Nazi&Flüchtlings-TATORT: Land in dieser Zeit

Jetzt also mal wieder ein hartes Polit-Thema im TATORT, und zufällig perfekt terminiert zur hysterisch aufgeblasenen Debatte um den Kölner Polizeieinsatz zu Silvester und die Frage, ob es schon eine Art Landesverrat ist, wenn eine Politikerin hinterher die Frage stellt, ob es wirklich so ein großer zivilisatorischer Fortschritt ist, wenn Menschen nach ihrer Hautfarbe getrennt und, falls sie denn die falsche, weil nicht weiße haben, anschließend erst mal eine Weile eingekesselt werden. Verleugnet man die realen Probleme mit migrantischen Kriminellen, wenn man auf Einhaltung von §3 des Grundgesetzes pocht, das Diskriminierung aufgrund äußerlicher Merkmale verbietet? Oder gar nur die Frage stellt, ob ein solches Vorgehen der Weisheit letzter Schluss ist? Da gibt es viel zu analysieren und diskutieren derzeit, die aufgeheizte und ziemlich desolate Stimmung müsste ein gefundenes Fressen sein für den TATORT als Spiegel der Zeitgeschichte, wie er sich selbst gerne versteht. Aber so verfahren die in den Medien und sozialen Netwerken geführte Debatte derzeit ist, so verfahren ist auch dieser TATORT geraten.

Der mit einer ziemlich unappetitlich hergerichteten verkohlten Leiche in einem ausgebrannten Frisör-Salon in der Frankfurter Innenstadt beginnt. Der Laden ist Ziel eines Brandanschlags mit einem Molotow-Cocktail geworden. Die Täter haben es nicht versäumt, eine Visitenkarte zu hinterlassen: „Kill all Nazi“ haben sie auf den Boden vor den Laden gekrakelt, damit auch bitte recht klar ist, wer hier zugeschlagen hat. Die Inhaberin des Ladens ist sich denn auch ganz sicher, dass es nur die schwarzafrikanischen Drogendealer sein können, die dauernd in der Gegend herumlungern, Frisör-Kunden vergraulen und mit denen sie deshalb handfestere Auseinandersetzungen hatte. Da wollten sie sich wohl rächen – dumm nur, dass zu dem Zeitpunkt des Anschlags überraschend die junge Azubi vor Ort war und nun also wegen Mordes ermittelt wird.

Ist der Dealer der Attentäter? Foto: ARD

Ist der Dealer der Attentäter? Foto: ARD

Es ist eine merkwürdige Ballung von Filmen, die die ARD um den Jahreswechsel anbietet. Drei TATORTe in Folge von einem Regisseur, nämlich Markus Imboden, zwei davon aus Frankfurt. Was auch immer die Verantwortlichen dazu bewogen hat, es erlaubt einen direkten Vergleich. Und dabei kann man Imboden eines nicht vorwerfen: dass seine Arbeiten sich zu sehr ähneln, dass er nur eine Masche abliefert. Die drei Filme sind grundverschieden. Nach dem furiosen „Wendehammer“, der Big-Data-Paranoia-Nummer, die überraschend mit dem Horror einer Spießer-Einfamilienhaus-Vorstadt-Idylle gekreuzt wird, wodurch einer der besten Beiträge eines ohnehin recht starken und vor allem Außergewöhnliches wagenden TATORT-Jahres 2016 entstanden ist, folgte der geradezu klassische Sozialtristesse-Beitrag aus München mit dem etwas debilen Titel „Klingelingeling“, der gekonnt weihnachtliche Besinnlichkeit in Zeiten allgegenwärtigen Telefongeklingels inszenierte. Angesichts dieser beiden so unterschiedlichen, aber starken Filme reibt man sich verwundert die Augen beim Anschauen von „Kein schöner Land“. Denn dieser ambitionierte Krimi geht trotz seiner hochaktuellen Bezüge kläglich unter.

Vielleicht muss man Plausibilität nicht immer überbewerten, an den Haaren herbeigezogene Plots und Zufälle können ja auch Stilmittel sein. In Frankfurt aber wirkt das diesmal nur bemüht und hilflos. Ein absurder Zufall wird vom nächsten noch absurderen Zufall abgelöst, es ist erheblich wahrscheinlicher, dass zeitgleich zwei Menschen auf unterschiedlichen Kontinenten von einem Meteoriten erschlagen würden, als dass sich die im Film gezeigten Ereignisse tatsächlich ereignen könnten. Das Ärgerliche daran: Das hätte überhaupt nicht Not getan. Man hätte die gleiche Geschichte eben auch mit einem halbwegs glaubwürdigen Handlungsablauf erzählen können. Aber so laufen sich in einem fort alle Figuren des Films über den Weg, als sei die Mainmetropole ein Zweihundert-Seelen-Dorf. Wer sich von den Wendungen komplett überraschen lassen will, sollte jetzt besser nicht weiterlesen, aber um deren, äh, Stringenz zu demonstrieren, sei ein Nebenstrang kurz nachvollzogen: Die nach wie vor zauberhafte Mitbewohnerin von Kommissar Brix, Fanny, nimmt in echter Willkommenskultur einige Flüchtlinge auf, und weil eine Kopftuch tragende Frau darunter ist, die getrenntgeschlechtlich nächtigen soll, muss Brix sein Zimmer räumen. Im Gegenzug interessiert die Dame sich aber schwer für den Beruf des Kommissars und gleich anschließend für eine eigene berufliche Karriere bei der Polizei. Deshalb schaut sie mal im Kommissariat vorbei, wo sie beim Warten auf Brix auf die Fotos der verkohlten Leiche stößt, was sie wohl zu sehr an ihre, wie das jetzt immer heißt, Fluchtursachen erinnert, also rennt sie verschreckt davon, irrt später durch Frankfurt und wird zufällig Augenzeugin eines weiteren Brandanschlags, entdeckt dabei ihren polizeilichen Ehrgeiz wieder und verfolgt den Täter auf eigene Faust, begegnet dann aber, wie das Leben halt so spielt, in der Fußgängerzone dummerweise einer Gruppe betrunken vorbeitorkelnder Fremdenfeinde, die allein aufgrund der ansonsten in Frankfurt ja praktisch nie gesehenen Erscheinung einer Kopftuch tragenden Frau diese prompt anlasslos zusammenschlägt. Dumm gelaufen. Mit offenem Mund sitzt man vor dem Fernseher und fragt sich, wie ein dermaßen kruder Plot ausgerechnet dem sonst so verlässlichen HR durchrutschen konnte. Als weitere grotesk unfreiwillig komische Szene wird in Erinnerung bleiben, wie der immer etwas verschmuddelt wirkende Kriminalassistent Undercover in einer Rechtsextremen-Disco ermittelt und als Neuling dort erst mal mit Misstrauen betrachtet wird. Aber wie gewinnt man als Profi das Vertrauen des Ortsnazis? Genau: einmal herzlich „Heil Hitler“ rufen, schon sind die beiden beste Freunde. Gut, dass wir Ermittler haben, die mit allen psychologischen Wassern gewaschen sind und auch die raffiniertesten Methoden der zwischenmenschlichen Vertrauensbildung kennen.

Aber die Nazis sind ja auch nicht mehr, was sie mal waren, und deshalb tauchen im Gefolge hier – der TATORT geht mit der Zeit – die „Identitären“ auf, hier als „Kongruente“, die sektenartig versuchen, einzelne junge Frauen mittels WG-Anwerbung für ihren nationalen Wahn zu rekrutieren. Es gibt sicher viele Gründe, warum Menschen in rechtsextremes Gedankengut abrutschen – der hier gezeigte dürfte aber kaum dazu gehören.

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Das Nazi-Flittchen erklärt der Kommissarin die Welt Foto: ARD

Was dem Film an nachvollziehbarer Handlung fehlt, das hat er zu viel an Nebenkriegs- schauplätzen. Der gesamte Plot mit den bei Brix wohnenden Flüchtlingen ist für die eigentliche Handlung komplett entbehrlich, aber offenbar musste ganz unbedingt der Eindruck erzeugt werden, dass inzwischen praktisch in jedem deutschen Bett ein fremder Flüchtling herumliegt. Dass Brixens Flüchtlinge einerseits lustig-liebe, hartmanneske Gesellen sind, die die Wohnungseinrichtung zwecks Spracherwerb mit Post-it-Zetteln voller Vokabeln vollkleben, und andererseits dann aber doch plötzlich jemand, den man inzwischen wohl Asylbetrüger nennt, unter ihnen auffliegt, war wohl nötig, um den Mob der besorgten Bürger vom Sturm der HR-Zentrale abzuhalten. Nicht, dass man sich den Vorwurf des Gutmenschentums einfängt. Merke: keine Flüchtlingsdarstellung mehr, ohne nicht zu zeigen, dass die auch kriminell sein können. Da hat die AfD in den letzten zwei Jahren doch schon ordentlich die öffentliche Lufthoheit erobert.

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Der neue Chef, ein Jandl-Junkie Foto: ARD

Zum anderen wird in einem fort gesungen. Gefühlte Minuten quaken Chöre deutsches Liedgut in strammer Formation, als Kontrast dazu dürfen Brix und Janneke dann das anarchische Kinderlied „Auf der Mauer, auf der Lauer“ in voller Länge trällern. Und weil es wohl irgendwie auch um Dekonstruktion der deutschen Leitkultur gehen soll, zitiert der neue Chef ununterbrochen Ernst Jandl und teilt als Einstandsgeschenk kleine Werkausgaben voll konkreter Poesie aus. Spätestens da kotzt Ottos Mops tatsächlich.

Apropos Singen und Lyrik: Aufgepasst, jetzt wird’s schwer bedeutungsvoll: „Kein schöner Land in dieser Zeit“ knödelt der heimattümelnde Chor zu Beginn, „Land in dieser Zeit“ heißt der Film, und da hat er zweifellos Recht, schön ist es hier derzeit wirklich nicht. Wozu dieser missglückte TATORT leider seinen Teil beiträgt.

 

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