26.03.2012 von Jakob Hein

Gefragtes Gut in FDP-Zentralen: Fluchtstuhl
Wolfgang Kubicki von der FDP (Partei, einige von den älteren werden sich erinnern) hat sich mit einem bemerkenswerten Satz zu dem Umstand gemeldet, dass seiner Partei mehr als doppelt so viele saarländische Wählerinnen ihr Vertrauen schenkten wie der Partei “Die Partei”. Er sagte der Leipziger Volkszeitung “Die Union sollte nicht die Gunst der Stunde nutzen und sich aus einer laufenden Koalition durch Verrat verabschieden.”
Daraus ergeben sich einige Fragen:
1. Was bedeutet in diesem Zusammenhang für einen FDP-Politiker der Ausdruck “Gunst der Stunde”?
2. Was ist eine “laufende Koalition”? Meint WK nicht eher “weglaufende Wähler”?
3. Wofür sonst sollte die Union die Gunst der Stunde nutzen?
4. Wie sollte sich die Union aus der Koalition verabschieden, wenn nicht durch Verrat? Sind Brudermord, Vertragsbruch oder Vorteilsnahme irgendwie elegantere, liberalere Wege?
5. Wurde der “organisierte Liberalismus” (FDP-Youngstar Patrick Döring) im Saarland am Ende von… weiter lesen
02.12.2011 von Heiko Werning
Lustig wäre es, dieser Tage durch Berlin zu ziehen und den Menschen ein Foto eines bestimmten, eher unauffällig aussehenden, in einem unauffälligen Anzug gekleideten, nett lächelnden, Brille tragenden Herrn im gehobenen mittleren Alter vorzulegen und zu fragen, um wen es sich handeln könnte. Vielleicht würden manche auf den örtlichen Sparkassenleiter tippen, andere auf irgendeinen Abteilungsleiter im Bürgeramt, und sicher einige auf den netten Onkel von nebenan, der den Kindern manchmal Geschichten vorliest, bei denen diese sich zwar furchtbar langweilen, aber weil es so leckere Plätzchen gibt, gehen sie eben doch hin. Auf die richtige Lösung aber käme vermutlich niemand: Frank Henkel, der Spitzenkandidat der Berliner CDU und zukünftiger Vize-Chef von Berlin.
Es ist schon seltsam: Da wählen die Berliner zu rund 70 % dem linken Spektrum (was immer das auch heißen mag heutzutage) zugerechnete Parteien, setzen die FDP auf Augenhöhe mit der Tierschutzpartei und stabilisieren… weiter lesen
26.09.2011 von Heiko Werning
Contra Bov Bjerg und Malte Lehming:

Die Standardpointe eines jeden humoristischen Textes, in dem irgendeine Form moderner Technologie oberhalb eines per Kabel mit der Wand verketteten Festnetztelefons oder irgendwas mit Internet thematisiert wird, lautet seit etwa 15 Jahren: »Fragen Sie doch einfach den zehnjährigen Jungen von nebenan, wie das funktioniert.« Aber jetzt ist der Bengel halt 25 und schließt den ganzen selbstironisch mit ihrem Unwissen kokettierenden Modernitätsverweigerern nicht nur den Router an und richtet ihnen den Desktop altersgerecht ein, sondern verkabelt auch die Politik neu. Damit die älteren Herrschaften sich in Ruhe über die wichtigen Dinge austauschen können, etwa über die Unvermeidbarkeit des Mauerbaus, die vielen Touristen, die ja oft auch nach 22 Uhr noch lachend und im schlimmsten Fall gar Rauschmittel konsumierend durch die Berliner Straßen ziehen, die historischen Leistungen Fidel Castros, das Recht auf Jobs, die ebenso gut jede Maschine bewältigen könnte, den… weiter lesen
14.09.2011 von Heiko Werning
Ich würde sogar noch weiter als Freund und Kollege Jakob Hein gehen und von äußerst problematischen Wahlplakaten sprechen.
Der Fairness halber vorangestellt: Generell wäre es ja zu begrüßen, dass die FDP nicht mitmacht bei der ebenso inhaltsleeren wie langweiligen Köpfe-Plakatiererei. Was natürlich damit zusammenhängen mag, dass sie einfach über keine Köpfe verfügt, die irgendeinen Wählerstimmenzugewinn erhoffen ließen, weil eben niemand sie kennt. Also aus der Not eine Tugend machen und es mal mit Inhalten versuchen, haben sich die verbliebenen Strategen der FDP da wohl gedacht. Das Problem: Vermutlich sind einfach auch nicht mehr viele Strategen verblieben auf dem ja praktisch schon abgesoffenen Kahn, und wenn, dann jedenfalls nicht die besten. Um es unangebracht freundlich zu formulieren.

Fangen wir mal mit diesem hier an:

Das soll sicher witzig sein. Nur – wenn man von Witz und Humor nichts versteht, lässt man besser die Finger… weiter lesen
13.09.2011 von Jakob Hein
Mit zunehmender Nähe der eigentlichen Wahl, steigt die Zahl problematischer Wahlkampfplakate, auch wenn die Temperatur des Wahlkampfes weiterhin kaum etwas übersteigt, das einem zum Ausziehen der mentalen Strickjacke bewegen würde. Rot-Grün oder Rot-Rot wird es werden, irgendwie die Wahl zwischen Schnupfen und Erkältung, immerhin wird die braune Pest wieder an der Stadt vorbeigehen und wohl nicht einmal eine leicht gelbliche Hepatitis wird es werden.
Dennoch ist das Verlockende an einer Wahl eben die theoretische Freiwilligkeit des Vorgangs, die Souveränität des Wählers, seine Möglichkeit, zwischen allen möglichen Optionen auszuwählen, und sich dann die leckerste Praline aus der Bonbonniere politischer Köstlichkeiten zu picken. Da ist der Slogan “Wer Wowereit will, muss SPD wählen” kontraproduktiv. Zunächst wirkt beides nicht sehr attraktiv. Wowereit haben wir doch schon, warum sollen wir den wollen? Und dann dieses Junktim, das so klingt, als ob die Autoren das mit der Partei da auch nicht besonders schön fänden, aber… weiter lesen
08.09.2011 von Jakob Hein
Klar, Politiker wollen sich immer als Menschen zeigen, denn sie wollen von Menschen gewählt werden und sie wollen auf keinen Fall, dass diese Menschen vorher ihre Wahlprogramme lesen, die im Übrigen weitgehend ununterscheidbar sind. Alle wollen “eine lebenswerte Stadt”, “mehr Sicherheit”, “Zukunft für unsere Kinder” und ähnlich unverbindlichen Quark. Also probiert man durch Bilder zu vermitteln, dass es sich ganz warm und kuschelig anfühlt, den Kandidaten zu wählen.
Der amtierende Bürgermeister wird ja in Berlin tatsächlich ob seiner Schlitzohrigkeit gemocht. “Berlin is alt aber arm” oder so ähnlich, das hat vielen gefallen. Aber wenn man sich mit einer alten Frau fotografieren lässt für ein Wahlkampfplakat, dann sollte der Blick sagen: “Ich kümmere mich gern um ältere Leute” und nicht “Guck mal, die Alte weiß nicht was hier passiert und wir machen daraus ein Wahlkampfplakat. Und dann schreiben wir wieder drunter ‘Berlin verstehen’, was irgendwie voll die Doppelverarsche ist.” Während die… weiter lesen
06.09.2011 von Jakob Hein
Die Sozialdemokraten und die Linken nennen ihre Mitglieder ja gern “Genossinnen und Genossen”. Die Grünen und die FDP (einige Ältere werden sich vielleicht erinnern) nennen sich untereinander “Freunde”, auch wenn ihr Verhalten oft nicht dem entspricht, was man sich vom Umgang zwischen Freunden so versprechen würde. Bei den Rechten spricht man natürlich von “Kameraden”, das klingt stramm und deutsch, auch wenn es dem Lateinischen entstammt.
Bei der CDU Berlin tut man sich da offensichtlich schwerer. Aber es nun zu machen wie Klaus-Dieter Gröhler und das Wahlvolk gleich “Gestalten” zu titulieren, ist nicht sehr geschickt. “Gestalten” klingt doch sehr nach “Gesindel, Pack”. Gerade wenn man Gröhler heißt, sollte man sich um einen guten Umgangston bemühen. “Anpacken, Gestalten!” ist daher kein Motto, mit dem man einen erfolgreichen Wahlkampf bestreiten sollte.
05.09.2011 von Jakob Hein
Wenn die FDP in zwei Wochen ihre beispiellose Serie strategischer Siege auch in Berlin fortgesetzt haben wird und sich der Kris Kristofferson-Auffassung von Freiheit gänzlich verschrieben hat, dann gibt es womöglich kein Gremium mehr, in dem darüber gesprochen werden kann, warum man nicht gewählt wurde. Klar, die Bundespolitik und das Wetter sowie die schlechten Ergebnisse in der Leichtathletik, aber hätte man womöglich auch vor Ort etwas anders machen können? Wir sagen: Ja, mindestens dieses Plakat.
Es ist schwer aufzuzählen, was alles daran falsch ist: Der gelbe Spiralnebel im Hintergrund oder die schlechte Typographie von “Kreißsaal”? Und sicher ist noch nicht einmal das Schlimmste daran, dass niemand überhaupt möchte, dass eine Frau mit dem Fahrrad zum Kreißsaal möchte, es sei denn, sie ist Hebamme und wohnt in der Nähe ihres Arbeitsplatzes. Es will auch kein Mann der Welt mit dem Kopf gegen den Türrahmen laufen und kein Kind möchte Lebertran… weiter lesen
04.09.2011 von Jakob Hein

Gefällt es Dir bei uns, Tante? Ja? Warum sagst Du das dann nicht Deinem Gesicht?
Einerseits sagte Leo Rosten ganz richtig über W.C. Fields: Jeder der Babys und Hunde hasst, kann kein ganz schlechter Mensch sein. Andererseits lautet ein altes Branchengesetz im Fernsehen: Kinder und Hunde gehen immer und bringen Quote.
Es ist daher nachvollziehbar, dass sich Politiker gern mit Kindern zeigen wollen, aber dabei darf der Fotograf nicht nur auf die Kindergesichter schauen, die hier natürlich allerliebst sind. Aber die Kandidatin: Ihre Oberlippe ist erkennbar hochgezogen, was man an der verstärkten Falte vom Nasenrand zum Mundwinkel erkennen kann. Die Augen sind beide leicht geschlossen und der rechte Mundwinkel ist noch etwas höher gezogen als der linke. Man kann es zuhause selbst ausprobieren: Mit so einem Gesicht fühlt man sich nicht warm oder fürsorglich, dieses Gesicht eine Mischung aus Ekel und Verachtung aus.
Das kann alles Mögliche… weiter lesen
01.09.2011 von Jakob Hein
Klar, dass das Thema brennender Autos ausgesprochen wahlkampftauglich ist. Das Thema mag vielleicht für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungen nicht sonderlich interessant sein, aber für die Oppositionsparteien sind diese “spektakulären Einzelfälle” (HUK-Coburg) ein gefundenes Fressen. Worüber sollen sie auch sonst reden? Sich über die Schulden Berlins mockieren? So schlecht ist das Erinnerungsvermögen der Berliner dann doch nicht, dass sie da keine Erinnerungen hätten, wer einst das Fundament dieser Schulden solide gegossen hätte.
Aber was CDU-Spitzenkandidat Henkel da macht, geht nicht in Ordnung. Vielleicht gibt es jetzt 4000 weniger Polizisten und es stimmt ja, dass die Autos brennen. Aber da einen Zusammenhang herzustellen ist schon polemisch. Die ehemaligen Polizisten waren doch zum Großteil vereidigte Beamte, Staatsdiener, Ordnungshüter, Familienväter. Und klar, Arbeitslosigkeit ist schrecklich, aber dass die arbeitslosen Polizisten jetzt mit diesen Brandanschlägen zu tun haben sollen, ist nicht ganz fair. Schon gar nicht alle 4140. Klar gibt es schwarze Schafe,… weiter lesen