Böhmermann-Satire: Ärgerlich und bedenklich

Als Kollege ist es doch ziemlich ärgerlich zu beobachten, wie erfolgreich Jan Böhmermann mit seinen Satiren ist. Wie niemandem anders gelingt es ihm, die mediale Realität des Landes zum Teil seiner satirischen Kunst zu machen und das in einem Ausmaß, das einen schon fast erschaudern lässt. Für #varoufake hat er gerade den Grimme-Preis verliehen bekommen, dabei war das nur ein Vorspiel zum gerade stattfindenden #erdogate.
Böhmermann kündigt am 1. April (sic) an, im Folgenden ein Beispiel dafür abgeben zu wollen, was Satire auch in Deutschland nicht dürfe und liest dann ein Spottgedicht vor, das so schlecht wie angekündigt ist.
Normalerweise wäre die Geschichte hier zuende. Und sie wäre nicht gerade ein Ruhmesblatt im Werk des Jan Böhmermann. Ein nicht nur nicht besonders gutes, sondern ein besonders schlechtes Gedicht zu einem aktuellen Thema. Normalerweise, das heißt, wenn die Normalität in Deutschland das wäre, von dem immer behauptet wäre, dass sie die Normalität sei. Eine Normalität, in der Tischler Tische bauen, Bäcker Brot backen und Satiriker Satiren verfassen. Eine demokratische Normalität, basierend auf Freiheitlichkeit und Rechtsstaatlichkeit, in der wir unsere Lehren aus der Geschichte gelernt und uns nicht von den Feinden der Freiheit einschränken lassen. In dieser Normalität wäre das Spottgedicht von Böhmermann nichts als ein schlechtes Gedicht und vielleicht sogar unrühmlich.
In der Realität aber bricht jetzt ein Sturm der Entrüstung los. Der Intendant von Böhmermann zensiert das Spottgedicht und entschuldigt sich bei jedem, der sich angesprochen fühlen sollte. Die Kanzlerin telefoniert mit dem türkischen Ministerpräsidenten, um sich bei ihm für eine deutsche Satire zu entschuldigen. Der von Böhmermann jahrelang karikierte Lucas Podolski beweist im Nachhinein, dass er wesentlich blöder ist als die liebevolle Karikatur, die Böhmermann von ihm gemacht hatte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.
Es ist unfassbar, dass all diese Menschen und Institutionen bereit sind, die Satire unter der Regie von Jan Böhmermann zu vollenden. Merken sie nicht, dass sie die Laiendarsteller des letzten Aktes dieses Stückes abgeben, das sie da kritisieren wollen? Hätten sie so souverän reagiert, wie sie das gern von sich in Anspruch nehmen, hätte Böhmermann ganz schön blöd dagestanden. Dass es ihm stattdessen gelungen ist, Heerscharen von Menschen dafür einzuspannen, seinen Witz zur Vollendung zu führen, das ist schon beispiellos. Und man sollte unbedingt davon ausgehen, dass diese ganze Nummer vom Team Böhmermann genau so geplant war, wie sie sich jetzt gerade abspielt. Gut, er konnte die Details mit Kanzlerin und Staatsanwaltschaft nicht kennen, sich höchstens des Scheißesturms sicher sein und dass den einige Medien begierig aufgreifen würden. Dass sein Witz aber so gut werden würde, hat er vermutlich auch nicht geahnt.
Jan Böhmermann ist vermutlich der erste, sicher aber der erfolgreichste Satiriker in Deutschland, was die Einbeziehung der sozialen Medien und ihrer Breitenwirkung für einen guten Witz betrifft. Bei #Varoufake hatte er nur geübt, wass er nun bei #Erdogate in Vollendung ausspielt. Wie viel schwächer ist es, einem überaus geneigten Publikum one-liner zu präsentieren, mit denen man sich gegenseitig die richtige Meinung bestätigt. Aber eine Satire von einem 1. April ausgehend über die gesamte deutsche Medienlandschaft zu entfalten – das ist schon aller Ehren wert.
Höchst bedenklich erscheint im Licht dieser Satire der tatsächliche Stand unserer derzeitigen Normalität. Nicht nur, dass man bereit ist, für schmutzige Deals die Rechtsstaatlichkeit schnell mal zu vergessen, sondern auch, dass es möglich ist, die öffentliche Aufmerksamkeit an dieses Thema zu binden, in einer Zeit, in der vieles andere zu diskutieren wäre. Doch die Offenlegung gesellschaftlicher Missstände ist nun mal der Job von Böhmermann. Dafür danke.

Kommentare (8)

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  1. Eltern kennen den Blick eines Kindes, wenn es vor dem Herd oder dem Ofen oder einer Kerzenflamme steht und „Heiß!“ sagt, wobei sich seine kleine Hand immer mehr in Richtung des verbotenen Gegenstandes bewegt. Das Kind muss das tun, entweder um zum dritten oder siebten Mal zu hören, dass es den heißen Gegenstand nicht anfassen darf oder um zu erfahren wie es ist, diesen Gegenstand angefasst zu haben. So oder so, das Geschrei des Kindes oder der Eltern oder von beiden wird hinterher groß sein.

    Natürlich darf man zu einem Mann nicht „Ziegenficker“ sagen, wenn er gar keine Ziegen gefickt hat. Wäre ich jetzt aber der Auffassung, dass er eine Frau habe, die ich für eine dumme Ziege halte, könnte ich dann nicht im übertragenen Sinn „Ziegenficker“ zu ihm sagen? Der Mann könnte mich dafür nicht verklagen; höchstens die Frau könnte das tun, wenn ich zu ihr „du dumme Ziege“ sagen würde. Wenn ich aber zu ihr sagen würde: „Ich halte dich für eine dumme Ziege“, dann würde ich meine freie Meinung äußern. In den meisten Fällen darf ich das. Ich kenne die Frau von Herrn Erdogan nicht. Darum weiß ich nicht, ob Herr Erdogan ein Ziegenficker ist. Aber ich glaube, dass es höchstwahrscheinlich ziemlich dumm ist, so einen Mann geheiratet zu haben. Dennoch hätte Frau Erdogan es sicher nicht verdient, dafür mit einem Tiernamen bezeichnet zu werden. Vielleicht bereut sie es ja, ihn geheiratet zu haben? Allerdings dürfte sie das nicht öffentlich sagen, weil sie dann eine Beleidigungsklage am Hals hätte.

    Ja ja, „hätte, hätte, Fahrradkette“, „würde, wäre, Männerehre“, „könnte, dürfte …“ – darauf fällt mir kein Reim ein sondern nur, dass Jan Böhmermann die Grenze von „dürfen“ ausgelotet hat. Er verhielt sich dabei wie ein Kind, dem man etwas verboten hat, was es dann trotzdem tut. So ein Kinder-„Spiel“ spielte Jan Böhmermann also in seiner Sendung am 31. März 2016.

  2. Die Sendung mit dem Gedicht lief nicht am 1. April sondern am 31. März.

  3. Immer wieder der selbe alberne Unfug. Wer die Schmähung gelesen hat, liest die islamphob türkenfeindlichen Klischees, die Böhmermann angeblich nur Erdogan zugedacht wissen will, die aber alle Türken ansprechen.

    Dass hier in Deutschland so viele es als Satire bezeichnen wollen, wenn Moslems/ Türken gschmäht werden, ist das einzig offenbarende an dem Werk Böhmermanns.

    Wenn jemand Netanjahu genauso geschmäht hätte, dabei antisemitische Klischees bemüht hätte, würde das zurecht nur der Rechtsradikale Rand dieser Gesellschaft für eine Satire halten.

    Der Fall Böhmermann gibt ein gutes Beispiel, wie sehr die straffreie Verächtlichung von Türken / Moslems, also deren Entrechtung gewünscht wird.

    Und alle die Böhmermann dafür loben wollen, dass er Erdogan angeblich vorgeführt hätte, nein, das hat er eben nicht getan. Erdogan braucht diesmal Recht nicht zu beugen, und wird die Prozesse hier in Deutschland gewinnen, weil unsere Richter glücklicherweise sich nicht nach der Straße richten sondern nach den Gesetzen. Erdogan wird das propagandistisch ausschlachten und das einzige, was Böhmermann erreicht haben wird, ist das Erdogan den Finger gegen Deutschland zeigen und darauf hinweisen wird, dass in Deutschland alle geil darauf sind, Türken/Moslems zu sagen, kleine Klöten zu haben und als Kinderficker zu verleumden.

    Auch wenn jene, die diesem Türken/Moslembschmähungstrieb erlegen sind, es geil finden und Böhmermann danken, für seine dummen rassistischen Ausfälle, am ENde wird leider nur der Verbrecher Erdogan lachen können!

  4. Ganz ehrlich, ich verstehe den Hype nicht, der im Moment um Böhmermann und Erdogan gemacht wird. Ich persönlich fand das Gedicht nicht prickelnd und empfinde es auch nicht als Satire. Aber das muss jeder für sich entscheiden.
    Erdogan kann eine internationale Strafanzeige wegen Beleidigung gegen Böhmermann stellen, wenn er sich durch das Gedicht beleidigt fühlt (§9 StGB) und gut ist. Dann soll das Gericht klären, ob hier die Vollendung des Straftatbestands der Beleidigung vorliegt oder nicht.
    Forderungen zu stellen nach einem Verbot des Gedichtes oder Sanktionierung Böhmermanns durch die deutsch Gerichtsbarkeit obliegt Erdogan nicht. Die in Deutschland vorhandene Meinungsfreiheit mag ihn ärgern, aber Einflußnehmen sollte er darauf nicht können.

  5. Hallo. Ich teile die Meinung von Arno Birner. Wenn ich zig mal darauf hinweise, daß das was jetzt folgen wird auch in Deutschland so nicht in Ordnung ist, verstehe ich die Reaktionen hierauf nicht.

  6. @Arno Birner: Sie eröffnen eine interessante Metadiskussion, indem Sie mir das erklären, was ich in dem Artikel zu erklären versuche, in welchem ich darauf hinweise, dass Böhmermann nichts falsch gemacht hat, worauf Sie mich auch hinweisen. Soll ich jetzt erklären, warum ich Ihre Erklärung für redundant halte und Sie erklären mir dann, warum diese Erklärung meinerseits falsch ist? Bitte nicht.

  7. Lieber Herr Hein,

    mir ist völlig unklar, wieso Ihnen als medienerfahrenem Kommentator nicht klar ist, was Böhmermann gemacht hat. Sie schreiben:
    „…liest dann ein Spottgedicht vor, das so schlecht wie angekündigt ist.
    Normalerweise wäre die Geschichte hier zuende. Und sie wäre nicht gerade ein Ruhmesblatt im Werk des Jan Böhmermann. … In dieser Normalität wäre das Spottgedicht von Böhmermann nichts als ein schlechtes Gedicht und vielleicht sogar unrühmlich.“
    Dass das Gedicht schlecht ist, voller abgedroschener Türken-Klischees aus der untersten Schublade ist doch Absicht von Böhmermann. Das Gedicht soll schlecht sein. Es ist nur ein Beispiel, eine Demonstration dafür, was ECHTE Beleidigungen sein könnten, da Herr Erdogan ja mit seiner Reaktion auf die Extra 3 Satire gezeigt hat, dass er diesen Unterschied nicht kennt. Also nochmal: Böhmermann hat nichts falsch gemacht, es ist keine Beleidigung von Erdogan (oder gar aller Türken!) und seine satirische Leistung ist gerade deshalb gut, weil das Gedicht so schlecht ist. Diese mangelnde Qualität ist ein absichtliches Ironiesignal, welches neben der Kanzlerin und vielen anderen auch Sie anscheinend nicht verstanden haben – oder wie schaut’s aus?

    Viele Grüße,
    Arno Birner
    Darmstadt

  8. Wie wär’s denn, wenn man mal davon ausgehen würde, dass Böhmermann sich gründlich Gedanken gemacht hat, über den Schlag ins Gesicht der Menschenrechte, der von der Kanzlerin da angezettelt worden ist. Und wenn er die Empörung darstellbar macht, indem er das Kunstmittel Satire ausreizt? Eben die ganze Fallhöhe aktiviert, mit der Anhäufung kruder Wortansammlungen Erdogan tatsächlich erstmal zur Zielscheibe macht, und damit auf dessen Opfer verweist, die wegen viel weniger in Gefängnissen sitzen. Und per Bandenstoss die Kanzlerin antickt, die mit unlauteren Mitteln und „Partnern“ versucht, ein Problem loszuwerden, statt ihre Arbeit zu machen.Ich glaube nicht, dass Böhmermann das als Witz intendiert hat, wie Sie schreiben. Und fast alle Reaktionen zeigen, dass es an adäquater Intelligenz hier mangelt, immer wieder wird davon ausgegangen, dass es Böhmermann nur um das Absondern billigster Schmähwitze gegangen sei, obwohl seine fein austarierte Darbietung ganz deutlich das Produkt gründlicher Überlegung ist. Die Rezeption zeigt, wie nötig wir die Diskussion um Kunst, Meinungsfreiheit und auch ihren Bezug zur Politik haben. Dass Sie das am Schluss erwähnen, ist dann auch schon wieder viel….