vonHeiko Werning 21.02.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Ich bin Tieren jeder Art gegenüber eigentlich sehr aufgeschlossen. Aber der Gedanke an Kopfläuse hat mir nie sehr behagt. Ich hörte von den Tierchen erstmals, als ich selbst noch zur Grundschule ging. Ich war alarmiert. Seither befürchtete ich immer mal wieder, ich könnte von ihnen befallen sein. Auf kleine helle, sich bewegende Punkte im Haar sei zu achten, so erfuhr ich. Die man, obwohl sie so klein sind, keineswegs einfach mit den Fingern zerdrücken kann. Man müsse schon die Fingernägel zu Hilfe nehmen, um die Biester mit ihrem festen Panzer zu erledigen. Richtig knacken müsse es dabei.

Ich möchte gar nicht wissen, wie viele Stunden meines Lebens ich damit zugebracht habe, auf irgendwelche kleinen Materieansammlungen, die ich aus meinen Haaren geborgen hatte, zu starren, um zu erkennen, ob sie sich vielleicht bewegen. Es fällt ja allerhand ab von so einem Kopf. Schuppen, kleine Krüstchen, undefinierbare Placken. Und irgendwann hat man so was beim unbewussten Kratzen plötzlich unter dem Fingernagel. Dann diese Furcht: Ist das jetzt eine Kopflaus? Ist es so weit? Die genaue Betrachtung des Etwas unter dem Fingernagel ergibt kein klares Bild. Ist die Laus möglicherweise trotz Panzerung beim Kratzen kaputtgegangen? Sofort beginnt die großflächige Eigeninspektion, und man ist erstaunt, was man alles birgt. Dutzende kleiner Stopfel liegen irgendwann auf Mouse Pad oder Schreibtischplatte und werden argwöhnisch gemustert. Hat sich da gerade einer bewegt? Dem Krümel ist nichts nachzuweisen, aber ich bleibe misstrauisch. Was, wenn die Laus sich nur totstellt? Ich versuche, mich wieder auf meine Arbeit zu konzentrieren, blicke aber immer mal wieder auf den Punkt. Am Ende verliere ich die Nerven, nehme alle suspekten Teile zwischen die Fingernägel meiner Daumen und presse diese wie wild aneinander. Hat da jetzt etwas geknackt? Etwas ratlos blicke ich auf das nun sehr platte Irgendwas. Letztlich ist mir der Nachweis einer Laus nie gelungen.

Das Tückische an Kopfläusen ist allerdings, dass sie Juckattacken auch bei Abwesenheit auslösen. Seit unsere Kinder in den Kindergarten oder zur Schule gehen, hängt immer mal wieder ein entsprechender Warnhinweis an der Eingangstür: „Achtung, wir haben Läuse!“ Und spätestens zu Hause am Schreibtisch geht dann das Gejucke los.

Das ist ganz so wie bei diesen Typen, die sich jetzt plötzlich überall zum Thema Schwule zu Wort melden. Kaum hören sie von Homosexualität, juckt es sie überall, und sie beginnen, sich irgendwas aus den Haaren zu pulen, es angsterfüllt anzustarren und schließlich sinnlos zwischen ihren Fingernägeln zu zerquetschen.

Der FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum, der angesichts des Outings des Fußballspielers Hitzlsperger schreibt: „Es sollte nicht so weit kommen, dass Mut dazu gehört zu sagen: Ich bin heterosexuell, und das ist gut so.“ Die ganzen Wahnsinnigen, die angesichts des völlig selbstverständlichen Anliegens der baden-württembergischen Landesregierung, Kinder darauf hinzuweisen, dass es halt auch Schwule gibt, gleich eine Umerziehung befürchten. Oder der Katholikenkasper Matthias Matussek, vielen jüngeren Menschen heute eher bekannt unter dem Namen „der Puffgänger“, der in der „Welt“ schreibt: „Dann bin ich wohl homophob, und das ist auch gut so.“ Natürlich glaubt er, dass er nicht homophob ist, einige seiner besten Freunde sind schließlich Schwule, weshalb er, listig listig, das eben ganz provokativ mal so dahinschreibt, während er vorher ausführlich begründet, warum die Liebe zwischen Mann und Mann „defizitär“ sei – weil sie nämlich keine Kinder hervorbringe. Denn Liebe ohne Kinder, das ist ja bekanntlich nix, und nur weil „irgendwelche Pantoffeltierchen“ auch schwul seien, heiße das ja noch lange nicht, dass Homosexualität kein Defekt sei. Nun ist der Text von Matussek dermaßen bescheuert, dass nicht mal ich Lust habe, mich näher damit zu befassen, und das will schon was heißen. Was soll man auch dazu sagen, wenn die Diagnose so offensichtlich ist: Selbst Matussek kann versehentlich mal einen wahren Halbsatz schreiben, und der lautet hier: „Dann bin ich wohl homophob.“ Eben.

Angeblich haben diese Typen alle nichts gegen Schwule, aber kaum hören sie von ihnen, müssen sie sich andauernd kratzen, als fürchteten sie, irgendwie von Homosexualität befallen zu sein. Was im Fall Matussek zumindest eine plausible Erklärung wäre. Ähnlich  wie bei seinem Zwillingsbruder in Sachen Geist und sprachlicher Schönheit: Bushido. Der hetzt auf seinem neuen, gerade erschienenen Album einmal mehr gegen Schwule. Es ist offensichtlich etwas Obsessives für diese Herren. Es wären ja nicht die ersten braven Ehemänner, die in Wirklichkeit anders ticken, es sich einfach nicht eingestehen können und aus Selbsthass ausgerechnet auf diejenigen losgehen, die diese Eigenschaft mit ihnen teilen. Das würde zumindest die völlig irrationale Ablehnung bei gleichzeitiger Besessenheit vom Thema erklären.

Denn manchmal ist da ja halt doch tatsächlich was, wenn es juckt. Wie ich jedenfalls bei meinem Sohn eines Tages feststellte. Der nämlich kratzte sich ausdauernd auf dem Kopf, und da wieder so ein Schild an der Eingangstür zur Kita hing, guckte ich mich mal ein bisschen näher hin – und staunte nicht schlecht. DAS also ist eine Kopflaus. Schau mal an. Da hätte ich mir das jahrzehntelange Anstarren und Drücken ja auch sparen können. Die Tierchen sind nämlich erstaunlich groß. Geradezu riesig. Nicht einmal ich musste meine Augen anstrengen, um das Vieh in allen Einzelheiten zu betrachten: Beine, Kopf, Abdomen – alles klar erkennbar. Und man musste auch nicht mühsam drauf starren, um zu sehen, ob es sich bewegt, es sprintete einfach in irrsinniger Geschwindigkeit los und verschwand sofort wieder irgendwo in der haarigen Deckung. Ich war schockiert. Am Abend dann stand nach kurzem interfamiliären Primatenverhalten fest: Die ganze Familie ist befallen. Wir haben Läuse.

Kopflaus (c) dpa
Eindrucksvoller Untermieter: Kopflaus (Foto: dpa)

 

„Goldgeist“ heißt das Mittel der Wahl dagegen seltsamerweise, was erstaunlich poetisch klingt dafür, dass man sich in Wirklichkeit ja einfach Insektengift in die Haare schmiert. Jedenfalls macht der Goldgeist den Tierchen rasch den Garaus.

Leider funktioniert das mit Homophobie nicht so einfach, dagegen scheint es noch kein Mittel zu geben. Angesichts der, wie Matussek selbst zugesteht, „mittelalterlichen“ Einstellung der davon Befallenen sollte man vielleicht auf eine damals gern geübte Praxis im Umgang mit an unappetitlichen Krankheiten Leidenden zurückkommen und eine Art Pestlager für sie errichten. Ein paar Tage nur. Der Gedanke jedenfalls, Matussek, Bushido, von Altenbockum und diesen seltsamen Lehrer aus Baden-Württemberg eine Weile gemeinsam einzusperren, gefällt mir durchaus. Da können sie dann stundenlang miteinander reden. Und Sandra Maischberger muss das alles moderieren.

 

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https://blogs.taz.de/reptilienfonds/2014/02/21/schwule-kopflause-matussek-bushido/

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kommentare

  • Habe ich echt so viele Fehler in meinem Text fabriziert? Kann ich kaum glauben. Die wurden nachträglich eingebaut, wenn nicht, schiebe ich es mal auf die Uhrzeit. Meine Tastatur ist auch doof, seit die neu ist.

  • Für was man Alles heutzutage Geld bekommt und über was man Alles sinnlos daher schwafeln darf.
    Vielleicht sollte ich mich auch mal anschicken, meine Texte an Zeitungen zu verkaufen, wenn ich mir mehr Mühe mit dem Deutsch und dem Satzbau geben würde.

    Wie schrecklich Läuse für Kinder sind, sollte jedem aufmerksamen Erwachsenen auffallen. Doch, den interessiert es oftmals nicht.

    Dass jeder über Homosexualität schwafeln muss, ist so ein typisches Mitläufer- oder auch Neidding. „Der hat geschrieben, ich will auch schreiben, ich will ins Nichts nachstehen“.

    Wir haben Glück, dass Lesben außen vor gelassen werden, sind doch viele gar nicht als Frau zu erkennen.

    Schwule scheinen anderen Männern wirklich Angst zu machen.
    Mich stört bei Schwulen nur das Offensichtliche und das Getucke, das Unmännliche. Schwule Männer stehen oft gar nicht auf Getucke. Das ist dann vielleicht so wie bei Lesben, die sagen: „Ich stehe auf Frauen und die müssen feminin sein, denn ist sie maskulin, kann ich mir gleich einen Mann nehmen“. Und das ist so wahr wie das Amen in der Kirche.

    Echte Homos, Lesben wie Schwule, stehen auf feminine Frauen und maskuline Männer, alle anderen „Möchte-gerns“ sind keine Homosexuellen. Warum sollte ich als Lesbe auf maskuline Frauen stehen? Ist doch unlogisch.
    Die Flucht der nicht echten Homosexuellen in gleichgeschlechtliche Beziehungen ist der Beweis dafür, dass sie schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht haben müssen. Die wurden nicht als Homosexuelle geboren. Denn man wird nicht schwul, lesbisch oder hetero, sondern man ist es.

    Mein allerliebstes Lieblingsbeispiel dafür ist und bleibt Anne Heche.

    Und ich als Lesbe, bin so homophob wie es eine Hete gar nicht sein könnte.

    Wie jede Hete anders ist, ist auch jeder Homo anders. Da, wie überall, gibt es die Dummen, die am Lautesten schreien und auffallen müssen, und jene, die man gar nicht erkennt.

  • Ich persönlich hatte bis jetzt leider mehr Probleme mit diesen lästigen Krabbeltierchen als mit den Homophoben. Die Schwulenhasser sind eben die überbleibsel einer reaktionären Zeit, die jetzt meinen, besonders laut nochmal ihren Blödsinn äußern zu müssen. Die Läuse hingegen sind sehr tückisch, keineswegs immer leicht aufzufinden, da sie erst sehr klein sind und dann ihre Farbe an die Haare anpassen. Argh.

  • Mich juckt es schon beim Lesen überall, die familiären Entlausungsaktionen (inkl. Einfrieren der Kuscheltiere), permanentem Saugen und Waschen von Decken und Kissen besonders nach den Sommerferien habe ich noch sehr detailreich in Erinnerung. Pech, wenn die Töchter – natürlich! – schulterlanges Haar haben, das ausgekämmt werden muss. Als notorischer Besserwisser weise ich darauf hin, dass das Läusezeugs GoldGEIST heißt, GoldWASSER ein belieber Schnaps aus Danzig ist, der mehr innerlich gegen Flausen als äußerlich gegen Läuse hilft.
    Heiko Werning hat mit dieser wunderbaren Analogie absolut Recht.
    Angesichts mancher Statements der genannten Personen sollte es einfach jedem Leser jucken: Und zwar in den Fingern, pampige Widerworte zu schreiben – was allemal besser ist, als wenn es einem in der Faust zu jucken beginnt.

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