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vonSchröder & Kalender 06.11.2006

Schröder & Kalender

Seit 2006 bloggen Schröder und Kalender nach dem Motto: Eine Ansicht, die nicht befremdet, ist falsch.

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Der Bär flattert in östlicher Richtung.
Für die Kölner Pop-Ausstellung haben wir einige Fotos vom legendären Frankfurter Provo-Fest während der Buchmesse 1967 eingeliefert. Und so spielte sich das ab: Einladungskarten wurden auf der Messe verteilt, am Tage der Veranstaltung hatten Adam Seide, Silvia Ohanyan und ein paar Hilfskräfte in stundenlanger Arbeit Kanapees belegt und alle möglichen Salate zu einem Buffet aufgebaut. Das Faß Heringe war nicht eingetroffen, aber draußen im Flur standen an der Wand aufgereiht zwanzig Kisten von Bols mit der Aufschrift: »Zeer oude Genever 6 x 1 l«. Das sind, rechne nach, hundertzwanzig Liter Schnaps, die der großzügige, aber irgendwie auch wahnwitzige Lubberhuizen von De Bezige Bij an uns expediert hatte.

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Gedränge vor der Lesung
v.l.n.r.: Esteban Lopez, Jürgen Hillner, Jörg Schröder

Alles war vorbereitet, hundert Stühle standen in einem ordentlichen Halbkreis im Saal. Kurz nach fünf stellte Adam stolz die letzte Platte aufs Buffet, da kam die berüchtigte Wiener Clique die Treppe hoch, vorneweg Kurti Kalb und Dominik Steiger, dahinter ein Pulk von Mitläufern, last but not least Oswald Wiener und Ingrid Schuppan. Diese Truppe war der gefürchtete Partyschreck, sie klaute zudem auf den Messeständen hemmungslos Bücher. »Einfach charakterlos!« wie unser Getränkemann Sepp Fischer immer sagt, wenn er sich über böse Menschen echauffiert. Es geschah das Unabwendbare: Ossi, Ingrid und Kurti zogen sich Stühle ans Buffet, die anderen taten es ihnen nach. Bevor meine Gäste aus Holland überhaupt erschienen waren, hatten die zwölf Kakerlaken die Platten geputzt. Kein Sträußchen Petersilie blieb übrig! Eine rücksichtslose Rotte mit Gangstruktur, aber was willst du machen?! Wiener kriegst du nicht raus!

Die Niederländer trafen pünklich ein: Jeroen Brouwers, Jeanine van Erk, Esteban López, Hugo Raes, Hans Tuynman und Jan Gerhard Toonder, mein Freund Herman Ysebaert, ein surrealistischer Maler, der neben den ›Kohlkunstplakaten‹ seine Bilder ausstellte, auch einige Provos aus der Truppe von Hans Tuynman waren dabei.

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Der Provo Herman Ysebaert

Mit den Gastgebern, der Wiener Clique, dem Team vom Hessischen Fernsehen und den anderen Pressefritzen schon mal vierzig Leute, die als Zuhörer gereicht hätten. Die Veranstaltung konnte nicht mehr gänzlich in die Hose gehen. Das sind doch immer die Ängste von Autoren und Gastgebern, daß das Publikum wegbleiben könnte. Es waren auch deshalb so viele Pressemenschen von ›Zeit‹, ›Rundschau‹, ›FAZ‹ und ›Spiegel‹ gekommen, weil in einem Hinterzimmer – wichtig, wichtig! – der Filmproduzent Rob Houwer und Esteban López saßen, dort Statements zur Verfilmung von ›Wie Bruder und Schwester‹ abgaben, bei dem Herbert Vesely, der Anfang der sechziger Jahre ›Das Brot der frühen Jahre‹ verfilmt hatte, Regie führen sollte.

Nun aber passierte etwas, das meinen Ruhm als Veranstalter berüchtigter Feste begründete, obwohl ich gar nichts Schrilles angekündigt hatte außer »Genever & holländische Spezialitäten«. Ein Schwall von Gästen brach kurz vor acht in den Saal, die Stühle mußten an die Wand gerückt werden, weil kein Platz mehr zum Sitzen da war. Die ersten Steinkrüge mit Genever machten die Runde, die Leute tranken das Zeug wie Wein. Unaufhörlich schoben sich Menschen die Treppe hoch, preßten sich in die Räume. Es müssen sich vierhundert, vielleicht auch fünfhundert in Flur, Saal und Adams Wintergarten gequetscht haben. Dank des Genevers entstand keine Panik, im Gegenteil, alle waren laut und fröhlich. Nein, nicht alle, denn die Niederländer scharrten mit den Hufen, wollten vorlesen, hatten nach Jahren des Wartens endlich ihren Auftritt zur Buchmesse. Aber das Publikum wollte nur grölen und saufen. Außerdem, wo hätten sie lesen sollen? Der Saal war rappelvoll. Ich kämpfte mich zu Seide durch: »Habt ihr eine große Stehleiter, Adam?« Hatte er, das Ding wurde über die vielen Köpfe durchgereicht, in die Mitte des großen Saales gesetzt. Jetzt konnte das ›Read-in‹ beginnen. Jeroen Brouwers, ein junger Autor aus Belgien, erstieg die Leiter als erster und brüllte seinen Text vom armen Hoolwerf heraus, der den verdorrten Leib seiner Ingrid mit den Händen zerbröselt und danach das Haus anzündet. Man konnte nichts verstehen, die brodelnde Meute grölte, er las ungerührt zu Ende. Wer auf dem Felde der Literatur so tapfer kämpft, dem wird endlich auch Erfolg zuteil; vor kurzem erhielt Jeroen Brouwers den Prix Femina in der Kategorie ›bester ausländischer Roman‹.

Anschließend bestieg Jan Gerhard Toonder die provisorische Kanzel, mit Stentorstimme schrie er seinen Text raus. Das Publikum johlte zurück: »Wir wollen Provos! Du bist kein Provo!« Das waren nicht irgendwelche Punks, sondern Leute mit korrekten Anzügen, aber eben vom Genever bedröhnt. Herman Ysebaert, der Maler mit dem Silberzylinder, fing an, greuliche Beleidigungen gegen die Moffen und andere Verdommelings auszustoßen, die immer mit »Goddome! Goddome!« endeten. Hans Tuynman war als nächster dran, er versuchte erst gar nicht, etwas vorzutragen, sondern begann mit Fidibus und Feuerzeug sein Buch ›Ich bin ein Provo‹ anzuzünden.

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Hans Tuynman zündet sein Buch ›Ich bin ein Provo‹ an, assistiert von dem Autor Dominik Steiger

Unter ihm ein ständiges Gedränge und Geschiebe, das Fernsehen kurbelte trotz der erschwerten Bedingungen. Hugo Raes kam nicht mehr zu seinem Auftritt, weil Dominik Steiger, Otto Jägersberg und H. C. Artmann plötzlich die Idee hatten, ihre eigenen Texte zu lesen – auch sie sturzbetrunken. So ging der Putz los. Dominik obsiegte kurzfristig im Kampf um die Höhe. Jetzt machte Hugo, ein jähzorniger Typ und ebenfalls mit Genever abgefüllt, dem Titel seines Romans ›Ein Faun mit kalten Hörnchen‹ alle Ehre, zerrte Steiger von den Sprossen und verfolgte seinen Rivalen durch die wabernde Masse. Jägersberg und Artmann halfen ihm nicht, sondern verpißten sich. Ein ganzer Trupp Holländer jagte den Österreicher bis in die Siebdruckwerkstatt von Thomas Bayrle, die an die Räume von Adam Seide angrenzte.

Ich hatte so ein Gefühl, daß irgend etwas passieren würde, zwängte mich durch die Menge. Auch hier hatten sich fünfzig Schaulustige eingefunden und beobachteten das Autorenturnier. In der Mitte der Werkstatt gestikulierte eine Rotte wütender Niederländer, die Dominik ans Fell wollten. Der stand mit dem Rücken zur Wand und schwenkte eine abgeschlagene Bierflasche, verschaffte sich so den gewissen Abstand. Es geht die Fama, Steiger sei in der Fremdenlegion gewesen. Neben mir schrie Thomas Bayrle in Panik: »Bitte nicht! Meine Werkstatt!« Als die Holländer dem Österreicher gefährlich nahe kamen, schnappte sich der in die Enge getriebene Dichter einen Farbeimer und schwappte den Inhalt durch den Raum, watsch! Seine Feinde sahen aus wie lackierte Clowns, und nicht nur sie! Alle, die sich das Schauspiel angesehen hatten, darunter auch viele Pressemenschen, waren mit weißer Siebdruckfarbe bespritzt.

Die Niederländer fuhren ins Hotel, um sich die weiße Kruste von den Gesichtern zu lösen. Das Fest ging weiter. Nach Mitternacht traf auch noch ein Jazzterzett ein, das Saxophon jammerte, der Verleger Hans Nikel legte einen Striptease hin und zeigte seine Hühnerbrust. Das wiederholte er später auf diversen Titelbildern seiner ›Pardon‹ und als Würstchen im Tarzankostüm auf dem Messestand. Nein, der war kein Exhibitionist, noch schlimmer, der fand sich wirklich sexy. Die Siebdruck-Farbdämpfe waberten durch die Räume – hochexplosives Zeug! Alle Gäste waren sternhagelvoll, und es ließ schon mal einer der Schwankenden eine glimmende Kippe in den Haufen mit Strohhülsen fallen, mit denen die Geneverflaschen eingepackt gewesen waren, ich konnte das Feuer immer gerade noch austreten. Aber nichts Schlimmeres geschah außer dem Attentat mit der weißen Farbe. Glücklicherweise waren die Heringe nicht eingetroffen, sonst hätte man sich damit auch noch eine Schlacht geliefert.

Zahlreiche Medienvertreter hatten am nächsten Messetag Weißes im Haar und auf ihrer Kleidung. Ein Feuilletonist von ›Christ und Welt‹ zeterte lautstark auf dem Melzer-Stand: »Jetzt sehen Sie sich mal mein Jackett und meine Hose an! Von oben bis unten mit weißer Farbe bespritzt! Der Anzug ist ja versaut! Ich habe nur diesen einen dabei!« »Dann dürfen Sie nicht auf solche Feten gehen«, erwiderte ich lachend. »Sie waren der Veranstalter! Sie müssen für den Schaden aufkommen!« Als er endlich begriff, daß bei mir nichts zu holen war, zog er die letzte Karte: »Eine Unverschämtheit! Das schreibe ich! Darauf können Sie sich verlassen!«

Es schrieb nicht nur ›Christ und Welt‹, die niederländische Literatur bei Melzer war in aller Munde, die Presse und das Fernsehen berichteten ausgiebig über die ›weißen Pläne‹ der Amsterdamer Provos: die zwanzigtausend weißen Fahrräder, mit denen die Autos aus der Stadt verbannt werden sollen, die Polizisten in weißen Uniformen ohne Knüppel und Revolver, die stets ein Feuerzeug bei sich tragen müssen, damit sie Passanten Feuer für ihre Zigarette geben können … Ganz klar, deshalb hatten die Provos das Frankfurter Happening mit der weißen Farbe veranstaltet. Und jeder, der beim ›Read-in‹ dabei war, erinnert sich daran als ›die Nacht, in der ich ein Provo war‹. Frag mal die Leute nach diesem Fest, und du wirst sehen, sie bekommen ein Leuchten in die Augen.

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Für die Zeit, in der die Leihgaben in Berlin an den Wänden fehlen, hat uns der Fotograf Martin Eberle einige Arbeiten ausgeliehen. Diese werden wir in den nächsten Wochen in einer ›blog exhibition‹ vorstellen, kontrastiert von unseren Kölner Exponaten.

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Aus der Arbeit natur morte: Ohne Titel, 50 x 60 cm, Colour print auf Alu gerahmt. Auflage 3 + 2 Artist print

Es zeigt die Decke der Küche des ehemaligen Burger King in der Rosenthaler Straße. Daraus wurde dann Mikys Kachelbar.

Zur Kölner Ausstellung ›Außerordentlich und obszön. Rolf Dieter Brinkmann und die POP-Literatur‹ haben wir zahlreiche Bilder, Fotos und andere Materialien eingeliefert. Dem MÄRZ Verlag ist in der Ausstellung ein eigener Raum gewidmet.

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Das Plakat zur Ausstellung sowie die begleitenden Drucksachen entwarfen Barbara Kalender und Jörg Schröder. Ausstellung: Kunsthaus Rhenania, Bayenstrasse 18, 50678 Köln, vom 29.09 – 19.11.2006, Freitags: 18 – 22 Uhr, Samstags und Sonntags: 12 – 18 Uhr. Siehe dazu die Besprechung von Wolfgang Frömberg.
Vita Martin Eberle: Geboren 1966 in Augsburg, Studium (Fotodesign) an der FH Dortmund, Mitbetreiber der Galerie berlintokyo in Berlin, Mitarbeiter Erratik Institut Berlin und bei PAKT – Zeitschrift für Fotografie und Medienkunst, Lehrauftrag Fotografie am Fachbereich Design der FH Potsdam, zahlreiche Ausstellungen, zuletzt: 2003: Haus am Waldsee, Berlin; 2004: KunstWerke, Berlin und Neue Dokumente, Berlin; 2005: Frankfurter Kunstverein, Frankfurt; 2006: General Public/Club Transmediale, Berlin. Buchveröffentlichung: ›Temporary Spaces‹.
(Copyright für die Fotos und Abbildungen: Peter Zollna, Martin Eberle, sonst BK / JS)

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