Making of Pornography (15)

von Schröder & Kalender

Der Bär flattert in nordöstlicher Richtung.

Und so geht’s weiter mit dem Bruder von Rolf Dieter Brinkmann, einer Lusche, wie sie im Buche steht: »Nicht vorkommen«, das ist das Stichwort für den Brinkmann-Bruder, hier also kommt sie, die Sache mit Karl-Heinz, einem weiteren Anlaß für mein Zerwürfnis mit Rolf Dieter. Damit der Zusammenhang verständlich wird, muß ich die Entwicklung der Olympia-Film-Produktion skizzieren: Über Bernward Vesper lernte ich Wolf Gremm und Michael Geissler kennen. In Ellinor Michels Wohnung, in der auch Andreas Baader und Gudrun Ensslin herumhockten, besprachen wir die Pornofilme ihrer ›Sisters and Brothers‹-Company, die Schwester Regina Ziegler und eine Reihe Berliner Stadtindianer spielten mit. Die Ergebnisse waren grauslich, weil ich aber keine anderen Filme hatte und der Termin der Pressekonferenz schon feststand, deklarierte ich diese Streifen als Schnittabfall. Die sogenannten »Schnittmuster« zeigte ich auf meiner legendären Pressekonferenz im Jagdschloß Kranichstein, angeblich, um die fertigen tollen Filme vor dem Zugriff der Staatsanwälte zu schützen. Der Trick klappte, die Presse, allen voran der ›Spiegel‹, nahm mir die Scharade ab und jubelte über die neuen Luststreifen.

Jetzt stand ich da mit der bombastischen Ankündigung, daß ab April 1970 Olympia-Filme erscheinen würden, hatte aber kein brauchbares Material. In dieser Not half Bazon Brock: »Kein Problem! Ich bin in Itzehoe mit Rainer Boldt zur Schule gegangen. Wir machen dir einen Porno mit meinen Studenten von der HfbK!« So geschah es. Und mit Rainer Boldt und Roland Hehn, den Kameramännern der ersten Zehn-Minuten-Super-8-Pornostreifen, verhandelte ich bald auch über den ›Barbara‹-Stoff in Spielfilmlänge. Mein Plan ließ Maurice Girodias nicht ruhen, er kam mir mit seiner ›Barbara‹-Produktion zuvor. Glücklicherweise! Ein paar Hippiehampler aus Kalifornien drehten einen Neunzig-Minuten-Film. Ach Gott, der war so trübsinnig, als hätten ihn die ›Brüder und Schwestern‹ fabriziert! Neunzig Minuten lang Mist, für den Maurice hunderttausend Dollar auf den Tisch gelegt hatte. Ein Flop? Noch nicht einmal das! Der Film wurde öffentlich nie gezeigt.

Nach dieser Pleite, die mich selbst nicht betraf – außer daß Girodias noch heftiger nach Geld schrie –, wurde ich vorsichtiger und legte das Projekt ›Spielfilm‹ zunächst auf Eis. »Ich müßte mich um einen Fachmann kümmern, der mir das abnimmt«, überlegte ich. Als mich kurz darauf Rolf Dieter Brinkmann mit den ›Exit‹-Leuten besuchte, erzählte ich ihm von meinen Plänen. Da machte mir Rolf Dieter den Vorschlag: »Wenn du einen Filmmann brauchst – ich habe einen Bruder, der ist da Experte.« »Interessant! Wo arbeitet er gerade?« »Du, der ist in Köln im Metropol.« Ich war skeptisch: »Das sind doch zwei Paar Schuhe, die Leitung eines Kinos oder eine Filmproduktion.« »Ja, schon«, meinte Rolf Dieter, »aber Karl-Heinz ist unheimlich beschlagen in allem, was mit Film zu tun hat. Er lernt das ganz schnell mit der Produktion und so.« »Na, dann soll er mal kommen.«

Karl-Heinz hätte der eineiige Zwilling von Rolf Dieter sein können, nur trug er sein Haar etwas kürzer. Er kam im blauen Anzug, sah aus wie der Grüß-Gott-Onkel im Metropol, der dir die Karte abreißt und, wenn es sein muß, auch mal eine Tüte Gummibären verkauft, also seriös, zurückhaltend. Ich erzählte ihm, was zu tun sei, was ich vorhätte, wie er unsere Pornofilme langsam zu Spielfilmproduktionen ausbauen könne, und begeisterte mich an meinen eigenen Projekten. Er redete kaum, nickte gravitätisch: »Selbstverständlich, das werde ich vorantreiben.« Ich stellte den Bruder ein im Vertrauen auf Rolf Dieters intelligente Gene.

Von nun an liefen alle Verhandlungen über meinen neuen Olympia-Film-Chef, besser gesagt, sie sollten laufen. Doch eine Woche später rief mich Rainer Boldt an: »Was hast du da für einen neuen Typen? Ich wollte die Kosten für ›Colt und Köcher‹ mit dem durchgehen. Mensch, der scheint überhaupt kein Wort zu verstehen! Da kommt immer nur: ›Ja, wenn Sie meinen.‹« Auch Herr Hagen vom Atlantik-Kopierwerk aus Hamburg meldete sich: »Herr Schröder, ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich den Eindruck habe, Ihr Herr Brinkmann braucht möglicherweise noch einige Wochen, um sich in das Metier einzuarbeiten. Ich möchte nur vermeiden, daß unsere bisherigen guten Geschäftsbeziehungen darunter leiden.«

Natürlich war ich wütend auf Rolf Dieter, der doch seinen Bruder kennen mußte! Wie konnte er mir ein solches Nequam als Filmexperten empfehlen?! Wahrscheinlich hatte der wirklich nur auf einem roten flauschigen Kinoteppich gestanden und hoheitsvoll Eintrittskarten abgerissen. Ein paar Tage lang versuchte ich es auch mit Brüllen, aber das lief an dem ab wie an Entenfedern. Karl-Heinz war es nicht einmal peinlich, daß er die Materie nicht beherrschte, er fand es völlig normal und würde noch heute dasitzen wie im Kyffhäuser und ungerührt sein Gehalt von mir kassieren. Er trank nicht, nahm keine Tabletten oder Drogen, glotzte mit glupschigen Augen, hob den Telefonhörer ab und sagte jedem am anderen Ende: »Ja, das weiß ich nicht.«

Nach vier Wochen war es soweit: »Herr Brinkmann …« Klar, ich siezte den! Einen Typ im blauen Anzug, einen solchen Dumpfmeister siezt man doch! »Herr Brinkmann, bitte räumen Sie Ihren Schreibtisch!« Ich zahlte ihm noch einen Monat Gehalt – er war ja schließlich der Bruder meines Starautors. Aus Taktgefühl berührte ich das Thema bei Rolf Dieter nicht, weil ich eben dachte, ihm sei es unangenehm, mir eine Lusche empfohlen zu haben. Statt dessen merkte ich: Der Dichter ist beleidigt, daß ich seinen Bruder rausgeschmissen habe. Von nun an ging es mit unserer Freundschaft bergab. Keine Ahnung, was aus Karl-Heinz geworden ist, vermutlich leitet er das kommunale Kino in Vechta. Sollen doch die Brinkmann-Biographen sich darum kümmern. Vielleicht kriegen sie ja Karl-Heinz dazu, ihnen ein Interview zu geben: »Meine Zeit als Leiter von Olympia-Film …«

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(BK /JS)

In letzter Zeit sind die FAQs: »Du hast doch bei Olympia Press Ende der Sechziger die ersten pornographischen Bücher und Filme für den freien Markt gemacht. Wie fing das an? Warum, wieso, weshalb?« Diese Fragen werde ich in loser Folge beantworten, unter dem geflügelten Titel: Making of Pornography. (JS)


3 Kommentare zu "Making of Pornography (15)"

  1. Liebe Barbara, lieber Jörg,

    im Pornoblog nebenan wurde gerade das Berliner Pornofilmfestival groß angekündigt. Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass die Veranstalter nicht wissen, dass es schon mal so ein Filmfestival gab – Ende der Sechzigerjahre in Amsterdam, das Wet Dream Festival, organisiert von Jim Haynes und Germaine Greer. 1970 nahm Otto Muehl mit einer Performance daran teil. Es gab dazu auch eine Zeitschrift damals “Suck”.
    Der Punkt, auf den ich hier hinaus will, ist der, dass die Pornobranche damals noch unschuldig war – und gegen die kleinbügerliche Prüderie und Doppelmoral gegenan ging. Es war eine Angelegenheit von Linken, wobei sie linken Frauen sowieso sich praktisch mit Prostitution, Peepshow und Pornographie beschäftigten. Ich kannte so viele, die damals ihr Geld in Peepshows verdienten, “meine” Ärztin Dorothea Ridder, die damals mit Rudi Dutschke am Kudamm wohnte, arbeitete in einem Bordell. Gudrun Ensslin und andere linke Frauen, aber auch Männer, spielten in Pornofilmen mit.Noch bei der großen Einweihungsparty der Bremer Uni 1974 zeigte Pastor Schiesches einige sodomistische Pornos im großen Hörsaal.In “Suck” wurde einmal eine dänische Bauerntochter interviewt, die gerne mit ihrem Eber vögelte. Sie wurde dann ein richtiger Underground-Pornostar – und soll angeblich gerade deswegen später Selbstmord begangen haben, weil sie die hysterische Darstellung ihrer “Tierliebe” in den “Medien” nicht aushielt…
    Der Märzverlag und seine Pornoproduktionen befanden sich vielleicht auf dieser Kippe – d.h. agierten im Übergang von Provokunst zu Kommerz. Dafür spricht die März-Erfahrung, dass die damals überall aus dem Boden sprießenden Sex-Läden (wie hießen die eigentlich richtig?) eure Produkte wie blöde bestellt – und auch verkauft haben, aber bevor die dritte Mahnung bei ihnen ankam, schon wieder pleite gegangen waren.Der dennoch reinkommende “Pornogewinn” wurde in PolitikLiteratur reinvestiert. “Es war also eine flüchtige Branche!” (J.Sch.) Oder eine im Übergang…
    Georg Seeßlen hat neulich sehr klug (in konkret) darüber berichtet, wo die “Pornobranche” heute steht – ich fasse ihn zusammen:

    “Die Pornographie seit den Neunzigerjahren hat ihre eigene politische Ökonomie zum Inhalt. Der pornographische Diskurs verwirft den weiblichen Körper nicht mehr (um ihn in einem seltsamen Jenseits, dem Pornotopia der Literatur wie des ‘Rotlichtmilieus’ und allen ihren Romantisierungen, zu restaurieren), er fügt ihn vielmehr in den Mainstream ein…

    Pornographie ist die letzte große Illusion der Teilhabe der unnützen Menschen am System,” meint Georg Seeßlen, der die “alte ‘Elendsprostitution’ – vorwiegend in der Form der sexuellen Ausbeutung der proletarischen Frau durch den bürgerlichen Mann oder der kolonialisierten Frau durch den kolonialistischen Mann” – nur noch für einen “Störfaktor” hält in der Entwicklung der globalen Prostitution, “die den Wert des ‘fuckable’ Menschen nicht durch institutionellen Zwang, sondern durch Marktkonkurrenz bestimmt.”

    Seeßlen vermutet, dass die neue pornographische Sexualität, die auch den Krieg und die Folter “genußvoll” mit einschließt, auf folgende Kernaussage hinausläuft: “Dein Körper gehört dir, nicht wie ein geistiges oder historisches Eigentum, sondern wie ein Auto oder ein Bankkonto. Er gehört dir wie Waren im Kreislauf, du kannst ihn verkaufen, vermieten, drauf sitzenbleiben, ihm Mehrwert abtrotzen oder ihn verspekulieren. Je neosexueller du bist, desto weniger kannst du Heimat in ihm haben, aber desto mehr Profit kannst du ihm entnehmen.”

  2. Daran ist vieles richtig, lieber Helmut, aber Gudrun Ensslin hat nie in einem Pornofilm mitgespielt. Der Schwarz-Weiß-Film, bei dem sie mitgewirkt hat, ist ein Kurzfilm, nämlich die Examensarbeit eines iranischen Studenten der Filmhochschule: Ein Paar liegt nackt im Bett, meist unter der Decke, es kommt lediglich zu keuschen Zärtlichkeiten. Hauptsächlich langweilen sich die beiden, gehen auf die Toilette und essen Eier, während durch den Briefschlitz in der Tür Zeitungen und Briefe ins Zimmer fallen.

    (BK / JS)

  3. also dein körper gehört nicht mehr dir. hört sich komisch an. wahrscheinlich ist damit der körper der pornodarsteller gemeint. denn menschen in der gesellschaft sind ja nicht bloss weil es pornos gibt die ganze zeit am rumvögeln. im gegenteil. sie sind am ängstlich in der gegend rumschauen, allein nach hause gehen und onanieren, mit ihren neosexuellen konsumkörpern. die armen schweine.

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