Donald I. – Nebel des Getöses

Durch den dichten Nebel des Getöses, das auszulösen Donald Trump nun einmal zueigen ist, passierte es mir, dass ich wenig mehr als diesen Nebel sah. Dabei ist doch hinter dieser Wand schillernder Illusionen und Zaubertricks das einfache Schauspiel zu beobachten, wie sich eine Gruppe so genannter Superreicher auch die faktische Macht im mächtigsten Land der Welt sichert. Das designierte Kabinett von Donald Trump besitzt bisher mehr Geld als die unteren 40 Millionen Haushalte der USA zusammengenommen, es sind noch nicht alle Posten besetzt und diese kleine Gruppe reicher Männer besitzt also schon jetzt mehr als das untere Drittel des Landes, das sie regieren werden.

Das ist mehrfach interessant. Bekanntermaßen wurde Trump nicht im Wesentlichen von der Mittelschicht gewählt und der Handvoll sehr Reicher und Superreicher die Bezeichnung einer „Schicht“ zuzueignen ergäbe demografisch keinen Sinn, in dem Sinne wären auch norwegische Pfeifenraucher eine Schicht in den USA, vermutlich eine zahlenmäßig zehnfach größere als die, der man das Etikett „Oberschicht“ verleihen könnte. Es ist also nicht völlig abwegig anzunehmen, dass Trump in signifikanter Zahl von jenen vierzig Millionen Haushalten gewählt wurde, deren Armut ihren Widerpart im Reichtum eben seines Kabinetts findet.

Ich wäre an dieser Stelle sehr froh, die These nicht diskutieren müssen, dass materieller Reichtum vom Himmel fiele. Das habe ich immer für sehr unwahrscheinlich gehalten. Man muss es sich vielleicht nicht unnötig kompliziert machen: Wenn zehn Kinder insgesamt hundert Bonbons haben und davon gehören Paul 98, Anna und Peter jeweils einer und den anderen kein Bonbon, welche Erklärung hielt man für wahrscheinlicher: Dass die anderen neun Kinder nicht fleißig genug waren und Paul sehr, sehr tüchtig war und die richtige Portion Glück hatte? Das wäre ungefähr, wie Paul die Lage erklären würde. Oder hält man es für wahrscheinlicher, dass Paul sich in irgendeiner Form unfair bei der Verteilung der Bonbons verhalten haben könnte? Ockhams Rasiermesser schlägt vor, von mehreren möglichen Erklärungen für ein und denselben Sachverhalt die einfachste Theorie allen anderen vorzuziehen.

Wenn also die Armen in signifikanter Zahl die Reichen gewählt haben und wir uns von der im Wesentlichen ärgerlichen Erklärung befreien können, dass die Armen dumm sind und ihre Wahl eine dumme Sache gewesen ist, eine Vermutung, die insbesondere wegen ihres schwer antidemokratischen Kerns Ekel erregen sollte, denn es war doch das Wesen der Demokratie, dass das Volk der Souverän ist und so eine Art der Schwarmintelligenz hervorbringt, die die Regierung gebiert, die es verdient. Dann stellt sich die Frage, warum die Armen die Menschen gewählt haben könnten, die sich an ihnen bereichert haben. Warum Menschen, die in mehr als zwei Vollzeitjobs arbeiten müssen, um ihre Wohnung nicht zu verlieren, sich eine Regierung geben, in der allein drei führende Mitarbeiter von Goldmann-Sachs und der Vorstandsvorsitzende eines Ölkonzerns sitzen und deren Kopf ein Immobilienspekulant ist?

Meiner Meinung nach ist eine wesentliche erste Erklärung, dass es für diese Menschen seit Jahren egal sein kann, was oder wen sie wählen. An ihrer konkreten Situation hat sich seit Ewigkeiten durch Wahlen nichts geändert. Das macht diese Wähler frei, jedenfalls völlig ungebunden von vorgetragener Ideologie. Denn sie müssen gewissermaßen nichts Persönliches bedenken, wenn sie ihre Stimme vergeben. Dass die Obama-Regierung womöglich eine Wirtschaftskrise verhindert hat, war für sie nicht wahrnehmbar, das haben verhinderte Krisen so an sich. Aber dass weder Obama, noch die Bushs oder die Clintons in der Lage waren, konkrete Verbesserungen in ihrem Leben zu bewirken, ist naheliegend und offensichtlich. Ihre Begeisterung für die Regierung in Washington ist also begrenzt.

Das Narrativ von Frau Clinton war: „Wählt mich, ich werde versuchen, es für Euch besser zu machen.“ Und das wichtige andere Narrativ lautete: „Den anderen dürft ihr auf keinen Fall wählen, das merkt ihr doch selber.“ Und tatsächlich machte Trump so ziemlich ungefähr jede einzelne Sache, von der man gesagt hätte, dass man diese eine Sache allein für sich nicht machen darf, wenn man amerikanischer Präsident werden möchte.

Sollte man die Entscheidung der Wählerschaft nicht auch als eine bewusste, gewissermaßen lustvolle Regelverletzung verstehen? Liegt eine Mannschaft im Fußballspiel uneinholbar zurück, kommt es häufig zu so genannten Frustfouls. Und warum sollte man sich im Monopoly an alle Regeln halten, wenn alle Straßen und Bahnhöfe schon verkauft sind und man nur die Möglichkeit zwischen Ereignisfeldern und dem Gefängnis hat, während die besitzenden Mitspieler reicher und reicher werden? Man kann doch schon verstehen, dass das arme Würstchen keine Lust mehr auf das Spiel nach Regeln hat und zum Beispiel mal in die Kasse greift, das ganze Spielbrett umwirft oder das Spiel verlässt, wenn seine größte Hoffnung ist, durch einen Lottogewinn noch eine weitere Runde durchhalten zu können.

Das heißt, die erste Nachricht könnte das so genannte Protestwählen sein: „Sagt uns, welche Wahl Euch nicht recht wäre, dann wissen wir, wofür wir uns entscheiden können.“ Das viel gescholtene Protestwählen ist gewissermaßen der individuelle Systemabsturz der Demokratie, das Verlassen des Spiels, die bewusste Verletzung der Regeln, genau das zu tun, was die, die noch im Spiel sind, nicht wollen, das man es tut. So ein Verhalten ist nicht gerade trivial, es ist eine sehr bewusste Entscheidung.

Denn was war schon das erste Narrativ von Clinton oder von den Befürwortern des Verbleibs des Brexits oder so ziemlich aller etablierten Parteien: „Wählt mich, ich werde versuchen, es für Euch besser zu machen“ und danach öffnen sich Klammern so groß wie der Grand Canyon: „im Rahmen der Möglichkeiten des Machbaren und soweit nicht die Großindustrie oder die Banken oder sonstwer dagegen Einspruch erheben.“ Und wenn man sich anschaut, was „im Rahmen der Möglichkeiten des Machbaren“ in den letzten Jahrzehnten für den Wähler bedeutet hat, dann übersetzt sich das doch nicht in „Beschränkung der Macht von Großbanken und Konzernen“. Herr Trump selbst wäre vor fünfzig Jahren einfach pleite gewesen und es wäre zumindest moralisch problemlos erklärbar (auch wenn es gesetzlich nicht zutreffend ist), warum die drei Mitarbeiter von Goldmann Sachs seit und für einige Zeit gemeinsam mit vielen Kollegen ihren Wohnsitz in staatlichen Besserungsanstalten hätten. Soll heißen: Die Politik des „weiter so“ bedeutet doch keine wesentliche Beschränkung der Macht von Oligarchen und anderweitigen Milliardären. Freiwillig gibt der eine oder andere dieses oder jenes, aber staatliche Lenkung brauchen sie nicht zu befürchten. Was zu Armenvierteln in reichen Ländern geführt hat.

Warum also sollte sich das Volk vor Donald Trump fürchten? Weil er eine hässliche Frisur und einen Hang zu plastischen Frauen hat? Am realistischsten sind vermutlich die Befürchtungen von Gleichberechtigungsbefürwortern. Denn zumindest auf diesem Gebiet hat es in den letzten Jahrzehnten durch die etablierte Politik keine wesentlichen Verschlechterungen gegeben und es ist hochgradig unwahrscheinlich, dass Donald Trump, dessen derzeitige Frau noch nicht einmal mit ins Weiße Haus ziehen wird, auf diesem Gebiet für eine einzige Verbesserung sorgen wird.

Aber sonst? Ist das Gefühl so unbegründet, dass der Wähler diesmal an der Sekretärin vorbeigekommen und direkt zum Chef durchgestellt wurde? Anstatt immer nur Mitteilungen des Wesirs zu erhalten, wird man nun direkt vom Sultan regiert. Schließlich haben auf gar nicht so indirekte Weise weit mehr als vierzig Millionen Haushalte dazu beigetragen, die neue Monarchie zu begründen, warum sollten sie diese dann nicht auch durch die Krönungssäle laufen sehen? In diesem Zusammenhang verliert der Umstand, dass von bedeutenden Mitgliedern der Königsfamilie geführte Internet-Unternehmen wesentlich zum Wahlsieg des Monarchen beigetragen haben, seine scheinbare Kuriosität und wird nachvollziehbarer Teil dieser Erfolgsgeschichte.

Dass Herr Trump möglicherweise nicht der eloquenteste, in manchem Sinne nicht der vorzeigbarste Vertreter der Monarchie ist, sollte gerade Deutsche nicht besonders verwundern. Über Jahrhunderte gab es hier das System der Kurfürsten, die den deutschen König bestimmten, was verlässlich dafür sorgte, das nie der Stärkste und Mächtigste an die Krone kam. Und wie sähe das auch aus, wenn beispielsweise ein 32-jähriger mit einer chinesischstämmigen Ehefrau verheirateter Atheist mit jüdischen Wurzeln den US-Amerikanern erklärte, er wolle jetzt ihr Präsident werden wollen? Das würde niemals klappen.

Wenn sich all der Nebel des Getöses verzogen hat, ist vielleicht zu beobachten, wie sich eine de-facto-Monarchie erhebt. Denn wenn der mächtige Präsident mit seinen komfortablen Mehrheiten alle versprochenen Maßnahmen ergreift, um nicht nur Gesetze zu ändern, sondern um Institutionen zu zerstören, die der Monarchie hätten gefährlich werden können, dann ist der Ausgang künftiger Wahlen von noch geringerer Wichtigkeit als bisher und dann könnte man, um das ganze schöne Geld zu sparen auch gleich den Vorgänger einen Nachfolger bestimmen lassen, zum Beispiel seinen ältesten Sohn.

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