Tatort „Puppenspieler“ – Getretener Quark

Junger Ermittler, der mit der alten Kommissarin schlafen wird, bösartige BKA-Beamtin, alter Ermittler, der allein schlafen will, komische Kommissarin

Die Weser soll ausgebaggert werden. Da dies politisch und juristisch umstritten ist, reist ein fünfköpfiges Richtergremium vom Bundesverwaltungsgericht nach Bremen, um sich im Rahmen eines Ortstermins selbst ein Bild zu verschaffen. Zwei der Richter werden sich wohl für den Ausbau entscheiden, zwei dagegen. Entscheidend ist also das Votum von Richter Bauser (Christoph M. Ohrt). Darüber unterhalten sich auch die finsteren Bosse des Weser-Ausbagger-Konzerns, die nicht nur die Natur der Weser schaden wollen, sondern auch in Südamerika finstere Machenschaften treiben. Da taucht ein Video auf, das Bauser beim Sex mit einer Minderjährigen zeigt. Das könnte gefährlich werden, macht den Richter erpressbar. Doch bei der Geldübergabe stirbt der Erpresser, er war der Freund des Mädchens, dass in dem Sexvideo zu sehen war. Die Kommissare Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) glauben zunächst an einen Mord im Drogenmilieu, doch dann tauchen Verbindungen zu einer bundesweiten Mordserie auf. Immer wieder die selben DNA-Spuren und die selbe Tatwaffe. Das Mädchen Mel (Jelia Haase) aus dem Sexvideo glaubt hingegen an die Schuld von Richter Bauser. Als das Richterkollegium zu einer Dampferfahrt auf der Weser aufbricht, steht sie am Kai und ruft „Mörder!“ Daraufhin macht der Richter einen Anruf.

Offensichtlich gibt es eine halbstaatliche Organisation, die mit unendlichen finanziellen Mitteln ausgestattet jenseits jeglicher juristischer Kontrolle finstere Auftragsmorde begeht und die dem Richter noch einen Gefallen schuldig ist. Als Stedefreund und Postel der Organisation bedrohlich nahe kommen, wird einer der Dutzenden Mitarbeiter wie ein Bauer im Schach geopfert. Es stellt sich später heraus, dass die sexuelle Begegnung des Richters mit der Minderjährigen von zwei unabhängigen Kameras festgehalten wurde.

Nachdem die Bremer in „Hochzeitsnacht“ versucht haben, das kleine Milieu niedersächsischer Dorfgemeinden zu ergründen, muss es jetzt die ganz große, ganz weite Welt sein. Es ist eigentlich alles dabei: der aktuelle Bezug (tatsächlich will das Bundesverwaltungsgericht im Mai 2013 über den Ausbau der Weser verhandeln), internationale geschäftliche Verstrickungen, Proteste wütender Bürger, die Sinnkrise des Kommissars Stedefreund, die Zerrissenheit der Kommissarin zwischen ihrer politischen Sympathie gegen den Weserausbau und ihrem dienstlichen Auftrag, finstere Verstrickungen von Politik und Justiz, die Liebe zweier unabhängiger junger Menschen und natürlich Sex.

Aber so sehr Regisseur Florian Baxmeyer und seine Schnittmeisterin Elke Schloo auch die Zutaten durch schnelle Schnitte zu verrühren versuchen, letztendlich wird kein Ganzes daraus. Es bleibt eine Mischung verschiedener Versatzstücke, die nicht ganz zusammenpassen wollen. Die Anforderung an den Krimizuschauer ist es, einfach zuzuschauen und nicht weiter über irgendetwas nachzudenken. Es wird geschossen und verfolgt, wir sehen Küsse und Schüsse, wir sollen uns zufrieden geben.

Allerdings ist es doch die große Chance des „Tatorts“, dass hier mit großem Aufwand aktuelle Krimis produziert werden, die ein Millionenpublikum erreichen. Warum soll dieses Publikum seinen Sonntagabend nicht mit der schönen Beschäftigung des Denkens verbringen? Es gibt kleinere Details, dass zum Beispiel Richter am Bundesverwaltungsgericht ihre Arbeitstage wohl mit den verschiedensten Dingen zubringen aber sicher nicht mit Ortsterminen. Die Besichtigung der Weser auf einem Dampfer ist für die Entscheidung verwaltungsrechtlicher Fragestellungen vollkommen unerheblich. Es gibt etwas ärgerlichere Details, dass zum Beispiel das Thema Sex mit Minderjährigen nicht dadurch verhandelt wird, dass dem Zuschauer ungefähr fünfmal die Szene gezeigt wird, in der eine Minderjährige einen erwachsenen Mann zum Sex verführt. Aber ausgesprochen dämlich ist die geheime Geheimorganisation, die im Auftrag des Staates doch ohne dessen Wissen im ganzen Land Morde verübt. Eine Mordserie, die immer wieder mit der selben Tatwaffe verübt wird, die scheinbar auf ein Milieu begrenzt zu sein scheint und hinter der sich dann eine bösartige Organisation verbirgt – wer würde angesichts eines solchen Handlungsstrangs 2013 nicht an die NSU-Mordserie denken? Doch in „Puppenspieler“ stecken hinter der Mordserie nicht etwa Terroristen, sondern der Staat selbst, der eine klandestine Organisation finanziert, die in jede beliebige Stadt fahren und dort jede beliebige Person ermorden kann, die gerade zur Zielperson erklärt worden ist. Doch nicht nur, dass hier statt der realen Gefahr eine finstere staatliche Verschwörung als Hintergrund der Mordserie dargestellt wird. Darüber hinaus kann auch noch eine Privatperson aus persönlichen Motiven dieses Killerkommando für sich buchen.

Das alles geht nicht zusammen und die Bremer versuchen es am Ende auch gar nicht mehr. Der glückliche Zuschauer schaltet den Fernseher aus im Glauben, eine Art von Krimi gesehen zu haben. Der nachdenkliche Zuschauer versucht herauszufinden, ob es bei all diesen Handlungen, Unterplots und Geschehnissen auch um irgendetwas gehen sollte?

Auch diese Rezension erfolgte für und dank unserer Freunde vom Tatort-Fundus.

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