vonHeiko Werning 30.10.2013

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

Mehr über diesen Blog

Wäre er nicht so ein offenkundig unangenehmes Geschöpf, man müsste Bischof Tebartz-van Elst mit Inbrunst in Schutz nehmen. Denn selbstverständlich ist es hoffnungslos bigott, wie jetzt alle auf den verwirrten alten Mann einprügeln und den plötzlich nur noch „Skandal-„ oder „Protz-Bischof“ Geheißenen vor sich hertreiben wie ein katholisches Inquisitionskommando eine arme Ketzerseele. Selbst im aktuellen Exil in Rom haschen ihm die Paparazzi hinterher, damit die „Bild“-Zeitung ein Foto zeigen kann, wie er mit dem Handy telefonierend durch die Straßen läuft, neben ihm ein mit Tüten beladener Herr im Priestergewand. Schlagzeile dazu: „Einen Taschenträger hat der Skandal-Bischof noch“.

 

Einen Taschenträger hat aber auch die Bild-Zeitung. Peter Hahne heißt der Mann, der seit 1996 für das Blatt mit seinen „Gedanken am Sonntag“ um christliche Werte kämpft, Seite an Seite mit dem „Orgasmus-Gesicht von 14 großen Stars“ und „Mr. Tesla, dem Mann mit den Eiern aus Stahl“.

 

In einem solchermaßen christlichen Umfeld muss natürlich auch dem Flüchtlingselend an den Südgrenzen Europas gedacht werden. Anklagend fragt Hahne: „Werden wir von Politikern regiert, die Herzen aus Stein haben? Von Regierungschefs, die sich hinter Paragrafen verstecken und denen es an Mitmenschlichkeit fehlt?“ Der Mann denkt das Undenkbare. Aber wie kann man bloß zu diesem Schluss kommen? „Zu diesem Schluss kann man kommen, wenn es nach dem Brüsseler EU-Gipfel zur Flüchtlingspolitik vergangenen Freitag eiskalt hieß: Trotz der Tragödien vor Lampedusa, vor den Küsten Italiens und Maltas wird nichts geändert; Flüchtlinge aus Afrika sind nicht willkommen, auch wenn sie sich in Berlin oder Hamburg demonstrativ zu Tode hungern.“ In der Tat, zu diesem Schluss kann man kommen. Könnte man. Aber natürlich nicht, wenn man Peter Hahne ist, denn: „Deutschland kann nicht das Sozialamt für die halbe Welt sein.“ Das wirkt vielleicht auf den ersten Blick jetzt gar nicht mehr so christlich und auch ein bisschen herzlos, aber: „Auch wenn ich damit herzlos wirke: Die Politik hat recht, dass wir das soziale Gefüge Europas nicht über Gebühr belasten dürfen, und eben nicht jeder, der vor Armut flüchtet, bei uns Aufnahme finden kann.“

 

Das allerdings sind vielleicht gar nicht so wärmende Gedanken am Sonntag, und der Peter Hahne, er ist ja auch gar nicht so, er hat schließlich kein Herz aus Stein. Weswegen er sein fehlendes Herz aus Stein gleich wieder weich werden lässt: „Jede Regel hat bekanntlich eine Ausnahme, jeder Paragraf kennt eine Hintertür. Und diese muss man für die kleine Naya und ihre Eltern aus dem syrischen Aleppo öffnen. Ich finde es erbärmlich, dass hier nach Gesetzeslage und nicht nach Menschlichkeit entschieden wird.“ Denn die kleine Naya ist vier und sieht trotz ihrer syrischen Herkunft ganz niedlich aus, und ihre Familie ist, so erfahren wir, „unter Lebensgefahr dem Bürgerkrieg entronnen.“ Aber ach: „Im Mittelmeer vor Malta ertranken ihre beiden kleinen Söhne.“ Dumm gelaufen bzw. eben schlecht geschwommen. Und nun möchten Nayas Eltern „nach Deutschland zu einer befreundeten Familie, die ebenfalls aus Syrien stammt. Die sind Zahnärzte und könnten Nayas Vater, einen Anästhesisten, sofort anstellen, eine Wohnung bekämen sie auch. Nayas Familie würde also niemandem auf der Tasche liegen, denn Ärzte werden in Deutschland händeringend gesucht.“ Doch die hartherzigen Behörden verweigern die Einreise unter Berufung auf jene Sichere-Drittstaaten-Regelung, die ansonsten glücklich verhindert, dass Deutschland das Sozialamt für die halbe Welt wird. Aber nicht mit Peter Hahne! Da ballt er das Christenfäustchen und schimpft: „Jesus Christus hat gesagt: ´Nicht der Mensch ist für das Gesetz da, sondern das Gesetz für den Menschen.‘ Das sollten sich unsere Damen und Herren Politiker hinter die Ohren schreiben – oder besser, zu Herzen nehmen.“

 

Wir halten also fest: Für den Christenmenschen Hahne ist unter Berufung auf einen gewissen Herrn Christus eine Ausnahme vom allgemeinen Aufnahmestopp zur Wahrung des europäischen Sozialgefüges genau dann angezeigt, wenn die Flüchtlinge a) niemandem auf der Tasche liegen und b) besonders gewinnbringend in die hiesigen Verwertungsketten eingegliedert werden können. Kurz: Wenn sie uns Geld bringen. Nächstenliebe kann so schön sein! Also zumindest, wenn die Flüchtlinge nicht so verlaust sind wie diese ganzen anderen Ausländer immer, aber das hat die Bild-Zeitung vor dem gemeinsamen Fototermin sicherlich überprüft. Außerdem sind das ja Ärzte. Alle anderen allerdings müssen, leiderleider, im Mittelmeer ersaufen oder zurück nach dahin, von wo sie unter Lebensgefahr geflüchtet sind, damit unser Sozialgefüge nicht zu dolle belastet wird.

 

Diese christliche Ausprägung der Nächstenliebe ist übrigens streng ökumenisch. Denn Hahne ist Protestant, aber auch die Katholiken haben durchaus ein Herz für die Armen. Deswegen überlegen die jetzt allen Ernstes, die bischöfliche Trutzburg in Limburg als Flüchtlingsheim zu verwenden oder für Obdachlose als Suppenküche zu öffnen, denn, so Stimmen aus dem Limburger Ordinariat in alttestamentarischer Terminologie: „Der Bau ist so etwas wie eine Erbsünde geworden.“ Und in guter, alter exorzistischer Tradition: „Der Geldgestank muss weg“.

 

Schöner könnte man es sich gar nicht ausdenken. Die katholische Kirche verfügt allein in Deutschland über ein jährliches Einnahmevolumen via Kirchensteuern in Höhe von rund 22 Milliarden Euro, dazu kommen Hunderte von Millionen, die die Bistümer eigenständig im Tabernakel bunkern, wo das Allerheiligste dank Beteiligungen an irgendwelchen Rüstungskonzernen oder Porno-Versandhäusern noch ordentlich Zinsen abwirft. Das hat nie jemanden gestört, und nie käme jemand auf die Idee, diese Gelder ernsthaft für die Armen und Elenden einzusetzen. Stattdessen lässt man sich sogar die eigenen Bischöfe weiter vom Staat bezahlen. Verglichen mit den Mitteln der katholischen Kirche in Deutschland sind die 31 Millionen, die die Bischofsresidenz von Tebartz-van Elst gekostet hat, nun wirklich nur Hostienkrümel. Aber der Geldgestank muss weg, klar, und was wäre dazu besser geeignet, als ihn mit dem Gestank von Obdachlosen zu neutralisieren. Weshalb dann also zukünftig die Limburger Bedürftigen ihre Hühnersuppe direkt aus der goldenen 15.000-Euro-Bischofsbadewanne löffeln dürfen. Wie gut nun rückblickend, dass Tebartz-van Elst sich für das etwas teurere freistehende Modell entschieden hat. So können die Hungernden wenigstens von allen Seiten heran treten. Und auch des Bischofs Beharren auf die hängende Adventskranzhalterung könnte sich noch als sehr praktisch erweisen: So können sich die Flüchtlinge, die zufällig nicht gerade gut ausgebildete Anästhesisten mit sie alimentierenden deutschen Verwandten sind, nach Ablehnung ihres Asylantrags gleich daran aufhängen. Denn du sollst lieben deinen Nächsten wie dich selbst – solange er nicht dein Sozialgefüge durcheinander bringt und dir nicht auf der Tasche liegt.

 

Anzeige

Wenn dir der Artikel gefallen hat, dann teile ihn über Facebook oder Twitter. Falls du was zu sagen hast, freuen wir uns über Kommentare

https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2013/10/30/peter-hahne-und-tebartz-van-elst-seit-die-nadelohre-so-gros-sind-wie-scheunentore-laufen-uberall-nur-noch-kamele-herum/

aktuell auf taz.de

kommentare

  • […] Peter Hahne und Tebartz-van Elst: Seit die Nadelöhre so groß sind wie Scheunentore, laufen überal…– Ich mochte Peter Hahne noch nie sonderlich. Aber seitdem ich weiß, dass dieser quasi ein christlicher Fundamentalist ist und seitdem ich mitbekommen habe, dass er für die Zeitung mit den 4 Buchstaben schreibt, kann ich ihn gar nicht mehr leiden! Und wenn ich dann so was lese…. […]

  • Wunderbare Analyse! Die heuchlerische Doppelmoral ist nunmal seit Jahrhunderten Grundbestandteil „christlicher“ Politik und Herrschaft, nur so konnten Kirchen und Politiker Reichtum bzw. Macht ansammeln. Bezeichnend auch, dass gerade selbsternannte Vorzeigechristen wie Hahne das eigentlich einfache Prinzip der Nächstenliebe offensichtlich nicht verstanden haben bzw. bewusst falsch interpretieren. Unser Land ist ein schönes Land (für Deutsche, nicht für die Ersoffenen im Mittelmehr), unsere Demokratie ist ein kostbares Gut (für wahlberechtigte Deutsche mit Zugang zu Sozialstaat, Bildung, Berufswahl, ohne Residenzpflich und Essenspaketen) und der Mensch gestaltet und formt (ein der Menschenwürde widersprechendes Asylrecht). Der arme Papst, was soll er mit solchen Schafen nur anfangen?

  • Alles nur herbwürdigen, zerreden und drüber lästern. Was für ein Verständnis von Diskussionskultur zeigt hier die taz in diesem Artikel. Und nicht nur da…
    Ach ja, es ist ja alles Mist. Ach ja, die anderen können es ja nicht. Ach ja, was soll man da machen…? TAZ lesen … und man weiß, was man (besser) nicht macht.

    Unser Land ist ein schönes Land, unsere Demokratie ist ein kostbares Gut. Der Mensch gestaltet, formt und … die TAZ ist wohl weniger von allem begeistert.

    Wie nur sollte es dann zum Besseren führen? Nein, lieber nicht. Lassen wir es so, wie es ist. Sonst hätte ja die TAZ nichts zu lachen,nichts zu lästern. Aber… man kann ja frei wählen… nicht nur Parteien. Nein, auch Zeitungen…

    A.S.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.