vonJakob Hein 22.03.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Der Neue braucht auf jeden Fall Köpfchen

Aus dem kleinen Schornstein aus Blech steigt endlich weißer Rauch auf. Die kleine Möwe, die bis eben possierlich daneben gesessen hat, fliegt nach wenigen Zügen vom weißen Rauch davon wie ein Kolibri. Das kann nur eines heißen: da unten hat Klaus Wowereit den Konsum vom schwarzen Afghanen eingestellt und lässt das Crystal Meth im Pfeifchen blubbern. Die Aufsichtsratssitzung ist vorbei und ein neuer Flughafenchef ist gefunden, der Regierende Bürgermeister bereitet sich auf eine lange Nacht voll Party und Schampus vor, denn jetzt ist es endlich wieder vorbei, das lange Warten, das bange Harren, das wange Zarren, das harte Bangen.

Das Volk der Stadt hat sich längst auf dem Platz vor dem Roten Rathaus versammelt und freut sich nun aufgeregt auf die Verkündigung des neuen Flughafenchefs. So will es in Deutschlands Hauptstadt schon seit Jahrzehnten die Tradition. Und wieder könnte es eine Sensation geben. Denn die Regel gilt: Wer als Favorit in die Aufsichtsratssitzung reingeht, kommt selten als neuer Flughafenchef heraus. Technokraten, Baufachleute, ehemalige Flughafenchefs aus anderen Städten wurden schon gehandelt. Aber herausgekommen sind immer andere, schillernde Persönlichkeiten, Querdenker, Quereinsteiger, Querköpfe, Querulanten. Denn Berlin ist nicht nur die queerste Stadt Deutschlands, sondern auch die am quersten denkende Stadt.

Die Grundlage für die neue, unkonventionelle Richtung bei der Flughafengestaltung hatte damals eigentlich der Flughafenchef Hartmut Mehdorn gelegt. Schon die Wahl seines Amtsnamens „Bahnchef“ ließ damals die Presse im In- und Ausland aufhorchen. Was hatte ein Bahnchef mit der Leitung eines Flughafens zu tun. Schon zu Beginn seines regnums erweckte er Aufsehen, indem er sich für den Ausbau des Flughafens Tegel stark machte, der eigentlich ja zugunsten von Schönefeld geschlossen werden sollte. Die Kosten die Verdoppelung der Kapazitäten in Tegel, der Errichtung zweier weiterer hochmoderner Terminals und der Bau einer Art Rohrpost für Passagiere, die zwischen den Terminals wechseln wollten, erschienen zuerst sehr hoch. Aber dann rechnete Mehdorn vor, dass er dafür exakt die Hälfte der Portokasse des Schönefeld-Projektes einsetzen müsste und konnte den Aufsichtsrat überzeugen. So kam es, dass in der Amtszeit von Bahnchef I. die erste Milliarde von Steuergeldern tatsächlich in den Ausbau des Berliner Flugverkehrs floss, wenn auch nicht in Schönefeld, wo er mit den umfangreichen Gleisarbeiten auf den Start- und Landebahnen begann.

So überzeugt war Mehdorn von der vollkommenen Verschmelzung von Schienen- und Luftverkehr, dass er sich öffentlichkeitswirksam auf die Startbahn stellte, von der der erste Schienenflug abheben sollte. Die Suche nach einem neuen Flughafenchef begann gleich am nächsten Tag. Zwar waren viele überrascht, dass ausgerechnet Uli Celle, der bisher doch eher als lokaler Berichterstatter für den rbb in Erscheinung getreten war, neue Chef des Flughafen werden würde, aber die Begründung des Aufsichtsrates, dass „Herr Celle einfach ohnehin schon da war, wegen der Berichterstattung“, erschien allen plausibel. Es ging in dieser kritischen Übergangszeit ohnehin darum, den Berliner schrittweise klar zu machen, dass der so genannte Flughafen lediglich die wichtige Funktion einer Konjunkturbremse zu erfüllen hat. Geschickt wählte Celle den Chefnamen Schultheiß I. Während die trinkwütigen Touristen weiterhin über Tegel eingeflogen werden konnten oder im Rahmen von neuen Städtepartnerschaften direkt mit dem Bierbike in die Hauptstadt radelten, ging es auf dem Gebiet von Schönefeld darum, möglichst effektiv möglichst riesige Mengen von Steuergeldern zu versenken, um sie so vor dem Zugriff von Spekulanten international agierender Bankhäuser zu schützen. Jede Firma in Deutschland, die nur clever genug war, konnte ein Angebot für ein Projekt in Schönefeld abgeben, das so lange gefördert wurde, wie im Antrag nur drin stand, dass „letztendliches Ziel die Eröffnung des Flughafens sei“. Das war konform mit den EU-Richtlinien, da konnten die feinen Herren aus Brüssel gar nichts machen.

Unter Uli Celle entwickelte sich auch die Tradition des jährlichen Eröffnungsfestes am Flughafen BER und der „Langen Nacht des Flughafens“. Celle hatte bei seiner Amtseinführung Kostüme, Dekorationen und Feuerwerk gefunden, das für die Eröffnungsfeierlichkeiten eingekauft worden war. „Es wär doch schade drum“, dachte sich der Flughafenchef, als er das Verfallsdatum auf dem Feuerwerk gelesen hatte. Darum richtete er eine riesige Party aus, für die er extra Swimmingpools in die Landebahnen hacken lies und die Gepäcktransportanlagen kurzerhand zu einer riesigen Drehbühne umbauen ließ. Celle war es auch, der das Fernsehballett rettete, indem er es einfach fest am Flughafen Schönefeld einstellte. „Das macht den Kohl auch nicht mehr fett“, beschied der gutmütige, wenn auch manchmal vielleicht etwas tollpatschig agierende Flughafenchef, der unfassbare Beliebtheitswerte hatte, zumal er von den zahlreichen Pannen und Problemen am Flughafen immer unmittelbar selbst live berichtete. Sein Büro stattete er traditionsgemäß mit Kautschukbäumchen aus und nannte es „die Gummi-Celle“. Berlin lag ihm zu Füßen. Als er nach zwölf Amtsjahren verstarb, säumten Zehntausende Berliner die Straßen beim Trauerzug.

Dem nächsten Flughafenchef war nur eine sehr kurze Amtszeit beschieden. Der Aufsichtsrat hatte sich den Kopf zerbrochen, wie an die Beliebtheit von Uli Celle anzuknüpfen sei und war auf die geniale Idee gekommen, den beliebtesten Berliner aller Zeiten an die Spitze der Veranstaltung zu setzen. Doch leider machten da die Bürokraten aus Brüssel nicht mit. Im Eilklageverfahren setzte die europäische Kommission die Abberufung des Flughafenchefs durch, da die Besetzung eines EU-weit auszuschreibenden Postens mit einem ausgestopften Eisbär angeblich nicht den europäischen Richtlinien entspreche. In Berlin stieß diese europäische Willkür auf Wut und Empörung, man sah sich aber letztlich gezwungen, dem richterlichen Urteil zu folgen und Knut I. abzuberufen.

Unter Modedesigner Michael „Turnschuh I.“ Michalsky schließlich konnte der Flughafenausbau erfolgreich weiter vorangetrieben werden und die „bread & butter“ vom ehemaligen Flughafen Tempelhof auf den zukünftigen (zwinker, zwinker) Flughafen Schönefeld verlegt werden, was tonangebend für die Entwicklung der Modestadt Berlin und der gesamten Modebranche war. Berlin wurde so zum Impulsgeber nicht weiter in den Moden und Stilen der Vergangenheit herum zu forschen, sondern mit Mode und Design in eine neue Zukunft aufzubrechen, unabhängig davon, wie weit diese Zukunft auch entfernt sein mag und ob sie überhaupt jemals so eintrifft, wie wir uns das heute vorstellen. Unvergessene Abende in der Moderation von Joko und Klaas sowie kontroverse Talks zum Thema mit Jörg Tadeusz waren Höhepunkte von Michalskys Regierungszeit.

Besucher und Gäste aus anderen Ländern Europas zeigten sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht selten erstaunt davon, dass seit mittlerweile vierzig Jahren der selbe Klaus Wowereit auf dem Stuhl sitzt, der einst ein einfaches Möbelstück war und mittlerweile ein mit goldenen Intarsien verziertes Designerstück von Phillipe Starck ist: Dem Thron von Berlin. Dass das Amt mittlerweile umbenannt ist und nicht mehr Regierender Bürgermeister heißt, sondern nach dem Amtsinhaber benannt ist. Der nächste Berlinchef wird also „der (oder die) Wowereit von Berlin“ heißen. „Gibt es bei Euch keine Wahlen?“ und „Wird Euch der Typ nicht auch mal über?“ sind so Fragen, die man als Berliner zu hören bekommt und die nur mit einem ratlosen Blick beantwortet werden können. Nur ältere Berliner erinnern sich überhaupt noch daran, dass Wowereit sich damals seinen Abgang von der Spitze des Aufsichtsrates mit der Zusicherung auf das lebenslange Bürgermeisteramt bezahlen ließ. Aber das Verlusterleben war einfach nicht besonders groß, denn schließlich waren die angeblich vor dieser Zeit regelmäßig abgehaltenen Wahlen nicht besonders interessant gewesen, hätten keinerlei Alternativen präsentiert und am Ende des kostenspieligen Prozesses sei eben auch „der Wowereit der Wowereit geworden“.

Damals war das „Expo-Areal Schönefeld“, wie es heute heißt, noch kein Wildpark für geklonte Dodos und Säbelzahntiger. Damals befand sich auf dem Areal noch nicht das „Juhnke“, ein Restaurant in Form eines roten Lackschuhs, in dem die weltweit größten Milchkaffees zum Mitnehmen ausgeschenkt werden (Tipp: großer Kofferraum). Damals bestand auch noch die Absicht, die unterirdischen Anlagen als Bahnhof zu betreiben, von denen jetzt aus der neu gegründete „Sender Freies Berlin“ sendet. Damals gab es noch Proteste gegen den Abbau der Mauersegmente an der Mediaspree. Aber diese Proteste verstummten rasch, als der Wowereit erklärte, dass die Mauersegmente dringend gebraucht werden für eine neue Stadtmauer um Berlin herum.

Nun erwarten wir also mit Spannung die Wahl des neuen Flughafenchefs. Wie wird er sein Regnum verstehen? Wird er eher an die Traditionen der Mehdornschen Infrastrukturalität anknüpfen oder an die berühmte „Celle-Kultur“ von Popularität und Frohsinn? Wünschen wir ihm vor allem, dass er von Problemen wie Flughafenchef Michalsky verschont bleibt. Als damals ein Flugzeug im Landeanflug auf Tegel ins Trudeln geriet und auf dem Partyareal in Schönefeld landen musste, konnte damals nur durch besonnenes Handeln des Chefs und die rechtzeitige Evakuierung aller Besucher von den Poolanlagen und Sonnendecks eine Katastrophe verhindert werden. Es wäre schlimm, wenn sich so etwas wiederholen würde.

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