Was das Internet bisher nicht wusste: Warum der Zupfkuchen „russisch“ heißt

Keine Aufbackstation

Es ist mir ein Rätsel, warum fast alle meiner russischen Freundinnen Olga heißen. Es gibt so schöne russische Namen wie Glaube (Vera), Liebe (Ljubow) und Hoffnung (Nadeschda). Aber während die ostdeutschen Mütter in den siebziger und achtziger Jahren ihre Töchter Sandy, Mandy oder Kathleen nannten, entschieden sich offensichtlich besonders viele russische Mütter zur gleichen Zeit für Olga, die slawische Variante von Helga. Vielleicht waren es auch nur besonders viele Mütter von Töchtern, die später in Berlin leben würden, oder nur besonders viele Mütter von Töchtern, die später mit einem bestimmten Berliner befreundet sein würden. Das Ganze ist nicht statistisch, sondern subjektive Empirie.

Die vier mir bekannten Olgas sind jedenfalls gebildet, vielsprachig, lustig und attraktiv. Die Olga, um die es hier gehen soll, ist in Usbekistan aufgewachsen, so etwas wie eine Pseudemokratie. Obwohl es offiziell freie Wahlen gibt und der Präsident nur einmal wiedergewählt werden darf, gibt es dort seit 1989 den selben Machthaber (erst als oberstes Mitglied der KPdSU und dann als Führer eines unabhängigen Usbekistans). Eine nationale Besonderheit des Wahlkampfs besteht darin, dass sich die Oppositionskandidaten für die Wiederwahl des offensichtlich auf Lebenszeit amtierenden Präsidenten aussprechen. Liebenswürdigerweise hat mir Olga von einem Aufenthalt in ihrer Heimat einmal eine Tjubetjeka mitgebracht. Olga und diese schönen Mützen sind vermutlich das einzig Positive, was man von diesem Land berichten kann. Wäre Usbekistan nicht strategisch so günstig gelegen, würde man hierzulande auch mehr von seinem erratischen Regime und den extrem problematischen politischen Verhältnissen lesen.

Mit genannter Olga jedenfalls bin ich Silvester 2019 verabredet. Wenn an diesem Tag der neue Flughafen Berlin Brandenburg eröffnet ist, muss ich eine Kiste Champagner zu der Verabredung mitbringen, sonst muss sie schleppen. Das liebe ich an den Russen: Man muss nicht groß überlegen, wenn man wettet, geht es um eine Kiste Champagner, fertig.

In der Planung dieser Feier ging es dann auch um das Essen. Hier würde einfach jeder etwas mitbringen. Olga irgendwelche Sakuski und wir würden uns um den Nachtisch kümmern. Da meine Frau sehr gut backen kann, schlug ich ihre Spezialität vor.

„Wir könnten einen Zupfkuchen mitbringen“, sagte ich.

„Ja“, rief Olga, „das wäre schön. Ich habe schon so viel von diesem Zupfkuchen gehört, ihn aber noch nie gesehen.“

„Das ist ein Quarkkuchen mit Schokostreuseln. Viele nennen ihn sogar Russischen Zupfkuchen“, sagte ich.

„Ich weiß, aber in Russland kennen wir so einen Kuchen überhaupt nicht. Es gibt bei uns nicht mal Quark.“

Das ließ mich aufhorchen. Tatsächlich fragen sich viele, warum dieser Kuchen den Beinamen russisch trägt und es finden sich viele unbefriedigende Antworten dazu. Und es gibt es sogar Quellen, die den betreffenden Kuchen als „deutschen Kuchen“ in russischen Bäckereien gesehen haben wollen.

Meine Frau hat das Rezept für ihren köstlichen Zupfkuchen von ihrer Suhler Oma und es würde mich wundern, wenn sich Thüringer Bäckerinnen Rezeptvorschläge aus Russland geholt hätten. Überhaupt isst die Familie den Kuchen schon lange und erst seit den 1990er Jahren sagte vor allem der Westbesuch an der Kaffeetafel plötzlich mit Kennermiene: „Ahh – russischer Zupfkuchen!“

Klar ist, dass das „Zupf“ im Kuchen von der Herstellungsart der Streusel rührt, die aus dem gleichen Teig wie der Kuchenboden gefertigt sind. Aber geographische Erklärungen zum Zupfkuchen fand ich auch nicht beim Stöbern in historischen Koch– und Backbüchern der letzten Jahrhunderte, die sonst aber sehr lustig und lesenswert sind. Und das Deutsche Kochbuchmuseum ist leider derzeit geschlossen und seine Bibliothek nicht online.

Ich kannte das russisch nur von der Packung der Dr. Oetker-Backmischung und von einem Werbespot, in dem das Russische des Kuchens beschworen wurde (und in dem die Haushälterin übrigens auch Olga heißt):

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Also fragte ich mich: hat Dr. Oetker das „russisch“ vielleicht einfach erfunden? Also tat ich mal wieder etwas zum ersten Mal in meinem Leben: Ich wandte mich an den „Dr. Oetker Back-Club“. Und erhielt dort eine verblüffend vollständige Antwort:

<service@oetker.de> hat am 3. Februar 2014 um 14:36 geschrieben:

Sehr geehrter Herr Hein,

vielen Dank für Ihre Anfrage, die wir gerne beantworten.

Die Backmischung Russischer Zupfkuchen wurde von Dr. Oetker ab Januar 1993 angeboten. Zu anderen Anbietern oder Angeboten können wir leider keine Auskünfte geben.

Der Kuchen hat seinen Ursprung keineswegs in Russland. Das Rezept erhielten wir im Rahmen eines Rezeptwettbewerbs des Dr. Oetker Back-Clubs. Der „Russische Zupfkuchen“ wurde bei diesem Wettbewerb in sehr vielen Arten und Weisen als Rezept eingereicht. Daraus wurde dann im Nachgang unsere Backmischungs-Variante. Der Name rührt von den dunklen Teigzupfen, die oben auf die Käsemasse aufgesetzt werden. Diese erinnern ungebacken an die Turmspitzen von russischen Kirchen. Wir hoffen, dass wir Ihnen mit diesen Informationen weiterhelfen können.

Mit freundlichen Grüßen
Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG

So. Das war’s. Das Geheimnis zahlreicher Internet-Foren und eines der wenigen Probleme, die bisher noch nicht mal Wikipedia beantworten konnte, ist gelöst. Mit der Veröffentlichung dieser Informationen hier waren sie übrigens auch einverstanden.

Also: Das „russisch“ im Zupfkuchen wurde 1992 in Bielefeld erfunden und ab 1993 per erfolgreicher Werbung ins deutsche Bewusstsein gebeamt. Woher der Kuchen tatsächlich kommt, bleibt unklar, ich tippe aber weiterhin auf das Epizentrum der Backkunst: irgendwo in einem 500 km – Umkreis um das Biosphärenreservat Šumava.

Spätestens Silvester 2019 werde ich Olga vom „Bielefelder Zupfkuchen“ erzählen, spätestens wenn wir zusammen Wodka trinken, denn so enden Feste mit Russen immer, das ist ein Klischee, aber auch wahr.

Diese Frage ist gelöst. Nur eine Frage bleibt: Warum heißen fast alle Russinnen Olga?

Kommentare (35)

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  1. Pingback: Von Quark und Turmspitzen russischer Kirchen – kardamommy.de

  2. @Russischeromanleserin: Quark entsteht durch Zugabe von Lab, deswegen gibt es ihn nicht überall. (Ich verzichte auf den Link, um nicht zur Generation Internet gezählt zu werden und verweise auf den Band „Q“ im Brockhaus von 1975.) In der DDR hieß der Zupfkuchen nicht russisch, das habe ich in keinem ostdeutschen Backbuch gefunden (natürlich in der Bibliothek) und so interessant Ihre Erklärung ist, so sieht der Zupfkuchen doch beileibe nicht aus wie ein Schwarzbrot, sondern wie ein köstlicher Zupfkuchen. Und man kann in Russland творог kaufen, aber damit kann man doch keinen Zupfkuchen backen. Außerdem sind auch die Russen, die ich sprechen konnte, der Meinung, dass der Zupfkuchen nicht russisch ist, obwohl ich keine Russen sprechen konnte, die vom Verdacht frei sind, der Generation Internet anzugehören.
    Und Soljanka ist eine theroretisch köstliche Suppe, die in 7 Töpfen gekocht wird, die praktisch in der ostdeutschen Gastronomie als Müllsuppe missbraucht wurde und so ihren Ruf eingebüßt hat. Ich empfehle jedem, sich einmal von russischen Freunden zu einem echten Soljankaessen einladen zu lassen.

  3. Das Problem bei solchen Diskussionen ist doch, daß die Generation Internet sich für allwissend hält. In der DDR wurden in Gastwirtschaften russische Gerichte, wie zum Beispiel die Soljanka angeboten. Ich gehe davon aus, daß auch der Zupfkuchen auf diesem Weg nach Wiedervereinigungsdeutschland gelangt ist. Bekannt ist mir folgende Erklärung, die sogar erleuchten kann, warum der Kuchen in Rußland nicht populär ist: Vort der russischen Revolution wurden die einfachen Menschen in Rußland extrem ausgebeutet. Die Bauern mußten einen großen Teil ihrer Erzeugnisse an die adligen Herren abgeben. Im Zupfkuchen, der von außen wie Schwarzbrot aussieht, wurde innen eine nahrhafte Masse aus Eiern und Quark vertsteckt. Quark entsteht übrigens nahezu selbsttätig, wenn Milch sauer wird. Quark ist deshalb überalle bekannt, er heißt nur nicht überall so blödsinnig „Quark“.

  4. Pingback: Kaffeekränzchen: Russischer Zupfkuchen | Fräulein Tunichtgut

  5. Pingback: Russischer Zupfkuchen – ein Klassiker | naschkisterl

  6. @A.Salomon: Und Ihre Mutter hat den Zupfkuchen auch damals schon „russisch“ genannt?

  7. Die Backmischung von Dr. Oetker „Russischer Zupfkuchen“ mag es seit den 1990er Jahren geben. Jedoch hat die Firma weder das Rezept noch den Namen erfunden. Russischen Zupfkuchen hat meine Mutter immer zum Kindergeburtstag gebacken und dass ist weit über dreißig Jahre her.

  8. Eine „Züpfe“ oder ein Zopf ist ein Hefegebäck. Eigentlich ein Brotteig mit Butter. Er wird „zöpflet“ d.h mit 4 Schenkeln geflochten. Gegessen wird er vorwiegend am Sonntag als Sonntagsgebäck anstelle von Brot. Der Zopf hat also kaum etwas mit dem Zupfkuchen zu tun.

  9. @ Ralf Lotys
    Ein bisschen was an Info fand ich im Grimm-Wörterbuch. Nur falls sie das alte Werk nicht kennen: Die Gebrüder Grimm machten sich vor langer Zeit an ein mehrbändiges aufwendiger etymologisches Wörterbuch zur deutschen Sprache. Das Wörterbuch wurde von der Uni Trier digitalisiert und ist im Web als Open Source unter http://dwb.uni-trier.de/de/ kostenlos zugänglich.

    Unter Zupf* aus der Wörterbuchausgabe von 1927 führt das Wörterbuch „Züpfe“ auf: „ein schweizer gebäck aus feinstem mehl, ‚in form eines eingebundenen kindes'“, Nachweis, was immer der bedeutet: Jer. Gotthelf ges. schr. 6, 120

    Möglicherweise wurde der Russische Zupfkuchen aus den Züpfen fortentwickelt.

  10. @Jakob Hein:
    Dein vermeintliches „…bis zu den 1990er Jahren hat niemand “russisch” dazu gesagt. “ verwirrt mich. Bei meiner Oma stand der Kuchen schon lange zuvor unter „R“ (was ich immer sinnlos fand :) ) und hieß entsprechend Russischer Zupfkuchen. Möglicherweise hat ja meine Oma den Kuchen erfunden. Das wäre natürlich was! ^^
    Das was du da Fakt nennst hätte ich gern mit einer Quelle belegt. In der Mail von Oetker steht das nicht.

  11. Auch ich frage mich, inwieweit Sie dem Autor Unrecht antun. Warum bloß? Jakob Hein schreibt doch eindeutig im dritten Absatz einen Artikel vor das Wort Russen den Artikel den.

    Könnte es sein, dass der Autor Privates verallgemeinert, um darüber besser zu schreiben zu können?

    Wie wenn man sagt:

    „Warum machst du immer die Klobrille schmutzig“, wenn man in Wahrheit nur viermal mitgezählt hat und die oft sauber ist

    „Du isst immer den Schokopudding weg“, wenn er in Wahrheit oft zur freien Auswahl steht, man aber seine Verärgerung über einige wenige Male zum Ausdruck bringen will

    „An freien Tagen gehe ich am gerne mit Freunden im Park grillen“, wenn man in Wahrheit das nur zweimal getan hat, das aber gut fand und es im Gespräch mit KollegInnen erwähnen will.

    Man oder halt eine handvoll – gute Freunde sind echt schwer zu finden – Freunde hat, deren Eigenheiten wie Wodkatrinken man nicht als „Meine Freundin Olga hat ein Alkoholproblem“ ablehnt, sondern als Teil der Kultur akzeptiert, die dieses eine Individuum pflegt.

    Dass er quasi versucht, Alkoholtrinken bei Freunden in positive Worte zu fassen.

  12. Nadeshda, die Frage am Ende des Artikels von Jakob erkenne ja sogar ich als ironisch. Ich finde das einen naiv-süß gekonntes rundes Textende. Wie heißt es immer so schön, Ironie in Texten, selbst E-Mails ohne Emoticons ist schwer darstellbar, besonders wenn mensch den Autor kaum kennt. Lesen Sie eines der Bücher des Schriftstellers, fällt Ihnen das Lesen seines Schreibstils leichter. Ursprüngliche Schriftsteller haben es im engen Format Zeitungsartikel möglicherweise schwerer als JournalistInnen, die nix Anderes kennen als das Schreiben mit unter dem Dogma Fakten, Fakten, Fakten.

  13. @Jakob
    Eigentlich war Ihre Antwort fast schon zu überheblich, um noch darauf zu reagieren. Da aber die Diskussion immer noch läuft, versuche ich es trotzdem.
    Ich hoffe, dass Sie in ihrer hauptberuflichen Tätigkeit etwas vorsichtiger umgehen sowohl mit Quellen, wie mit Menschen. Auch wenn ich Wikipedia häufig sehr gut finde und gerne nutze, der Artikel zu Rassismus (ja, ich kennen ihn schon!) taugt nichts. Sowohl die Forschung als auch die Betroffenen-Organisationen sind da schon viel weiter.
    Was fand ich also rassistisch an Ihrem Artikel? Am Anfang versuchen Sie zumindest, noch zu betonen, dass es bei der Behauptung, alle Russinnen würden Olga heißen, um „subjektive Empirie“ handelt. Am Ende verschwindet diese Einschränkung, und „fast alle Russinnen“ heißen einfach mal Olga.
    Wer Lust hat, kann mal versuchen, im Satz „Die vier mir bekannten Olgas sind jedenfalls gebildet…“, den Namen Olga durch einen typisch deutschenn Namen zu ersetzen. Die vier mir bekannten Antjes sind jedenfalls gebildet? Ergibt das Sinn? Ich finde, nicht. Dieser Satz ergibt nur Sinn, wenn man im Hinterkopf einen Gedanken hat, es handelt sich um eine ungewöhnliche Sache, eine Ausnahme. Eigentlich sollte dem nicht so sein, aber die Olgas sind komischerweise gebildet.
    Waren Sie eigentlich schon in Usbekistan? Kennen Sie das Land so gut, dass Sie wirklich das Recht haben, zu behaupten, es ist durch und durch schlecht? Bis auf die dummen folkloristischen Mützen?
    „Das liebe ich an den Russen: Man muss nicht groß überlegen, wenn man wettet, geht es um eine Kiste Champagner, fertig.“
    DEN Russen? Ich verstehe nicht, woher manche Deutsche diesen Drang haben, immer von „den Russen“ zu sprechen – selbst wenn sie nur ein paar oder gar keine kennen. Es gibt sie nicht, DIE Russen. Oder es gibt sie doch – als eine rassistische Zuschreibung. Ich bin in Russland geboren und aufgewachsen, habe aber noch nie in meinem Leben eine Kiste Champagner gesehen. Außerdem unterstellt Ihre Aussage „den“ Russen eine (vielleicht auch sympatische) Sturrheit und Dummheit, weil sie ja alle nur an Champagner denken und sich keine andere Belohnung vorstellen können. Wieder: Woher mögen Sie das wissen?
    „..spätestens wenn wir zusammen Wodka trinken, denn so enden Feste mit Russen immer, das ist ein Klischee, aber auch wahr.“ Muss ich das hier wirklich noch kommentieren? Eigentlich sollte jede einigermaßen vernünftige Person wissen, dass das eben nicht wahr ist.
    Es gibt sehr viele Definitionen von Rassismus. Den meisten ist gemeinsam, dass es sich dabei um Übertragung von biologischen oder vermeintlich biologischen Merkmalen wie Aussehen oder Herkunft auf soziale, psychologische Eigenschaften oder Verhaltensweisen geht.
    Genau das haben Sie in Ihrem Artikel an einigen Stellen demonstriert, worunter aus meiner Sicht dann der ansonsten sehr interessante Inhalt leidet. Dass Sie Russen und Russinnen aufgrund ihrer Herkunft zu einer gesichtlosen Masse machen, erscheint mir offensichtlich. Da Sie selbst zugeben, dass Ihre Bekannte gar nicht aus Russland, sondern aus Usbekistan stammt, handelt es sich bei Russen in diesem Artikel um eine Ethnie, nicht um Menschen mit russischer Staatsangehörigkeit oder Nation.
    Ich habe mich mit Rassismus wissenschaftlich auseinandergesetzt und unzählige (zitierfähige) Texte dazu gelesen – doch Sie unterstellen mir mit Hilfe eines Wikipedia-Satzes, ich wüsste nicht, was Rassismus bedeutet. Ich habe den Großteil meines Lebens unter „den“ Russen verbracht, doch Sie wollen mir weismachen, dass Sie das alles viel besser wissen. Ich finde so ein Verhalten absurd und etwas respektlos. Selbst wenn man mit dem Vorwurf nicht einverstanden ist, kann man einfach kritisch nachfragen, statt der Person von vornherein die Sprech- und Denkfähigkeit abzusprechen.

  14. Schön, wie Sie diskutieren und sachlich zurückschreiben. Bin gerade mal mit Rotwein angeheitert – trank ich nicht ganz freiwillig, Gruppenzwang im Zusammenhang mit einem Senioren, ich höre leider fast immer auf Senior*nnen, wenn sie mir sagen, dass ich etwas nehmen oder essen soll. Na ja, ich nüchtere gerade mit Mineralwasser aus. Neben mir ertönt die deutsch Nationalhymne vor einem Café mit Public Viewing. Vor dem sitzen alle möglichen Leute, jung bis alt.

    Natioanlität ist aus meiner Sicht mehr als nur eine Staatsangehörigkeit. In der Bundesrepublik Deutschland ist das Verhältnis zu Nationalität ein Schwieriges aufgrund der Vergangenheit Nationalsozialismus, Deutsches Reich, DDR. Und trotzdem gibt es auch hier vieles, das sie in anderen Ländern nicht finden. Brauche ich nur nach rechts sehen: Fußball. Das ist hier Nationalsport.

    Würden Sie, Jan, mich nicht als komisch abstempeln, wenn ich Ihnen erzähle, dass ich gleich gemütlich Hähnchenburger bei einem Hähnchen-Fastfood-Laden einkaufen gehe? Mir ist so ziemlich wurscht/tofu (hihi, der war schlecht), welche Fußballmannschaft wann spielt. Ich guck das auch bei Gelegenheit, wohl aber mehr, weil ich das Gefühl habe, dass das Deutschland-Spiel ein Großereignis ist, das viele Menschen hierzulande (Hallo Maik Söhler zum Beispiel! Ihre taz-Kolumne lese ich immer. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg beim Sammeln der Panini-Bilder der Fußballmannschaft!) in Spannung versetzt und zusammenführt.

    In den USA käme man mit Football und Baseball deutlich besser an. Worum es mir geht: Nationalität ist eben mehr als ein Papier. Zu ihr gehört auch Identifikation mit geschichtlichen Entwicklungen, Miterleben wichtiger Großereignisse (Mauerfall, Fußball-WM, taz-Gründung …), Sprache, Normen. Komplexe Sache. Alles, was dazugehört, bekommen aber alle auch mit, die hierzulande anfangen zu leben und sich daran gewöhnen, dass der körpersprachliche Ausdruck im Vergleich zu Brasilien beispielsweise für gewöhnlich distanziert
    – 18:11 Uhr TOOOOOORRRRRR! Wohl für Deutschland.-
    distanziert (durchschnittlich 50 cm Körperabstand Minimum) und mit wenig Bewegung abläuft. Vielleicht, um bei Kälte Energie zu sparen, keine Ahnung. Wenn Sie in einem rechten Viertel wie Berlin-Hellersdorf wohnen, bitte wegziehen. Da hilft auch kein aufmerksames Anpassen. So etwas dauert Jahrzehnt, bis aus einem Hellerdorf ein weltoffenes Kreuzberg werden kann.

    Ich würde nicht so schnell Reaktionen als rassistisch abstempeln. So wie die taz, ein Teil, lieber einmal mehr jemanden als Nazi, sogar als Witz, etikettieren (letzter Fußball-Ticker Frauke Böger den einen Trainer allein aufgrund seines Aussehens?), als dass sie den Menschen im Ernst als Rassist wahrnehmen. Als ich in Frankreich im Urlaub einst unbedingt mein für sehr fortgeschritten gehaltenes Französisch ausprobieren wolle und der Bäcker auf dem Camping-Platz gleich deutsch zurücksprach, fand ich das schade. Nicht aber diskriminierend.

    Auch auf anderen Reisen hatte ich eher den Eindruck, dass „Einheimische“ lieber erst mal reserviert reagieren, allein bereits, um weniger Missverständnisse aufkommen zu lassen. Denn bei kompletter Offenheit beispielsweise bei allen Nicht-Small-Talk-Themen wie Politik, Gesundheit und Tod könnte es schneller zu Missverständnissen bis hin zu Konflikten kommen. Was sage ich einer Freundin von mir aus Moskau, würden wir locker-flockig über den Zweiten Weltkrieg sprechen. Ich brächte die Geschichten vor, die ich von meinem verstorbenen Großvater kenne (Scheiß kalt in Sibieren! „Kameraden“ gestorben! Der scheiß weg gen Stalingrad), und sie ihre mit schmerzvollen Erinnerungen an verstorbene und verwitwete Menschen in ihrer Familie. Das Gespräch ginge nicht gut. Das erfuhr ich bereits bei einem Freund aus Pakistan, kein Kontakt heute mehr.

    Vielleicht haben die Bekannten von Jakob Hein, mit denen er über Russischen Zupfkuchen sprach, ein stärkeres Nationalgefühl als Sie und wollen gar nicht „deutsch“ werden. Dass sie dieses Gefühl pflegen und zum Ausdruck bringen und auch so genannt werden wollen. Das kann von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich sein.

    Ich habe beispielsweise ein schwaches „deutsches“ Nationalgefühl. Ich könnte Ihnen zum Beispiel die amerikanische Nationalhymne vorsingen, kaum aber die deutsche.

    Ich vermute, dass Sie ein Mensch sind, der in seinem Leben einiges an Diskriminierung erfahren hat. Das tut mir sehr Leid. Ich hoffe, dass Sie das künftig mit vielen positiven Erfahrungen ausgleichen werden. Warum vermute ich das? Wegen der empfindlichen Reaktion auf die statistische Angabe zu den Alkoholtoten in Russland. Zu der Assoziation zur weitverbreiteten Marke Wodka.

    Ich kenn das. Ich fühle mich zum Beispiel sehr unwohl, wenn jemand das Wort „Türke“ sagt. Werden nicht alle so wie ich wahrnehmen. Als Berliner habe ich ein Bewusstsein dafür, dass diese Minderheit in der Stadt viel diskriminiert wird. Mit Beschimpfungen, Job-Benachteiligungen, feindlichen Blicken in der S-Bahn am Bahnhof Ostkreuz. Bringt in vielen Situationen mein Schutzempfinden auf den Plan. Nicht immer, besonders nicht, wenn ich mit jemanden über Lahmacum, türkischen Tee, kurz Küche spreche. Kontextabhängig.

    Bei Italien würden Sie bei Essen nicht gleich Spaghetti und Pizza assoziieren? Den Hintergrund, dass bis in die 80er in Italien eigentlich vorwiegend „bodenständiges“ Essen, Fleisch mit Beilage, überwog und die Essgewohnheiten prägt, kennt auch nicht alle. Ist dieses Unwissen gleich „rassistisch“. Die vielen Länder auf der Welt haben ihre Gründe, große Reiche brachen immer wieder zusammen. Is halt sehr groß die Welt und auch deren Lebensbedingungen.

    18:31 Uhr: „Yeahhhhh!“ Wohl weiteres Tor.

    Abschließend … ich habe hier jetzt lang genug rumgelallt, fühle mich wieder nüchtern fahre jetzt zu dem Hähnchen-Laden. Tschö!

  15. Frage: Gibt es die Kategorie Nationalität? Wie unterscheidet sie sich gegenüber Rassismus?
    Nationalität ist eine Zuordnung aufgrund einer Staatsangehörigkeit. Daher kann man sie wechseln, indem man eine neue Staatsangehörigkeit annimmt. Ich vermute das zumindest eine der „Olgas“ Deutsch ist, aufgrund ihres Passes.
    Wenn man jedoch noch immer Russin genannt wird, obwohl man keinen russischen Pass mehr hat, ist dies eine Zuordnung die aufgrund der Herkunft, beziehungsweise sogar der Herkunft der Vorfahren gemacht wird. Dann ist es rassismus, weil man einen Menschen aufgrund der Abstamung definiert. Also davon ausgeht das irgendwelche Gene irgendwelche sozialen Eigenschaften definieren.

    Wenn man von mir erwartet das ich Bier mag, weil ich „Deutscher“ abstammung bin, ist dies auch rassistisch. Ich fühle mich trotzdem davon eher nicht beleidigt. Das kann ich aber deswegen nicht von anderen erwarten. Gerade weil ich als Deutscher selten rassismus ausgesetzt war.

    Ganz gefährlich finde ich ihre zuschreibung des Alkohol Problems in Russland. Denn so wie sie es schreiben, sind die Menschen die in russland Alkohol trinken selbst schuld wenn sie so früh sterben. Dabei wird völlig die Armut, die medizinische Versorgung und ähnliches vergessen. Ich möchte nicht den einzelnen eine gewisse eigenverantwortung absprechen. Aber eben nur einen Teil der Verantwortung zuschreiben.

    Gerade solche Artikel füren doch dazu das man nur als richtiger Russe wahrgenommen wird wenn man Wodka trinkt und um einen Kasten Champanger wettet. Wundert es da das man leichter Alkoholkrank wird?

    Ich denke die Person die den rassismus Vorwurf geäußert hat, wollte nur mitteilen das sie den Artikel besser gefunden hätte, wenn man diese Klischees entweder weggelassen oder aber hinterfragt hätte.
    Und das leuchtet mir ein. Ich habe übrigens schon zig mal mit Menschen russischer Staatsbürgerschaft gefeiert. Und ich erinnere mich an kein einziges mal wo die Feierlichkeit mit Wodka geendet hätte.

  16. Wird hier ja doch erneut spannend. Toll. Ich dachte, das mit dem Zupfkuchen lässt sich nicht abschließend herausfinden und die Forschung/Recherche ist hier vorerst die weiteste im Web und an ein Ende gekommen.

    Rassismus-Vorwurf nicht ausgeräumt. Okai, interessant. Jan, gibt es für Sie die Kategorie Nationalität? Wie unterscheidet sie sich für Sie gegenüber Rassismus?

    Als jemand, der sich mit russischer Geschichte auseinandergesetzt hat und der weiß, wie multikulturell Russland/vorher die Sowjetunion/vorher das Russische Kaiserreich immer gewesen ist, sehe ich in Jakob Heins Beschreibungen keine rassistischen Zuschreibungen.

    Mögen Sie auch kein Bier? Ich jedenfalls nicht. Schmeckt nicht, umständlich, schlecht für Sex, gibt Besseres. Würde ich mich im Urlaub in Italien als rassistisch angegangen empfinden, wenn mir ein Mensch dort mit einem Schmunzeln die Assoziationen Bier, Brezel und Weißwurst vorbringt? Sicher nicht. Das sind international bekannte Marken aus der „deutschen Küche“. Ebenso wie Wodka eine geschützte, aufwendig umworbene Marke aus dem geographisch abgegrenzten Gebiet namens Russische Föderation ist. Teil der „russischen Küche“.

    Ich sah übrigens erst vor Kurzem eine Doku über das Problem Alkohol in diesem Teil der Erde. Die Hälfte der männlichen Bevölkerung erreicht die 60 nicht aufgrund von Alkohol. Alkohol mit Wodka als bekanntester Marke prägt das Land durchaus.

  17. Ich will versuchen auf den rassismus Vorwurf zu Antworten.
    Es stimmt das der vorwurf, dass es rassismus in den Artikel gibt nicht belegt ist. Die Frage die sich mir daher stellt: kann ich rassismus in den Artikel finden?

    Ich muss das bejahen. Erst einmal wird hier eine Gruppe von Menschen als „Russen“ dargestellt. Dabei leben zumindest mehrere Menschen dieser Gruppe in Berlin. Dazu kommt eine Person aus Usbekistan. Sehr unwahrscheinlich das mit diesen Menschen eine Staatsangehörigkeit gemeint ist.
    Daher geht es um eine ethnische Gruppe: Die Russen. Wer sich wirklich akademisch mit Rassismus beschäfftigt weiß, dass Eigenschaften die aufgrund einer (angeblichen) ethnischen zugehörigkeit definiert werden rassistisch sind. Man ordnet Menschen Eigenschafften zu die sie (zumindest teilweise) nicht erfüllen.

    Und davon gibt es in diesem Text gleich mehrere: Russen wetten immer um eine Kiste Champanger, Russen trinken Wodka, Russen heißen Olga….
    Während das letzte zumindest als subjektiv formuliert wird, sind die anderen Klischees durchaus verbreitet und führen zu Problemen für Menschen die den Klischee nicht erfüllen. Ich kenne eine Person mit russischer Staatsangehörigkeit die kein Wodka mag. Und damit sehr oft als „falsch“ bezeichnet wird. Übrigens von Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit die keinerlei Wissen über Russland haben.

    Natürlich ist das alles nicht so gemeint, leider wirkt es dadurch nicht weniger. Wenn ich aus Usbekistan kommen würde, wäre ich vermutlich auch gekränkt weil ich ja nicht schön sein kann, da ich weder Olga noch eine Mütze bin.

    Natürlich kann man das ganze jetzt als Kleinkarriert sehen. Aber die Antworten in den Kommentaren sind leider eine Bestätigung das es diesen rassismus gibt. Während der Autor gleich davon ausgeht das die Kommentarschreiberin keine Ahnung hat (und dies peinlicherweise mit einen Ausschnitt eines Wikipediaartikels beweisen will) schreiben andere wirklich „Der Rassismus-Vorwurf von Nadeshda ist substanzlos.“ ohne auch nur auf die Idee zu kommen nachzufragen. Nach dem Motto: Ich weiß es besser und weil ich es nicht rassistisch empfinde, kann es nicht rassistisch sein. Außerdem ist der eine Satz ja auch noch emotional… ich habe in dem Satz keine emotionalität entdeckt.

    Korrekter finde ich da die Aussage, dass man den rassismus in dem Artikel nicht sieht. Leider wird auch diese Aussage gleich wieder mit einem Trinkspruch ab absurdum geführt. Denn gerade weil man Menschen aus Russland oft als ständig Wodka saufend darstellt, erzeugt man einen rassismus der andere Menschen verletzt.

    Ich fände es gut wenn Menschen zumindest anderen gegenüber den Respekt zeigen nachzufragen und nicht von anfang an davon ausgehen das die andere Person falsch liegen muss. Leider ist das hier nicht passiert. Warum? Ich weiß es nicht. Ich hoffe nur das es nicht daran lag das sich Menschen gedacht haben, dass sie als gebildete Deutsche es eh besser wissen als diese versoffenen Russen.

  18. @Besserleser: Wie auch im Text selbst steht, bestätigt Thomas lediglich, dass das Rezept auch vor der Backmischung bekannt war. Das bestätigt sogar Dr. Oetker, da sie das Rezept ja mehrfach zugesandt bekommen haben. Der Kuchen selbst ist vermutlich eine südostdeutsche Spezialität, da viel verbreiterer in Thüringen und Sachsen als in Franken und Bayern oder irgendwo in Norddeutschland. Die zu klärende Frage war das „russisch“ im Zupfkuchen. Fakt: In Russland ist der Kuchen unbekannt. Fakt: Den Kuchen gibt es schon lange, aber bis zu den 1990er Jahren hat niemand „russisch“ dazu gesagt. Fakt: Dr. Oetker hat die Werbekampagne gehabt und bestätigt schriftlich, dass sie das „russisch“ erfunden haben.
    Was soll es nun noch für einen anderen Ursprung geben? Das Spaghettimonster? Die Freimaurer? Hat Lee Harvey Oswald diesen Kuchen bei der Landung der ersten Nazi-Ufos auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes gebacken? Viel Erfolg bei der weiteren Forschung.

  19. Die Antwort von Dr. Oetker besagt meiner Lesart keineswegs, dass sich der Konzern zur Erschaffung von Russischen Zupfkuchen bekennt.
    Dr. Oetker bezieht sich auf das Produkt Backmischung Russischer Zupfkuchen. Ich vermute wie Thomas, dass sich hinter dem Kuchen einen anderer Ursprung verbirgt.

  20. @Ralf Lotys: Das mit den Kirchturmspitzen halte ich auch für schwer nachvollziehbar. Ich denke, die eigentliche Idee war, ein „geheimes“ Rezept aus der „guten alten Zeit“ zu vermarkten. Kurz nach dem Zusammenbruch des Ostblocks ging man davon aus, dass zaristische Russland könnte dafür einen passenden Hintergrund bieten. Und es hat funktioniert.

  21. „an die Turmspitzen von russischen Kirchen“ – hat jemand schonmal diesen Kuchen gebacken? Wo bitte erinnert das an russische Kirchturmspitzen? Das ist doch hanebüchener Unsinn den sich Oetkers ausgedacht haben damit sie eine schöne Erklärung haben. Bitte nicht alles glauben was die Marketingabteilung eines Lebensmittelkonzerns so von sich gibt.

  22. Danke erst einmal für diesen Artikel, es war eine Freude, ihn zu lesen!
    Ich war früher desöfteren in der Sowjetunion und später in Rußland, kann gut russisch lesen, sprechen und verstehen und kenne auch jetzt, sogar im Kollegenkreis, einige Russen und Russinnen. So mußte ich bei dem Artikel schmunzeln, auch wenn ich keine einzige Olga kenne. Dafür aber zwei Swetlanas! Kurzform z.B. Sweta. Ein wunderschöner, Licht und Helligkeit assoziierender Name! :-)
    Daß der russische Zupfkuchen in Rußland nicht bekannt ist, wußte ich, gewundert hat mich, daß Quark (тво́ро́г) in Rußland unbekannt sein soll. In der Tat gibt es diverse Varianten, Zubereitungsarten und Rezepte für Quark in Rußland, siehe z.B. hier:
    http://www.povarenok.ru/recipes/category/291/
    Und zum Schluß, warum Nadeshda glaubt, in dem Artikel Rassismus zu erkennen, erschließt sich mir auch nicht. Auf die Freundschaft zu den Russen сто грамм, aber до дна! 😉

  23. Ich gebe meinem schlechten Gewissen jetzt nach und beschäftige mich mit dem Rassismus-Vorwurf von UserIn Nadeshda. Hatte ich erst beiseite geschoben, da ich taz.de bereits reichhaltige Diskussion über solche Vorwürfe mitmachte. Braucht mehr an Substanz, bis ich mich beschwere.

    Der Rassismus-Vorwurf von Nadeshda ist substanzlos. Das zeigt sich nach dem kompletten Durchlesen des obigen Artikels auch an den nicht vorhandenen Argumenten im Post: Ein Satz mit Vorwurf plus ein emotionaler Ein-Wort-Satz/Ausruf ohne Ausrufungszeichen. Keine Belege, keine Argumente. Mein Rat: Nadeshda, eine Runde Zupfkuchen ausgeben bitte!

  24. Toll geschriebener Beitrag der mich doch zum Schmunzeln gebracht hat.
    Ich war wirklich der Überzeugung, das ein Kuchen der so heißt auch aus Russland kommen muss. Naja, wieder was gelernt! Danke :-)

  25. Historische Fakten-Treue ist nicht immer die beste Verkaufsmasche. Warum nicht Speisen nach Regionen, Städten, Ländern benennen? Wenn es niemanden weh tut?

    Mir fällt da immer das Beispiel Klatschpresse ein. Wie peinlich mir das oft ist, mit einem von den billigen Klatschblättern im Supermarkt oder Kiosk gesichtet zu werden. Wenn der Verkäufer das umgedrehte Cover mit aller Ruhe zum Einscannen umdreht … Schlagzeile neulich: „Schumi: Die ersten Schritte nach dem Koma“. Nachrichtengehalt: Nullkommanullnullnix. Wurden nur alte Bilder eines laufenden Schumis gezeigt, wie mich ein Formal-1-Liebhaber aus der Verwandtschaft informierte.

    Und wie ich mich andererseits später freue, wenn ich die Reaktion einer Verwandten auf das Mitgebrachte sehe. Freude über Abwechslung und Unterhaltung. Sie blättert die Blätter 20 Minuten durch. Kurz darauf ist das Ein-Euro-Produkt ready zum Verpacken fauler Speisreste.

    Und der Haken? Jo, wos is mit da Info-Niveau? Falscher Ort, wenn es nur um unverbindliche Unterhaltung geht. Ebenso meine ich, ist es beim Essen. Ich denke nicht an die Stadt Hamburg, wenn ich einen Hamburger esse. Ich denke nicht an Wien beim Essen einer vorallem hierzulande als „Wiener“ benannten Wurst.

    Beim künftigen Essen von Russischen Zupfkuchen rufe ich mir höchstens in Erinnerung, welche leckeren Speisen ich aus der russischen Küche vor dem Vergessen eigentlich wieder essen wollte und dass ich das russische Spezialiätengeschäft mit den leckeren Gebäckkringeln um ein paar Ecken wieder aufsuchen wollte. Auseinandersetzungen mit Urheberrechten bei Speisen-Namen überlasse ich denen, die mit den Produkten ihr Geld verdienen.

  26. Ein Freund backt seit längerem hervorragenden „Normannischen Apfelkuchen“ und ein weiterer Freund verkauft diesen in seinem Mini-Cafe zu Minipreisen in der Berliner Gotzkowskystraße. Auf eindringliche Nachfrage stellte sich heraus:Deutsche Äppel, deutsches Mehl, deutsche Eier, deutsches Wasser,… Vielleicht war das Backblech mal in der Normandie. Was weiß man immer. Das Gas zum Backen kommt wahrscheinlich aus Russland. Also doch Russischer Apfelkuchen?
    Normannischer Apfelkuchen klingt einfach besser. Wer will denn Alt-Moabiter Apfelkuchen.

  27. Wer hat’s erfunden?

  28. Ich kenne den russischen Zupfkuchen schon sehr lange, schon vor 1993, den hat nicht erst Dr. Oetker geprägt. Meiner Mutter und meine Oma hat den Kuchen schon gebacken, der ist solange ich denken kann in meiner Familie bekannt und ich bin 1981 geboren. Ich nehme na den gab es schon lange davor. Übrigens der Kuchen meiner Mutter ist nicht zu vergleichen mit der Dr. Oetker- Backmischung.

  29. Ha! Als Erstes riet ich, dass „Russischer Zupfkuchen“ eine Werbemarke ist. Kurz darauf ging mir die Selbstbeschreibung Kulturbanause durch den Kopf. Dachte, ich liege bestimmt falsch. Wichtige Speisen anderer Kulturen, die wie ich in Berlin aufgetischt werden, möchte ich schon kennen. Wie Piroggen, Kochbananen, Pasta, Bortsch (Rechtschreibung ohne Garantie), Köfte, Gyros, Flammkuchen und so weiter und so unendlich

  30. @Olgo: Das Russisch Brot ist ein gut erforschtes Kapitel der Kulinarik, ebenso wie Helga in der Onomastik. Und Empfindungen sind subjektiv, nur mal so gesagt.
    Beste Grüße.

  31. a) ich habe, wie olga, von dem Kuchen auch noch nie etwas gehört, obwohl ich in westdeutschland lebe und quark kenne
    b) interessanter wäre die frage, warum „russisch brot“ keine kyrillischen buchstaben enthält.
    c) warum sind „vera“, „ljubow“, „nadeschka“ schönere namen als „olga“
    d) warum wurde für „olga“/“helga“ im artikel nicht die namensbedeutung erwähnt
    e) warum ist ein name schöner, wenn er eine bedeutung hat, die erwähnt wird
    f) sind namen mit bedeutungen wie „liebe“, „glaube“ und „hoffung“ besser, als ein name der „egoist“ oder „resignation“ bedeutet, und wer bestimmt das?
    g) einfach weitermachen…

  32. @Nadeshda:
    Schnipp—- „Rassismus zielt dabei nicht auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften einer Gruppe, sondern stellt deren Gleichrangigkeit und im Extremfall deren Existenzberechtigung in Frage. Rassische Diskriminierung versucht typischerweise, auf (projizierte) phänotypische und davon abgeleitete persönliche Unterschiede zu verweisen.“ (Wikipedia) —-Schnapp
    Ich hoffe, dass für die meisten Leserinnen und Leser deutlich wird, dass ich mich hier auf subjektiv wahrgenommene Eigenschaften beziehe.

  33. Ohne rassistische Klischees wäre der Artikel viel besser. Schade.

  34. Die „Turmspitzen von russischen Kirchen“ sind natürlich Zwiebeltürme. Aber Zwiebelkuchen gibt’s ja schon.