vonJakob Hein 10.01.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Die Medienlandschaft scheint sich wieder mal einig zu sein: „Respekt und Lob für Thomas Hitzlsperger“ schreibt die „Berliner Zeitung“ über die Reaktionen auf das öffentliche Bekenntnis des ehemaligen Fußballprofis zu seiner Homosexualität. Auch die „Tagesschau“ weiß: „Das Coming-out des ehemaligen Fußballprofis und Ex-Nationalspielers Thomas Hitzlsperger hat durchweg für ein positives Echo gesorgt.“ Allenfalls ein paar Verirrte im Hexenkessel Internet haben es vielleicht immer noch nicht verstanden, wie und die „Deutsche Welle“ verrät: „Doch es finden sich im Internet auch eine ganze Reihe kritischer und sogar beleidigender Kommentare.“

Für alle, die es noch nicht mitbekommen haben: Die Sache stinkt! Die Reaktionen sind nicht überwältigend positiv. Gerade aus der Welt des Fußballs, von dort, wo es darauf ankommen würde, sind die Reaktionen zum großen Teil sehr problematisch.

Ein besonders schönes Beispiel bietet kicker.tv, die behaupten, die Reaktionen auf Hitzlspergers Interview seien „unisono voller Respekt und Bewunderung“ gewesen. Gleichzeitig weigert sich der „Kicker“ in seiner gedruckten Version über den ersten offen schwulen von bisher mehr als 5000 Bundesliga-Spielern zu berichten und bringt stattdessen unfassbar spannende Artikel wie „5 Brennpunkte für Trainer Dutt“.

Außerdem findet sich auch jede Menge vergiftetes Lob. So sagt der Präsident des Deutschen Fußballbundes: „Er hat sich entschieden, den Schritt in die Öffentlichkeit zu gehen, und ich stehe zu unserem Wort, dass er von uns jede erdenkliche Unterstützung bekommt.“ Welche Unterstützung das sein soll, kann man schwer sagen.

Immer wieder jedoch betonen die Fußballer und Fußballfunktionäre, dass es sich hier um die persönliche Entscheidung eines einzelnen handelt. So sagt auch Bundestrainer Löw: „Thomas hat für sich persönlich entschieden, diesen Schritt zu gehen, und er sollte in einer toleranten Gesellschaft von allen respektiert werden.“

Das soll aber kein Beispiel für andere sein, wie der Präsident der Bundesliga, Rainhart Rauball betont: „Mit Blick auf die enorme Öffentlichkeit im Profifußball wären die Reaktionen im Falle des Outings eines aktiven Profis jedoch weiterhin nur schwer kalkulierbar. In dieser Hinsicht tragen die Klubs als Arbeitgeber eine außerordentliche Verantwortung. Auch vor diesem Hintergrund würde ich einem Betroffenen raten, im ersten Schritt die Vereinsverantwortlichen wie Vorstand und Trainer sowie Mannschaftskollegen ins Vertrauen zu ziehen.“ Soll heißen: Wenn du aktiver Spieler bist, dann mach das lieber nicht. Du kannst dich aber auch vertrauensvoll an jemanden wenden, der dir sagt, dass du das lieber nicht machen sollst. „Kalkulierbar“ ist hier wohl das vieldeutige Schlüsselwort. Rauball redet wie einer, der schon öfter mal im Stadion war, nicht wie jemand, der für den Laden Verantwortung trägt.

Gern lobt man Hitzlsperger auch mit dem Hinweis auf eigene Unkenntnis: „Als Thomas noch aktiver Nationalspieler war, hatten wir von seiner Homosexualität keine Kenntnis. Er hat sich erst nach seinem Karriereende an uns gewandt und uns darüber informiert“, lässt sich Oliver Bierhoff zitieren. Auch Arne Friedrich muss vor seiner Solidarität mit dem Kollegen noch eine Sache klarstellen: „Ich bin heterosexuell. Aber wenn ich homosexuell wäre, wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, es öffentlich auszusprechen.“

Ganz gruselig aber wird es in einem Interview von Heribert Bruchhagen, Vorstandsvorsitzender bei Eintracht Frankfurt. In einem Interview mit dem Deutschlandfunk, das tatsächlich 2014 und nicht irgendwann in den 50er Jahren geführt wurde, räsoniert er darüber, warum das mit dem Outing im Fußball wohl so schwer sein könnte. „Mit dem Fußball verbindet man immer noch etwas Gladiatorentum, und auch das Gedankengut eines Gladiators ist sicherlich nicht in Richtung Homosexualität zu lenken.“ Das Gedankengut eines halbnackten, eingeölten Mannes, der mit anderen halbnackten, eingeölten Männern ringt, ist nicht in Richtung Homosexualität zu lenken? Ach ja, stimmt.

Woher aber, Herr Bruchhagen kommt wohl diese Beschäftigung mit Homosexualität im Fußball? „…in erster Linie durch die Probleme der Mädchen unserer Mädchen-Nationalmannschaft, die sich ja doch in größten Teilen gleichgeschlechtlich bekennen…“ Aha. Gemeint ist die Fußball-Nationalmannschaft der Frauen, aber warum nicht mal locker „Mädchen“ sagen in einem Interview zu Gender-Themen im 21. Jahrhundert? Und klar, diese „Bekenntnisse“ zur Gleichgeschlechtlichkeit, da gibt es ja keinen anständigen Exorzismus mehr, darum gibt es diese „Probleme“. Wer würde nicht gern mit so einem Chef über persönliche Probleme sprechen?

Deshalb will Bruchhagen jetzt auch handeln: „Auch wir in den Bundesligavereinen würden natürlich alles dafür tun, dass Menschen sich befreien können von ihrem Gedankengut; dass sie etwas verbergen müssen, das ist ja nicht schön für einen Menschen.“ Nee, das ist nicht schön. Da „würde“ man alle dafür tun. Aber sollen die Menschen von ihrem „Bekenntnis zur Gleichgeschlechtlichkeit“ befreit werden oder welches „Gedankengut“ meint Bruchhagen?

Und schließlich liefert Herr Bruchhagen auch die Erklärung dafür, warum sich bisher erst  0,019 Prozent der Fußballbundesligaspieler (in Worten: einer) zu seiner Homosexualität bekannt hat: „Es ist aber auch so, das muss ich aber auch sagen, dass die, sagen wir mal, proportional an der Gesellschaft, dass Fußball eben ein starker Männersport ist und dass es jetzt nicht so ist, ich kann das jetzt prozentual nicht benennen, aber es gibt sicherlich eine prozentuale Zahl von homosexuellen Neigungen in unserer Gesellschaft, ob die sich gerade im Männerfußball zu hundert Prozent widerspiegelt, habe ich doch große Zweifel. Das soll jetzt kein Prä des Männerfußballs sein, aber ich glaube, dass das Fakt ist.“

Das heißt, der Männerfußball, das ist nichts für Schwule, weil die sich ja nur für Ballett und Handtaschen interessieren.

Welcher Fußballspieler sollte sich angesichts dieser Reaktionen ermutigt fühlen, auch nur entspannter mit dem Thema Homosexualität umzugehen? Klar, Politik und Presse loben ein bisschen, aber alle Fußball-Verantwortlichen sagen ganz klar: Das darf man – wenn überhaupt – erst nach der Fußball-Karriere tun. Es handelt sich hier immerhin um den mit massiven öffentlichen Mitteln unterstützten Sport Fußball. Die Politik ist hier aufgefordert, frischen Wind in dieses offensichtlich homophobe Feuchtbiotop zu blasen. Und die Medien sollen bitte nicht so tun, als habe es „unisono positive“ Reaktionen gegeben. Da, wo es drauf angekommen wäre, waren die Reaktionen sogar zum größten Teil sehr doppelzüngig.

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/01/10/hitzelspergers-outing-das-sollen-positive-reaktionen-sein/

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kommentare

  • @Roland: Ja, das habe ich auch im „heute-journal“ gesehen. Dieses dämliche Grinsen von Kunz war noch schlimmer, als alles, was er gesagt hat. Hat mich dann auch dazu bewegt, mal nachzuschauen, was denn in Wahrheit für Reaktionen aus der Welt des Fußballs kamen.
    Kunz ging dann auch auf „Sauna“ und „Abklingbecken“ ein und dass man ja gewissermaßen keinem zumuten könne, dort mit einem amtlich Schwulen reinzudürfen. Weil man weiß ja, wie die sind.

  • Die Hitzelsperger-Nummer war übrigens kein „outing“, sondern ein „coming-out“, aber das nur am Rande.

    Zum Brüllen übrigens auch ein Fernsehinterview am Veröffentlichungstag mit Lautern-Präsident Kunz (in ARD „Nachtmagazin“ oder ZDF „heute nacht“, weiß ich nicht mehr), wo dieser auf die spezifische Situation im Mannschaftssport hinwies, weil man doch dort in Sauna und Umkleidekabinen zusammentreffe.

  • Wenn YouTube Seiten für Kommentare gesperrt werden müssen, dann ist das schon kennzeichnend für eine Debatte, in der Teilnehmer unter dem Schutz von Anonymität ihren Ressentiments freien Lauf lassen können.

  • Au au au.
    Armer Herr Hein.
    Wie böse die anderen sind! Das ist ja ganz, ganz schlimm!
    Gut, dass Sie sich so wortgewandt wehren! Weiter so! Dann sehen die sicher bald ein, wie bitter unrecht die Ihnen getan haben und haben sie wieder lieb.
    Sie armer, armer, armer Blogger. Wo sie doch in ihrer unendlichen Großherzigkeit die Welt an ihren überaus tiefschürfenden Gedanken teilhaben lassen…
    Mein tiefstes Mitgefühl. Ach, jetzt muss ich schon anfangen zu weinen…
    *schnüff*

  • Was für eine Heuchelei!
    Alle tun so, als ob das so genannte Outing von Thomas Hitzlsperger irgendetwas mit Mut zu tun hätte. Dabei muss ihm doch vorher klar gewesen
    sein, daß alle ihn als Helden feiern würden. Mut hat etwas mit Risiko zu tun. Doch ein solches Risiko hat es nicht gegeben. Im Gegenteil. Jeder
    Journalist, der etwas anderes als ”super” geschrieben hätte, wäre medial gesteinigt worden.

    Mehr lese ich unter
    http://www.tornante.pf-control.de/blog1/?p=15041

  • @dussel: Das alles tut mir entsetzlich leid. Wie konnte ich nur so nachlässig und scheinbar locker mit so einem kardinalen Fehler, durch den die Geschichte der Menschheit neu geschrieben werden muss, umgehen? Wie konnte ich glauben, dass es ausreichen würde, diesen orthografischen Fehler zu korrigieren und einzugestehen, zumal dieser Fehler doch auch so wesentlich den Inhalt des Textes beeinflusst? Wie konnte ich nur bei meinem üppigen Gehalt und dem Riesenstab von Mitarbeitern, über die ein Blogger verfügt, solche Nachlässigkeit zulassen? Ich weiß es heute auch nicht mehr. Ich kann nur sagen, dass ich mich unfassbar tief schäme und hoffe, dass mir jemals wieder von der Gesellschaft verziehen werden kann. Ich bin tief dankbar für rechtschaffende Menschen wie Sie, die die richtigen Worte, den richtigen Tonfall und den richtigen Kontext für solche Straftaten finden. Mit dieser „Begründung“, wie sie mir unterlaufen ist, kann man auch gleich den Deutschunterricht in Deutschlands Schulen abschaffen, die Universitäten schließen und einen Angriffskrieg beginnen.
    Nie, nie wieder dürfen wir „locker“ mit solchen Abbweichungen umgehen. Schön dass es aufrechte Menschen wie Sie gibt, die anonymisiert im Internet Wache schieben. Bis zum nächsten Mal, wie ich hoffen darf.

  • „Ich kann leider kein Süddeutsch.“
    Grundgütiger, wie peinlich ist das denn?

    Wäre das auch ein passende Entschuldigung für Däwit Kämeron (ich kann leider kein Englisch), Fronsoa Hollond (ich kann leider kein Französisch) und Enriko Lätta (ich kann leider kein Italienisch)?

  • Lieber Herr Hein, der gute Mann über den Sie hier schreiben heißt Hitzlsperger und nicht anders. Bevor man sich über andere Medien den Stift/Mund zerreißt, sollte man zu allererst an solche Grundlagen denken. Man sieht allein an dem gigantischen Medienecho das Diversität in der Sexualität noch immer nicht gesellschaftsfähig ist. Da wundert es auch wenig, das Jason Collins, Robbie Rogers und Thomas Hitzlsperger ihre Outings erst nach Rücktritt hatten, oder und noch arbeitslos sind.

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