1000. TATORT: Taxi nach Leipzig, die Zweite

1000 – das ist eine magische Zahl. 1970 fuhr Kommissar Trimmel in der TATORT-Folge Nummer 1 im „Taxi nach Leipzig“, und nun, 998 Folgen und 46 Jahre später, setzt das Gefährt sich erneut in Gang, unter exakt demselben Titel. Diesmal sitzen der Kieler Hauptkommissar Klaus Borowski und seine Kollegin aus Hannover, Charlotte Lindholm, darin. Die beiden kannten sich bislang gar nicht und sind sich nur zufällig auf einer Fortbildungsveranstaltung begegnet, wo Lindholm Borowski das letzte Brötchen vor der Nase weggeschnappt hat. Als sie abends den Tagungsort verlassen wollen und der Bus nicht fährt, entern sie mit einem dritten Kollegen eben jenes Taxi. Gesteuert wird es von Rainald Klapproth. Der aber hat eigentlich nicht das geringste Interesse an der Tour, denn ihn quälen ganz andere Sorgen. Der ehemalige Soldat hat psychisch Schaden genommen bei einem Afghanistan-Einsatz, in der Folge hat er die Kontrolle über sein Leben verloren, bis sich seine Freundin von ihm getrennt hat. Ein Verlust, mit dem er nicht fertig wird, er stellt der jungen Frau am Telefon nach. Als er ihren Geburtstag zum Vorwand nimmt, sie erneut anzurufen, hofft sie, ihn abzuwimmeln, indem sie ihn über ihre am nächsten Tag bevorstehende Hochzeit informiert. Ein Schock für Klapproth. Mit größter, offensichtlich antrainierter Anstrengung versucht er, seine Emotionen in den Griff zu bekommen, und fährt deshalb in die Wallachei – wo ihm überraschend die drei Polizisten ins Auto springen. Der dritte im Bunde entpuppt sich als ausgemachte Nervensäge, und ruckzuck dreht Klapproth ihm mit professionellem Griff den Hals um. So beginnt sie also, die zweite Taxifahrt nach Leipzig.

 

Hoher Erwartungsdruck

Der Erwartungsdruck muss riesig gewesen sein. Der TATORT erlebt derzeit einen Hype, wie es ihn in seiner Geschichte wohl noch nicht gab. Jede Folge wird in sämtlichen Medien mit der Ernsthaftigkeit einer Premiere in der Staatsoper durchrezensiert, jede Kommissars-Neuberufung mit derselben Aufregung verkündet wie ein Wechsel im Bundeskabinett. In der diversifizierten Medienlandschaft des frühen 21. Jahrhunderts gar nicht mehr für möglich gehaltene Zuschauerzahlen, wie sie sonst nur noch Fußballweltmeisterschaftsspiele des Nationalteams erreichen, sind die Regel, wenn der klassische Vorspann am Sonntagabend über den Bildschirm flimmert. Dieser stetige Bedeutungszuwachs hat sich schon in den letzten Jahren auch darin gezeigt, dass – mal mehr, mal weniger gelungen – immer mehr neue Formen, immer experimentellere Folgen, immer spektakulärere „Events“ ausprobiert wurden. Wie sollte man da jetzt zum Tausendsten noch einen draufsetzen?

Man ist fast verwirrt darüber, wie klug die ARD mit dieser im Grunde aussichtslosen Ausgangslage umgegangen ist. Statt zu versuchen, noch pompöser aufzufahren, mit noch mehr Spektakel oder Prominenz, mit einem Mega-Auflauf hunderter Kommissarsfiguren, der Verpflichtung von Donald Trump als Gast-Bösewicht oder der Inszenierung als sechsstündiges Live-Spektakel in Bayreuth, bei der die Kanzlerin am Ende zu den Schauspielern in die Umkleidekabine kommt, hat die TATORT-Koordination den Fall einfach dem NDR übertragen, der damit den Autorenfilmer Alexander Adolph betraute. Und der hat etwas ganz und gar Erstaunliches gemacht: einen einfachen, guten, konzentrierten TATORT ohne viel Brimborium.

 

Jubiläums-Extras

Natürlich, ein bisschen musste das Jubiläum schon herausgehoben werden. Das ist fein und elegant gelungen: Einerseits durch den zwar nicht sensationell außergewöhnlichen, aber doch immer noch etwas Besonderes markierenden Doppel-Kommissars-Einsatz von zwei Ermittlern, eben Borowski und Lindholm. Andererseits durch ein paar nette Verbeugungen am Rande: die Titel-Reminiszenz natürlich, aber auch vier kleine, erlesen zusammengestellte Gast-Auftritte. Friedhelm Werremeier ist dabei, der das Buch zum ersten „Taxi nach Leipzig“ geschrieben hatte, Günter Lamprecht, der in den 1990er-Jahren den Berliner Ermittler spielte, der vor allem aber bereits auch 1970 in der ersten Folge einen Kurzauftritt hatte, Hans Peter Hallwachs, der ebenfalls in Folge 1 dabei war, und schließlich Karin Anselm, die mit ihrer Kommissarin Wiegand in den 1980er-Jahren sozusagen die Pionierarbeit für die heutige Charlotte Lindholm geleistet hat. Vertreter aus viereinhalb Jahrzehnten TATORT also, mit direkten Bezügen auf die erste Folge. Und am Ende gibt es noch eine kleine Ansprache, die sich sowohl in den Film als auch ins Jubiläum sauber einfügt.

Ähnlich geschickt ist die Handlung angelegt. Schon 1970 ging es um eine Beziehungstrennungsgeschichte. Damals in der Zeit der deutschen Teilung und des Kalten Kriegs, als Akteure waren Volkspolizisten und Stasi-Schergen involviert. 2016 wird die Handlung gespiegelt auf das wiedervereinigte Deutschland, das plötzlich seine Freiheit am Hindukusch verteidigt. Ein kluger historischer Bogen, der sich dem Ruf des TATORTs als zeitgeschichtliches Album der Bundesrepublik verpflichtet fühlt.

All diese Bezüge und Zitate aber, und das ist die beste Nachricht, stehen dezent im Hintergrund, als Leckerbissen für Kenner und Interessierte. Der eigentliche Fall leidet kein bisschen unter dieser Last.

entfuehrer-rainald-klapproth-auf-dem-weg-nach-leipzig-fuer-die-kommissare-lindholm-und-borowsk-100_v-varxl_0de813

Konzentriertes Kammerspiel mit Psycho-Elementen

Die 2016er-Tour ist ein stark verdichtetes, konzentriertes wie atmosphärisches Kammerspiel. Ein ungewöhnlich inszenierter Krimi, ohne aber zu extravagant zu werden. Der Film genügt damit sowohl den Ansprüchen des von immer experimentelleren Formen genervten Massenpublikums als auch denen der Film-Feinschmecker. Schon das ist ein Kunststück. Auch die Wahl der Kommissare ist klug: Lindholm als Liebling der Massen, Borowski als Held der Freunde des Anti-Mainstreams. Dazu ein großartig aufspielender Episoden-Hauptdarsteller. Florian Bartholomäi gibt die unterdrückte Aggression des psychisch angeschlagenen Elite-Kämpfers in solcher Intensität, dass es einen auf dem Sofa fröstelt.

Die Kommissare dagegen werden zu echten Anti-Helden. Mit ihren dilettantischen Versuchen, eingeübte Deeskalationsstrategien mit jämmerlichen Phrasen anzuwenden, scheitern sie bei ihrem professionellen Gegner kläglich. Auch beim weiteren Handling der Ausnahmesituation geben sie keine glückliche Figur ab, sie stümpern sich durch das Drama, dass es manchmal geradezu wehtut. In den Psycho-Thriller werden dann noch ein paar Suspense-Elemente eingewoben sowie ein bisschen Metaphorik für die Ängste der Ermittler, die uns teils in Rückblenden gezeigt oder erzählt werden. Das passt gut in den Fluss der Handlung und reflektiert auf einer anderen Ebene die Frage, warum wir uns das eigentlich seit 999 Folgen antun. Ist der TATORT die Katharsis der Fernsehnation, die wir brauchen, weil die Bösen am Ende gestellt werden, weil die dunklen Seiten und Abgründe in uns allen an jedem Sonntag immer wieder aufs Neue besiegt werden müssen? Aber man kann solche Fragen auch getrost beiseiteschieben und einfach nur mitfiebern, wie der finale Showdown, auf den alles unerbittlich hinsteuert, wohl ausgehen wird.

„Taxi nach Leipzig“, das Zweite, ist ein formal originell erzählter, dabei nie aufgesetzt wirkender Film, spannend und abgründig, nah dran am Zeitgeschehen und dabei zeitlos. Der Film hält dem hohen Druck der exponierten Jubiläumsfolge locker stand. Nur eines ist die Folge nicht, wie sicherlich manche Puristen am Ende bemängeln werden: ein klassischer Krimi. Aber das war das erste „Taxi nach Leipzig“ ja auch schon nicht. Da schließt sich der Kreis.

1 Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.

  1. „…das wiedervereinigte Deutschland, das plötzlich seine Freiheit am Hindukusch verteidigt.“

    Sicherheit! https://www.heise.de/tp/features/Die-Sicherheit-Deutschlands-wird-auch-am-Hindukusch-verteidigt-3427679.html Deutschland versucht, seine Sicherheit zu verteidigen. Leider wird es dadurch aber immer unsicherer.