Heim ins Reich: Warum die Ausladung Xavier Nadoos noch schlimmer ist als seine vorherige Einladung

Handy 2015-04-14 100

Man kann es sich natürlich ganz leicht machen, auf den minderen kulturellen Wert des Eurovision Song Contest verweisen und dann in dem guten Bewusstsein, etwas Besseres zu sein, abwinken und es für völlig gleichgültig erklären, welche Pappnase da nun hinfährt. Diese Haltung ist allerdings nicht nur arrogant, sondern auch dumm. Denn natürlich ist der ESC das größte popkulturelle TV-Ereignis des Kontinents, und so lange wir ernsthaft Fußball Nachrichtenwert zugestehen, solange werden wir wohl auch den ESC in Maßen ernst nehmen müssen. Auch wenn mir persönlich beides von der Sache her furchtbar egal ist. Es handelt sich aber eben doch um gesellschaftlich bedeutsame Veranstaltungen.
Nun also hatte der NDR einsam entschieden, Xavier Naidoo zum Singe-Wettbewerb zu schicken. Das war, vorsichtig gesagt, sehr ungeschickt. Denn völlig unabhängig von Naidoos künstlerischen Qualitäten (ich kann seine Musik nicht leiden, aber das gilt für jeden anderen halbwegs realistisch erscheinenden Teilnehmer natürlich genauso) hätte man sich schon vorher denken können, dass jemand, der auch solche Songtexte singt, die ohne viel Mühe als antisemitisch und homophob gedeutet werden können, und der auf Veranstaltungen irgendwelcher anti-amerikanischen Verschwörungstheoretiker vom rechten Rand Reden hält, vielleicht nicht der ganz ideale Vertreter ist, um quasi im offiziellen Auftrag des immerhin öffentlich-rechtlichen Fernsehens als Vertreter dieses Landes losgeschickt zu werden. Es sei denn, man hätte der Welt unbedingt demonstrieren wollen, dass antisemitische, anti-amerikanische, homophobe und einfach grundlegend paranoide Positionen in Deutschland jederzeit vollkommen salonfähig sind. Dafür allerdings hätte man sich nicht die Mühe machen müssen, die Mannheimer Heulboje nach Schweden zu schicken – dafür reichte ja ein Blick in die Zeitung bzw. nach Dresden.
Das spezielle Problem war dabei nicht so sehr, dass Naidoo überhaupt fahren sollte. Hätte er sich, wie in den Vorjahren, in einem Wettbewerb durchgesetzt, wären seine Äußerungen zwar keinen Deut weniger idiotisch, aber zumindest hätte man sich dann tatsächlich auf die Position zurückziehen können, hier habe eben nur die Musik gezählt und die Leute hätten es halt so gewollt, trotz oder gerade wegen seiner politischen Ausfälle. Dass der NDR ihn aber aktiv ausgesucht hat und damit eben als sozusagen von höchster Stelle gewollten Repräsentanten entsenden wollte, war eine beachtliche Fehlleistung seitens des Senders.
Die Absage nun ist allerdings noch viel schlimmer. Erstens leistet Thomas Schreiber, offenbar der zuständige Mann im Sender, schlicht einen intellektuellen Offenbarungseid, wenn er nun verkündet: „Die Wucht der Reaktionen hat uns überrascht.“ Ahnungslosigkeit trifft Realitätsverlust – anders ist diese Überraschung nicht zu erklären. Aber nun genau diese „Wucht der Reaktionen“ als Grund anzugeben, Naidoo wieder auszuladen, ist eine Bankrotterklärung auf allen Ebenen. Der NDR knickt also ein vor dem Zorn einer Teilöffentlichkeit (dass ich zu ihr gehöre, macht es nicht besser). Wird das Programm dann zukünftig auch geändert, sobald eine hinreichende Menge an Leuten Unwillen dagegen äußert? Hat man sich über diese Frage wirklich so wenig Gedanken im Vorfeld gemacht (was bei einer zig Millionen teuren Veranstaltung bereits der nächste Skandal wäre), dass man nun plötzlich so lapidar sagen kann: Huch, sorry, da haben wir wohl nicht aufgepasst, dann halt nicht? Offenkundig war es so. In den Worten von Schreiber: „Wir haben das falsch eingeschätzt. (…) Die laufenden Diskussionen könnten dem ESC ernsthaft schaden. Aus diesem Grund wird Xavier Naidoo nicht für Deutschland starten.“ Aber nicht die laufenden Diskussionen hätten dem ESC schaden können, der NDR höchstselbst hat ihn zumindest für die deutsche Seite in Trümmer gehauen. Er hat seinen zum Partner auserkorenen Sänger Naidoo brüskiert und demontiert, damit vermutlich für lange Zeit garantiert, dass sich kein Künstler von Rang mehr freiwillig dafür bereiterklären wird, und er hat jedem, der nun nach Naidoo für Stockholm kommen könnte, von vornherein erledigt. Denn wie im letzten Jahr wird der oder die Nachrückende nun ganz offiziell künstlerisch nur zweite Wahl sein und zudem mit dem Hass der Pro-Naidoo-Fraktion leben müssen.
Noch fataler aber sind die gesellschaftlichen Folgen. Denn genau diese Reaktion jetzt ist ein Wasserfall auf die Mühlen der Pegida- und AfD-Typen, die überall Tugendterrorismus, die Diktatur des politisch Korrekten und ganz allgemein „Gutmenschentotalitarismus“ (so allen Ernstes Joachim Huber im Tagesspiegel zur Kritik an der Naidoo-Nominierung) wittern. Der NDR kann also stolz von sich behaupten, der Wutbürgermeute und den Zwangsgebühren- und Lügenpresse-Schreihälsen genau das Futter gegeben zu haben, das diese sich am sehnlichsten wünschen, nämlich die Bestätigung all ihrer Ressentiments, dass man in diesem Land ja nichts mehr sagen dürfe, ohne von denen da oben gleich mundtot gemacht zu werden. Was für ein Desaster.
Im Grunde kann es jetzt nur eine vernünftige Lösung geben: Der NDR gibt die Betreuung des ESC vollständig ab und schickt alle dafür Verantwortlichen in die Wüste. 2016 verzichtet Deutschland einfach auf jede Teilnahme. Und die dadurch eingesparten Millionen werden der Flüchtlingshilfe zugesprochen.
Abschließend darf man natürlich gespannt sein, wann Xavier Naidoo uns erläutern wird, dass die Absage auf Geheiß der amerikanischen Besatzer bzw. der jüdischen Weltregierung erfolgte. Ach, wenn es doch nur so wäre! Aber dafür brauchen wir keine geheimen Mächte, dafür brauchen wir nur die Vollprofis vom NDR.

Kommentare (17)

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  1. @Uli: Ein „befürchteter Schaden für das Ansehen Deutschlands“? Da haben Sie wohl was grundlegend falsch verstanden. Das ist mir nämlich herzlich egal. Mir geht es ausschließlich um die Innenwirkung. Und da finde ich es angesichts von Pegida, AfD, Friedenswinter, Querfront und der ganz allgemeinen Medien-, Politik- und Demokratieverachtung eben gar nicht so egal, ob jemand, der genau das befördert, erst durch diese Nominierung noch salonfähiger gemacht wird, um dann durch seine Absetzung genau jene Ressentiments noch bestärkt werden, wie sich in dem unsäglichen Gejammere jetzt hinterher deutlich zeigt, wo die Meinungsäußerung von Kommentatoren und ganz normalen Leuten plötzlich zu einem mitteralterlichen Lynchmob hochstilisiert wird.

  2. Man kann es sich natürlich trotzdem ganz leicht machen – und zwar ohne arrogant oder sogar dumm zu sein.

    Dafür muss einem nur der von Dir, Heiko, befürchtete Schaden für das Ansehen Deutschlands durch die ESC-Nominierung von Xavier Naidoo genauso „furchtbar egal“ sein, wie Dir der ESC „furchtbar egal“ ist … und schon kann man sich die ganze Aufregung sparen.

    🙂

  3. Hallo Heiko. Das dümmste an der ganzen Diskussion ist, dass ich nun unfreiwillig sehr viel mehr ber XN weiß, als ich jemals wissen wollte. Unprofessionelles Management bei den Öffentlich Rechtlichen: Schon lange kein Aufreger mehr.
    Schönen Gruß in die alte Heimat!

  4. Rufmord macht Spaß!!! Hoffentlich haben Sie sich bald genug abreagiert.
    Nein – es fährt kein dükelhäutiger Künstler mit jüdischen Wurzeln nach Stockholm. Wahrscheinlich wird es irgendein Müller, Maier oder gar Fischer sein

  5. »Abschließend darf man natürlich gespannt sein, wann Xavier Naidoo uns erläutern wird, dass die Absage auf Geheiß der amerikanischen Besatzer bzw. der jüdischen Weltregierung erfolgte. Ach, wenn es doch nur so wäre! Aber dafür brauchen wir keine geheimen Mächte, dafür brauchen wir nur die Vollprofis vom NDR.«

    Hatte er zu dem Zeitpunkt längst.

  6. Xavier Naidoo wäre bei einem Vorentscheid gnadenlos vom Publikum geschasst worden. Aus den gleichen Gründen. Ich mag seine Jammerei zwar auch nicht aber Musik ist nunmal Geschmackssache und mal vom persönlichen Geschmack abgesehen muss man doch anerkennen kann der Typ doch singen. Ich denke er hätte dort sehr gute Chancen gehabt. Und seine merkwürdigen Ansichten sind doch nur für Deutsche ein Problem denke ich. Aber da die Deutschen ja beim ESC nicht für ihn stimmen dürften hätte das auf das Endergebnis keinen Einfluss gehabt.

    Das rückgratlose Verhalten des NDR ist nur noch peinlich.

    Zu den Ansichten von Herrn Naidoo. Nebenbei haben wir immer noch Meinungsfreiheit hier oder ? Was ist mit dem guten alten „Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.“
    Die Tendenz hierzulande alles Unbequeme in die Nazi- und Homophobenecke zu stellen und draufzuschlagen sind mittlerweile bedenklich.

  7. Leute, ihr habt Probleme… ich bin jetzt kein Fan von Herrn Naidoo, aber die Diskussion ist sowas von überflüssig…muss ich das weiter erläutern? Ich glaube nicht…

  8. Ich habe mich auch gegen die Nominierung von Naidoo gewandt, bei Reichsbürger Veranstaltungen aufzutreten ist jetzt nicht die allererste Sahne, wenn man für Deutschland in den Ring steigen will. Viel schlimmer als die Aussetzer dieses Bibelnachbrablers finde ich aber die Windeier vom NDR. Wie wenig Rückgrat kann man eigentlich haben? Ein großartiges Beispiel dafür, wie Vollversorgung und Quasi-Beamtenstatus das Hirn aufweichen. Wie man mit einer solchen Minderleistung seinen Job behalten kann ist mir ein Rätsel. Die Musikschaffenden in Deutschland haben es gerade alles andere als leicht, der Vorentscheid für den ESC hat gelegentlich doch ein paar neue Gesichter präsentiert, warum wird da jedes Jahr dran manipuliert. Lasst die Leute anrufen und der Sieger wird zum Finale geschickt, dann gibt es auch kein Theater. Einen Vorentscheid wird der NDR ja hoffentlich noch halbwegs organisieren können. Mann, Mann, Mann.

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  10. Danke, Heiko Werning. Ich kann dem Wort für Wort zustimmen.

  11. „Bravo!“:
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    Im Grunde kann es jetzt nur eine vernünftige Lösung geben: Der NDR gibt die Betreuung des ESC vollständig ab und schickt alle dafür Verantwortlichen in die Wüste. 2016 verzichtet Deutschland einfach auf jede Teilnahme. Und die dadurch eingesparten Millionen werden der Flüchtlingshilfe zugesprochen.
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    „Und bezüglich“:
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    Wird das Programm dann zukünftig auch geändert, sobald eine hinreichende Menge an Leuten Unwillen dagegen äußert?
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    „Wohl leider und empirisch: Never!“
    Denn nicht umsonst wurden zwischenzeitlich die Zwangsgebühren eingeführt, gegen die noch kein noch so aufwändig betriebener Gerichtsprozess im Essentiellen gewonnen werden konnte, geschweige denn, dass Frau & Herr Hempels-Mustermann …. ; nein! Für seine staatlich organisierte Volxverblödung müssen (und offenbar: wollen!) ebenjene in WOHNHAFT kritiklos blechen, ausnahmslos – nolens volens ! Das gilt selbst für die ‚pathetische flitzpiepe‘ Naidoo.
    Und Till – ja! DER verklemmt schweigende Unterkiefer Till – twittert, nachdem er vor dem Heija-Gehen noch mal allabendlich seinen messerscharfen Schlitzaugenblick über ’sein‘ todo Teutschland streifen ließ und wieder überall: „Hass“ erkannt haben will:
    „Gute Nacht Deutschland!!!!“

    „Dito, Ihr lieben Couchpotatoes. Und nicht vergessen zu zahlen.
    Es wird gefr****n, was auf den Tisch kommt. Pasta!“

  12. Pingback: links vom 21.11.2015

  13. Naidoo ist kein Nazi. Ich lehne seine Musik sowie die Kampagne gegen ihn ab, wie auch ihre Angriffe gegen diejenigen, die die Kampgne nicht in Ordnung finden.

  14. Unfassbar so einen Kommentar. Herr Naidoo ist weder homophob noch ist er rechtsradkal. Punkt. Er hat einen Fehler gemacht, sind alle Moralisten und Berufsempörten frei von Fehlern? Nein. Selbst Mörder und Kinderschänder gibt man eine zweite Chance. Seine Äußerungen sind von der Meinungsfreiheit gedeckt. Anscheinend wissen sie gar nicht, was Demokratie bedeutet. Die Entscheidung des NDR ist einfach nur feige, damit gibt man dem Internet und Medienmob recht. Naidoo hat es nicht verdient, das er an einen Pranger gestellt wird, als hätte er einen Massenmord begangen. Diese ganze Hetze, Lügen, Verleumdungen und Halbwahrheiten erinnern einen doch sehr an sehr dunkle Zeiten in Deutschland. Anscheinend dürfen nur noch Speichellecker irgendetwas in Deutschland, Leute mit ner eigenen Meinungen werden ja fertig gemacht.

  15. @Richard Scheck: Ja, lustig. „Demokratiefeindliche Züge“ – wie wäre es denn mal mit verbaler Abrüstung auf allen Seiten?

  16. Hallo,
    zuerst soll Nadoo hin, das ist Ihnen nicht recht. Jetzt soll er nicht hin, das ist Ihnen auch nicht recht. Keine Ahnung was Sie wollen. Ich freue mich, dass man endlich anfängt darauf zu reagieren, wenn eine Masse von Menschen etwas will. Wer damit glücklich ist, dass wir seit fast 70Jahren von der CDU und SPD regiert werden und Sätze wie „wer solls denn sonst machen“ indoktriniert wurde und das nicht merkt, ist offenbar fähig einen Artikel zu schreiben, in dem er gegen das ist, wofür er ist. Tun Sie mal Dinge, die Ihnen Freude machen und schreiben Sie nicht im Kreis…

  17. Wie wäre es denn mal mit verbaler Abrüstung auf allen Seiten. Die zunehmende Medien-Hysterie und ihre Folgen nehmen in Deutschland langsam demokratiefeindliche Züge an.