Offener Brief – hier schreibt der Chef des NSA

Riesenfliege

RiesenfliegeSehr geehrte Damen und Herren,

Sie kennen mich vielleicht nicht, daher möchte ich mich kurz vorstellen: Mein Name ist Keith Brian Alexander, ich arbeite als Direktor der Nationalen Sicherheitsagentur der Vereinigten Staaten von Amerika. Ich ahne schon, dass dieser Behördenname vielleicht im Augenblick nicht den schönsten Klang in Ihren Ohren haben könnte, gerade deshalb wollte ich mich an Sie wenden.

In den letzten Monaten wurde verschiedentlich berichtet, dass meine Behörde mit Hilfe von Software und Hardware flächendeckend den Datenverkehr aller Menschen beobachtet hätte. Ich kann Sie absolut beruhigen: Das ist überhaupt nicht so. Ehrlich gesagt, wäre das aus meiner Sicht vielleicht sogar eine feine Sache – allerlei Dinge über fremde Menschen herausfinden, ohne dass man Sie direkt mit Parabolmikrofonen und in Hüten versteckten Kameras belauschen müsste. Leider sind wir in der Geheimdienst-Realität davon noch meilenweit entfernt.
Seit einigen Monaten ist es uns immerhin gelungen, alle Briefe aus der arabischen Welt, die mehr als neunhundert Gramm wiegen, an eine Regierungsbehörde adressiert sind und ticken, aus dem allgemeinen Briefverkehr in unser Land herauszufiltern und zu kontrollieren. Dies gelang uns durch den Einsatz hochmoderner Waagen und die Bündelung dieses Briefverkehrs auf einige wenige Postämter, deren Standorte ich hier aus taktischen Gründen nicht aufführen darf. Desweiteren haben wir ein strenges Verbot in allen Flugschulen durchgesetzt, das Wochenendkurse zum Geradeaus-Fliegen verbietet. Jeder Kunde muss heute auch zumindest ein Modul „Starten“ oder „Landen“ buchen. Sonst wird er uns direkt per Telegraf oder Telefon gemeldet. Die betreffende Telefonleitung ist im Zwei-Schicht-Betrieb von sechs bis zweiundzwanzig Uhr mit bis zu drei Mitarbeiterinnen besetzt.

In letzter Zeit überlegen wir sogar, ob wir nicht teilweise sogar die Telefongespräche von bestimmten Kriminellen abhören sollen. Unsere Forschungsabteilung hat diesen Plan vorgestellt und er erschien mir sehr pfiffig. Leider ist unser Etat auch nicht unbegrenzt. Weiter laufen die Abonnements verschiedener Zeitungen, schließlich sind wir ein Nachrichtendienst. Und dann haben wir uns in diesem Jahr gerade einen ganzen Schwung von Vervielfältigungsmaschinen und neue Stühle für unsere Mitarbeiterkantine geleistet. Da bleibt natürlich von einer Gesamtsumme von – über den Daumen gepeilt – zehn Milliarden Dollar nicht gerade viel übrig. Schließlich steigen die Heizkosten, die Energiekosten, die Wasserpreise, die Abopreise, die Telefongebühren und so weiter. Die Mitarbeiter bekommen weiterhin ihre Gehälter, einschließlich Urlaubsgeld pipapo. Vielleicht kann klar, dass dann unser Topf für Neuanschaffungen nicht eben üppig groß ist. Ich habe schon so oft mit dem Präsidenten gesprochen, ich habe ihm gesagt, dass wir den Telegrammverkehr kontrollieren sollten, dass wir eine neue Telefonanlage brauchen, und, und, und. Aber mehr als vier Milliarden Euro konnte er unsere jährlichen Zuwendungen in den letzten vier Jahren auch nicht steigern. Das heißt, wir bekommen heute zehn Milliarden! Das ist zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel.

Alle liegen mir in den Ohren. Die Sekretärinnen wünschen sich elektrische Schreibmaschinen, die Ingenieure neue Lötkolben und die Sicherheitsabteilung hätte am liebsten überall maschinenlesbare Dienstausweise. Klar, das hätte ich auch alles gern, aber wovon sollte ich das denn kaufen? Schließlich leben wir nicht auf dem Raumschiff Enterprise und ich bin nicht Captain Kirk. Am Ende, sage ich immer, möchte hier jeder noch einen Computer haben.

Das mit den Computern ist natürlich eine spannende Entwicklung, die wir hier in der NSA mit großem Interesse verfolgen. Nachdem, was ich im Reader’s Digest so mitbekomme, scheint sich ja da einiges zu tun. Manche schicken sich schon Briefe per Computer, die dann in ein paar Minuten wie mit der Zauberpost von Computer zu Computer flitzen. Das muss man sich mal vorstellen! Es soll inzwischen Firmen geben, die es mit sehr viel Gehirnschmalz geschafft haben, den Leuten noch die persönlichsten Informationen über Jahre hinweg aus den Nasen zu ziehen. Die Leute liefern diese Infos sogar freiwillig. Da sage ich: Köpfchen muss man haben! Auf einer Sitzung letztens hat einer unserer jüngeren Mitarbeiter (56) gefragt, ob wir nicht auch bei diesem Internet mitmachen wollen. Diese Firmen erstellen gewissermaßen Profile dieser Leute, um ihren Kunden bessere Informationen über neue Produkte zusenden zu können. Diese Firmen wissen, was diese Kunden gern lesen, hören, essen, wo sie leben, wann sie aufstehen, welche politische Meinung sie haben, welche sexuellen Präferenzen, mit wem sie befreundet sind und so weiter. Aber ich habe gefragt: Was um alles in der Welt sollen wir mit solchen Informationen anstellen? Wir wollen doch den Menschen keine Produkte verkaufen. Wir haben nicht einmal Käppis oder so etwas, das wir den Leuten dann anbieten könnten.

Und überhaupt: Das mit dem Internet klingt vielleicht erst einmal gut, aber ganz so einfach ist das in der Realität einer Behörde wie meiner dann meistens doch nicht. Es ist ja nicht damit getan, dass wir uns das Internet kaufen oder dort mit eintreten oder wie das heißt, es muss sich ja dann auch noch jemand das Internet durchlesen. Das heißt, ich müsste eine ganze Sekretärin abstellen, die dann Internet liest. Die müsste ich ja jemandem abziehen, denken Sie, die gibt jemand her? Ganz bestimmt nicht. Und – das kenne ich aus meiner langjährigen Erfahrung – nach spätestens einem Jahr kommt die Sekretärin und sagt, sie schafft es nicht mehr, sie braucht noch mindestens zwei weitere Leute, die mit ihr das Internet durchlesen. So geht das ein paar Jahre und – schwupps! – hat man eine ganze neue Abteilung. Da kann ich nur sagen: Nein danke. Das war schon mit dem Bildschirmtext so ein Debakel, da haben wir mittlerweile hunderte von Mitarbeitern, die sich fast tottreten, so viele Menschen sind in der Abteilung beschäftigt, ich kann nicht noch so ein Internet gebrauchen.

Sie fragen sich jetzt vielleicht, was das mit dem Herrn Snowden ist? Also das ist ein Ablenkungsmanöver, das ziemlich außer Kontrolle geraten ist. Dieser Herr ist ein Schauspieler, der ziemlich genau einmal in unserem Büro in Philadelphia war, wobei ich damit nicht gesagt haben will, dass Philadelphia eines der oben erwähnten Briefzentren ist. Oder Columbus, Ohio. Nein, das will ich nicht sagen. Herr Snowden jedenfalls hatte den Auftrag, eine möglichst spektakuläre Geschichte zu erfinden, weil wir einen Schock Brieftauben über Alaska nach Russland schmuggeln wollten und daher die dortigen Sicherheitsbehörden ablenken mussten. Dass das Ganze dann solche Dimensionen annehmen würde und so über die Sender gehen würde, war für uns wirklich nicht abzusehen gewesen. Und – was sollten wir machen? Ich meine, die „Vorwürfe“, die uns in diesem Zusammenhang gemacht wurden, waren ja eigentlich ziemlich große Komplimente. Das las sich teilweise wie Science fiction.

Und nun? Sollten wir klein beigeben, mit der Wahrheit herausplatzen, zugeben, dass wir technisch gar nicht dazu in der Lage sind, die Dinge zu begehen, die Herr Snowden angeblich verraten hatte? Wer würde das denn machen? Wenn Ihr Chef Ihnen eine fette Gehaltserhöhung geben will, weil sie irgendetwas gemacht haben, von dem Sie gar nicht wissen, worum es geht, würden Sie dann sagen: „Nein, danke Chef, aber mit dieser Sache hatte ich gar nichts zu tun?“ Würden Sie nämlich nicht.

Und abgesehen davon, denken Sie nur mal nach: Diese Dinge, die uns vorgeworfen wurden, wären teilweise illegal gewesen! Wir hätten gegen geltende Gesetze verstoßen und zwar nicht nur gegen unsere eigenen Gesetze, was man ja dann irgendwie intern regeln kann, sondern wir hätten gegen Gesetze anderer Länder verstoßen. Und ich kann Ihnen versprechen: Das würden wir nun wirklich niemals machen. Warum sollte der Geheimdienst eines Landes gegen die Gesetze eines anderen Landes verstoßen? Wissen Sie, wie peinlich das wäre? Das ergibt doch einfach keinen Sinn.

Aber jetzt hat unser Chef alles herausbekommen und wir müssen wir schön Wetter machen. Wozu dieser Brief hier ein erster Schritt sein soll. Wir werden das mit dem Internet hier intern auf jeden Fall noch einmal ganz intensiv diskutieren, aber das ist für uns alles noch Neuland.

Kommentare (2)

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  1. Ja, man kann das anfordern und dann so wie Per Steinbrück im Internet veröffentlichen. Ich war selbst ganz überrascht, dass ich homosexueller Liebhaber von Wagner-Opern war. Das hätte ich nie gedacht, war aber wohl eindeutig.

  2. Danke dass wir endlich hinter die Geheimnisse der NSA schauen durften.
    ich habe uebrigens auch von diesem neuen Dienst “indernet” gehört. Koennten Sie dazu auch einmal was schreiben? das klingt recht interessant. Insbesondere auch diese Datensammlung.
    Kann man da auch mal eine Zusammenfassung über die persönlichen Vorlieben bekommen? Wer sind meine Freunde, welche sexuelle Orientierung habe ich, und was kaufe ich am liebsten ein. Macht ja auch Sinn das zu wissen, man kann sich dann ja auf so Einiges einstellen oder?