Letzter Bodensee-TATORT: Wofür es sich zu leben lohnt

Es sieht aus, wie nicht von dieser Welt, und der Betroffene ist es auch recht bald: Ein wie ein Schrein ausgestaltetes Ruderboot, mit Blumen und Fackeln ausgeschmückt, treibt auf den nächtlichen Bodensee in den Nebel hinaus. Darin liegt ganz ruhig ein regloser Mann mit zahllosen blutenden Wunden, der offenbar gerade im Sterben liegt. Das Boot als Styx-Entsprechung, der Mann ist auf dem Weg ins Reich der Toten.

Seine irdische Hülle aber wird nicht von Hades in Empfang genommen, sondern von Major Matteo Lüthi auf der Schweizer Seite des Sees. Der hat eigentlich gerade andere Sorgen, weil er sich mit dem Mord an einem Anlagebetrüger herumschlagen muss, der mit seinen Machenschaften seine Opfer in Ruin oder Selbstmord trieb. Auch das deutsche Opfer ist nicht gerade ein Sympathieträger: Der feine Herr ist unschwer als, wie das heute heißt, „Rechtspopulist“ und damit als AfD-Politiker gezeichnet. Dem weint die liberal-humanistisch eingestellte Klara Blum zwar keine Träne hinterher, aber aufgeklärt werden muss der Mord ja nun mal trotzdem: Dienst ist Dienst, und nach Recht zu streben, ist schließlich der Sinn ihres Kommissarinnen-Daseins.

Mit dem sie allerdings hadert, denn sie hat, offenbar unbemerkt, zwei kleinere Herzinfarkte überstanden, doch beim nächsten Mal könnte es anders enden, wie der Arzt ihr unmissverständlich klarmacht. Blum tritt trotzdem den Dienst an, mag über ihre Probleme nicht reden und gerät darob mit dem besorgten Kollegen Perlmann aneinander. Bei den Ermittlungen trifft sie drei alte Damen, die in einer Art Hexenhäuschchen am See leben und dort eine selbstbestimmte Senioren-WG bilden. Aussteigerinnen, für die Blum sogleich große Sympathien hegt, mit denen sie über den Sinn des Lebens diskutieren kann.

Drei Damen vom Gemüsegrill und Klara Blum: Fassbinder-Klassentreffen Foto: ARD

Drei Damen vom Gemüsegrill und Klara Blum: Fassbinder-Klassentreffen Foto: ARD

Denn genau die Frage stellt „Wofür es sich zu leben lohnt“ in diesem bemerkenswerten Schluss der Bodensee-TATORT-Reihe. Die Fälle aus Konstanz gehörten in der Regel weder zu den Publikums- noch zu den Kritiker-Lieblingen. Trotzdem hat man sich im Lauf der Jahre natürlich aneinander gewöhnt, einige Folgen stachen aus der etwas tristen Menge auch wohltuend hervor, und Blum und Perlmann ist es zweifellos gelungen, im Lauf der Jahre eigenes Profil zu entwickeln. In ihrer Abschiedsfolge wird noch einmal die positive Essenz aus 14 Jahren Bodensee gezogen: Diesmal wird ganz auf die ausgezeichneten Schauspieler vertraut, der mystisch vor sich hin nebelnde See samt dem schmucken Konstanz wird ein letztes Mal gründlich gewürdigt, die über die Jahre prägende Kooperation mit den Schweizer Kollegen spielt nochmals eine große Rolle. Es ist eine letzte große Verbeugung vor Klara Blum. Und nicht zuletzt vor ihrer Darstellerin Eva Matthes, einst als Fassbinder-Actrice bekannt geworden. Da ist es mehr als nur eine nette Hommage, dass in der Schlussfolge mit den viel Raum einnehmenden alten drei Damen drei weitere Fassbinder-Stars in den Mittelpunkt rücken, nämlich Hanna Schygulla, Irm Hermann und Margit Carstensen. Die holen jetzt sozusagen die verlorene Tochter Blum/Matthes aus den Niederungen des Polizei-/Seriendarsteller-Alltags ab und geleiten sie wieder zurück in ein besseres Leben.

Metaphorik und Sinnhuberei ist schwer angesagt, wer einen zackigen TV-Krimi erwartet, wird enttäuscht. Hier wird eher philosophisches Theater mit den Mitteln des Fernsehens geboten. Draußen die böse Welt in Form von rücksichtslosen Rechtspolitikern, Immobilienhaien und skrupellosen Fabrikanten, die Menschen in den Entwicklungsländern ausbeuten und mit den kapitalistisch agglomerierten Reichtümern hierzulande in riesigen Villen am See leben, drinnen enttäuschte Idealisten, sensible Menschen, die das Gute wollen und halt doch in Konstanz wohnen müssen – gibt es das richtige Leben im falschen? Hilft es der Welt, wenn Kommissarin Blum nach juristischer Gerechtigkeit strebt, obwohl die eigentlichen Schurken ja gerade gerichtet worden sind? Und ist es das, was Blum selbst wollte – wofür es sich zu leben lohnt?

Ein letztes Mal im Nebel des Sees: Blum und Perlmann Foto: ARD

Ein letztes Mal im Nebel des Sees: Blum und Perlmann Foto: ARD

 

Das klingt jetzt schwergängiger, als es ist. Man muss sich ein einlassen auf dieses jenseits jeder Plausibilität angesiedelte, komplett symbolisch-metaphorisch verortete Philosophie-Stück. Logikfehlersucher und Freunde der realistischen Polizeiarbeit sollten sich an diesem Abend vielleicht was anderes vornehmen. Wer sich aber freuen kann an groß aufspielenden Darstellern und einer fast betörenden Leichtigkeit, die über der melancholischen Grundstimmung schwebt und mit ihr schließlich eine Einheit bildet, der wird einen ungewöhnlichen TATORT erleben, der funktioniert. Und sich einreiht in eine ganze Reihe ungewöhnlicher, unkonventioneller Filme des Krimi-Klassikers, die das Erste in diesem Herbst auf sein Publikum loslässt.

Ein würdiger Abschied jedenfalls von Klara Blum, der versöhnt mit vielen oft bräsigen Folgen. Wenn’s am schönsten ist, geht sie nun wirklich. Auf sehenswerte Weise, und wir winken mit einer Träne im Knopfloch hinterher und klopfen Perlmann noch einmal tröstend auf die Schulter.

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