vonHeiko Werning 07.06.2014

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Da ist das Gejammere plötzlich groß: Weil die Berliner im Volksentscheid die Bebauung des Tempelhofer Feldes verweigerten. Und zwar total. Nicht mal am Rand wollen sie ein paar Hochhäuschen dulden. Und nicht einmal eine klitzekleine Zentralbibliothek, keine Media-Märkte, keine Fußballplätze und was die weisen Lenker ihrer Stadt sich sonst so ausgedacht hatten. Stattdessen also öde Steppe mit ausgedehnten Asphaltpisten dazwischen.

Das ist, selbstverständlich, vollkommen irre. Und doch muss man sie loben und ein wenig knuddeln für diese Entscheidung, die Berliner Hippies. Denn als solche werden sie plötzlich gebrandmarkt, als nur an ihrer persönlichen Selbstverwirklichung interessierte Skater-Freaks, Grill-Fetischisten, Drachenlenker und Auf-dem-Rasen-Rumknutscher, die sich von den Bayern ihr nichtsnutziges Herumhängen irgendwo in der Brache finanzieren lassen.

In der „Welt“ beispielsweise. Da bekommt Ulf Poschardt fast einen Herzkaspar: „Die Abstimmung zeigt die Spießigkeit des scheinhippen Berlins.“ Denn: „Berlin ist sediert von einem Anspruchsdenken, das in keinerlei Verhältnis zur Leistungsfähigkeit und -bereitschaft der Anspruchsformulierer steht. Es sind die ewigen Studenten, das Projektprekariat und die schmerbäuchigen Apologeten der Biotope für Wenignutze und rollerbladende Transferempfänger, die denen selbstbewusst Grenzen aufzeigen, die sich zackig ein schnelleres und anstrengenderes Berlin wünschen. Der Hedonismus der Entschleuniger harmoniert mit den jämmerlichen Wirtschaftsdaten.“ Schmerbäuchige Apologeten der Biotope für Wenignutze – das ist zweifellos das schönste Kompliment seit Langem, das jemand den Berlinern gemacht hat. Vielleicht war ich in der Vergangenheit doch zu streng mit dieser Stadt und ihren Bewohnern.

Aber weiter mit Poschardt: „Bürgerbeteiligung ist in Berlin ein Synonym für Verhinderung geworden. Oft genug angeführt von denen, denen selbst nicht viel gelingt.“ Das ist ein bisschen lustig, wenn man weiß, dass Poschardt eher nicht zu denen gehört, „denen selbst nicht viel gelingt.“ Sondern viel mehr zu denen, denen überhaupt nichts gelingt. Und damit sind ja nicht einmal seine Artikel gemeint. Bei der Süddeutschen Zeitung ist er im Jahr 2000 rausgeflogen, weil er sich gefälschten Geschichten und Interviews andrehen ließ und diese veröffentlicht hatte. Danach ging er wie alle Total-Versager nach Berlin, wo er dann 2005 Chefredakteur der deutschen Ausgabe des amerikanischen Magazins Vanity Fair wurde. Das sich, so Poschardt damals, an die „Shaker und Mover“ der Berliner Republik richtete und auch politisch brisant sein wollte. Aber, wie Poschardt heute schreibt: „Politik heißt für die Mehrheit der Berliner, wir fordern, andere bezahlen. Im Länderfinanzausgleich zum Beispiel, wo die Bayern seit jeher den sozialen und kulturellen Luxus der Hauptstadt ermöglichen.“ Seinen eigenen Magazin-Luxus ließ er sich allerdings nicht von den Bayern, sondern den Amerikanern bezahlen. Mit Vanity Fair versenkte er lässige 100 Millionen Euro, bevor das Magazin wieder eingestellt wurde. 100 Millionen Euro! Damit hätte man 200 Technikverantwortliche des BER schmieren können, womöglich stünde der Flughafen dann längst!  Nach dieser Reihe an veritablen Flop musste Poschardt zur „Welt“, was natürlich an sich auch gerechte Strafe genug ist.

Aber nicht nur Poschardt, sondern auch Kommentatoren, die man versehentlich beinahe für näherungsweise vernünftig gehalten hätte, beschimpfen jetzt die Berliner wegen ihrer frechen Entscheidung. Und natürlich der Berliner Senat selbst, dessen Vasallen in selbst für die bodenlosen Berliner Verhältnisse schier sprachlos machender Dummdreistigkeit nun behaupten, dann sei den Stadtbewohnern an günstigem Wohnraum wohl nicht gelegen. Stadtentwicklungssenator Müller etwa bedauerte „die vergebene Chance, 4700 dringend benötigte städtische Wohnungen auch für Bezieher kleiner und mittlerer Einkommen bauen zu können.“ Innensenator Henkel sekundierte, es sei „eine Chance vertan worden, Berlin eine Perspektive für neuen und bezahlbaren Wohnraum in der Innenstadt zu geben.“ Für die CDU sei es wichtig, „dass die Berliner Mischung erhalten bleibt. Das heißt, dass sich auch Menschen mit geringerem Einkommen Wohnen in der Innenstadt leisten können sollten.“ Und Wolfgang Sinno von der Jungen Union twitterte nach Bekanntwerden des Ergebnisses der Volksabstimmung knapp: „Bitte keine Beschwerden mehr über steigende Mietpreise.“ Diejenigen also, die seit Jahren eine Politik zu verantworten haben, die öffentlichen Wohnraum vernichtet, weil sie im Besitz der Stadt stehende Wohnungen einfach privatisiert oder Bauland statt an Genossenschaften lieber an höher bietende Privatinvestoren verscherbelt hat, die dann, Überraschung!, gar nicht für Niedrigverdiener bauen, sondern lieber Luxus-Eigentumswohnungen und Town Houses. Genau diese Typen also jammern jetzt, weil die Berliner den Köder „Wohnungsbau“ am Tempelhofer Feld nicht geschluckt haben, mit dem sie zum Beifang für die Shaker-und-Mover-Bebauung gemacht werden sollten?

Allein schon für diese Reaktionen hat sich der Volksentscheid gelohnt. Das Klagen über die Berliner Nimm-Mentalität hat etwas Rührendes aus dem Mund von Leuten, die ihren Reichtum ja auch nur durch mindestens systemimmanente, in der Regel aber auch ganz persönliche Asozialität zusammengerafft haben. Und so großmäulig nervtötend der Berliner an sich ja auch gerne ist – dass er einem Senat keinen einzigen Quadratmeter zur Bebauung mehr überlassen will, der sein Komplettversagen wöchentlich an allen Baustellen der Region vom BER über die Staatsoper bis zum ohnehin absurden Stadtschloss unter Beweis stellt, zeugt dann doch von einer erfrischend nüchternen Betrachtung der Lage. Lieber Ödland, an dem sich wenigstens noch ein paar Rollschuhfahrer erfreuen können, als noch eine Fläche den Berliner Eliten zum Kaputtmachen geben, das ist doch sehr vernünftig. Und wer weiß, wie die Kosten sich beim Großbauprojekt Tempelhofer Feld samt Zentralbibliothek entwickelt hätten – nicht, dass am Ende nicht mal mehr die Bayern das bezahlen wollen!

Dafür hat Berlin nun eine echte Attraktion mehr: eine wider jede ökonomische Vernunft brachliegende innerstädtische Serengeti, ein Monument gegen die scheinbar rationale marktgerechte Verwertung von allem und jedem. Das ist nicht nur symbolisch hübsch, das ist wahrscheinlich sogar schlau. Die Leute finden ja auch Schloss Neuschwanstein, Schönbrunn oder den Kölner Dom nicht deswegen toll, weil die Dinger wirtschaftlich besonders sinnvoll gewesen wären. Es gefällt ihnen einfach. Gut, die Tempelhofer Pampa wird nicht denselben Leuten gefallen. Aber anderen. Auch das kann der Stadt nutzen.

Und schließlich: Nur weil die Berliner das Tempelhofer Feld nicht den ausgewiesenen Versagern der derzeitigen Führung anvertrauen wollen, heißt das ja noch lange nicht, dass sie sich das später nicht anders überlegen. Irgendwann kann man ja vielleicht noch schöne Sachen damit machen. Auch eine Bebauung muss keineswegs für alle Zeiten ausgeschlossen sein. Eine hübsches Wohngebiet, wo wir sie alle hinpacken, die Poschardts und Wowereits und Müllers und Henkels und Jungunionisten und wer sich da noch gerade alles entblödet, das wäre doch durchaus eine Alternative. Eine richtig schöne Gated Community. Den Schlüssel dafür, den behalten dann allerdings wir schmerbäuchigen Wenignutze. Wäre doch gelacht, wenn sich dafür beim nächsten Volksentscheid keine Mehrheit finden ließe.

 

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kommentare

  • @ hihihi: Ist die Erwähnung des Schlagwortes Länderfinanzausgleich ein Verweis auf die Diskussion, welche Bundesländer mehr Unterhalt in die öffentlichen Kassen zahlen?

  • Pecuchet, ich bin froh, dass Berlin zuerst eine repräsentative Stadt unterschiedlichster Natur ist. Dass die in Berlin versammelten Machtakteure und -akteurinnen mit bundesweitem Einfluss nicht auch noch zentrale Industrie um sich haben.

    Schon schrecklich genug, dass Berlins olles Schloss wieder aufgebaut wird. Mit dem Ding kann an jahrhundertealte Erzählungen wieder angeknüpft werden, kurz der ganze Monarchiekram. Die langfristige Wirkung einer Reindustrialisierung Berlins darf nicht unterschätzt werden. Mehr Wirtschaftskraft nach Brandenburg ist mir lieber. Brandenburg hat sie nötiger.

  • Selten wurden die „Verdienste“ des Herrn Poschardt so treffend herausgestellt. Der Mann kann vor allem eines gut, das Geld seiner Auftraggeber verschwenden. Insofern ist seine Solidarisierung mit dem Senat ja sehr verständlich. 🙂

    Aber mal im Ernst: Was ist denn so hip daran, eines der letzten Filetstücke der Stadt zu bebauen? Sorry, aber die „Kreativität“ der von Poschardt angesprochenen und sicher auch gewünschten Immobiliendeveloper, sicher alles stramme FDP-Wähler mit dem Motto: „(Nur meine) Leistung muss sich lohnen“ besteht doch lediglich darin, den Wert von Dingen spekulativ hochzupuschen. Der Stadt Berlin nützt diese Art von Kreativität, die letztlich nur zu einer schönen Immobilienblase führt, überhaupt nichts!

    Was wir tatsächlich brauchen, sind Ideen für eine nachhaltige Stadtentwicklung, die sich den tatsächlichen Problemen der Stadt stellt. Eines dieser Probleme besteht darin, dass Berlin nach 1945 eine massive Abwanderung von wirtschaftlichen Unternehmen und damit von Produktivität erlebt hat, die bis heute nicht kompensiert werden konnte. Davon hat Herr Poschardt als zugezogener Neuberliner sicher noch nie etwas gehört. Es ist ja nicht Hip, sich für die Geschichte einer Stadt zu interessieren und auch nicht dafür, dass der heutige Reichtum der Bayern auch von Unternehmen wie Siemens erwirtschaftet wird, die früher mal in Berlin ganze Stadtteile gebaut haben.

  • Endlich haben die Berliner die zuckersüßen Lockungen ihrer Politiker durchschaut, denn al diese Versprechungen hätten sich als Potemmkische Dörfer erwiese. Rausgekommen wäre eine intensive Loftbebauuung und eine ums vierfache teuere, in 2040 fertiggestellte Bibliothek. Man kann nur hoffen, dass bald diese SPD/CDU Scharlatane abgewählt werden.

  • Nun, dass ein paar Hinterbänkler und unbedeutende Journalismus-Fuzzis die Absage an die Senatspläne auf dem TF, als Reaktion von ‚Späthippies‘ und ‚HartzIV-Leistungsverweigerern‘ sehen, ist das Eine, es als kluge Entscheidung des Widerstandswillens der ‚Berliner/innen‘ zu feiern das Andere. Meine Diagnose zur Ablehnung der Randbebauung des TF würde etwas anders lauten. Es ist eine Mischung aus ‚es dem Senat mal zeigen‘, Egoismus einer ehem. Hipster- und Ökoelite, die es sich in Nordneukölln z.B. rund um den Schillerkiez gemütlich gemacht hat, einem (etwas naiven) Teil der Bevölkerung dem es in Berlin eh schon zu voll ist und keinen Zuzug mehr wünscht bis hin zur Fremdenfeindlichkeit und natürlich auch einigen wirklichen Idealisten/innen. Dazu kommt eine geschickte Vermarktung der Initiative ‚100% Tempelhofer Feld‘ mit tatkräftiger Unterstützung der Linken und Grünen. Noch vor ein paar Jahren sah es in Nord-Neukölln noch ganz anders aus. Da lebten wirklich Leute, die dem Hippietraum nachtrauerten, Migranten, HartIV-lern und Menschen, die Arbeit als notwendiges Übel ansahen um die, damals noch rel. geringe, Miete aufzubringen. Dann brach ein Rudel aus Hipstern und Pseudoeliten aus allen Teilen der Republik bzw. allen Teilen der Welt herein, die Neukölln so toll authentisch, großstädtisch und vor allem, billig fanden. Die Mieten stiegen dadurch. Bei den damaligen Bewohnern regte sich Unmut und es kam zu medialen Auseinandersetzungen. Die Hipster- und Journalistenelite reagierten cool, professionell, hämisch, und durch den materiell hohen Rückhalt dementsprechend selbstsicher: ‚…Berlin ist eine Metropole, die Zeiten ändern sich – findet euch damit ab und zieht an den Stadtrand…‘. Die Freaks, dunklen Gestalten und allmählich auch die Migranten verschwanden. Die Hipster gründeten Familien und wollten zwar die Millionen-Metropole aber auch ein wenig Stuttgart, Dresden oder München. Die Armee aus Neointellektuellen, die irgendwas mit Medien, Design, Journalismus oder höherwertige Dienstleistungen machten, fanden multikulti zwar toll, brachten ihre Kleinen aber dann doch lieber in Kitas und Schulen, die eine niedrige Migrantenquote haben. Immer mehr Mietwohnungen wurden in Eigentumswohnung umgewandelt, der Hipster, mittlerweile eine hippe Familie gegründet, hat keine Zeit mehr für lässige Abende im Kiez, sondern muss sich auf dem ‚Feld‘ fit halten. Für die Schicht, die Immobilien-Besitz rund um’s Feld hat, ist die Absage an die Bebauung ein super Geschäft. Da jetzt klar ist, dass kein Aushub und Baumaterial durch’s Viertel gekarrt werden, der Lärm und Dreck anderen armen Schweinen irgendwo in der Stadt aufgebürdet werden, steigen die Mietpreise sogar in der trostlosen Emser Str., da werden schon EG-Einzimmerwohnungen, zwar dunkel und kalt, aber nahe am ‚Szenekiez‘ und mit tollen Freizeitmöglichkeiten auf’m Feld für 300-400 Euro kalt angeboten. Klar, die 70-iger und 80-iger sind vorbei, die Wohlstandsschranzen haben sich in der ganzen Innenstadt breitgemacht und werden, nach einem Besuch in der Bar 25 oder mal auf Ecstasy im Berghain, bürgerlich. Sie müssen den Standard halten und nun wirklich arbeiten, da die alimentierenden Eltern auch mal ungeduldig werden. Aber sie haben sich ihr bürgerliches Idyll erschaffen, egal ob in Moabit-Süd, Prenzlauer Berg, Kreuzberg oder Nord-Neukölln. Das Bemerkenswerte ist, dass was die Hipsterkaravane den 70-iger und 80-iger ‚Love and Peace and drugs‘-Anhängern um die Ohren gehauen haben, nämlich es sich in einer Metropole gemütlich gemacht zu haben, zwar weltoffen gebend aber Veränderungen verweigernd, jetzt unter anderen Vorzeichen selbst praktizieren. Das Neobürgertum ist taffer, gebildeter und weiß das System mit den eigenen Waffen zu schlagen. Sie kennen sich mit Kampagnen, Journalismus und Medien eben besser aus, als das Prekariat, das weichen musste. 8-18 Geschosser werden dann eben im migrantisch geprägten Heidekiez hochgezogen, in den Ghettolagen zwischen Charlottenburg-Nord und Spandau, in Hellersdorf und – wie gehabt – Marzahn. Natürlich ist es in Ordnung etwas zu verteidigen, was einem lieb geworden ist. Aber Mann/Frau sollte es nicht als ‚Robin-Hoods der Neuzeit‘, als das ‚gallische Dorf‘ inmitten von darwinistischen Raubtierkapitalismus verklären. Es ist was es ist: Egoismus, Ignoranz und Verdrängung unter dem Denkmantel der städtebaulichen Klugheit und Ökologie. Aber es werden Reichere kommen und dann werden auch sie – vielleicht auch in Jahre gekommen – die Erfahrung der hämisch vertriebenen Vorbewohner machen. Das Zuhause zu verlieren, den geliebten Kiez verlassen zu müssen und in Lichtenrade neu anzufangen.

  • Die einzige Nachbetrachtung, die irgendwie sinnvoll sein könnte, wäre eine fundierte Analyse der (professionellen) Kommunikation VOR dem Volksentscheid. Ansonsten ist ein Ergebnis eben zu akzeptieren, punktausfertig. Wer immer sich da am Ende zu kurz gekommen fühlt, hat ein Problem mit Demokratie.
    In jedem Fall ist das Projekt THF durch das Bürgerengagement unglaublich viel intensiver diskutiert worden, als es dies im normalen Verwaltungsablauf je gegeben hätte. Und irgendwann ist dann eben auch mal fertig. Man muss als unterlegene Minderheit das Ergebnis nicht gut finden, man darf weiterhin protestieren und pöbeln und Kampagnen fahren – aber die Medien sollten sich da nicht erneut vor den Karren spannen lassen und die weise Öffentlichkeit sollte sich mit neuen Themen die Zeit vertreiben.

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