Rechte auf Buchmesse – Brücken der Verständigung

Ein Interview mit Juergen Boos, dem Direktor der Frankfurter Buchmesse, getreulich antizipiert aus dem September 2018

Reptilienfonds: Herr Boos, auch in diesem Jahr wurde wieder einige Kritik daran laut, dass auf der Frankfurter Buchmesse sehr kontroverse Aussteller ihre Neuheiten präsentieren dürfen …

Boos: Ach, wissen Sie, so geht das doch jedes Jahr. Erst wurde gejammert, dass auch Manga-Comics mit dabei sind, dann, dass die Neuen Rechten kommen. Irgendwem passt immer irgendwas nicht. Was für ein Glück, dass es uns 1925 noch nicht gab. Da hätten sich die lieben Kollegen wahrscheinlich auch beschwert, wenn „Mein Kampf“ vorgestellt worden wäre. Dabei hat sich das ja nun wirklich ordentlich verkauft! Sonst immer schreien alle nach einer lebendigen Debatte in der deutschen Buchlandschaft, und kaum kommt mal ein bisschen Feuer rein, ist es auch wieder nicht recht.

Reptilienfonds: Sicherlich. Aber schon 2017 wurde ja, nachdem es auf der Messe zu körperlichen Angriffen von Junge-Freiheit- und Höcke-Fans auf linke Protestierende kam, von Kritikern darauf hingewiesen, dass es vielleicht keine so sehr gute Idee ist, Leuten ein Podium zu bieten, deren Interesse an Austausch erkennbar, nun ja, etwas eindimensional ist.

Boos: Wie wir in unserer Erklärung vom 14. Oktober 2017 schon geschrieben haben: „Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenverein des Deutschen Buchhandels.“ Und: „Wir verurteilen jede Form der Gewalt. Sie verhindert den Austausch von politischen Positionen. Wir werden sie als Mittel der Auseinandersetzung nicht zulassen.“

Reptilienfonds: Müsste es nicht eigentlich „Börsenvereins“ heißen?

Boos: Was?

Na, „die unveränderliche Haltung des Börsenvereins“, das ist doch Genitiv.

Boos: Wollen Sie ein paar aufs Maul, oder was?

Reptilienfonds: Na gut, ist ja auch egal. Sie sehen also nach wie vor kein Problem darin, dass auf Ihrer Veranstaltung Leute wie B. Höcke, gegen den immerhin sogar ein Parteiausschlussverfahren in der AfD wegen zu rechter Positionen lief, oder Akif Pirincci, der gerade vorher wegen Volksverhetzung verurteilt worden war, aufgetreten sind und Bücher vorgestellt haben?

Boos: Nein, warum denn auch? Wir lassen doch, wie gesagt, sogar Manga-Comics zu. Das muss ein demokratischer Staat nun einmal aushalten.

Reptilienfonds: Dennoch werden nun die Stimmen lauter, die infrage stellen, ob es wirklich eine kluge Entscheidung war, für die Buchmesse 2018 nun auch den Islamischen Staat als Aussteller zuzulassen. Hatten Sie denn da gar keine Bedenken?

Boos: Doch, natürlich. Wir sind ja nicht völlig weltfremd. Man liest schließlich so einiges über den IS, angeblich geht es denen wirtschaftlich in letzter Zeit ja nicht mehr so besonders gut. Da haben wir uns natürlich schon gefragt, ob die ihren Stand überhaupt noch bezahlen können. Aber wir sind immer an pragmatischen Lösungen interessiert und haben also einfach Vorkasse zur Bedingung gemacht.

Reptilienfonds: Ganz schön pfiffig! Aber abgesehen vom ökonomischen Aspekt: Der IS steht doch erklärtermaßen gerade für Intoleranz gegenüber Andersgläubigen, für besonders radikal-fundamentalistische Auslegungen religiöser Bekenntnisse, für die Missachtung aller Menschenrechte. Will die Buchmesse wirklich ein Forum für solche offensive Menschenfeindlichkeit bieten?

Boos: Die Frankfurter Buchmesse lebt von der Vielfalt der Meinungen und ist ein Ort des freien Dialogs. Das ist die unveränderliche Haltung der Frankfurter Buchmesse und des Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Vielfalt der Meinungen heißt halt nun mal: Der eine findet Menschenrechte gut, der andere nicht so gut. Der eine glaubt, dass alle, die seine Weltanschauung teilen, ins Paradies kommen, der andere will alle, die seine Weltanschauung nicht teilen, zur Hölle schicken. Die einen sagen so, die anderen so. Ich denke, so viel Diskussionskultur muss eine pluralistische Veranstaltung wie die unsrige schon aushalten können.

Reptilienfonds: Nun gut. Man könnte aber nun auch grundsätzlich fragen, was eine politisch-religiöse Truppe wie der IS überhaupt auf einer Buchmesse zu suchen hat?

Boos: Wieso? Haben Sie sich mal deren Propaganda-Magazin Dabiq angeschaut? Selbst Kritiker konzedieren, dass das wirklich gut gemacht ist. Und in Sachen neuer Wege im Vertrieb, die doch die ganze Branche so dringend sucht, sind die durchaus innovativ und inspirierend! Außerdem: Wir lassen ja schließlich auch Mangas zu.

Reptilienfonds: Aber gerade der IS setzt doch nun eindeutig auf Gewalt in der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden.

Boos: Wir haben uns vom IS schriftlich versichern lassen, dass es keinerlei Anschläge von ihm auf der Messe geben wird, keine Messerattacken, keine Sprengstoffgürtel. Nur schneidend scharfe Diskussionen und ordentlich Sprengstoff in der inhaltlichen Debatte, Sie verstehen?

 

Reptilienfonds: Aber wenn schon keine Sicherheits- und keine inhaltlichen Bedenken: Haben Sie keine Sorge, dass die Präsenz des IS ein Publikum anzieht, das womöglich für Irritationen sorgen könnte?

Boos: Große Güte! Haben Sie mal gesehen, wie diese Manga-Mädchen herumlaufen? Da stören ein paar Vollverschleierte dazwischen doch nun wirklich nicht!

Reptilienfonds: Zur Frankfurter Buchmesse gehört ja immerhin auch die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels. Ist denn eine Teilnahme des IS an der Veranstaltung mit dessen Geist überhaupt vereinbar?

Boos: Wieso denn nicht? Den hat Martin Walser doch auch bekommen damals, und der mag schließlich auch keine Juden! So weit liegen die Positionen manchmal gar nicht auseinander, wie immer alle denken. Es ist letztlich eine der edelsten Aufgaben der Frankfurter Buchmesse, solche Brücken der Verständigung über scheinbar unüberwindbare ideologische Gräben zu schlagen.

Reptilienfonds: Sie sehen also insgesamt keinerlei Anlass zur Selbstkritik und denken nicht über mögliche Änderungen der Zulassungspolitik nach?

Boos: Doch, natürlich. Ob Mangas wirklich etwas auf einem Fest der Hochkultur wie der Frankfurter Buchmesse zu suchen haben, darüber müsste man vielleicht noch einmal neu nachdenken. Für so etwas gibt es ja schließlich auch noch Leipzig.

 

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