12.05.2013 von Jakob Hein
Als bei der Lotterie des Oberlandesgerichts München die „Brigitte“ einen der Journalistenplätze zugelost bekam, hatte ich eine Idee: Mein Plan war, mich satirisch in die Position des Berichterstatters des Frauenmagazins zu begeben und den Prozess ausschließlich aus Sicht eines – ich gebe es zu – sexistischen Frauenbildes darzustellen. Ich wollte über das Aussehen der Angeklagten schreiben, was sie isst, was sie anzieht, wo sie zum Friseur geht. Die Idee dahinter war es, einerseits das Grauen der rechtsextremen Morde zu unterlaufen und andererseits das gängige Frauenbild der gängigen Frauenzeitschriften zu karikieren – zwischen Kleiderschrank und Herd immer hin und her laufend. Vielleicht wäre es möglich, auch Banalisierungstendenzen in der Berichterstattung zu entlarven sowie die Verharmlosung einer mutmaßlichen Serienmörderin aufgrund der schlichten Tatsache, dass sie eine Frau ist. Schließlich würde ja bei einem Mann niemand über die flotten Wildlederschuhe oder den schicken Anzug sprechen.
Leider muss ich mir schon nach dem… weiter lesen
11.05.2013 von Jakob Hein

Bei genauer Betrachtung eine Art moderner Beichtstuhl: Das Auszahlsystem
Es gibt im Leben eines Autoren wenig Erfreulicheres als nette Leser. Unser netter Leser xiti schrieb uns folgendes:
…ich lese gern euren Reptilienfonds; beim jüngsten Beitrag “Preziosen provinzieller Presse” fiel mir sofort ein Beitrag vom Wochenende aus dem Eifeler Lokalteil der Aachener Zeitung ein.
Und xiti hat recht. Dieser Beitrag unter dem Titel “Gottesdienst in der Kneipe – Jugendliche ansprechen” ist eine echte Preziose. Denn Frau Alice Klein hat sich unter Jugendlichen umgehört und recherchiert, warum “äußerst selten Jugendliche auf den [Kirchen-]Bänken sitzen: “die Messen sind langweilig”, “die Musik ist öde” und “die Texte kann man nicht verstehen” – das sind so Sachen, die Alice Klein herausgefunden hat.
Darum machte sie jetzt einen Gottesdienst in der Imgenbroicher Bodega. Der dortige Besitzer findet die Idee super, denn er “kennt die Kirche aus seiner Schulzeit” und “weiß, wie langweilig es… weiter lesen
09.05.2013 von Jakob Hein
12.03.2013 von Jakob Hein

Toast a la Tim
Kochliteratur erfreut sich unsterblicher Beliebtheit. Ob als Buch, als App, als lose Blattsammlung oder direkt im Internet: Kochliteratur wird in ebenso großem Maße konsumiert wie sonst wohl nur Fertigfraß. Was gibt es Schöneres, als beim Verzehr einer Lasagne “Kleiner Onkel” aus dem Kühlregal darüber zu lesen, wie man Pasta puttanesca selbst hätte machen können?
So findet sich auch im Magazin der “Süddeutschen” eine wöchentliche Kochkolummne mit Tipps von Spitzenköchen, Hinweisen von Sternegreifern, Lektionen von Meistern. Besonders beeindruckend dabei das Rezept für “Toast Hawaii” vom Berlin-Mitte-Spitzengastronomen Tim Raue. Leider lässt er nicht gucken, woher man die exquisiten Zutaten für sein Rezept bekommen soll. Ich meine: 40 g Butter, 4 Scheiben Kochschinken – woher?
Nächste Woche dann an der selben Stelle: “Mettwurstbrötchen von Paul Bocuse” oder “Gurkenstulle von Michael Hoffmann” oder “Schüssel Cornflakes von Leah Linster”.
10.03.2013 von Jakob Hein
Hat irgendjemand die “Bunte”? Weil, die muss ich unbedingt lesen. Die, in der Bettina Wulff die Erkenntnis mit uns teilt: “Es gibt solche und solche Tage.” Stehen da noch mehr Erkenntnisse drin, die einen Konfuzius vor Neid erblassen ließen. “Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.” Oder: “Da steckt man nicht drin.” Oder: “Was willste machen?” Oder: “Wie man’s macht, ist es falsch.” Oder “Wem sagste das?” Oder: “Andere haben’s auch nicht leicht.” Oder: “Ach, was weiß ich?” Und diese Zitate können dann Kim Kardashian, Beyonce, Rudi Mosleitner, Florian Silbereisen, der Mutter von der einen, die mal bei GNTM beinahe mitgemacht hätte, Daniela Tatzenberger oder Hääärald Notre Dame zugeordnet werden. Also, ich muss das unbedingt lesen.
Heute abend aber lese ich was anderes. Gemeinsam mit den Kollegen der Reformbühne “Heim und Welt” lesen wir neue Geschichten vor, unterstützt von den Gaststars Toni Mahoni und Karsten Krampitz. Und jeder… weiter lesen
09.03.2013 von Jakob Hein
In der Ostpresse, die es ja immer noch gibt (Berliner Kurier, Super-Illu), wahrscheinlich sehr zur Überraschung des Bundespräsidenten, der ja auch gestern erst den Sexismus entdeckt hat, jedenfalls in der Ostpresse wird derzeit die Krankheit des Liedermachers Reinhard Lakomy reißerisch verarbeitet. “Warum ich keine Chemo will”.
Chemotherapie gibt es nicht. Wenn man einen Joghurt mit Aromastoffen löffelt und sich danach fröhlich fühlt, ist das dann auch eine Therapie? Wenn man die Formel des Aromastoffs chemisch beschreiben kann, ist es dann nicht sogar eine Chemotherapie? Ein Scheißwort für eine Scheißsache. Es gibt viele Tausend Arten von Krebs, die wenigsten von ihnen sind erfreulich und jeder Dritte von uns wird damit zu tun bekommen. Wenn man also irgendwo zusammensitzt, kann man es sich überlegen: Die links neben mir, der rechts neben mir oder der in der Mitte? (Gibt der AC/DC-Textzeile “A woman to the left of me, a woman to the… weiter lesen
09.08.2012 von Jakob Hein

Aus der "Nervenheilkunde" 07/12
Nun ist es ja angenehm, wenn nicht jeder Mensch auf jedem Foto so aussieht, als wäre er oder sie im Photoshop zusammengepuzzelt worden. Menschen haben nun mal Falten und Poren und Narben und all das. Und nicht alle Menschen lächeln immerfort oder arbeiten als Dressmann oder werden morgen bei den lateinamerikanischen Standards in der Stadthalle Viersen antreten. Diese schwarz-weiß-pastelligen Hintegründe, das Lächeln von links unten nach rechts oben, dieser Standardblick – nein, das muss nicht immer sein.
Und man wünscht sich auch von seinen Professoren, dass sie forschen oder sich vielleicht sogar zu ein wenig Lehre herablassen und nicht etwa, dass sie ihre wertvolle Zeit erst in der Maske verbringen, um sich danach stundenlang fotografieren zu lassen. Aber, sehr geehrter Herr Professor Fleischhaker, man muss ja nicht unbedingt so ausschauen, als habe man sich während der Anfertigung des Fotos, dass man bei einer Medizinzeitschrift… weiter lesen
09.06.2012 von Jakob Hein

Gut getarnt am Zoll vorbei - war das der Teppich-Lader?
Manchmal ist es doch schön zu erleben, dass eine Presselandschaft nicht vollständig gleichgeschaltet ist. Scheinbar überall schien der Teppichkauf von Dirk “Mütze” Niebel in Afghanistan auf Ablehnung und Kritik zu stoßen. Überall? Nicht ganz. Schließlich gibt es noch in Bayreuth den “Nordbayerischen Kurier”, der die ganze Angelegenheit mal vom Kopf auf die Füße stellt:
“Niebel hat für 1000 Euro einen Teppich gekauft und konnte ihn auf dem Linienflug nicht mitnehmen, der Nachversand geriet offenbar außer Kontrolle. Wer glaubt, dem Minister daraus einen Strick drehen zu können, der denkt kleinkariert. Macht Euch lieber Gedanken über eine Zukunft für das vom Krieg ausgezehrte Afghanistan, oder die deutsche Entwicklungspolitik in Zeiten der Finanzkrise, oder wenigstens über einen Minister, der sein eigenes Ressort schon mal abschaffen wollte, weil es überflüssig sei. Aus Niebels Afghanen-Schmuggel eine Affärengeschichte stricken zu wollen, ist lächerlich. Bitte
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07.07.2011 von Jakob Hein

Hinterher Hände waschen
Die “News of the World” (NotW) hatte die innovative journalistische Methode des “phone hackings” entwickelt: Die Reporter besorgten sich Mobilnummern von Entführungsopfern, Angehörigen von Attentaten und verstorbenen Soldaten, hackten sich in deren Mailboxen ein und machten daraus Schlagzeilen. NotW war die erste Zeitung, die der heutige Medienmogul Rupert Murdoch kaufte, deren damaliger Chefredakteur war PR-Berater der heutigen Premierministers.
So lange es um Prominente ging, verursachten das “phone hacking” nicht besonders viel Aufsehen, aber jetzt, da offensichtlich auch normale Bürger betroffen sind, ist die Bestürzung der Öffentlichkeit doch groß, so groß, dass NotW am kommenden Sonntag zum letzten Mal erscheinen und dann nach 168 Jahren vollständig eingestellt wird. Peinlich auch für die zahllosen Politiker, die nicht schnell genug auf den Partys von Herrn Murdoch erscheinen konnten.
Da kann man doch nur der deutschen Presse mit den großen Buchstaben auch mehr Mut zu innovativem Journalismus wünschen,… weiter lesen
06.07.2011 von Jakob Hein

Scott McLaren, erster von Hunderten
Der 20-jährige Scott McLaren war der 375. britische Soldat, der diese Woche für die Freiheit in Afghanistan sterben durfte. Weil sein Verschwinden und dann sein Tod mit einem Besuch des Premierministers zusammenfiel, bekam er deutlich mehr mediale Aufmerksamkeit als der 2. – 374. tote Brite dort, ganz zu schweigen von den afghanischen Toten Nr. 1 – ca. 40.000.
Aber der “Evening Standard” nimmt die Überführung der Leiche immer hin zum Anlass, die bizarre Schlagzeile: “Hunderte weitere Soldaten kommen aus Afghanistan nach Hause” unter dem Bild des toten Soldaten zu bringen. Vermutlich sehr Nachwelt-orientiert, die Gazette.