05.02.2013 von Jakob Hein
Immer montags präsentiert der Österreicher Oliver Schopf, der europaweit dafür bekannt ist, besonders gut Stereotype zeichnen zu können, eine Zeichnung in der “Süddeutschen Zeitung”. Das ist selten besonders gut und häufig besonders schlecht. Aber gestern hat er das brandheiße Thema der letzten Sendung von Guido Knopp aufgegriffen, über dessen Ruhestand ja einige Erleichterung herrschte, da Knopp nach dem Ausweiden aller Details über WK I und WK II sowie absolut allem, was über den berühmtesten Braunauer zu sagen war (“Die Augen des Grauens – Hitlers Optiker”), im Verdacht stand, einen dritten Weltkrieg anfangen zu wollen, nur um weitere Sendungen machen zu können.
Und diesen brandaktuellen Anlass hat O.S. doch mal wirklich verständlich und toll umgesetzt. Das Passwort-Motiv, der leicht verständliche Sherlock-Holmes-Witz, die absolute Ununterscheidbarkeit von “Knopp” und “Gauck” bei “Schopf”, das englische “Goodbye”, das Zitat aus der SZ vom “Jänner”, der sich leicht erschließende Zusammenhang der einzelnen Bildteile und… weiter lesen
01.02.2013 von Jakob Hein
Über das Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom kann man in unserer Zeit fast nicht genug diskutieren und vieles wäre dazu zu sagen. Erstmals beschrieben wurde es ja eigentlich 1845 von Heinrich Hoffmann in seinem Weltbestseller “Struwwelpeter”. Der berühmte “Zappel-Philipp” aus seinem Buch wurde zum Namensgeber sowohl der volkstümlichen deutschen wie auch der englischen Bezeichnung des Syndroms. (Übrigens hieß der Sohn, für den Hoffmann dieses Buch ursprünglich als Weihnachtsgeschenk schrieb, mit zweitem Namen Philipp.)
Die heutige Diagnose des ADS entwickelte sich schrittweise und ist weiterhin in der Entwicklung begriffen. bis in die 70er Jahre war die Bezeichnung “Minimale cerebrale Dysfunktion” verbreitet, die wegen ihrer Unsinnigkeit heute verworfen ist. Die Definition des Aufmerksamkeits-Defizit-Syndroms orientiert sich pragmatisch an vorliegenden Symptomen, da man die genaue Ursache des Syndroms nicht benennen kann. Wichtiger Teil der Diagnosestellung ist der Ausschluss jedweder anderer Ursache für die Konzentrationsschwäche (wie z.B. einer Gehirnerschütterung, einer Tumorerkrankung, einer Schilddrüsenüberfunktion). Die amerikanische Klassifikation (DSM) gilt… weiter lesen
24.01.2013 von Jakob Hein
Eine “Le Monde” vom gestrigen Tag wollten wir nicht kaufen, konnten aber auf Kress dennoch zutage fördern, wonach uns Leser fragten: Die deutsche Gegenkarikatur in der französischen Zeitung.
Hier sieht man, wie es funktioniert: Tatsächlich wird eine Zeichnung erstellt, wie man glaubt, dass sie in die jeweils andere Zeitung passen würde. Gewinner sind die Franzosen. Zwar ist die deutsche Zeichnung ebenso harmlos wie ihre französische Schwester, versucht sich aber in Stil, klarem Bildaufbau und thematischer Fokussierung, wo das französische Gastgeschenk von Themen, Beschriftungen und schlechten Parodien nur so wimmelt. Die Deutschen huldigen dem Französischen, das es womöglich nie gegeben hat, während sich die Franzosen über das Deutsche lustig machen, das leider allgegenwärtig ist.
Wer weiß, ob der deutsch-französische Waffenstillstand noch so ein Jubiläum überleben kann.
22.01.2013 von Jakob Hein
Gefeiert wird also eine erfolgreiche Zwangshochzeit von zwei Staaten, die sich prononcé gegen Zwangsehen aussprechen. Dabei hat es nie geklappt zwischen Franzosen und Deutschen. Die Ehen resultierten in Scheidungen und während einige Deutsche versuchten, französische Lebensart zu imitieren, gibt es bisher keinen Franzosen, der mit besonders deutscher Lebensart von sich reden zu machen versucht hätte.
Vielleicht mögen uns die Franzosen, man kann ihre Sprache ja kaum verstehen, weil sie immer nur ein Drittel davon zu Gehör bringen, vielleicht hassen sie uns auch und haben uns deshalb das Saarland ins Kuckucksnest gelegt. Ausgebrütet wäre es jetzt, ihr könnt es wieder holen.
Nichts illustriert die Beziehung zwischen Deutschen und Franzosen so schön wie die heutige caricature in der “Süddeutschen Zeitung”. Es ist ein Gastgeschenk der Karikaturenabteilung von Le Monde, einer täglich erscheinenden Speisekarte mit aktuellen Kommentaren, vergleichbar vielleicht mit unseren Zeitungen. Und jetzt wissen wir nicht: Macht sich der Franzose lustig über… weiter lesen
05.01.2013 von Jakob Hein
Vorsätze zum neuen Jahr sind doch etwas Schreckliches. Einerseits waren die Dinge, die man sich da vorgenommen hat, offensichtlich nicht wichtig genug, als dass man sie sofort in die Tat umgesetzt hätte. Andererseits war man der Meinung, dass man sie doch einmal versuchen sollte, aber nur, wenn das Datum zufällig interessant ist. Solche Vorsätze halten meistens nicht einmal bis zum nächsten interessanten Datum, sagen wir mal den 2.2. Oft genug nehmen sich die Menschen sogar Dinge vor, die es wert wären, umzusetzen. Aber da es einfach noch an der Willenskraft fehlt, erhofft man sich ein wenig Zauberkraft von St. Kalender. Wenn es dann nicht klappt, liegt es natürlich an dessen fehlender Magie.
Ganz besonders sollten sich die Menschen in Acht nehmen, deren Ehen am 12.12.12 geschlossen wurden. Ohnehin fürchten Experten, dass an solchen kuriosen Tagen nicht allein der Liebe oder der Steuer wegen geheiratet wird, sondern auch wegen des allgemeinen… weiter lesen
30.11.2012 von Jakob Hein
Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen war ein begnadeter Geschichtenerzähler. Dabei ließ er sich nicht fesseln von den Eisentauen der Realität, sondern war auch in der Lage, diese auszuschmücken, zu überwinden und so eine neue, viel schönere, viel reichere, viel buntere Realität zu erschaffen. Seine Geschichten sind bis heute weltweit bekannt, nach seinem Namen ist auch eine tückische psychiatrische Krankheit benannt (über die mehr literarische Bücher geschrieben wurden als klinische Fälle bekannt geworden sind).
Eine seiner Geschichten ist der berühmte Ritt auf der Kanonenkugel: Münchhausen zieht mit den Husaren unter Marschal Münnich vor eine von den Türken eingenommene Stadt. Da diese von den spanischen Reitern zu gut verteidigt wird, der Herr Marschall jedoch unbedingt die türkischen Stellungen auskundschaften möchte, schwingt sich Münchhausen auf eine Kanonenkugel seines Regiments und späht die feindlichen Stellungen aus. Während des Fluges fällt ihm ein, dass er auf dieser Kanonenkugel keinen Rückflug buchen kann und er steigt… weiter lesen
05.11.2012 von Jakob Hein
Auf langen Reisen dauert es ja mitunter eine Weile, bis das Gehirn da ankommt, wo sich der Körperrest geographisch aufhält. Daher schaute ich vor zwei Wochen zweimal hin, als ein Mann in der U-Bahn neben mir einen Comic-Strip mit dem Titel “Hitler” las. Einerseits fühle ich eine Verpflichtung gegenüber diesem Blog und der obenstehenden Rubrik sowie den beiden Lesern, aber andererseits bin ich nicht der Mensch, der anderen Leuten seinen Fotoapparat ins Gesicht hält und dann abdrückt. Vor allem traue ich mich das nicht, weil ich es den fotografierten Menschen nicht erklären kann|will, was ich da mache. “Ist für mein Blog”, wäre ja wohl so ziemlich die lahmste, übelste, falsch klingendste Ausrede nach “Es ist nicht, was Du denkst, ich mache ein Forschungsprojekt über Pornografie.” Wenn die Ausrede überhaupt funktionieren soll, müsste man schon ein extrem populäres Blog sein eigen nennen und jederzeit eine Visitenkarten vorweisen können, die einen als… weiter lesen
20.10.2012 von Jakob Hein
Das Problem mit diesen reaktionären Karikaturen ist wohl, dass sie so vollkommen unnötig sind. Im Gegensatz zu ihrer Selbstwahrnehmung haben Stromkonzerne keine Unterstützung nötig. Ebenso wie es unsinnig ist, prinzipiell gegen Stromerzeuger zu sein, ist es doch ebenso unsinnig, diesen als Karikaturist helfend unter die Arme zu greifen. Die können sich kein Sponsoring von Fußballmannschaften, Werbung im Fernsehen und alles Mögliche andere leisten, weil sie kurz davor sind, bankrott zu gehen. Sondern das sind superreiche Konzerne, die seit Jahrzehnten Milliardenprofite machen.
Die Darstellung der Energiewende als Kostenmonster ist vollkommen hysterisch und hat den Horizont eines hektischen Hamsters. Denn während die Folgekosten von Strom aus fossilen Energien oder Atomenergie gesellschaftlich umgelegt werden (zahlt also “der Staat”), gibt es für die erneuerbaren Energien eine nach ihnen benannte Umlage – was schade ist für die erneuerbaren Energien. Denn in die Umlage wurden alle Kosten geschoben, für die politische Lösungsenergie fehlte. Vollkommen zu kurz… weiter lesen
28.09.2012 von Jakob Hein

"SZ" v. 27.9.12
Anlässlich der heute erscheinenden “Titanic” mit dem vieldiskutierten Mohammed-Titel wird die gesamte Zeitschrift schon mal von Redakteur Klute in der “Süddeutschen Zeitung” verrissen:
“Es ist eine läppische Montage, unentschieden und hasenfüßig in der Haltung. [...] …und das ist auch das Problem der Titanic: Sie kaut ewig auf alten Kamellen rum. [...] Das Triste ist die gedankliche Schlichtheit all dieser Bildchen, Montagen und Witzchen, die ja nur aufs Sentiment zielen. Sensationell ist daran nur, dass sie in einem ganz neuen Erregungsfeld experimentieren, das deshalb so reizvoll ist, weil man nicht einschätzen kann, was passiert – nehmen die es hin oder zünden sie was an?”
Festzustellen ist, dass immerhin Satire auf der ersten Seite des Feuilletons besprochen wird, das ist uneingeschränkt gut zu heißen. Die Kritik indes geht am Ziel vorbei, schließlich kann Satire immer nur so subtil sein wie die Auseinandersetzungen, um die es geht. Trifft… weiter lesen
17.09.2012 von Jakob Hein
Die Frage, wen die Sozialdemokratische Partei Deutschlands dafür nominieren wird, im kommenden Jahr als theoretischer Kandidat für das Amt des Bundeskanzlers anzutreten, interessiert – schockierend, aber wahr – keine Sau. Die Auswahl besteht aus drei weißen westdeutschen Männern zwischen 53 und 65 Jahren mit Anzug, von denen einer Vizekanzler in einer großen Koalition werden könnte, wenn es gut läuft. Und da die Frage immergleich seit qualvollen Monaten unablässig durch die Medien spült, ist man als Zuschauer mittlerweile mehr genervt von ihr als die drei in Frage stehenden Männer selbst.
Aber dass es gelingt, dieses vollkommen ausgelutschte, nichts hergebende, überragend unwesentliche Thema aus der Vielzahl der Themen in einer Welt in Bewegung herauszupicken und es dann auch noch in spezieller Geist- und Pointenlosigkeit in einer wilden Orgie des zeichnerischen Nichts kontextfrei in einen Raum der Bedeutungslosigkeit zu katapultieren, drapiert von bedeutungslosen Sprechblasen samt unverständlicher Beimengung einer schlechten Karikatur der Amtsinhaberin, die… weiter lesen