TATORT: Angezählt

Tatort angezaehlt

Ein kleiner Junge fährt langsam mit dem Fahrrad um eine rauchende Frau herum. Dann zieht er seine Wasserpistole und feuert auf sie ab – Sekunden später steht die Frau in Flammen. Die Wiener LKA-Ermittler Moritz Eisner und Bibi Fellner ermitteln in einem besonders brutalen Fall: Mord mit einem Kind als Waffe.

Wien bleibt der Linie seiner neuen Ära treu. Auch diesmal wieder geht es nicht um trivialen Mord aus Eifersucht oder Habgier, sondern der Film führt in die Welt von organisiertem Menschenhandel und Prostitution. Nicht nur die offenkundig von „Breaking Bad“ inspirierte Eingangsszene unterstreicht, dass hier keine besonderen Rücksichten genommen werden sollen. Das Elend der Zwangsprostituierten wird so ungeschönt aufgeblättert wie das gesellschaftliche und politische Umfeld, in der sie überhaupt stattfinden kann. Angenehmerweise ohne lange moralisierende Dialoge, dieser Unterbau entwickelt sich eher beiläufig. Etwa, wenn Bibi Fellner eines Nachts in einer der Anbahn-Kneipen herumsitzt und von einem Freier als Hure fehlinterpretiert wird. Für Verniedlichungen des Gewerbes bleibt da kein Platz, moralisierende Verurteilungen bleiben aber ebenso aus. Dafür ist Bibi, diesmal erfreulicherweise uneingeschränkt im Zentrum des Films, selbst viel zu sehr emotional verbandelt mit dem Milieu. Nach wie vor fährt sie in dem Schlitten ihres Zuhälterfreundes durch die Gegend, und der aktuelle Mordfall geht sie auch persönlich hart an, weil sie das Opfer noch von ihrer Zeit bei der Sitte gut kannte. Sie selbst hatte die junge Frau damals überredet, gegen ihren Peiniger auszusagen und sich für ihre Sicherheit verbürgt. Der ist allerdings inzwischen wieder aus dem Gefängnis entlassen, und der Verdacht liegt nahe, dass er sich nun gerächt hat. Mit einem strafunmündigen Kind als indirekte Tatwaffe.

Bei ihrer Psychotherapeutin beklagte Bibi kurz zuvor noch, dass sie zu Empathie mit normalen Menschen nicht fähig sei, nun sitzt sie also im emotionalen Ausnahmezustand zwischen Nutten und Anbahnern herum und entwickelt mütterliche Gefühle für das mordende Kind. Und muss ordentlich einstecken, psychisch wie physisch.

Obschon das Kind als Täter von Anfang an offen geführt wird und auch die Hintergründe schnell recht klar sind, ist der Film packend. Was zum einen am wieder groß aufspielenden Ermittlerteam liegt, an dem Willen, gesellschaftliche Realitäten darzustellen und dabei auf eine allzu fluffige Auflösung zu verzichten, aber nicht zuletzt auch an einem Bösewicht, der ganz ungebrochen böse sein darf. Dass der Mann Migrant ist, wird den ein oder anderen Applaus von der falschen Seite bringen, aber andererseits machen Fellner und Eisner mit ihrer Haltung unmissverständlich klar, dass die Probleme gesellschaftlich, nicht ethnisch bedingt sind, sodass das Umfeld der Welt-online-Kommentatoren letztlich auch keinen Grund zur Freude hat.

Etwas zweifelhaft ist höchstens der Versuch, das Ganze auch noch als Psychodrama zu inszenieren. So arbeitet Bibi parallel noch ihre eigene schwere Kindheit auf, inklusive bedeutungsschwangerer Traumsequenz. Denn letztlich, das wissen wir ja eh, sind immer die Eltern Schuld. Wie das verkorkste Verhältnis zum eigenen Vater dann doch noch gelöst werden kann, dafür  bietet der Film, soviel kann hier verraten werden, zwei recht unterschiedliche Lösungsansätze.

Insgesamt also kann der Tatort Wien sein hohes Niveau der jüngeren Vergangenheit halten und überzeugt hier vor allem durch die Person der Bibi Fellner, sodass man einige melodramatische Momente ebenso gut übergehen kann wie die manchmal etwas brechstangige Parallelhandlung. Und immerhin: Eisners Tochter musste nicht auch noch für die Eltern-Kind-Beziehungs-Handlung herhalten, da wollen wir letztlich nicht undankbar sein. So bleibt als größter Kritikpunkt der uninspirierte Allerweltstitel des Films, und das ist doch durchaus ein Kompliment.

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