vonHeiko Werning 07.03.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Das erste Rollkommando von Nick Tschiller durch Hamburg hat einige Verwüstungen im Astan-Clan hinterlassen, einer kurdischstämmigen Großfamilie, die einen nicht unerheblichen Teil ihres Auskommens in der organisierten Kriminalität gefunden hat. In der zumindest so gut organisierten Kriminalität, dass sie auch aus dem Gefängnis heraus offenbar nach Belieben in der Stadt schalten und walten kann und nun also nach Rache dürstet, weil Tschiller in der Einstiegsfolge „Willkommen in Hamburg“ ein paar der Verwandten ins Jenseits geschickt oder arg lädiert hatte. Weshalb einer der einsitzenden Astans nun also „Kopfgeld“ auf den Hauptkommissar aussetzt, das sich nun natürlich manch einer verdienen will. Womit die Geschichte im Wesentlichen erzählt wäre.

 

Action-Reißer

Irgendwie jagen, misshandeln und töten sich 90 Minuten lang allerlei Menschen gegenseitig. Wer da gerade wen meuchelt, kann man zwischenzeitlich schon mal aus den Augen verlieren. Die TATORT-Variante mit Til Schweiger wollte Action bieten, und jetzt bietet sie eben Action. (Und ganz nebenbei sogar, wir befinden uns schließlich im Zeitalter nach den „Shades of Grey“, handfesten Handschellen-Sex mit Schweiger-Popo-Ansicht.)

Lassen wir mal die Leichenzählerei beiseite, zumal die zahlreichen, einen kurzzeitigen Rekord setzenden Toten der Folge teils recht ökonomisch am Stück anfallen. Und vergessen wir den obligatorischen Streit um die schauspielerischen Fähigkeiten von Schweiger, den Familienbanden und Seilschaften, die er auch mit diesem Film wieder versorgt, und seine Statements jenseits der Leinwand.

Dann sehen wir einen durchaus zackigen, rasanten, modern inszenierten Action-Film mit allem, was halt genretypisch dazu gehört. Viel Macho, viel Einsamer Wolf, viel Superheld, der sehr viel einsteckt. Dass dabei die einzelnen Spreng-, Schieß- und Prügelszenen für sich genommen nicht alle zwingend glaubwürdig daherkommen, entspricht ebenfalls den Konventionen. Und eine besonders filigrane Geschichte sollte man auch nicht erwarten.

Aber: Wer am Sonntagabend auch mal einen Hauch von Popcornkino am gemütlichen Stammplatz verträgt, der kann sich durchaus erfreuen an diesem sauber durchgezogenen Reißer.

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Der eigentliche Star der Schweiger-Tatorte: Kommissar Gümer Foto: ARD

 

Law and Order vs. beiläufige Differenzierungen

Damit wäre eigentlich schon alles gesagt, ein paar Randbemerkungen seien aber noch ergänzt.

Der Filmspaß wäre nicht halb so groß, wäre da nicht Schweigers Kompagnon Fahri Ögün Yardim, der als Kommissar Gümer brilliert. Er setzt die notwendigen Kontrastpunkte zum halt doch recht eindimensional und (für den Zuschauer natürlich nur, nicht für seine Filmgegner) wenig überraschend agierenden Schweiger/Tschiller. Er bringt damit so etwas wie eine interessantere Figurenzeichnung in das ansonsten in der Grundanlage doch etwas arg erwartbare Geschehen.

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Nachwuchskiller beim Anschauungsunterricht Foto: ARD

 

Was zu einem weiteren Nebenaspekt führt: Man fragt sich ja, worin genau die Aufgabe des TATORT-Koordinators der ARD besteht. Soll der die Filme vielleicht thematisch sortieren? Nachdem uns in recht kurzem Abstand zwei Zirkusfolgen begeisterten (Murot) bzw. langweilten (Odenthal), kommen nun also im Abstand von zwei Wochen zwei Filme zum Thema „kriminelle Ausländer-Clans“. Zweifellos ist der Bremer Beitrag „Brüder“ der ambitioniertere von den beiden. Aber der war eben auch ziemlich problematisch, was das Schüren von Vorurteilen anging („Einmal Nidal, immer Nidal“). In Hamburg jetzt sind die bösen Clanmitglieder nicht minder böse, eher sogar noch einen Zacken ruppiger. Und obwohl man diesem Film wahrlich nicht vorwerfen kann, dass darin zu viele Worte gemacht würden, reichen doch einige locker eingeworfene Nuancierungen aus, um ihn wohltuend von der Bremer Schwarz-weiß-Zeichnung abzusetzen. Auch das liegt zu einem guten Teil wieder an Gümer/Yardim, der hier keineswegs als unglaubwürdiger Quotenmigrant agiert, sondern als völlig selbstverständlicher Teil des Geschehens. Und der im Blutrausch seiner Kollegen wenigstens mal am Rande darauf hinweist, dass es, Verbrecher hin oder her, eben auch Menschen sind, die hier umkommen, und dass das alles andere als gut ist. Auf diese Weise wird auch die etwas unappetitliche Forderung nach der harten Hand, die endlich mal aufräumen muss, etwas erträglicher. So driftet – trotz durchaus bedenklicher Tendenzen in diese Richtung – das Ganze zumindest nicht allzu sehr in die „Richter Gnadenlos“-Ecke ab. Wozu auch kleine, beiläufige Szenen sorgen, wie etwa eine trauernde, verzweifelte Frau, die sich über den toten Körper eines der Schufte wirft. Oder wenn in all dem Kampfgetümmel ein durchaus vielschichtiges Bild eines dreizehnjährigen Nachwuchskillers gezeichnet wird. Oder wenn klar wird, dass auch der mieseste Clan die Unterstützung von miesen Typen der deutschen Ureinwohner braucht. Oder wenn angedeutet wird, dass die markige Law-and-order-Sprüche reißende Staatsanwältin eigentlich ganz anders tickt.

Obschon also der Schweiger-TATORT um einiges gröber gestrickt ist als etwa „Brüder“, liefert er letztlich ein differenzierteres Bild seines Themas, vielleicht gerade weil er sich erkennbar für gar keinen anderen Anspruch interessiert, als rasant auf der Höhe der Zeit zu unterhalten. Bei Schweiger geht es halt um das klassische Gut gegen Böse, ganz gleich, woher die Guten oder die Bösen ursprünglich mal entstammten. In diesem Sinne ist „Kopfgeld“ tatsächlich ein für deutsche Verhältnisse recht moderner Action-Thriller.

 

 

 

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