Kann man Humor ernst nehmen?

Da ist dein Platz
Da ist dein Platz

Humor soll bitte da hin, wo er hin gehört

Heute erscheint das Buch “Deutsche und Humor – Geschichte einer Feindschaft”. Kürzlich sprach ich über dieses Thema mit einer klugen und gebildeten Frau, die dann sagte: “Das ist mal wieder typisch deutsch, für humorvolle Kunst auch noch Preise zu erwarten.”

Erst wusste ich auch nicht, was ich sagen soll, meine Gedanken konnte ich erst später formulieren.

Sehr geehrte, liebe Frau B.,

über unser Gespräch vom Abendessen über Deutsche und Humor habe ich noch sehr lange nachgedacht. Das kommt sicher daher, dass es mir mit dem Thema sehr ernst ist. So war mein Bedürfnis geweckt, Ihnen dazu noch ein paar Zeilen zu schreiben.

Vorausschicken möchte ich, dass ich mich zum Schreiben meines Buchs über das Thema aus zwei Gründen als verhältnismäßig geeignet ansah: Einerseits bin ich kein zum Thema Humor vollkommen Außenstehender und andererseits nehme ich keine deutschen Literaturpreise an. Die Gründe für letzteres sind vielschichtig. So wie die meisten meiner Kollegen erhalte ich die überwiegende Zahl literarischer Auszeichnungen schon deswegen nicht, weil nicht einmal ein Gedanke daran besteht, sie mir zuzusprechen. Aber auch die wenigen Male, als selbst dieses Hindernis nicht bestand, habe ich den betreffenden Preis nicht angenommen.

Dieser Umstand befreit mich für meine Betrachtungen zum Thema Deutsche und Humor in besonderer Weise. Denn es geht und ging mir nicht darum, etwas für mich persönlich einzufordern, eine flammendes Plädoyer zur Abschaffung aller Ungerechtigkeit in der Welt zu halten, um am Ende für mich persönlich eine langweilige Rede und einen bescheidenen Scheck zu empfangen. Kolleginnen und Kollegen von mir leiden ebenso wie ich unter der Ablehnung humorvoller Kunst, aber sie sind vielleicht nicht vergleichbar frei wie ich in dieser Beziehung. Zugegeben, das Ganze ist dennoch eine persönliche Angelegenheit. Andererseits ist es selten so, dass ein norwegischer Fischer über die Probleme der Gastronomie in der Ukraine schreibt, eher wird da eine Kiewer Kellnerin zum Federkiel greifen.

Sie sagten beim Abendessen, dass es typisch deutsch sei, für humorvolle Kunst auch noch einen Preis zu erwarten. Ich weiß nicht, wie zutreffend das ist, es ist auf jeden Fall geeignet, weitere Debatten zu beenden. Zunächst: Wer einen Preis erwartet, sollte ihn nicht bekommen. Punkt. Jede Künstlerin und jeder Künstler, der gerade ein Werk zur Veröffentlichung freigibt, tut dies im Glauben, trotz aller bereits existierenden großen Kunst auf dieser Welt doch einen Beitrag leisten zu können. Jede Künstlerin und jeder Künstler ist kontinuierlich hin- und hergerissen zwischen Selbstzweifel in allen Schattierungen und Größenwahn in ebenso vielen Schattierungen. Gleichzeitig würde heute kaum jemand noch behaupten, dass es objektiv gute Kunst gäbe. Es gibt gute Kunst immer nur im Dialog mit dem betrachtenden Menschen. Die veröffentlichte Kunst ist immer wie die ausgestreckte Hand der Künstlerin: Schlägt der Gegenüber nicht ein, ist die Kunst zumindest in dieser Dyade nicht gelungen. Jemand anders mag sofort oder in Jahrzehnten kommen und die Hand nehmen, weil die Kunst von der anderen Person oder zu diesem Zeitpunkt noch nicht verstanden wurde – aber ohne den anderen geht es nicht.

Außerdem gibt es Tage, an denen man ein Buch nicht lesen möchte, das einem sonst meist großartig vorkommt. Würde man an einem solchen Tag gezwungen sein, dieses Buch zu beurteilen, käme einem das eigene Urteil womöglich am nächsten Tag ganz falsch vor. Und wer irgendwie ernsthaft Kunst zu machen versucht, wird auch wahrnehmen, welche großartigen Erfolge andere bei diesem Versuch erzielen und wird also auch wissen, dass jede Form der Anerkennung immer auch anderen mindestens ebenso gebühren würde. Daher haben Sie recht, wenn Sie sagen, dass man keinen Preis erwarten sollte. Die Künstler, die Preise erwarten (übrigens nie humorvolle), sind für mich keine besonderen Vorbilder.

Das zweite Problem ist natürlich, etwas typisch deutsch zu nennen. Dieser Vorwurf ist typischer deutsch als Bratwurst. Weder im Französischen, noch im Britischen oder Koreanischen würde diese Argumentation als Vorwurf funktionieren, sondern würde unironisch als Lob verstanden werden. Auch dieser Vorwurf beendet jede weitere Diskussion, weil sich niemand typisch deutsch nennen lassen möchte. Mit meinem jüdischen Physiker als Großvater auf der einen Seite, meinem aus Schlesien stammenden Pfarrer als Großvater auf der anderen Seite und meiner Herkunft aus einem ostdeutschen Intellektuellen-Haushalt, in dem wir sowohl Kurt Vonnegut wie auch Heiner Müller Kaffee und Kekse servierten und meinem Studium in Wien, Stockholm und Boston wirft mich der Vorwurf, etwas typisch Deutsches zu tun, vollkommen aus der Bahn. Es drängt mich fast schon körperlich dazu zu widersprechen, aber jeder Widerspruch ist beinahe noch typischer deutsch als der Vorwurf, was die Beweiskette schließt, die man zu widerlegen suchte. Ein Denkhemmnis.

Doch hinter diesen beiden Argumenten bleibt die Frage zurück, warum humorvolle Kunst keine Anerkennung zu erwarten habe, die beispielsweise in Preisen ihren Ausdruck finden könnte. Anerkennung findet bei mir das Bestreben der Künstlerin, eine neue Welt zu zeigen oder bestimmte Gedanken auf eine gelungene Art zum Ausdruck zu bringen. Ich finde es nachvollziehbar, wenn Kunst ohne diesen Anspruch keine besondere Anerkennung findet. Bilder, die nur gemalt werden, um mit der Auslegware einer Anwaltskanzlei zu harmonieren oder Bücher, die nur geschrieben werden, um das richtige Verhalten bei Segelhavarien zu vermitteln. Aber warum Sie es richtig finden, dass humorvoller Kunst automatisch eine bestimmte Anerkennung verweigert wird, will sich mir nicht erschließen. Warum ist es seit Jahrzehnten richtig, die Werke von Karen Duve, Frank Schulz oder Max Goldt automatisch auf den linken Stapel zu sortieren, wenn es darum geht, ein preiswürdiges Buch zu finden? Alle drei schreiben über das Leben und den Tod, über Schönheit und Vergänglichkeit. Sie alle schreiben mit größtmöglicher Ernsthaftigkeit und ringen mit ihren Lektorinnen um Sätze und Formulierungen. Was ist die Selbstverständlichkeit, mit der ihnen eine bestimmte Anerkennung verweigert wird? Wenn das Feuilleton und alle eintausendfünfhundert Literaturpreise morgen abgeschafft werden, habe ich nichts dagegen. Aber solange es diese Institutionen gibt: Warum schließen sich deren Türen, wenn man seinen künstlerischen Ausdrucksmitteln auch den Humor hinzufügt?

Sehr geehrte Frau B., ich schätze Sie als feinsinnige und viel gebildetere Frau, als ich es jemals sein werde. Die obigen Ausführungen sind daher als Versuch gemeint, meine beschränkten Gedanken irgendwie zum Ausdruck zu bringen. Viel mehr bin ich interessiert an Ihren Überlegungen zum Thema. Sicher entgeht mir etwas Wesentliches, ist vieles erst hinter meinem engen Horizont sichtbar. Darum wäre ich interessiert, Ihre Überlegungen zum Thema noch besser verstehen zu können.

Es grüßt Sie in jedem Fall herzlich,

Ihr Jakob Hein

Kommentare (7)

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

CAPTCHA-Bild

*

  1. Immerhin hat Gerhard Henschel jetzt ja den Nicolas-Born-Preis zuerkannt bekommen (eine sehr gute Entscheidung). Aber das ändert natürlich nichs an der richtigen Aussage des Textes.

  2. @Anke: Vielen Dank, Sie haben recht: Jakob Hein ist Jakob Hein. Ich habe das korigiert. Heiko W Jakob Hein

  3. @Heini: Das mit dem Kleistpreis ist die viel zitierte Ausnahme. Allerdings lohnt sich die Betrachtung, wie Max Goldt den Kleistpreis erhalten hat: Daniel Kehlmann hat ihm den Preis zuerkannt, nicht die übliche Jury.

  4. Max Goldt: Kleistpreis.

  5. Wie jetzt – Heiko Werning ist Jakob Hein?

    Deutsch ist es, angesichts einer Sache, deren Witz man nicht kapiert hat, auszurufen “Ist ja komisch!” Schon Claudius bemerkte, dass “wir getrost belachen”, was “unsre Augen [...] nicht seh’n”. Im übrigen finde ich es bemerkenswert, wie viele echte Deutsche (Leute also, die die deutsche Sprache täglich benutzen, ohne sich darüber auch nur die geringsten Gedanken zu machen) sich ernsthaft fragen, ob sie Humor ernst nehmen dürfen. Die d-Frage nämlich scheint mir typisch für Menschen zu sein, die sich selber nicht so recht über den Weg trauen. Ob es solche-welche besonders häfig in Deutschland gibt und wenn ja, welche Staatsbürgerschaft sie besitzen, könnte ja bei Gelegenheit mal ernsthaft untersuchen, wer unbedingt einen Master in Deutsch haben will.

  6. Schöner Text.

  7. Es war mir eine Lust diesen Text zu lesen.