenlose, schleichende Zu-viel-Gabe von Stimulanzien als Problem diskutiert. Und: Wie oft sollen wir noch sagen, dass Beschriftungen von Tabletten, Schwimmreifen, Mülltonnen, Mützen, Äpfeln usw. in Karikaturen verboten sind?

Der “Psychologe” hat Psychologie studiert und arbeitet häufig auch als Psychotherapeut. Aber: Das Psychologie-Studium berechtigt nicht zur Verschreibung von Medikamenten. Abgesehen davon darf noch nicht einmal jeder Arzt Ritalin verschreiben, hierfür braucht man eine besondere Genehmigung, da die Verschreibung den Bestimmungen des Betäubungsmittelgesetzes unterliegt.

Das Stereotyp, dass den armen Kindern mit Ritalin “der Mund gestopft” wird, ist absolut wenig hilfreich. Der arme Junge sieht zudem vollkommen benebelt aus. Die Szene spielt sich offensichtlich an einem Nachmittag ab, denn sonst stünden die beiden wohl auf dem Schulhof. Falsch – falsch  und – falsch. Wenn, dann wird das Medikament morgens gegeben. Ziel der Behandlung ist eine erhöhte Wachheit und der “Psychologe” ist gerade derjenige, der mit dem Kind ins Gespräch kommen möchte. Im Übrigen gibt es einen erwiesenen Zusammenhang zwischen Drogenmissbrauch und diesen Medikamenten. Kinder mit ADS, die in der Kindheit behandelt wurden, haben ein leicht erniedrigtes Risiko für eine spätere Substanzabhängigkeit. Wann hat der Zeichner diese Zeichnung erstmalig angefertigt? Die Tasche des Mädchens und die Mäntel der Passanten lassen die 60er Jahre vermuten, vermutlich hat er deshalb schnell noch aus der Matrosenmütze eine Art Basecap gemacht und zwei Handys eingefügt. War nicht irgendwo irgendein Sack von irgendeiner Sättigungsbeilage umgefallen oder zur Seite gerückt worden, über den er eine Zeichnung hätte machen können? War nicht irgendwas anderes in der Welt passiert? War nicht der Judenhasser Mursi im selben Parlament, in dem gerade Inge Deutschkron gesprochen hatte?

Eine kleine Zeichnung und doch so vieles falsch gemacht – wir sagen: Bravo.

Zum Trost die Karikatur des selben Tages aus der taz, die wir zumindest recht lustig fanden:

Kommentare (3)

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  1. Erstmal danke für den Link zu dem Fidgety Philip (:
    Krankheit beruht auf einer Störung der Funktionalität physischer oder psychischer Prozesse. Dass die Anzahl der Diagnosen von ADS/ADHS sowie auch anderer psychischer Störungen zugenommen hat und weiterhin eher ansteigt, dürfte sowohl mit den Erwartungen an das Individuum in der heutigen Zeit, der zunehmenden Ausweitung des psychischen Krankheitsbegriffs, dem Beeinflussungs- und Kontrollwahn & Co. GmbH korrelieren. Es sind nicht nur schwer verhaltensauffällige Kinder, bei denen man Grund zur Behandlung sieht, sondern oft auch leichtere Beeinträchtigungen, die – in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt – den Eindruck schwerer Beeinträchtigungen vermitteln. Hier unterstützen natürlich die Erwartungen an das Kind und die Angst davor, irgendwo “zurückzubleiben”, die charakteristisch für die heutige Zeit scheint. Diametral gegenüber steht die Sorge um die blinde Herstellung von Funktionalität. Daher auch immer wieder diese bescheuert redundanten Zeichnungen. Es ist einfach schwer, eine Grenze zwischen Ermöglichung der Anpassung und Verleugnung individueller Persönlichkeitszüge zu ziehen.
    Schönen Sonntag,
    Wuff

  2. Etwas genauer kann man das eigentlich nur über das junge Mädchen mit dem Smartphone sagen. Sie hat einen dicken Bauch, aber schlanke Fesseln und ein schlankes Gesicht und ist so groß wie unsere Vordergrund-Protagonisten. Also ist sie vermutlich unterwegs zur Beratungsstelle für minderjährige Schwangere oder zum Casting für eine RTL-Vormittagsserie. Die anderen sind auf dem Weg zum Maggi-Kochstudio, zu ihren Beruf bei Pan Am, ihrem Gong-Job bei MB-Spiele. Und die eine, da hinten, ist das nicht sogar Clementine?

  3. Als Fan von Leuten, die hinten durch ein Bild laufen, sei es im Film oder in einer Karikatur, finde ich die Analyse etwas zu vordergründig. Es sind immerhin sieben Personen dort unterwegs, und sie sind erkennbar mißmutig? Wiesoweshalbwarum? Was hat diese Zusammenballung, ja Zusammenrottung zu bedeuten? Ich bin völlig abgelenkt, ADS hin, Riesentablette her.