vonHeiko Werning 06.02.2015

Reptilienfonds

Heiko Werning über das tägliche Fressen und Gefressenwerden in den Wüsten, Sümpfen und Dschungeln dieser Welt.

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Sonntag, der 1. Februar. Verdammt, es ist nicht mehr zu leugnen: Der Januar ist schon wieder rum. Traurig blicke ich auf die fünf prächtigen Großbildkalender, die in meinem Arbeitszimmer an der Wand lehnen. Großbildkalender mit wunderschönen Naturfotos, hochwertig verarbeitet, eine echte Zier. Wären sie zumindest, wenn man sie mal aufhängen würde. So zu fünft hintereinander an die Wand gelehnt und noch in ihrer Verpackung eher nicht so. Statt meine Gedanken beim Blick auf patagonische Gletscher oder Sonnenuntergänge in Kakteenwüsten in wohligem Fernweh schwelgen zu lassen, schürt der Anblick der ungeöffneten Kartons einen hässlichen Weltschmerz. Dabei hatte ich mich wirklich gefreut, als ich die Dinger im letzten August bekommen hatte. Und seither stehen sie da nun also herum, und ich habe es nicht einmal geschafft, sie aufzuhängen. Ging irgendwie nicht. Kam immer was dazwischen.

Das Internet zum Beispiel. Immer kommt irgendwie das Internet dazwischen. Kaum denke ich: So, jetzt erledigst du aber endlich mal dieses oder jenes, mache ich nur mal ganz kurz eben den Browser auf, um schnell noch mal zu gucken, was es Neues gegeben hat. Und dann lese ich mich durch die Seiten und stelle fest: Eigentlich hat es gar nichts Neues gegeben. Was allerdings auch kein Wunder ist, weil ich ja erst vor einer halben Stunde das letzte Mal geguckt habe. Wir mögen zwar in schnelllebigen Zeiten leben, aber seit ich in Echtzeit mit der ganzen Welt vernetzt bin, kommt es mir manchmal vor, als befinde sich alles in qualvoller Stagnation und Agonie. Da kann ich noch so oft auf den Refresh-Button drücken, am Ende ist der Kapitalismus immer noch da und ziehen immer noch mordende Islamisten-Banden durch Nigeria, und immer noch hat niemand Blauhelmtruppen in den Schurkenstaat Sachsen entsendet. Und dann ist es Abend, und irgendwie habe ich es doch nicht geschafft, dieses oder jenes endlich zu erledigen. Die Kalender aufzuhängen, zum Beispiel.

Natürlich versuche ich mich damit zu trösten, dass das ziellose Leerlesen des Netzes ja letztlich nicht vergebens ist, sondern meine Arbeit. Man muss als satirisch arbeitender Autor ja schließlich Bescheid wissen, wer was schreibt, um anschließend satirische Texte darüber schreiben zu können, was für blödes Zeug das ist, was die da alle schreiben. Ist es das, was ich mir vorgestellt hatte, als ich Schriftsteller werden wollte?

Immerhin, jetzt weiß ich wenigstens, dass Harald Martenstein meint, dass die neue griechische Regierungskoalition aus der linken Syriza und diesen Rechtspopulisten miese Antisemiten sind. Da hat er wahrscheinlich sogar Recht, denn erstens neigen viele Rechtspopulisten zum Antisemitismus, und zweitens neigen viele Linke zum Antisemitismus. Ganz zu schweigen von der Mitte, die auch immer sehr zum Antisemitismus neigt. Und wenn schon die deutsche Linkspartei von der neuen griechischen Regierung so begeistert ist, kann man es praktisch von vornherein als gesichert annehmen, dass die neue griechische Regierung antisemitisch ist, sonst wäre ja die deutsche Linkspartei nicht so begeistert von ihr. Einerseits. Andererseits begründet Martenstein seine Antisemitismus-Diagnose mit einem Zitat des griechischen Oberrechtspopulisten, nach dem die Juden keine Steuern zahlen würden. Nun weiß ich aber, weil ich dieses Internet ja beständig in mich hineinlese, dass es dieses Zitat in dieser Form gar nicht gibt. Vielmehr hat der griechische Oberrechtspopulist behauptet, die orthodoxe Kirche wäre mit irgendwelchen Steuern belastet worden, anders als die jüdischen, muslimischen und sonstwelche Gemeinden. Was halt doch was ziemlich anderes ist, zumal im Zusammenhang mit dem Antisemitismus-Vorwurf. Genau diese Richtigstellung ist in den letzten Tagen ausführlich durch die verschiedenen Medien gegangen (ausführlich erklärt Pascal Beucker den Sachverhalt in der taz). Martenstein bezieht sich also auf eine gerade wiederlegte Falschmeldung. Was immerhin eine beachtliche Kontinuität im kolumnistischen Schaffen des Tagesspiegel-Zausels darstellt. Denn in seinen Kommentaren zuvor hatte er schon die ausführlich in den Medien widerlegte Falschbehauptung aufgewärmt, dass in Kreuzberg Weihnachtsmärkte wegen den Muslimen nicht mehr Weihnachtsmärkte heißen dürften. Und direkt danach die ausführlich in den Medien widerlegte Falschmeldung, dass britische Banken wegen den Muslimen keine Sparschweine mehr austeilen. Praktisch jede Woche also fußt Martensteins sonntägliche Tagesspiegel-Kolumne auf einer gerade zuvor ausführlich in den Medien widerlegten Falschmeldung. Was zwei Schlüsse zulässt: Entweder verfolgt er damit eine eigenwillige Strategie für irgendwas, was ich nicht durchschaue. Oder ihm geht es einfach besser als mir, weil er offenbar nicht dauernd das ganze Internet durchlesen muss. Wahrscheinlich liest er überhaupt keine Zeitung. Wahrscheinlich muss man sich Martenstein als glücklichen Mann vorstellen, der den ganzen Tag im Kreise seiner Lieben sinnvolle Dinge tut oder Sport treibt und sich gesund ernährt, was ja viel Zeit beim Kochen erfordert, und wenn er mal beim Einkaufen irgendwas aufschnappt, wie dass der Wurstverkäufer ihm sagt, er solle mal schön ein paar Schweinekoteletts kaufen, denn wer weiß, wie lange das noch geht, in England schließlich dürften die Banken jetzt ja nicht mal mehr Sparschweine verteilen wegen der Muslime, dann schreibt er zu Hause schnell eine Kolumne darüber und hat danach ganz viel Zeit, die Koteletts ordentlich zu marinieren, mit selbst herangezüchteten Kräutern, die er im Garten erntet, nachdem er die Pflänzchen noch einmal alle sanft gestreichelt hat, so viel Zeit hat er. Wie soll er denn da noch im Internet gucken, ob seine Thesen überhaupt stimmen?

Ich dagegen weiß jetzt also, dass Martenstein dauernd Unsinn schreibt. Toll. Und wer ist jetzt glücklicher und zufriedener? Gut, ich kann das dann selbst wiederum in der Zeitung oder im Internet veröffentlichen. Aber das lesen dann ja doch wieder nur so Leute wie ich, die auch dauernd sinnlos alles weglesen in den Zeitungen oder im Internet, und die wussten das ja ohnehin schon, weil sie die Widerlegung der Falschmeldung vorher natürlich auch schon gelesen hatten. Und die vor lauter Internetgucken auch nichts Sinnvolles machen, wie zum Beispiel einfach mal nach draußen gehen.

Ich könnte ja einfach mal nach draußen gehen. Könnte ich machen. Einfach so. Oder ich könnte endlich mal diese Kalender aufhängen. Elf Monate hätte ich ja immerhin noch was davon. Und wenn ich schon mal dabei bin, kann ich auch gleich noch das gerahmte Foto an die Wand hängen, das der Nachbar aus dem vierten Stock uns zur Hochzeit geschenkt hat. Vor zwei Jahren. Das liegt nämlich auch immer noch auf der Küchenanrichte, wo wir es nach der Hochzeit hingelegt hatten, weil es halt irgendwo hingelegt werden musste, solange es noch nicht aufgehängt ist. Das Foto zeigt übrigens unseren Innenhof. Von oben. Beim Blick aus dem vierten Stock. Wir wohnen ja im Erdgeschoss, und ich sehe den Hof also quasi immer nur auf Augenhöhe, wenn ich am Schreibtisch sitze und mal zwischendurch nicht auf den Monitor, sondern aus dem Fenster gucke. „Das ist mal eine ganz andere Perspektive“, meinte der Nachbar aus dem Vierten zu dem Foto vom Innenhof, das war vermutlich künstlerisch gemeint. „Damit du auch mal was anderes siehst“, hat er dann noch angefügt. Das war vermutlich eher spöttisch gemeint. Wahrscheinlich wollte er darauf anspielen, dass ich ja sowieso immer nur den Innenhof sehe, weil ich immer am Schreibtisch sitze. Wenn ich jetzt noch das Bild an die Wand neben dem Fenster hänge, könnte ich gleichzeitig den Innenhof wie üblich von unten und zusätzlich noch von oben sehen. Verrückt. Da sollte ich das Bild gleich mal aufhängen. Und die Kalender. Nur eben vorher noch mal rasch an den Computer. Ist das jetzt eigentlich noch eine Wochenenddepression oder schon die Midlife Crisis? Na ja, erst mal im Netz gucken, was es Neues gibt.

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  • […] Marten­stein und ich: Ist das noch Woch­enend­de­pres­sion oder schon Midlife Cri­sis? | Rep­… “Natür­lich ver­suche ich mich damit zu trösten, dass das ziel­lose Leer­lesen des Net­zes ja let­ztlich nicht vergebens ist, son­dern meine Arbeit. Man muss als satirisch arbei­t­en­der Autor ja schließlich Bescheid wis­sen, wer was schreibt, um anschließend satirische Texte darüber schreiben zu kön­nen, was für blödes Zeug das ist, was die da alle schreiben. Ist es das, was ich mir vorgestellt hatte, als ich Schrift­steller wer­den wollte?” […]

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