Debatten-Rückschau: Gibt es eigentlich noch irgendeinen Menschen, der gar nichts gesagt hat in Sachen Böhmermann?

1) In der Debatte um Jan Böhmermanns Satire-Beitrag hat sich jetzt ja wirklich jeder geäußert, selbst zahlreiche Leute, bei denen man sich wundert, weshalb eigentlich. Und Leute, bei denen man sich gewünscht hätte, sie hätten geschwiegen. Aber: hat wirklich jeder seinen Senf dazu beigetragen? Nein! Ein einsamer Autor, obwohl er selbst als Satiriker arbeitet und sogar ein Buch zum Thema herausgegeben hat, schweigt bislang eisern. Nämlich ich. Und warum? Ganz einfach: Weil mich keiner nach meiner Meinung gefragt hat. Keiner! Kein einziger! Jahrelang werde ich von allen möglichen Zeitungen beauftragt, zu den absurdesten Themen zu schreiben. Und ausgerechnet jetzt, wo ich mal wirklich kompetent etwas sagen könnte, fragt mich niemand. Ich empfinde das als tiefe Schmähung. Als bewusst verletzend. Ich verlange nach Bestrafung aller zuständigen Redakteure! Ich werde jemanden zu Hause bei mir einbestellen. Mit zornesbebenden Händen wie ein ZDF-Verantwortlicher im Gespräch mit türkischen Journalisten greife ich zum Telefon und wähle die Nummer vom Pizza-Boten. Der kann sich gleich aber mal schön was anhören!

2) Jetzt hat mich doch jemand zumindest nach irgendwas gefragt. Eine Mail erreicht mich, in der eine Künstler-Schriftsteller-Initiative mich bittet, einen Solidaritäts-Aufruf für Jan Böhmermann in der „Zeit“ zu unterzeichnen, damit die Bundesregierung der Staatsanwaltschaft nicht die Ermächtigung erteilt, gegen Böhmermann zu ermitteln. Na endlich. Wenigstens das. Ich sende also eine Mail an die angegebene Adresse mit meiner Zustimmung. Wenig später die Antwort: Leider sei ich etwas zu spät dran gewesen. Der Redaktionsschluss. Tja. Dann ist Böhmermann wohl nicht mehr zu retten. Einen Tag nach Erscheinen des Aufrufs verkündet Merkel ihre Zustimmung, dem Antrag der Türkei zu entsprechen.

3) In jeder Debatte dieser Art treten immer wieder dieselben Figuren auf den Plan, in ermüdender Berechenbarkeit. Neben denen, die die eigentliche Sache diskutieren, stehen dann ruckzuck die, die kritisieren, dass alle anderen die Sache diskutieren. Weil es ja so viel Wichtigeres gibt. Das gilt natürlich bei jedem Thema, denn es gibt immer irgendwas Wichtigeres, und deswegen treten die Debatten-Kritisierer eben auch mit dieser unabänderlichen Schicksalhaftigkeit in jeder Debatte auf. Warum sie stattdessen nicht einfach irgendwas Wichtigeres debattieren, sondern lieber die ohnehin schon hoch rotierende Diskussion mit ihrer Kritik daran, dass die Diskussion aber hoch rotiert, weiter anheizen, bleibt ihr Geheimnis. Nein, Quatsch, natürlich ist es kein Geheimnis. Sondern es liegt völlig offen auf der Hand: Wer in Debatten einsteigt, um zu kritisieren, dass diese Debatten geführt werden, dem geht es nicht um das Wichtigere, dass es natürlich immer gibt, dem geht es einzig und allein um den eigenen Distinktionsgewinn, um das Drübersteher-Gefühl, darum, beherzt zu sagen: „Ihr seid alle doof, weil ihr’s nicht kapiert, wie lächerlich eure Debatte ist, ganz anders als ich, weil ich nämlich ein echter Checker bin.“ Die Firma Facebook verdankt wesentliche Teile ihres Umsatzes ausschließlich diesen Profilneurotikern. Denen deshalb von Herzen gesagt sei: Geht doch Ziegen ficken, Ihr Dummbeutel.

4) Apropos Ziegenficken: Bei der aktuellen Diskussion konnte praktisch niemand darauf verzichten, zu erwähnen, dass er natürlich das Gedicht misslungen oder geschmacklos findet. Selbst bei den glühendsten Verteidigern, sofern es sich nicht um die Aasgeier aus dem AfD-Sympathisanten-Umfeld handelt, war stets das Naserümpfen über Böhmermanns Witz mitzulesen. Als ob das bei der Frage, ob diese Art von Satire zulässig ist, eine Rolle spielte. Vor allem aber: Als müssten sie sich selbst bestätigen, dass sie natürlich viel zu fein und gut erzogen sind, um über „so etwas“ lachen zu können. Es ist wie mit all denen, die etwas über Porno-Filme sagen und dabei immer betonen, dass sie natürlich ausschließlich zu Recherchezwecken mal in einen hereingeguckt hätten, um mitreden zu können. Und dabei steht ihnen der Hosenstall noch weit offen.

5) Auch den Hosenstall weit offen hat eine andere Gruppe von Diskutanten, die sich nämlich regelmäßig einen darauf runterholen, dass man ihnen nichts vormachen kann, weil sie so wahnsinnig schlau sind. Sie analysieren messerscharf, dass es Böhmermann ja nur darum ging, Aufmerksamkeit zu generieren. Na, sapperlott. Kann das denn wahr sein? Jemand setzt sich vor Publikum, denkt sich eine politische Satire-Nummer aus, trägt sie im Fernsehen vor, und dann will er damit Aufmerksamkeit erzielen? Unfassbar! Gut, dass das mal jemand entlarvt. Und gut, dass diejenigen, die es entlarvt haben, dafür überhaupt keine Aufmerksamkeit wollen. Weshalb sie diese Erkenntnis also in Tageszeitungen, Fernsehsendern und Facebook-Accounts verkünden und dafür reichlich Aufmerksamkeit erfahren. Was sie zu ähnlichen Leuchten macht wie jene Analytiker, die glasklar erfasst haben, dass Böhmermann ja vom ZDF bezahlt wird, mithin also ohnehin nichts riskiere. Ach, Morddrohungen, staatsanwaltschaftliche Ermittlungen, zwei Wochen lang im Zentrum eines Debattensturms und unter Polizeischutz stehen – so bequem hat der Mann es sich eingerichtet in seinem gebührenfinanzierten Bezahlfernsehen!

6) Einschub: Ich finde ja die GEZ eine gute Sache. Schon allein, weil die ganzen GEZ-Kritisierer so durch die Bank bescheuert sind. Und weil die GEZ Beatrix von Storchs Konto gepfändet hat. Jetzt haben sich alle aufgeregt, weil eine Frau sogar ins Gefängnis musste, weil sie keinen Rundfunkbeitrag zahlen wollte. Und in der Tat: Das ist ärgerlich. Warum nur die eine? Warum nicht einfach alle, die dauernd über Zwangsgebühren faseln? Das Land wäre umstandslos ein angenehmerer Ort.

7) Natürlich auch in keiner Satire-Diskussion fehlen dürfen die Stimmen der ganz Kritischen, die immer finden, dass alles ja nur irgendwie dem System an sich nützt. Weil Böhmermann ja auch letztlich Deutscher ist und Deutsche seine Satire lustig finden, und schwupps, ist er auch nur Teil des Systems Deutschland und also disqualifiziert, etwas wirklich Kritisches zu sagen. Das etwa ist die Logik von Antonia Baum in der FAZ. Deswegen ist es natürlich viel besser, gleich wie die FAZ besinnungslos systemstabilisierend zu sein. Analog wird lustigerweise von ganz links argumentiert: Wer Teil des Systems ist, kann ohnehin nichts Kritisches beitragen, weil er ja Teil des Systems ist, weswegen er besser schwiege, denn wahre Kritik am System kann nur der äußern, der offiziell systemgegnerisch ist. Und das muss schon jemand Glaubwürdiges bestätigt haben, amtlich quasi, sonst könnte da ja jeder kommen.

8) Nicht vergessen wollen wir die zahlreichen Stimmen, die beklagen, dass Böhmermann Schuld daran sei, dass nun niemand mehr über Erdogans Repressionen gegen Journalisten in der Türkei oder über die dortige Menschenrechtslage spricht, sondern alle nur noch übers Ziegenficken. Ein wichtiger Einwand, insbesondere, weil praktisch in jedem Beitrag über Böhmermann die kritische Lage der Pressefreiheit und der Menschenrechtslage in der Türkei erörtert wird. Und die Kanzlerin in ihrer Erklärung zu Böhmermann ihrer Sorge über die kritische Lage der Pressefreiheit und der Menschenrechtslage in der Türkei Ausdruck verleiht. Und in jeder Zeitung anlässlich der Affäre Böhmermann viele Sonder-Artikel zur Pressefreiheit und Menschenrechtslage in der Türkei erschienen sind. Bei aller Sympathie zu Ziegen: Sie scheinen mir in Wirklichkeit doch vergleichsweise unterrepräsentiert zu sein. Von Schafen ganz zu schweigen.

9) Ach ja, übrigens: Also, ich fand den Böhmermannschen Beitrag recht gelungen. Und durchaus lustig. Und weder rassistisch noch sexistisch noch ziegenfeindlich.

Aber so ist es mit Humor und Satire: Was als lustig empfunden wird, ist nicht allgemein normierbar. Es wundert mich deshalb nicht, dass viele Böhmermanns Stück nicht lustig fanden. Schließlich gibt es andererseits ja auch eine Menge Leute, die Mario Barth, Dieter Nuhr oder das Streiflicht in der SZ lustig finden. Mit solchen Menschen wird ein Konsens in Humorfragen niemals erzielbar sein. Was man aber doch fraglos festhalten kann: Böhmermann ist mit seinem Kabinettstückchen gelungen, einen absurden Paragraphen im Strafgesetzbuch abzuschaffen und damit die Meinungsfreiheit in Deutschland ein Stückchen zu stärken, die Öffentlichkeit zwei Wochen lang intensiv über die Zustände in der Türkei diskutieren zu lassen, Angela Merkels dreckigen Flüchtlingsdeal noch einmal ins Zentrum der Debatte zu zerren, mehr als alle SZ-, taz- und FAZ-Artikel der vergangenen Wochen es zusammen vermocht haben, und er hat Leute für die Satire-Freiheit kämpfen lassen, denen man das beim nächsten Mal, wenn die wieder beleidigt sind, weil irgendjemand einen guten Witz über den Papst oder Kai Diekmanns zu kleinen Pullermann gemacht hat, zumindest freudig unter die Nase reiben kann. Das alles hebt die Welt nicht aus den Angeln. Aber es hat zumindest mehr Wirkung entfaltet, als fast alles, was die sich selbst so wichtig nehmenden Meinungsmacher fabrizieren, die jetzt naserümpfend an Böhmermann herummäkeln. Und die vermutlich genau deswegen so sauer sind auf ihn.

10) Irgendwo in Berlin sitzt in seiner Villa einsam und verbittert Didi Hallervorden. Da hat er extra ein Lied geschrieben. Hat darum gebettelt, dass er auch angezeigt wird. Und nicht einmal Erdogan, der, wie seit Böhmermann jeder weiß, seit seinem Amtsantritt August 2014 2000 Menschen wegen Beleidigung angeklagt hat, durchschnittlich damit immerhin ungefähr vier am Tag, darunter sogar Schüler, nicht einmal dieser Erdogan also hält es für nötig, ihn, Didi Hallervorden, zu verklagen. Mehr Demütigung ist doch im Grunde gar nicht denkbar. Auch deswegen sage ich: Vielen, lieben Dank, Jan Böhmermann!

Kommentare (5)

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  1. JA – Byung-Chul Han Im Schwarm ist der Souverän, der eine absolute Stille zu erzeugen, jeden Lärm zu beseitigen, mit einem Schlag alle zum Schweigen zu bringen vermag.
    Und WU WEI QI DAO (ZHUANGZI 369-286 v.Chr.): Lass dich einfach nur nieder im Nichthandeln,
    und die Dinge werden sich ganz von selbst entwickeln.

  2. Ja. Ich. Und ich habe auch nicht die Absicht….

  3. ja ich, ich kenn weder den Dings, hab das lied gedicht nie gehört und kümmer mich auch nicht darum

  4. Ich habe noch nichts dazu gesagt, also hier meine Meinung:
    wer so einen Wortlaut öffentlich wiedergibt, muss dafür auch die Verantwortung übernehmen und sich nicht verstecken.
    Also auf die Anklagebank – und dann soll ein Richter in einem fairen Prozess ( unter Ausschluss der Öffentlichkeit ) die Entscheidung treffen und seine Urteilsbegründung veröffentlichen. Damit wäre diese Sache dann beendet

  5. „Gibt es eigentlich noch irgendeinen Menschen, der gar nichts gesagt hat in Sachen Böhmermann?“

    Alle machen mit –
    außer Harald Schmidt.
    Der weiß, wen er nicht toppen kann,
    das ist der Jan, der Böhmermann.