Knut: Er ist wieder da

Dass Zoodirektor Bernhard Blaszkiewitz in der Lage ist, konsequent durchzugreifen, wenn Gefahr droht, hat er vor Jahrzehnten bewiesen, als er invasiven Kätzchen kurzerhand den Hals umdrehte. Umso erstaunlicher, dass er 2006 am Eisbärgehege auf den finalen Rettungsgriff verzichtete. So blieb das Eisbärjunge am Leben und wurde im Folgenden aufopferungsvoll durch den Tierpfleger Thomas Dörflein von Hand aufgezogen.

Eigentlich hätte es eine Sternstunde der modernen Tiergärtnerei werden können. Dörflein und das Zoo-Team zeigten, was kompetente Tierpflege gepaart mit viel Engagement alles vermag, der Zoo erhielt mit dem niedlichen Mini-Bären einen neuen Sympathieträger, der zudem nicht nur für eine bedrohte Art und die Gefährdung der Biodiversität stand, sondern auch symbolisch für eine der größten globalen Herausforderungen, dem Klima-Wandel.

Aber irgendwie geriet alles außer Kontrolle. Die Begeisterung um das Bärenjunge nahm hysterische Züge an, Dörflein und Knut wurden zu Yellow-Press-Figuren, zu Ersatzadeligen in einer Stadt, die sich so sehr nach etwas Glanz sehnt und nach jemandem, zu dem sie aufblicken kann. Zwar trug Dörflein keine schicke Uniform wie der Alte Fritz und war rhetorisch weniger eloquent als der Führer, und ob Knut wenigstens schwul werden würde, war auch noch nicht raus, aber die Berliner erknuddelten jeden Restverstand mit ihrer grenzenlosen Zuneigung zu dem ungleichen Paar. Kein Mensch dachte bei Knuts Anblick an die Erderwärmung, stattdessen wurde das Wildtier zum A-Promi der Berliner Highsociety, über dessen Wohlbefinden auf dem Niveau gestritten wurde wie sonst nur über Prinz William. Zoologischer Sachverstand spielte keine Rolle mehr, spätestens als Claudia Hämmerling und PETA auf den Plan traten. Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Erst dankte Dörflein ab, zweieinhalb Jahre später sprang auch sein Ziehsohn ein letztes Mal in den Wassergraben. Die Stadt stand unter Schock. Der Zoo wurde des Mordes bezichtigt, die Eisbär-Artgenossen des Mobbings, Verschwörungstheorien machten die Runde. Dass nicht der Mossad dafür verantwortlich gemacht wurde, ist vermutlich nur dem Umstand zu verdanken, dass Jakob Augstein erst ganz frisch bei Spiegel-online kolumnierte und noch nicht recht in Form war.

Menschen, die nichts dabei finden, sich ein Schnitzel vom Discounter in die Bratpfanne zu hauen, weinten über das Schicksal eines hirnkranken Bären und legten vor die Heimstatt des Umweltschutzbotschafters Blumen, auf die vermutlich zuvor in Bangladesch durch Vierjährige von Hand zentimeterdicke Pestizidschichten aufgespritzt worden waren. Der Bär ist tot, und schon nahte der nächste Schock: Eine offizielle Trauerfeier wurde ihm verweigert, Elton John blieb zu Hause, nicht einmal Grönemeyer textete „Der Weg“ um. Knut kam stattdessen ins Naturkundemuseum. Noch einmal brandete Protest auf, dem zum besseren Berliner erhobenen Pelztier wurde ein Staatsbegräbnis gewünscht – dann war endlich Ruhe. Im Museum war man klug genug, den prominenten Kadaver erst mal tief im Keller zu vergraben, bis die Emotionen sich beruhigt hatten.

Und fast scheint es, als sei mit Knut der Wille der Berliner gebrochen. Aus der Glamour-Metropole in beständiger Feierlaune mit ihren putzigen Vortanzbären Wowi und Knut wurde ein Tal der Tränen: BER, Museumsinsel, Stadtschloss – die einzigen Bauprojekte, die ordnungsgemäß verliefen, waren die Avus, auf der man die Stadt möglichst schnell verlassen kann, sowie der Steglitzer Bankräuber-Tunnel. Ansonsten: Hertha BSC in der zweiten Liga, ein Senator, der mit Schrottimmobilien seinen Lebensunterhalt bestritt und einer, dessen Mannschaft nur durch das Schreddern wichtiger Akten auffiel, Linke, die sich vor Touristen fürchten, Prenzelberger in Angst vor Schwaben, der einst geliebte Pandabär im Zoo machte auch noch schlapp, und der Regierende Bürgermeister wirkt längst so fahl, dass rückblickend selbst der im Wassergraben treibende Knut dagegen wie das blühende Leben erscheint.

Und nun taucht der Eisbärheld also wieder auf. Im Naturkundemuseum. Vor Kraft strotzend, vital, ehrfurchtgebietend. Als Dermoplastik. Vier Wochen lang wird er dort den Berlinern kostenfrei dargeboten, und sie werden in Scharen kommen; der Eingangsbereich des Museums wurde eigens dafür umgebaut. Der tapsige, lebensuntüchtige Knut mit seiner tragischen Geschichte, inszeniert als stolzer, freier, ungebrochener, gut aussehender Sohn der Stadt. Eine von Präparatoren herausgearbeitete Vision all dessen, was er zu Lebzeiten nie erreichen konnte. Damit steht er symbolisch für Berlin selbst. Wenn die Berliner nun im Museum auf die Illusion ihres starken Knuts schauen, blicken sie damit auch auf das Bild von ihrer Stadt. Das mag für einen Augenblick den wirklichen Zustand vergessen machen, von Knut wie von Berlin. Fehlt daneben eigentlich nur noch eine Dermoplastik von Wowereit in Partystellung. Im Naturkundemuseum ist sicher noch ein Plätzchen frei.

Kommentare (2)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*

  1. OK – da gebe ich mich geschlagen.

  2. “.. Kein Mensch dachte bei Knuts Anblick an die Erderwärmung, ..”
    Einspruch, Euer Ehren.

    “Was ist das größte Glück auf Erden?
    Wenn’s geht, soll Knut bald Vater werden.
    Die Konsequenz ist nicht zum Lachen.
    Eis schmilzt, wenn Bären Liebe machen.
    Ist auch der Eisbär jetzt noch klein,
    Einst wird er Klimakiller sein…”

    schrieb ich im April 2007 (sic!) hier:: http://blogs.taz.de/wortistik/2007/04/04/stand-by/comment-page-1/#comment-3801