Die Terror-Kröte vom Oggenrieder Weiher

30.8.2009 Denver 119
Geierschildkröte

Geierschildkröte und Bewunderer (Foto: H. Werning)

 

Na endlich! Fast hätte man ja befürchten müssen, das diesjährige Sommerloch hätte mit dem Veggie Day auskommen müssen, da kriegen wir doch noch mal richtig Fleisch auf den Teller.

 

Im Allgäu gibt es einen Teich, der Oggenrieder Weiher heißt und der als Badesee dient. Wie wir jetzt erfahren, nicht nur für Urlauber, sondern wohl auch für ein Reptil. Beide haben auf unliebsame Weise Bekanntschaft miteinander gemacht. Ein achtjähriger Junge watete durch den Flachwasserbereich des Tümpels, als er plötzlich einen starken Schmerz im Fuß spürte. Die Diagnose später: Zweifache Durchtrennung der Achillessehne. Ein seltsamer Badeunfall. Der Junge wurde operiert und scheint glücklicherweise auf dem Weg der Besserung, aber die Frage, wie es zu einer solchen Verletzung kommen konnte, trieb die Fachleute um. Erst Zoologen fanden eine immerhin denkbare Erklärung: Eine Geierschildkröte könne die Verursacherin sein.

 

Geierschildkröten sind eindrucksvolle Reptilien. Die größten Süßwasserschildkröten der Welt können im Extremfall ein Gewicht von 113 kg und eine Panzerlänge von 80 cm erreichen. Normalerweise bleiben sie bei etwa 40–60 cm und 15–70 kg, was für eine Schildkröte allerdings auch schon ganz ordentlich ist. Und nicht nur das: Sie passen auch nicht recht ins gemütliche Schildkrötenbild, dem die meisten Menschen nachhängen. Zwar lassen gerade Geierschildkröten es in ihrem Leben tatsächlich extrem ruhig angehen. Sie liegen die meiste Zeit völlig regungslos irgendwo im Schlamm eines Gewässers herum und warten darauf, dass eine potenzielle Beute vorbeikommt. Dabei sind sie extrem geduldig und können problemlos auch mal tagelang ohne eine Bewegung vor sich hin warten. Wenn es dann selbst ihnen zu langweilig wird, haben sie noch einen hübschen Trick auf Lager: Sie sperren das Maul auf und wackeln ein bisschen mit einem wurmartig aussehenden Fortsatz in ihrem Schlund. Die Tiere sind in ihrem gesamten Körperbau und ihrer Färbung so gut getarnt, dass ein argloses Beutetier nichts anderes sieht als diesen „Wurm“ im Maul. Eine böse Falle, man nennt das eine Bates’sche Angriffsmimikry. Denn wenn ein Fisch, ein Frosch oder auch mal ein Wasservogel in ihre Reichweite kommt, schnappen die Geierschildkröten blitzschnell mit ihrem zahnlosen, geierartigen Schnabel zu. Die Bisskraft ist enorm, sie haben durchaus das Potenzial, Menschen einen Finger abzubeißen. Oder eben die Achillessehne entzwei.

Und spätestens jetzt drehen alle durch. Sofort wurde ein Badeverbot verhängt, Warnschilder weisen auf das Monster in der, äh, Tiefe des Weihers hin. Nachdem – wenig überraschend – eine erste Fahndung nach dem inzwischen Lotti getauften Unterwasserreptil erfolglos blieb, rückt man ihm nun brachial zu Leibe. 1000 Euro Kopfgeld und 15 Feuerwehrmänner sollen es jetzt richten, und dann kam es auch noch zum Äußersten: Bürgermeister Andreas Lieb verschob seinen Urlaub wegen der Notlage!

Die Presse war froh, nach Peer Steinbrück mal ein anderes zahnloses Urzeitwesen observieren zu können und fiel in Scharen in das Örtchen Irsee ein. Und nun also ist der ganze Tümpel allen Ernstes abgepumpt worden, sämtliche Fische (zumindest die großen, die Brut muss halt verrecken) wurden herausgefangen, um das Untier zu stellen. Das aber macht vermutlich, was Geierschildkröten halt am besten können: sich verstecken und perfekt tarnen. Die Reptilien sind schon so praktisch nicht zu finden, aber wenn man ihnen zu sehr auf den Panzer rückt, können sie sich zudem auch noch problemlos tief im Schlamm vergraben – oder einfach abwandern. Wir reden ja hier über eine durch Lungen atmende Schildkröte, mit Beinen zum Graben und Laufen dran. Natürlich ist es denkbar, dass die Irseener Feuerwehr ihren Angstgegner noch zu fassen kriegt. Genauso gut aber ist es möglich, dass das Tier längst über alle Allgäuer Berge ist oder einfach irgendwo im Matsch ausharrt, bis der Wahnsinn ein Ende hat. Oder dass es sie gar nicht gibt. Markus Baur von der Reptilienauffangsstation München, einer der besten Kenner dieser Schildkröten in Deutschland, hält es anhand der Fotos von der Verletzung zwar für wahrscheinlich, dass eine Geierschildkröte Schuld daran ist, will aber auch andere Ursachen nicht grundsätzlich ausschließen.

Geierschildkröten leben im Osten der USA und sind dort von Texas und Iowa bis Florida weit verbreitet. Man kann also guten Gewissens davon ausgehen, dass der aufgeregte Bürgermeister Lieb bei seinem nächsten Florida-Trip ganz selbstverständlich irgendwo baden geht, wo sich die nicht besonders seltenen Schildkröten zu seinen Füßen herumtreiben, ohne dass es irgendwem auch nur ein Hinweisschild wert wäre. Sollte je ein Amerikaner von dem absurden Aufwand erfahren, der in Bayern betrieben wird, so ein Tier zu fangen, er wird die Europäer zu Recht für endgültig durchgeknallt halten.

Zwar können Geierschildkröten (wie ihre Verwandten, die Schnappschildkröten) tatsächlich ernsthaft zubeißen, dass es dazu kommt, ist aber sehr unwahrscheinlich. Denn Kinderfüße und Achillessehnen gehören nicht zu ihrem Beutespektrum. Im Oggenrieder Weiher ist es wohl zu einem sehr unglücklichen Zusammentreffen gekommen, vermutlich hat der Junge die Schildkröte unwissentlich zu einem Verteidigungsbiss gereizt. Das ist Pech, kann aber natürlich passieren. Mit derselben Berechtigung könnte man die Feuerwehr allerdings auch anschließend auf die Hunde von Irsee hetzen, die können bekanntlich auch mal beißen, wenn es dumm läuft – ein Ereignis, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit wohl um einiges höher liegt, als dass das Allgäu-Nessie noch einmal zuschlägt.

Bliebe noch die Frage, wie so eine US-Schildkröte in bayerische Gewässer kommt. Der NSA dürfte unschuldig sein, die Ursache liegt wohl eher in einer unguten Mischung aus verantwortungslosem Tierhandel, idiotischen Tierhaltern und ebenso idiotischen Gesetzen. Bis 1999 wurden Schnapp- und Geierschildkröten als noch vergleichsweise niedliche Jungtiere aus den USA in größerer Zahl über den Zoohandel importiert. Der suchte nämlich nach dem Verbot der Einfuhr der bis dahin sehr beliebten Rotwangen-Schmuckschildkröten nach neuen Wasserschildkröten für die Zoogeschäfte. Nun sind Geierschildkröten allerdings tatsächlich vollständig ungeeignet, um sie an ahnungslose Aquarienfreunde im nächsten Gartencenter zu verkaufen. Die wenigsten Käufer dürften eine Vorstellung davon gehabt haben, was für ein Monstrum sie sich da ins Haus holen. Zwar können fachlich versierte Halter die Tiere durchaus erfolgreich pflegen und nachzüchten, ein Haustier für die breite Masse aber sind diese urtümlichen Reptilien auf gar keinen Fall. So gesehen war das Importverbot von 1999 nur folgerichtig. Dummerweise wurde aber auch gleich die Haltung der Tiere verboten. All die zuvor ganz offiziell importierten und verkauften Schildkröten waren nun also illegal und bedurften behördlicher Ausnahmegenehmigungen, legal abgeben konnte man die Tiere praktisch gar nicht mehr, die wenigen zoologischen Einrichtungen und Reptilienauffangstationen haben keine Kapazitäten frei für die Riesentiere – und so entschied sich wohl mancher Halter, die lästig gewordenen Tiere im nächsten Tümpel zu entsorgen (was natürlich streng verboten ist und mit empfindlichen Geldstrafen belegt werden kann). Diesbezüglich ist Lotti leider kein Einzelfall. Man kann guten Gewissens von einer recht lebhaften Population an Schnapp- und Geierschildkröten in Deutschlands Teichen und Seen ausgehen. Die Tiere fallen kaum auf, weil sie eben normalerweise sehr diskret agieren, aber immer mal wieder wird doch ein Exemplar gesichtet. Die Dunkelziffer dürfte um einiges höher liegen. Wenn sich das herumspricht, dann Gnade den deutschen Weihern. Und den Feuerwehren des Landes.

Der Schaden, den die Schildkröten anrichten, ist bei uns übrigens sehr überschaubar. Solche Unfälle wie jetzt im Allgäu sind, wie gesagt, sehr unwahrscheinlich und extrem selten. Und die paar Fische, die die Tiere fressen, dürften dann doch letztlich nicht ausreichen, größere ökologische Schäden anzurichten. Vermehren können die Schildkröten sich bei uns nicht. Die mitteleuropäischen Sommer sind zu kurz und zu kühl, als dass ihre Gelege sich erfolgreich entwickeln könnten. Was allerdings nicht heißt, dass sie selbst nicht problemlos jahrelang hier überleben können, denn mit kalten Wintern kommen sie durchaus einigermaßen zurecht. Da dürfte Bürgermeister Lieb mit seiner wohl eher als Pfeifen im Walde zu verstehenden Aussage „aber den Allgäuer Winter überlebt sie nicht“ abermals falsch liegen – vermutlich hat das Tier schon den ein oder anderen davon erfolgreich überstanden, so groß, wie es offenbar inzwischen ist: 40 cm Panzerlänge und 14 kg, schätzen die Zoologen anhand der Bissspur.

Es wäre also das Vernünftigste, die Schildkröten einfach in Ruhe zu lassen. Mit Vernunft aber ist in Deutschland nicht zu rechnen, sobald mal ein Tier auftaucht, das bedrohlicher erscheint als ein Zwergkaninchen. Problembär Bruno und der inzwischen legendäre Kaiman Sammy lassen grüßen.

Bürgermeister Lieb kann also erst verspätet in den Urlaub fahren. Er sollte die Zeit nutzen, um darüber nachzudenken, ob der gewaltige Haufen Geld, denn der überflüssige Schildkrötengroßalarm kostet, nicht eigentlich unter die Kategorie „Veruntreuung öffentlicher Gelder“ verbucht werden müsste.

Und das Opfer? Der Junge selbst plädiert in einem Brief an den Bürgermeister dafür, dass der Schildkröte nichts geschehen solle. Im Übrigen wolle seine Familie auch im nächsten Jahr wieder hierher in die Ferien kommen, denn: „So etwas kann immer mal vorkommen.“ Wenigstens einer, der noch klar bei Verstand ist.

Kommentare (8)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*

  1. Pingback: Was macht eigentlich … die Terror-Kröte vom Oggenrieder Weiher? | Reptilienfonds

  2. Hallo
    Dieser Beitrag ist endlich mal neutral und auch aufklärend. Jetzt müßen es die Bürger Deutschlands nur noch lesen. Es muß in Deutschland dringenst Aufklärung über Reptilien veranstaltet werden. Wer weiß was uns sonst noch für Horrorscenarien erwarten, und letztlich doch bloß Bagatellen sind. ES MUẞ AUFGEKLÄRT WERDEN, GANZ WICHTIG.

  3. Hallo,

    wie immer sehr gut geschrieben und amüsant zu lesen angesichts des Geschehens am Irsee.
    Schade nur das selten Fachbezogene Personen zu solchen Fällen hinzu gezogen werden und somit wertvolle Zeit und viel Geld verschwendet wird. Ich meine wofür haben wir den DGHT???

  4. In der Bild-Zeitung hörte sich das irgendwie anders an…
    Wenn ich das meinen Bild-Zeitung lesenden Kollegen erzähle, halten die mich für Geisteskrank!

  5. Bravo, Herr Werning!

    Na denn… Auf lustige Zeitungsmeldungen sobald das Haltungsverbot für Giftschlangen in Kraft tritt! Das wird wenigstens abwechslungsreich, ich kann den Namen “Snowden” seit dem zweiten Tag schon nicht mehr ertragen…

  6. Ein weiteres Mal hat er Recht, der Werning. Und den Nagel wie immer exakt auf den Kopf getroffen…

  7. Trifft den Nagel auf den Kopf!

  8. Oh Mann, das ist mit großem Abstand das Vernünftigste und Beste, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe!!! Ganz herzlichen Dank dafür und – mehr davon!!