Im wilden Wedding: Broder im Häuserkampf für die AfD

Ach, eigentlich wollte ich ja nichts mehr schreiben zu Henryk M. Broder. Zwar bin ich als jemand, der es gelernt hat, sich mit Reptilien zu beschäftigen, gewöhnt, dass die Beobachtungsobjekte oft ein recht eingeschränktes Verhaltensrepertoire aufweisen, aber die immer gleichen Reiz-Reaktions-Schemata bei Broder sind dann sogar mir zu langweilig. Es könnte sicherlich Inhalt einer sehr, sehr tristen Bachelor-Arbeit sein, die Verwendung der Phrase „Der Kampf gegen die Nazis wird umso heftiger geführt, je länger das Dritte Reicht tot ist“ in Broder-Texten zu zählen.

Dass der Kampf gegen “die Nazis” umso heftiger geführt wird, je länger das Dritte Reich tot ist, ist keine ganz neue Erkenntnis, aber immer wieder eine überraschende“, beginnt Broder also seinen neusten Eintrag auf der „Achse des Guten“, aber diesmal interessiert es mich dann doch ein bisschen, weil ich die Akteure und Hintergründe seiner jüngsten Copy-and-Paste-Produktion ganz gut kenne. Es ist das alte Lied von der Antifa, die angeblich die wahren Faschisten stelle, und Ziel des Vorwurfs sind diesmal der grüne Weddinger Aktivist Daniel Gollasch, seine Reinickendorfer Kollegin Lina Müllenberg und das La Luz, der Auftrittsort der Lesebühne „Die Brauseboys“, bei der ich die Freude des Mitwirkens habe.

Genau dort sollte eine Veranstaltung stattfinden, auf der Broders alter Buddy Hamed Abdel-Samad aus seinem jüngsten Buch „Mohamed. Eine Abrechnung“ vortragen wollte. Wir waren ein bisschen verblüfft, als wir davon erfuhren, aber nun gut. Das Werk scheint zwar inhaltlich wie stilistisch eher etwas fragwürdig zu sein, aber erstens hat niemand von uns das Zeug gelesen, weil es dafür schlicht keinen nachvollziehbaren Grund gibt, und zweitens: Für wirre Thesen und irre Redner hatten wir ja nun immer schon ein geradezu übergroßes Herz.

Aber auch für uns gibt es Grenzen. Und die sind erreicht, wenn eine Partei sich auf unserer Bühne breitmacht, die allen Ernstes Gestalten wie Beatrix von Storch, Alexander Gauland oder diesen verwirrten Göring-Imitator von Günter Jauch für Politiker hält. Die „Mohamed“-Lesung nämlich wurde organisiert, präsentiert, veranstaltet oder was auch immer von der AfD Charlottenburg-Wilmersdorf, und mit derart unappetitlichen Figuren wollen wir dann nun wirklich nichts zu tun haben. So wandten wir uns mit unserer Verwunderung über diese Konstellation an unseren Gastgeber, das La Luz. So wie ungefähr gleichzeitig auch eben Daniel Gollasch von den Weddinger Grünen und vermutlich noch manch andere, denen es nicht völlig egal ist, was in ihrer direkten Umgebung gerade so vorgeht.

Die Reaktion des La Luz war ebenso eindeutig wie erfreulich und glaubwürdig: Der Betreiber selbst, der gerade im Urlaub weilt, wusste von der Veranstaltung überhaupt nichts, angenommen hatte sie ein Mitarbeiter, der sich wiederum über deren Charakter getäuscht sah. Eine „Lesung“ sei angefragt worden. Was für das La Luz ja nicht ungewöhnlich ist, denn wie gesagt, hier veranstalten die Brauseboys seit vielen Jahren alldonnerstäglich ihre Lesungen. Von einer politischen Veranstaltung der AfD dagegen sei keine Rede gewesen. Und für so etwas möchte das La Luz seine schöne Bühne schlicht und einfach nicht hergeben. Entsprechend klipp und klar wurde die AfD darüber informiert, dass diese Veranstaltung dort nicht stattfinden wird. Denn, für Broder vielleicht ein überraschendes Konzept: Noch kann jeder Veranstalter selbst entscheiden, wen er auftreten lässt, das fällt keineswegs in den Zuständigkeitsbereich hyperventilierender Publizisten.

Die AfD hat sich nun die Seeterrassen in Tegel ausgesucht, deren Betreiber offenbar zur Abwechslung auch korrekt über die Veranstaltung informiert wurden und die nichts daran auszusetzen fanden, sie dort stattfinden zu lassen. Auch das ist selbstverständlich ihr gutes Recht. Wie es aber auch das anderer Leute ist, das wiederum blöd zu finden. Wir nennen es Meinungsfreiheit. Deshalb haben Daniel Gollasch und Lina Müllenberg von den Grünen eine Protestkundgebung, die sie nach Bekanntwerden der AfD-Beteiligung von Abdel-Samads Lesung im Wedding vorsorglich angemeldet hatten, nun auf Tegel umgemeldet. Eine Demonstration also, um eine abweichende politische Meinung zu artikulieren. Ein selbstverständliches Grundrecht.

Mit dem Broder aber hadert, offenbar hat er es mit dem Grundgesetz halt nicht so: „Auf der Homepage von Daniel Gollasch (“demokratisch.berlinisch.engagiert”) lesen wir, eine für den 26. Oktober in den Weddinger Osramhöfen geplante Veranstaltung der AfD Charlottenburg-Wilmersdorf sei “nach Protesten abgesagt” worden. Aber eben nicht definitiv. Sie wurde nur verlegt, in die “Tegeler Seeterassen”, die einer alten Tradition folgend mit zwei R in der Mitte geschrieben werden, aber nur mit einem R, wenn schnell gehandelt und eine Gefahr abgewehrt werden muss.“ Und weil offenbar noch schneller gehandelt und eine Gefahr abgewendet werden muss, wenn ein Grüner eine politische Demonstration mit einem anderen Inhalt, als Henryk M. Broder gefällt, anmeldet, hat dieser rasch seine alten Anti-Antifa-Texte recycelt und schreibt: „Den Grünen steht eine Weddinger Initiative “gegen Rassismus und soziale Ausgrenzung” bei, die sich “Hände weg vom Wedding” nennt und zum Widerstand gegen die kapitalistische Gesellschaft, Krieg, Flucht, Vertreibung, Ausbeutung. und – Hamed Abdel-Samad aufruft.“ Der Punkt ist vermutlich beim Aktualisieren der ranzigen Textbausteine in der Eile durchgegangen, weil Broders Konzentration noch von dem fehlenden „r“ bei Gollaschs „Terrassen“ in Anspruch genommen war. Und „Hände weg vom Wedding“ erklärt Broder dann flugs zu einer „türkischen Initiative“. Vermutlich, weil sich auf der Website auch eine türkische Version eines Aufrufs zu einer Demonstration vom 30.4.2015 findet. Auf so eine irre Idee können schließlich nur Türken kommen, irgendwas Türkisches auf eine ansonsten allerdings durchgehend deutschsprachige Website zu stellen. Wie ja auch der Name des Sprechers der Gruppe, Martin Steinburg, auf alten anatolischen Landadel schließen lässt. Man kennt sie ja, diese Morgenländler.

Zum Protestaufruf der Weddinger Grünen-Aktivisten schreibt Broder nun (wobei einer alten Tradition folgend die Kommata …, ach, lassen wir das):„Wer Nazis und wer Rassisten sind, entscheiden fortan in Berlin Lina Müllenberg, Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen Reinickendorf und Daniel Gollasch, Vorstandsmitglied von Bündnis 90/Die Grünen Mitte. Demnächst auch, welche Partei in Berlin nichts verloren und deswegen auch nichts zu suchen hat. Bis irgendwann sich auch Wahlen erübrigen und die “Wahlsieger” einfach von den Grünen nominiert werden. Als im Sommer letzten Jahres ein grün-islamischer Mob durch Berlin tobte, da haben es Lina Müllberg und Daniel Gollasch nicht so eilig gehabt, “alle Berlinerinnen und Berliner” zu einer Kundgebung für “ein weltoffenes, tolerantes und solidarisches Berlin” aufzurufen. Denn die fand bereits statt, auf dem Ku’damm, und die Losung des Tages lautete: “Juden ins Gas!”“ Das ist natürlich eine logische Verbindung, der schwer zu widersprechen ist: Wer gegen AfD-Veranstaltungen demonstriert, will in Wirklichkeit Wahlen abschaffen und hat nichts dagegen einzuwenden, wenn andere „Juden ins Gas“ schicken wollen. Ein überraschender Zusammenhang, für dessen Erkennen man nun einmal Top-Journalisten wie Henryk M. Broder braucht. Ein ganz kleines bisschen überzeugender allerdings wäre diese Aufklärungsleistung noch, wäre Gollasch nicht jemand, der eben nicht zu jenen latent antisemitisch grundierten „Ich kritisiere doch nur die Politik des Staates Israel“-Linken gehört, sondern sich schlicht und einfach gegen jede Form von Hetze und Menschenfeindlichkeit zur Wehr setzt, ob diese nun Moslems, Juden oder etwa Homosexuelle betreffen. Und das ganz offen in einem Bezirk wie Wedding, von dem Broder und seine Leute ja ansonsten gerne fantasieren, dass Schwule sich dort wegen der bösen Muslime nicht mehr vor die Tür trauen können. Der offen schwule Gollasch dagegen hat keine Probleme damit, für seine Positionen auch im Mordor des Wedding, auf dem Leopoldplatz, zu werben und damit auf jeden zuzugehen.

Broder schließt seinen kleinen persönlichen Rufmordversuch mit der sicher auch wieder rüberkopierten Phrase (man beachte die plötzlich anderen Anführungszeichen): „Nota bene: Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: «Ich bin der Faschismus». Nein, er wird sagen: «Ich bin der Antifaschismus».“ Das mag schon sein. Wenn er nämlich so verwirrt ist wie Henryk M. Broder, der die beiden Begriffe konsequent verwechselt. Und obwohl ich mit den Grünen in vielerlei Hinsicht derzeit nicht viel am Hut habe, bin ich doch recht froh, dass es Aktivisten wie Daniel Gollasch gibt, die sich dafür engagieren, diese Wiederkehr zu verhindern, während Broder weiter in seiner Schreibstube vor sich hin deliriert.

Kommentare (11)

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  1. Broders Ausfälle gegen die „grün-islamistischen“ Horden sind in der Tat weder überraschend noch neu, allerdings sind sie ein Mosaikstein mehr für ein Bild, das Broder sich von seinem Wunschdeutschland macht:In diesem grauenhaften Land übt er die Funktion des obersten Moralwächters aus. Und wer nicht bei Pegida oder AfD mitmarschiert ( die NPD ist ja nun leider immer noch so antisemitisch, dass sogar Broder es nicht zu ignorieren wagt) oder nachweisen kann, wieviele Asylantenheime er abgefackelt hat, der ist Antisemit.

  2. Reptilien sind gleich Beobachtungsobjekte? Fängt ja gut an Ihr Artikel mit der Sicht auf Lebewesen als Objekte. Na ja, vielleicht waren Sie ja nur sauer und formulieren deshalb an dieser Stelle schief und es wird gleich besser. Ich les den langen Beitrag mal weiter.

    „in einem Bezirk wie Wedding“
    Ähm, wo leben Sie denn, ein Bezirk ist Wedding doch schon lange nicht mehr. So in der Praxis. Schauen Sie sich doch mal die veralteten Tafeln zu den Handwerkszünften im Foyer des ehemaligen Rathaus Wedding an. Alles Geschichte. Industrie weg, Arbeiter weg, Identitätsbrei. Selbst wenn Sie sich vermutlich von der schönen roten Arbeiter-Wedding-Vergangenheit im 19. und 20. Jahrhundert wohl nicht trennen mögen und wahrscheinlich deshalb so regelmäßig von „dem Wedding“ schreiben. Als Bezirk funktioniert höchstens Mitte ein bisschen. Der Wedding ist heute doch nur noch ein Relikt.

    Ok, den Rest finde ich gut. Ich bin froh, dass sich BerlinerInnen wehren, um der AfD keine Bühne für ihre xenophobe und Minderheiten ausgrenzende Politik zu bieten.

    @ Oswin Haas:.
    Schreiben Sie das nächste Mal bitte verständlich: ohne die seltsamen Großbuchstuben mitten im Fließtext, die langen Schachtelsätze und vielen Klammern. Dann würde ich Ihren Standpunkt vielleicht nachvollziehen können. Dann würde Ihr Verhalten weniger verwirrt wirken.

  3. …ach waren das spannende Zeiten, als ich mir noch sehr verschämt und hochpubertär die „St.Pauli Nachrichten“ in der Bahnhofsbuchhandlung in Krefeld besorgt habe. Auch „Konkret“ übrigens.
    Schily und Mahler fand ich damals auch gut und als ich dann nach meiner Lehre von Westberlin aus per Briefwahl erstmals wählen durfte und Brandt Kanzler wurde: So ein Stück Glück.

    Tja…

  4. Naja, was will man vom gerichtlich bestätigten „Pornographen“ Broder schon erwarten. Lediglich sein ständiges hantieren mit extremer Fäkalakrobatik sorgt dafür, dass er wahr genommen wird.

    Es heißt doch immer: Don’t feed the Trolls – Broders Hauptverdienst besteht im Grunde darin, immer wieder gefüttert zu werden. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

  5. Ich überlege gerade:
    Kämpft Broder nicht immer gegen den „Islamofaschismus“?
    Und sicher auch gegen „Linksfaschismus“, „Ökofaschismus“, „Feminazis“ usw. usw. usw. usw.?
    Macht dieser Kampf B nicht zum Antifaschisten?
    Und ist Antif. nicht der neue F.?

    Was ist damit Broder?
    🙂

  6. „scheint zwar inhaltlich wie stilistisch eher etwas fragwürdig zu sein, aber erstens hat niemand von uns das Zeug gelesen…“ – Klar: Sie haben ja auch nicht die Satanischen Verse gelesen, als Sie für Salman Rushdie demonstrierten. Gelesen haben Sie selbstverständlich auch nie Feuerbach, Marx, Nietzsche und Freud, die Ihnen das Wesen des Christentums und der Religionen vielleicht hätten beibiegen können – Ihnen reichten ein paar Zitate aus Second Hand und insbesondere „Opium des Volkes“ (war Ihnen irgendwie sympathisch), um sich „aufgeklärt“ zu fühlen. Ist es das, warum Sie nicht erkennen wollen, in welcher Tradition Hamed Abdel-Samad steht?

  7. „… mit derart unappetitlichen Figuren wollen wir dann nun wirklich nichts zu tun haben.“ Finden Sie nicht, dass eine solche Ausdrucksweise faschistoid ist, Herr Werning? Da bekommt Broders Satz „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen:
    Ich bin der Antifaschismus‘. Von Marx ausgehend könnte man sagen: Der politische Diskurs wird gefährlich, wenn er sich im Idealen, im Oberbau verfängt und nicht merkt, dass damit eine Lösung der WIRKLICHEN Probleme einer Gesellschaft unmöglich wird, der Unmenschlichkeit Tür und Tor geöffnet werden.

    Nur eine mutige Analyse der REALEN sozialen, ökologischen, wirtschaftlichen Verhältnisse, der WAHREN Ursachen für Leid und Entfremdung einer Gesellschaft kann den politischen Diskurs auf eine RATIONALE Ebene führen. Nur so kann man die Thesen der AfD oder Herrn Broders wirklich kritisieren. Mit ihrer Igitt-Igitt-Argumentation sind Sie, Herr Weinrich weit davon entfernt. Ganz in der Tradition des Faschismus degradieren sie den politischen Gegner zu Abschaum und Ungeziefer. Andere sagen „Pack“. Das führt zu nichts Gutem.

    Es gibt in der heutigen westlichen Gesellschaft REALE Phänomene, die die EINFACHEN (minderbemittelten) Leute bewegt und die im öffentlichen Gedudel der „political correctness“ nicht ausgedrückt werden darf. Die real begründbare Angst, ihre Zukunft und Existenz zu verlieren, die bei allem Banken- und Afghanistan-Retten beim politischen Establishment kein Gehör findet, wendet sich so den Rattenfängern der AfD zu, die die Probleme an den Symptomen (massiven Zufluss von Billiglöhnern) und mit bloß idealistischen Werten (Familie, bürgerliche Scheinqualitäten) beheben will, mit einer Ideologie (Überbau), die sich ganz faschistoid von den WAHREN Ursachen systematisch abwendet. Aber da ist die AfD nicht anders als die etablierten Parteien. Das ganze bundesdeutsche System ist somit faschistoid, es birgt die Möglichkeit des Ausbrechens in den offenen Faschismus in sich. Wir sind sogar schon mitten drin. Der nächste Präsident Frankreichs wird wohl Le Pen heißen …

  8. Pingback: Markierungen 10/27/2015 - Snippets

  9. Wenn ich mir diesen Artikel durchlese und die Begründung der grünen Vorsitzenden für Demonstrationen gegen die AfD, dann bestätigt mich dies ein weiteres Mal in meiner Ablehnung der grünen Ideologie. Welch‘ undemokratische, gefährliche Heuchelei und Doppelmoral.
    Wie immer, Broder bringt es in seiner unnachahmlichen Art genau auf den Punkt.

  10. Broder fördert Antisemitismus? Weil der Jude ja schließlich irgendwie selbst dafür verantwortlich ist, wenn er gehasst wird? Große Güte, wenn Sie mich in diese Richtung verstanden haben, dann sind Sie hier aber auf dem ganz falschen Dampfer. Den Sie jetzt bitte rasch verlassen mögen. Am Antisemitismus sind die Antisemiten Schuld, niemand sonst.

  11. Broder hat sich schon längst abqualifiziert. Wer will mit Broder noch zu tun haben. Er fördert Antisemitismus und jammert dann, wenn es ihn tatsächlich gibt. Ich frage mich wieso die deutsche Presse ihn nicht schon längst gezeigt hat, wohin er gehört. Der SPIEGEL hat sich von ihm noch rechtzeitig getrennt (oder er sich vom Spiegel!) und jetzt ist da gelandet, wo er hingehört; in der Gosse des Journalismus.