Einheitsdenkmal kommt doch noch: auf der Goldwaage

Was ja auch wirklich noch gefehlt hat, ist ein zentrales Denkmal für die deutsche Einheit. Offenbar plagte den Bundestag die Sorge, es könnte sonst vergessen werden, dass es so etwas wie eine Wiedervereinigung überhaupt mal gegeben hat, weshalb er im Jahre 2007 die Errichtung eines ebensolchen beschlossen hat. Und dann hat es noch mal … nun ja, bis jetzt eben gedauert, bis es nun also ernst werden soll. Das Einheitsdenkmal kommt also endlich. Sehr schön! Es erinnert ja auch sonst heutzutage praktisch nichts mehr an die frühere Teilung des Landes. Außer vielleicht, wenn man eine beliebige soziologische Fragestellung zur deutschen Bevölkerung aufwirft, von der Einkommensverteilung über die Arbeitslosenquoten bis zu Wohnungsleerständen oder Wahlergebnissen, und die Ergebnisse dann graphisch auf der Landkarte darstellt.

Aber etwas so Großartigem wie der deutschen Einheit gerecht zu werden, ist gar nicht so einfach. Vor allem für Deutsche. Weshalb die erste Runde des Wettbewerbs, bei dem immerhin zehn Millionen Euro irgendwie unters Volk gebracht werden sollten, jämmerlich gescheitert ist. 563 Entwürfe gingen ein, und keiner überzeugte die vom Bundestag eingesetzte Kommission. Das kommt also dabei rum, wenn deutsche Politiker die deutsche Bevölkerung bitten, die deutsche Einheit zu würdigen: Die Antworten fallen einfach nicht zu ihrer Zufriedenheit aus.

Ein solcher Fauxpas wäre in der DDR jedenfalls nicht passiert, weshalb man sich im zweiten Durchgang auch der Vorteile des abgeschafften Staatswesens erinnerte und statt eines offenen Wettbewerbs die Künstler lieber „persönlich aufforderte“, Entwürfe einzureichen.

Gewonnen hat dann ein Ding, das den Namen „Bewegte Bürger“ trägt. Womit immerhin zahlreiche Erinnerungen an die Wendezeit möglich wären: an die massenhafte Bewegung der Ostdeutschen nach dem Mauerfall in die Beate-Uhse-Geschäfte des Westens etwa, oder an all die jungen Frauen, die sich in den Jahren darauf aus ihren darniederliegenden und national befreiten Marken und Börden schleunigst in den Westen abgesetzt haben. Oder an all die Bürger, die nun nicht mehr in ihren realsozialistischen Wohlfühl-LPGs und -Kombinaten den lieben langen Tag bekanntermaßen Däumchen drehen mussten, sondern sich in der Folgezeit sehr regelmäßig zu Sozialamt und Arbeitsagentur bewegen durften. Und vor allem hätte „Bewegte Bürger“ auch sehr schön den Zustand jener Menschen beschrieben, die nicht so aussahen, als seien sie genetisch bedingter Teil des nunmehr einen Volkes und die in Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen und Guben sehr wirkungsvoll in Bewegung versetzt wurden. Wenn dieser Effekt zumindest teilweise auch eher kurzfristig war, bevor sie Bewegungen dann ganz einstellten.

So viel Assoziationsfreiheit aber ist im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung dann doch nicht erwünscht. Damit das Werk „Bewegte Bürger“ also auch richtig interpretiert werden kann, kommt ein kleiner Kunstgriff zur Anwendung, der sich in langen Jahrzehnten der politischen Karikatur als hinreichend deppen- und mithin deutschensicher erwiesen hat: Alles wird schön beschriftet, damit man es auch versteht. So haben es sich die Schöpfer wohl gedacht und geizen daher nicht mit großen Worten am großen Denkmal.

Das Monument selbst gleicht einer halben Eierschale oder einer Justitita-Waagschale mit gondelartig langgezogenen Enden. Die Unterseite wird vergoldet – irgendwie muss die Kohle ja schließlich aufgebraucht werden –, darauf sollen Zitate ostdeutscher Bürgerrechtler gesetzt werden. Auf der Oberseite hingegen werden großflächig zwei Sätze stehen, nämlich auf der einen Hälfte „Wir sind das Volk“ und auf der anderen „Wir sind ein Volk“. Und jetzt der Clou: Die Betrachter können dann sogar gruppenweise auf das Riesen-Denkmal draufkrabbeln, und das ganze Teil neigt sich wie bei einer Wippe in die Richtung, wo mehr Masse ist. Es bewegt sich also, wenn die Bürger draufstehen. Bewegte Bürger! Voll krasse Symbolik. Total ausdrucksstark. Macht wahnsinnig nachdenklich. Den ein oder anderen sicher auch betroffen. Aber ist vor allem natürlich geil aussagekräftig. Schwarz-rot-geil! Dachten sich wohl die Initiatoren.

Einzig, wer andauernd das Wort „Volk“ im Munde führt oder groß überall hinschreibt, das wissen wir nicht erst seit der Bild-Zeitung, der hat es meist nicht so mit Denken. Denn – was genau will uns die Installation eigentlich sagen? Dass, wenn viele Leute sich zu dem Slogan „Wir sind ein Volk“ hingezogen fühlen, alles aus dem Gleichgewicht gerät? Dass, wenn überhaupt erst mal genug Leute anfangen, sich zu etwas Völkischem zu bekennen, am Ende etwas umkippt? Und dass dabei alle erdrückt werden, die sich eben gerade nicht in diesem Volkskörper befinden, sondern eher darunter, sozusagen am Volksboden? Oder will das Denkmal uns daran erinnern, dass man, will man festen Boden unter den Füßen behalten, sich lieber von jedweder Form von Volk-Gequatsche am besten fernhält? Während gleichzeitig die Bürgerrechtler-Zitate auf der Unterseite der Schale lustig von links nach rechts schwanken und schließlich im Dreck enden? Muss dann, damit die Symbolik auch wirklich passt, das ganze Ding mit Vera-Lengsfeld-Sprüchen zugepflastert werden?

Fragen über Fragen. Man wird den Verdacht nicht los, dass das Schaukelteil letztlich doch immer noch nicht richtig ausgegoren ist. Vielleicht wäre es sinnvoll, das Projekt „Einheitsdenkmal“ einfach noch mal zwanzig Jahre zu verschieben. Und die zehn Millionen lieber der Amadeu-Antonio-Stiftung zu überweisen, Verwendungszweck: „Bewegte Bürger“.

Die deutsche Wiedervereinigung wird deshalb schon nicht in Vergessenheit geraten. Zumal es ja schließlich bereits fünf eindrucksvolle Mahnmale für sie gibt. Sie heißen: Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

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