Archive for the ‘Gastbeiträge’ Category

21.09.2011 von Heiko Werning
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Exklusiv: Vorab-Manuskript der Papstrede vor dem deutschen Bundestag

von Heiko Werning

Alle diskutieren darüber, aber noch niemand hat sie gelesen – dem Papst ergeht es wie Bruder Sarrazin. Das muss ein Ende haben: Übermittelt vom pontifikalen Redenschreiber  Anselmus Neft SJ und mit göttlichem Beistand ist der Reptilienfonds weltexklusiv in der glücklichen Lage, das Manuskript der Rede des Papstes, die dieser am morgigen Donnerstag vor dem deutschen Bundestag halten wird, vorab zu veröffentlichen:

Sehr geehrte Damen und Herren!

Es ist für mich ein besonderer Moment, vor dem deutschen Bundestag zu sprechen. Doch stehe ich hier als politisches oder als religiöses Oberhaupt des Vatikanstaates? Und was verbindet Politik und katholische Kirche heute in Deutschland überhaupt noch miteinander? Ich stehe hier als Stellvertreter einer Gemeinschaft, die einen Schatz an moralischer Erkenntnis und Erfahrung in sich verwahrt, der für die ganze Menschheit von Bedeutung ist. Dabei ist jedoch nicht zu übersehen: Das Katholische ist in Deutschland zu einer Stimme unter vielen geworden. Der Staat begreift sich längst als weltanschaulich neutral und garantiert die Glaubensfreiheit. Dazu gehört auch die Freiheit, nicht an Gott zu glauben, sondern sich selbst und den Mammon an dessen Stelle zu setzen. Doch da, wo alles möglich ist, wo alles als gleich gilt, da wird auch schnell alles gleichgültig. Das ist es, was die katholische Kirche meint, wenn sie von einer Diktatur des Relativismus spricht.

Doch liegt in dieser Entwicklung auch eine große Chance: Wie wir erst nach dem Sündenfall ein freiwilliges und authentisches „Ja“ zu Gott sagen können, können wir uns in der obdachlosen Demokratie ohne äußeren Zwang auf unsere wahre Heimat besinnen. So betrachtet ist der demokratische Zeitgeist eine felix culpa, eine glückliche Schuld also, da aus der vorübergehenden Verwirrung eine größere Klarheit erwachsen und schließlich die verwirrte Diktatur des Relativen einer entwirrten Diktatur des Absoluten weichen kann.

Es ist wahr: In Deutschland sind Staat und Kirche nicht in jeder Hinsicht getrennt. Noch gibt es zwei große Parteien, die das Wort „christlich“ in ihrem Namen tragen. Auch zieht der Staat die Kirchensteuer ein und finanziert aus Einkommenssteuer, nicht aus Kirchensteuer, zum Beispiel diesen Papstbesuch, die Arbeit der Caritas und etwa 90 % der Kosten katholischer Schulen, Krankenhäuser und Altersheime. In diesen staatlich finanzierten Einrichtungen kann die Kirche nach ihren Maßstäben entscheiden, wen sie einstellt und wen nicht. Ich danke an dieser Stelle herzlich dem deutschen Steuerzahler, gleich welchen Glaubens, dass er mit seinem großzügigen Steuergeschenk zum Ausdruck bringt: Ja, ich sehne mich nach Verbundenheit mit dem wahren Glauben. Auch das ist Politik.

Jedoch keine Politik, die den jeweils modischen Stimmungsschwankungen einer orientierungslosen säkularen Mehrheit zu Willen ist, sondern die sich allein der Wahrheit verpflichtet. Das führt beizeiten zu Spannungen. Um ein Beispiel zu geben: Manche kritisieren, dass der Vatikanstaat neben Weißrussland der einzige europäische Staat ist, der die Menschenrechtscharta nicht unterzeichnet hat. Die katholische Kirche tritt weltweit für Menschenrechte ein, „Menschenrechte“ heißt für uns aber nicht „Frauenrechte“ und darf also nicht heißen, die gottgewollten Unterschiede der Geschlechter einzuebnen. Mann und Frau haben vor Gott den gleichen Wert, aber ihre Aufgaben im Schöpfungsplan unterscheiden sich. Seit ein paar Jahrzehnten mehren sich Spekulationen im wissenschaftlichen Gewand, die von „Gender“ sprechen, als seien männlich und weiblich nur gesellschaftliche Konstrukte. Da heißt es, die in der Genesis von Gott angeordnete Herrschaft des Mannes über die Frau sei bloße Ideologie. Hier muss die Kirche ihrerseits die Wahrheit gegen eine aggressive atheistische Ideologie verteidigen.

Auch aus den eigenen Reihen wird immer wieder gefordert, Frauen den Zugang zum Priesteramt zu öffnen. Doch die Antwort lautet: Non possumus. Wir können nicht. Wenn Papst … weiter lesen

01.05.2009 von Heiko Werning
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Jürgen Wittes Rede zum 2. Mai, dem V. Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen

von Heiko Werning

Jürgen Witte von der Reformbühne Heim & Welt wird am morgigen 2. Mai, dem V. Internationalen Kampf- und Feiertag der Arbeitslosen, zum Abschluss der Demonstration (Beginn: 13 Uhr, Senefelder Platz) folgende Kampfrede halten, die hier zur Information der Weltöffentlichkeit dokumentiert wird:

Liebe Freunde des Feierabends!

Heute ist unser Feiertag. Wir feiern das sinnvolle Nichtstun. Gestern war der 1. Mai, der sogenannte Tag der Arbeit. (An dieser Stelle erwarte ich Unmutsäusserungen von euch. Also bitte!) Ihr habt recht, liebe Freunde, warum sollte man die Arbeit feiern, wo sie doch allerorten nichts anderes als schnöde Lohnarbeit ist. Frohnarbeit ist sie! Nur Linke und Gewerkschaftler können auf so eine strunzdumme Idee kommen. „Arbeiter! Kommt heraus zum 1. Mai!“, sagen sie. „Feiert die Ketten, in die man euch geschlagen hat! Lobt die Gefängniszelle, in die man euch das ganze Jahr über sperrt!“

Heute, am 2. Mai, ist unser Tag. Der Tag der Freizeit. Unser Kampf gilt dem Zwang zur Lohnarbeit. Weg damit. Die Lohnarbeit schafft schlechte Laune. Allein der Feierabend ist schön!
Die Sklaverei wurde offiziell abgeschafft, aber nur, um die Menschen dann unter das Joch der Lohnarbeit zu zwingen. Unsere sogenannte Freiheit besteht einzig darin, uns jetzt selber eine Arbeit suchen zu müssen. Betteln sollen wir, dass man uns Lohn und Brot gibt. Statt zu Sklaven hat man uns zu Bettlern gemacht. Und darauf sollen wir stolz sein?

Wer nicht arbeitet, soll nicht essen, sagen sie uns. Wir aber sagen: Alle sollen essen. Es ist genug da. Solange die Menschen überall auf der Welt zur Arbeit gezwungen werden, kämpfen wir für das Recht auf Faulheit. Alles Gerede von Freiheit ist sonst einfältig und dumm. Wir fordern Freizeit für alle, nicht nur für die wenigen, die sich schamlos bereichert haben. Nicht nur für den einen, … weiter lesen

23.09.2008 von Heiko Werning
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Jürgen Witte über das Finanzdebakel und David Foster Wallace

von Heiko Werning

Das ist ja das Schöne an Lesebühnen. Zwar kann so ein Abend jederzeit auch komplett absaufen, so wie die Reformbühne Heim & Welt am Sonntag vor einer Woche, und eine Woche später kann sie zu Höhenflügen ansetzen, so wie die Reformbühne Heim & Welt am vergangenen Sonntag. Dort las Jürgen Witte, Wirtschaftstheoretiker aus Leidenschaft, folgenden klugen Text vor, den er mir für den Reptilienfonds zur Verfügung gestellt hat:

Wie sang schon Bob Dylan? He was anly a hobo, but one more is gone

© Jürgen Witte 2008

Ich lobe nicht oft, und wenn, dann fällt mein Lob meist so aus, dass es viele Leute als solches gar nicht erkennen. Höchstes Lob für einen Schriftsteller, zum Beispiel, das klingt dann aus meinem Munde etwa so: »Wenn ich von dem ein neues Buch sehe, das ich noch nicht habe, dann kauf ich das.« Das ist schon ein Extra-Spitzen-Super-Lob.

Die Liste derer, auf die dieser Ausspruch zutrifft, ist in meinem Kopf nicht sonderlich lang und letzte Woche ist sie leider schon wieder um einen Kopf kürzer geworden. David Foster Wallace hat sich aufgehängt. Mehr weiß ich nicht. Dieser Buchkritiker des NDR, der grinsende Depp, der sich gerne mal ein lustiges Hütchen aufsetzt, damit wir besser auf das besprochene Buch eingestimmt werden, der hat dazu nicht mehr gesagt. Aufgehängt hat er sich, der David Foster Wallace, und wir sollen doch alle sein 1000seitiges Buch „Infinite Jest“ lesen. Gibt’s aber nicht auf Deutsch. Sagte er verschmitzt dazu.

Dass alle diese die Bücher-nicht-gelesen-habenden Blitzkritiker immer meinen, das dickste Buch eines Autors müsse, weil es doch massenhaft Schweiß und Druckerschwärze gekostet hat, auch sein Bestes sein? Ich weiß es nicht. Denn um die etwas weniger als 1000 Seiten von „Infinite Jest“ habe ich mich bisher gedrückt. Aber alles Andere habe ich von David Foster Wallace gelesen, und es hat sich jedesmal gelohnt.

Kann sein, dass der Mann auf der anderen Seite des Atlantiks sich exakt zu der Zeit aufgehängt hat, als ich eines seiner Essays von 2005 las. Ein faktenreicher Bericht über Billig-Radio-Stationen, die auf Mittelwelle senden, hauptsächlich ging es um die dort täglich tobenden reaktionären Radioplauderer. Bei mir war’s, als ich es las, nach Mitternacht und in den USA also mitten am Tag. Hängt man sich eigentlich eher morgens oder abends auf? Gibt es es dazu Untersuchungen, womöglich eine verlässliche Statistik? Vielleicht tat er es gerade in dem Moment, als ich leise kicherte, weil er in seinem Text von vor drei Jahren gerade rhetorisch gefragt hatte, warum es wohl soviele Werbung im Radio für Hypothekenkredite geben muss? Was denn das für eine neue Mode sei? Den Leuten Geld wie Sauerbier oder Waschmittel anzudienen? Ich lag auf meinem Sofa und dachte, David Foster Wallace, seit einigen Wochen wirst du dir auch das Phänomen endlich erklären können.

David Foster Wallace wird also keinen klugen Bericht über den Zusam­menbruch der Banken dieser Welt mehr verfassen. Ob er das alles hätte wirklich erklären können? Der sogenannte „freie Markt“ begeht seit ei­ner Woche endlich seinen längst angekündigten Selbstmord, und Geor­ge W. Bush will den Siechenden ums Verrecken nicht sterben lassen. Koste es was es wolle. 700.000.000.000 (eine 7 mit 11 Nullen hinten dran) soll es ganz exakt kosten. Und, so wie es aussieht, dürfen in nächster Zeit alle Steuerzahler dieser Welt ihr kleines Scherflein dazu beitragen.

Seit Freitagmorgen gibt es nun eine neue Regel auf dem „freien Markt“. Es darf ungehindert weiter spekuliert werden, aber nur noch auf stei­gende Kurse. … weiter lesen